Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)
- Автор: Klausner Uwe
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Schon wieder falsch, Herr von Sydow. Das habe ich nicht gemeint.«
»Erstens: Das ›von‹, mein Bester, können Sie sich in den Hintern schieben.«
»Und zweitens?«
»Für den Fall, dass Sie darauf spekulieren, mich durch eine Beförderung zu ködern – vergessen Sie es. Daran bin ich nicht interessiert.«
»Ob Sie’s glauben oder nicht: Das weiß ich bereits.«
»Von Onkel Kurt?«
»Sie erwarten doch nicht, dass ich meine Quellen preisgebe, oder?«
»Nein. Aber ich erwarte, dass Sie endlich die Katze aus dem Sack lassen.«
»Keine Sorge, Herr Kommissar – das werde ich.« Sichtlich vergnügt, riskierte der Unbekannte einen Blick nach rechts, lächelte und schaute Richtung See, über dem es gerade zu dämmern begann. Bleigraues Gewölk, so weit das Auge reichte, vermischt mit den Schatten, die den Beginn der Nacht ankündigten. »Eines vorweg: Ob und wann es zu einem Wiedersehen mit Ihrer Stieftochter kommt, hängt ganz allein von Ihnen ab.«
Aschfahl im Gesicht, sprang Sydow wie elektrisiert auf. »Was sagen Sie da?«, schrie er, entwand seinem Kontrahenten den Stock und riss ihn zu sich in die Höhe. »Lassen Sie Veronika aus dem Spiel, hören Sie? Und überhaupt: Woher wissen Sie so genau Bescheid? Etwa durch Wagenbach? Das würde diesem Schnösel wirklich ähnlich sehen!«
»Sie erwarten doch nicht, dass ich meine Quellen …«
»Raus mit der Sprache: Wen haben Sie angezapft?«
»Das tut nichts zur Sache.«
»Ich zähle jetzt auf drei. Wenn du bis dahin nicht ausgepackt hast, schlage ich dir die Fresse ein!«
»Tun Sie sich keinen Zwang an, Herr Kommissar.« Ohne eine Miene zu verziehen, ließ der Fremde den Zornausbruch Sydows über sich ergehen. Zum Äußersten entschlossen, verstärkte dieser daraufhin seinen Griff. »Eins kann ich Ihnen garantieren: Wenn Sie so weitermachen, sehen Sie Ihre Stieftochter nicht wieder.«
»Falls du es noch nicht bemerkt hast, Schnüffler – Berlin besteht mittlerweile aus zwei Teilen. Drüben die Roten und hüben der Vorposten der Freiheit und Demokratie.«
»Wozu der Sarkasmus, Sydow? Nehmen Sie Vernunft an, dann lässt sich über alles reden.«
Sydow stieß ein gallenbitteres Lachen aus. »Frage, du Meisterspion: Wie wollt ihr Pfeifen vom BND es fertigbringen, Veronika aus Ostberlin rauszuholen? Etwa, indem ihr einen Tunnel buddelt?« Sydow verstärkte seinen Griff. »›Vorsicht!‹, kann ich da nur sagen. Die Stasi hat mittlerweile Erfahrungen gesammelt.«
»Schade, dass ein so talentierter Beamter wie Sie so schlechte Manieren hat.«
»Meine Manieren sind meine Angelegenheit!«, schnaubte Sydow und zog den Unbekannten zu sich heran. »Und was die Genossen von der Staatssicherheit betrifft – denen könnt ihr ohnehin nicht das Wasser reichen.«
»Sie würden staunen, Herr Kommissar –«, japste der Grandseigneur, nach wie vor bemüht, Haltung zu bewahren, »Sie würden staunen, welch exzellente Verbindungen wir nach drüben pflegen. Schon gewusst, dass Ihre Stieftochter verhaftet worden ist?«
Völlig überrumpelt, ließ Sydow von seinem Kontrahenten ab. »Was hast du gerade eben gesagt?«, keuchte er, den Kopf schwer wie Blei und die Knie so weich, dass er instinktiv nach Halt suchte. »Spuck’s aus, sonst …«
»Aber, aber, Herr Kommissar – wer wird denn gleich die Fassung verlieren.« Als sei nichts geschehen, zupfte der Unbekannte Schal und Mantel zurecht, bückte sich nach seinem Stock und massierte das steife linke Bein, eine Reminiszenz an die Zeit bei der Waffen-SS, als ihn die Kugel eines russischen Partisanen niedergestreckt hatte. »Ich will Ihnen ja die Illusionen nicht rauben, aber was glauben Sie, wie viele ehemalige Kameraden bei der Stasi zu Lohn und Brot gekommen sind! Mehr als Sie denken. Und mehr als man im Westen und im SED-Politbüro vermutet.«
»Sie können mich mal.«
