Im Anfang war der Mord
- Автор: Джордж Элизабет
- Год: 2005
- Язык: немецкий
- Год: Goldmann Verlag
- ISBN: 3442459532
- Переводчик: Mechtild Sandberg-Ciletti
- Жанр: Другие детективы
Электронная книга - «Im Anfang war der Mord». Краткое содержание книги:
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Damals hatte Mary es sich zur Gewohnheit gemacht, während ihrer Mittagspause — oder auch, wenn sie einfach vom Reißbrett wegmusste — ins Institute of Modern Art zu gehen, das bloß ein paar Straßen von ihrem Büro entfernt lag. Sie hatte sich in einen kleinen, frühen Monet mit dem Titel Baumlandschaft bei Le Havre verliebt, und wenn sie verliebt war, legte Mary eine gewisse suchende Hingabe an den Tag. Beinahe jeden Tag entdeckte sie neue Stimmen in der Waldszene, Bäume und Himmel, die sich in einem schimmernden Teich spiegelten — wobei der Himmel, fand sie, mehr Tiefe besaß als das Wasser.
Je mehr sie über diese Beobachtung nachdachte, desto stärker wurde ihre Überzeugung, dass man das Bild in der Galerie verkehrt herum gehängt hatte. Zur Signatur entwickelte sie folgende Theorie: Der Künstler, davon war sie überzeugt, hatte sie hastig ausgeführt, lange nachdem er das Gemälde vollendet hatte und vielleicht zu einer Zeit, als das Tageslicht schon im Schwinden war. Sie hätte in dieser Sache mit einer Amtsperson vom Museum gesprochen — wenn sie eine Amtsperson vom Museum gekannt hätte.
Mary hatte vom Institut die Erlaubnis erhalten, in den Sälen zu skizzieren, und stand oft, das Skizzenbuch in der Hand, ein Stündchen vor dem Monet. Indem sie ein paar Striche aufs Papier warf, fühlte sie sich unter den vorübergehenden Besuchern und Wärtern auf auffällige Weise unauffällig. Sie hätte sich auf gar keinen Fall angemaßt, das Gemälde zu kopieren, und begegnete jenen Kunststudenten, die das von Zeit zu Zeit taten, mit heftiger Ablehnung.
So tief war Mary in die Betrachtung von Claude Monets Waldszene versunken, dass sie am Vormittag des berüchtigten Museumsbrandes, nachdem sie den Rauch gerochen hatte, zunächst annahm, er käme aus dem Bild selbst. Sie geriet sofort in Wut und schob in gewohnter Voreingenommenheit die Schuld einem ganzen Menschentyp zu — dem unachtsamen amerikanischen Touristen auf fremdem Terrain. So entfernt von der Realität war sie allerdings nicht, dass sie nicht unmittelbar darauf merkte, dass es in dem Gebäude tatsächlich brannte.
In den Korridoren wurden Warnrufe laut, und plötzlich kamen Männer angerannt. Museumswärter zogen schlaffe Schläuche über den Fußboden und ließen sie fallen — wo sie wie große, verschrumpelte Schlangen liegen blieben, über die die Leute wie bei einem urtümlichen Stammesritus sprangen. Blauer Rauch lagerte sich in Schichten an der Decke ab und begann dann in schrägen Mustern zu fallen — wie schief geratene Theaterkulissen aus dünnem Leinenstoff. In der Ferne heulten die Sirenen der Feuerwehrautos.
Mary Gardner blieb wie angewurzelt stehen und beobachtete stumm, wie Männer und Frauen, Besucher wie sie, mit gerahmten Gemälden in den Händen an ihr vorbeihasteten. In einem Fall trugen zwei Männer gemeinsam eine riesige Nachtszene von Chagall, auf der kleine Wesen von der Leinwand zu hüpfen und unterwegs einen Heidenspaß zu haben schienen. Eine Frau nahm den neben dem Monet hängenden Rouault von der Wand und eilte damit den Chagallträgern hinterher.
Trotzdem zögerte Mary. Dass ihr Pflichtgefühl sie zur Berührung zwingen sollte, wo ihr Gewissen es ihr doch so lange verboten hatte — dieser Konflikt steigerte ihre Verwirrung noch zusätzlich. Als ein weiterer Rauchschwall in den Raum drang, wurde das Thema schlicht zu einer Überlebensfrage für das Bild, wenn nicht für sie selbst. In verzweifelter Hast versuchte sie den Monet von der Wand zu nehmen, doch er gab nicht nach.