»An Ihrer Stelle wäre ich nicht so voreilig, Sydow.« Wieder der Alte, schlug der Fremde den gewohnten Tonfall an und sagte: »Sie würden staunen, Herr Kommissar, wenn Sie wüssten, wie weit unsere Verbindungen reichen. Ein Wort von mir, und Ihre Stieftochter kommt frei. Vorschlag: Sie, Herr von Sydow, erklären sich bereit, mir die Karteikarte auszuhändigen. Und ich werde dafür Sorge tragen, dass Ihre Stieftochter ausreisen kann. Na, was sagen Sie dazu?«
»Und die Gegenleistung? Sie glauben doch nicht im Ernst, dass die Genossen keine Bedingungen stellen werden.«
»Zwei unlängst enttarnte Stasi-Agenten für eine Frau, der keine schwerwiegenden Vergehen nachgewiesen werden konnten – kein schlechter Tausch, finden Sie nicht auch?«
»Alle Achtung. Das haben Sie schlau eingefädelt.« Sydow ließ sich wieder auf die Bank sinken, das Kinn auf den verschränkten Händen und die Ellbogen auf den Knien. »Und Sie glauben, ich bin so dumm und lasse mich auf den Kuhhandel ein?«
»Ich glaube es nicht nur, Herr Kommissar, ich weiß es.«
Die Hand auf der Brusttasche, in der das Objekt der Begierde verwahrt war, dachte Sydow fieberhaft nach. Gedankenfetzen jagten ihm durch den Sinn, Erinnerungen an die Zeit, in denen seine, Leas und Veronikas Welt noch in Ordnung war. »Hm.« Und an die Zeit, in denen es zwar zwei Hälften von Berlin, aber noch keine Mauer gab. »Nicht etwa, dass ich Ihnen nicht vertraue, aber …«
»Nichts läge mir ferner, als so etwas zu vermuten!«
»Aber wie, wenn die Frage erlaubt ist, soll das Ganze über die Bühne gehen?«
Der Fremde, dem die Zufriedenheit ins Gesicht geschrieben stand, lachte kaum hörbar auf, warf einen Blick auf die Uhr und tippte sich an die Krempe seines Huts, um den ein Band aus silbergrauer Seide geschlungen war. »Das, Herr Kommissar, lassen Sie lieber meine Sorge sein. Also: Punkt zehn am Grenzübergang Invalidenstraße. Und vergessen Sie die Karteikarte nicht!«
20
Berlin-Wilmersdorf, Kolonie Emser Platz │ 19:05 h
Es war ein hartes Stück Arbeit gewesen, die Stationsschwester auf seine Seite zu bekommen. Rosenzweig hatte all seinen Charme aufbieten, hatte schmeicheln, mit Engelszungen reden und den Plan, den er ausgeheckt hatte, minutiös darlegen müssen. Ab durch die Hintertür, das machte ihm so schnell keiner nach.
Er war wieder sein eigener Herr, zumindest kam es ihm so vor. Er konnte gehen, wohin er wollte. Tun, was ihm passte. Cognac trinken, wann immer ihm danach war. Nur eines konnte er nicht mehr: ein unbeschwertes Leben führen. Damit war es vorbei. Ein für alle Mal.
Hinzu kam der Ärger, den er seinem Freund Sydow bescheren würde. Als Erstes würde Tom aus der Haut fahren, wenn er davon hörte. Dann würde er der Stationsschwester, ohne die seine Flucht zum Scheitern verurteilt gewesen wäre, die Hölle heißmachen, Streifenwagen losschicken, halb Berlin und seine Bude in der Tauentzienstraße auf den Kopf stellen. Finden oder erneut in Gewahrsam nehmen würde er ihn jedoch nicht. Rosenzweig lächelte. Niemand würde ihn finden, schon gar nicht der BND, welcher erneut sein wahres Gesicht gezeigt hatte.
Dafür würde er sorgen.
Alles, worauf es jetzt ankam, war, keinen Verdacht zu erregen. Er musste so tun, als sei es die normalste Sache der Welt, in Arztklamotten und Clogs durch die Gegend zu spazieren und obendrein noch den Arm in einer Schlinge zu tragen. Und er durfte sich die Schmerzen, die ihn beinahe um den Verstand brachten, nicht anmerken lassen. Besonders nicht in Gegenwart des Taxifahrers, der ihn vor Kurzem aufgegabelt hatte.
Nach Hause. Wohin denn sonst. Nicht etwa in seine Mansardenwohnung, sondern dorthin, wo er sich während des Krieges versteckt gehalten hatte. Auf die Idee, ihn dort zu suchen, würde niemand kommen.
Garantiert.
»Irjendetwas nicht in Ordnung mit Ihnen?«, fragte der Taxifahrer, nachdem er von der Bismarckstraße in Richtung Kurfürstendamm abgebogen war. »Nüscht für unjut: Aber Sie sehen aus wie der Tod auf Urlaub.«