Sie strengte sich an, zog mit aller Kraft — solcher Kraft, dass sie, als der Draht riss, von der Wucht nach hinten geschleudert wurde, über die Besucherbank fiel und dabei mit dem Kopf gegen das Gemälde schlug. Da die Leinwand auf Holz aufgezogen war, bestand das einzige Missgeschick — abgesehen von ihrem wunden Kopf, der aber überhaupt nicht zählte —, darin, dass das Bild sich in seinem Rahmen gelockert hatte. Inzwischen war Mary der Rahmen ziemlich egal. Sie packte das Gemälde, drückte es an sich und tastete sich in Richtung Galerietür vorwärts.
Sie erreichte den qualmverhangenen Korridor just in dem Moment, als der Wasserdruck die Schläuche abrupt aufzucken ließ. Aus jeder Leitung spritzte ein Wasserstrahl. Mary schirmte das Bild mit dem Körper ab, bis sie es sich unter den Regenmantel schieben konnte, den sie zum Schutz gegen den morgendlichen Nieselregen trug.
Sie eilte, offenbar als letzte der freiwilligen Rettungshelfer, den Korridor entlang. Die Wärter sperrten bereits den Gebäudeflügel ab und schlossen die Feuerschutztür. Recht ungehalten über ihre Einwände, schoben sie sie unsanft die Treppe hinunter. Als sie schließlich im Foyer angekommen war, hatte die Polizei den Bereich gegen Zivilisten bereits abgeriegelt. Ein Polizist geleitete sie ebenso unerbittlich wie unerschütterlich zu der Menge, wo sie, ohne ihre Arme benutzen zu können — sie waren immer noch um das Bild geklammert — zur Tür geschubst und gestoßen und dort erbarmungslos auf die Straße geschleudert wurde. Unter dem auf und ab wogenden, gaffenden Mob auf dem Gehsteig hatte sie nicht die geringste Hoffnung, jemanden zu finden, dem sie ihren Kunstschatz anvertrauen konnte.
Die Leute kreischten und schrieen, sie könnten die Flammen sehen. Mary blickte sich nicht um. Sie beeilte sich, nach Hause zu kommen, schritt forsch und entschlossen voran. Die Stadt war doch ein rechter Dschungel, dachte sie unwillkürlich. Sie drückte das Bild fest an sich, dessen einziger Schutz ihr Regenmantel, ihr eigenes Leben jedoch das bereitwillig gegebene Pfand für seine Sicherheit war.
Eigentlich hatte sie vorgehabt, sofort im Büro des Instituts anzurufen. Doch als sie in ihrer Wohnung war, das Gemälde aufrecht gegen die Kissen auf dem Sofa gelehnt, sagte sie sich, bis das Feuer gelöscht wäre, bestünde sowieso keine Hoffnung, dort mit jemandem sprechen zu können. Sie rief in ihrem Büro an und schützte plötzliches Unwohlsein vor — sie habe irgendetwas zu Mittag gegessen, obwohl sie seit dem Frühstück keinen Bissen zu sich genommen hatte.
An den Wänden ihrer Wohnung hing ihre so genannte «bunte Mischung«: ein Potpourri aus Kostümdrucken und Farblithografien — alles, wie sie immer stolz bemerkte, Editionen mit beschränkter Auflage oder Künstlerdrucke.
Manchmal hatte sie mit dem Gedanken gespielt, Gemälde zu erwerben, konnte sich etwas nach ihrem Geschmack jedoch ganz offenkundig nicht leisten. Einem plötzlichen Einfall folgend, nahm sie eine italienische Lithografie von der Wand und löste Glas und Passepartout aus dem Holzrahmen. Der Monet passte recht gut hinein. Und zu ihrem besonderen Entzücken konnte sie ihn jetzt auch richtig herum aufhängen. Als hätte es seinen eigenen Willen, beanspruchte das Gemälde den vom Tageslicht am meisten begünstigten Platz an ihrer Wand für sich.
Das Vergnügen, das Mary an jenem Nachmittag in seiner Gesellschaft empfand, lässt sich nicht beschreiben.
Sie hätte den Blick überhaupt nicht mehr von dem Bild abgewandt, wenn nicht die Freude bei jedem neuen Betrachten zurückgekehrt wäre. Widerstrebend schaltete sie um fünf Uhr das Radio ein, um mehr über den Brand im Institut zu erfahren. Er war kostspielig und zerstörerisch gewesen — ein ganzer Gebäudeflügel war völlig ausgebrannt.