Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)
- Автор: Klausner Uwe
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)». Краткое содержание книги:
Rosenzweig schüttelte den Kopf. Es stand nicht gut um ihn, das wusste er selbst. Die geringste Bewegung, und ein Schmerz durchzuckte seine Schulter, den er nur mit Mühe unterdrücken konnte. Wäre das Morphium nicht gewesen, welches ihm seine Gönnerin verabreicht hatte, hätte er längst schlappgemacht, und die Frage war, wie lange er die Tortur noch durchhalten würde. »Finden Sie?«
Es war höchste Zeit, dass er sein Refugium erreichte, dort würde er sich wenigstens ausruhen können.
Nur wie lange, das war die Frage.
Der Gedanke, welcher ihm in diesem Moment kam, durchfuhr ihn wie der Blitz. Rosenzweigs Miene entspannte sich, und er fragte sich, wieso ihm die Idee nicht schon früher gekommen war. Es gab da einen Ausweg für ihn, in der Tat. Einen Schachzug, mit dem er sämtliche Verfolger düpieren konnte. Dazu brauchte man zwar ein wenig Mut, den Mut der Verzweiflung sozusagen. Aber den würde er schon aufbringen. Der Boulevardreporter holte tief Luft. Je länger er die Option erwog, desto mehr Gefallen fand er jedoch an ihr. Auf einen Schlag wäre er sämtliche Sorgen los, die Angst, wie ein räudiger Hund abgeknallt zu werden, die Furcht, welche sein täglicher Begleiter werden würde.
Alles, was er brauchte, war ein wenig Mut. Und die Überzeugung, das Richtige zu tun.
»Am besten, Sie lassen mich hier raus.«
»Wat denn, hier schon? In Ihrem …«
»Über meinen Zustand machen Sie sich mal keine Sorgen.« Rosenzweig biss die Zähne zusammen, kramte in der Tasche des Arztkittels herum und kam nicht umhin, einen Seufzer der Erleichterung auszustoßen. Es gab Menschen, die dachten wirklich an alles. So wie die OP-Schwester, deren Name Maria war und die ihn mit allem, was er benötigte, versorgt hatte. Oder wie Tom, der seinetwegen Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt hatte. Es gab sie noch, diese Menschen, wenngleich ihn das Gefühl beschlich, dass sie am Aussterben waren.
»Ich habe zu danken, der Rest ist für Sie.« Der geborene Gentleman namens Rosenzweig bedankte sich, lüpfte die Beine aus dem Taxi und mobilisierte die letzten Kräfte, die ihm noch verblieben waren. Vom Fehrbelliner Platz, wo ihn der Fahrer abgesetzt hatte, hatte er noch einen halben Kilometer zu gehen. Nicht weit, in seinem Zustand jedoch eine Tortur. Rosenzweig blieb schwer atmend stehen, die rechte Hand an der Hauswand und die linke auf seinen Druckverband gepresst. Die Leute drehten sich nach ihm um, blieben stehen, warfen einander fragende Blicke zu. Rosenzweig ignorierte sie. Das Schlimmste, was ihm jetzt passieren konnte, war, dass ihm jemand Hilfe anbot, sich seiner annahm, Fragen stellte. Er würde es auch so hinkriegen, ohne sie.
Eine knappe halbe Stunde später, nach etlichen, endlos anmutenden Verschnaufpausen, war es schließlich geschafft. Rosenzweig war am Ziel, umgeben von einem Dutzend Lauben, deren Umrisse sich in der Abenddämmerung abzeichneten. Eine Ewigkeit war vergangen, seit er zum letzten Mal hier gewesen war, doch es schien, als sei es erst gestern gewesen.
Gestern?
Plötzlich war alles so wie früher, der Krieg, in dem sich sein Schicksal entschied, noch in vollem Gange. Und plötzlich war da dieser Mann, der durch die menschenleeren Straßen hastete. Man schreibt das Jahr 1943, ein Jahr, welches er nie mehr vergessen wird. Der Mann namens Morell befindet sich auf der Flucht, vor der Polizei, vor der Gestapo, vor den Bombern der Alliierten, welche ihn in Kürze einholen werden. Vor Angst kreidebleich, rennt der 32-Jährige um sein Leben. Morell hätte sich ohrfeigen können. Mutter Jähnke, seine Schutzpatronin, hat ihm eingeschärft, die Laube nicht zu verlassen. Unter keinen Umständen. Und was tut er? Er, der steckbrieflich Gesuchte, hat nichts Besseres zu tun, als sein Leben aufs Spiel zu setzen, indem er sein Versteck verlässt, um sich die Beine zu vertreten. Das ist nicht nur töricht, sondern auch rücksichtslos. Rücksichtslos gegenüber der Frau, die ihr Leben riskiert, um das seinige zu retten.
U-Bahnhof Fehrbelliner Platz, circa 500 Meter von seinem Unterschlupf entfernt. Die Straßen wie leergefegt, im Dunkeln glitzernd und noch feucht vom Regen, der vor zehn Minuten aufgehört hat. Das Geräusch der Luftschutzsirenen im Ohr, hastet Morell vorwärts, stößt einen Luftschutzhelfer zur Seite, der ihn anbrüllt, er solle sich in Sicherheit bringen.
Sicherheit – und das ihm!
22. November 1943, kurz vor acht. Knapp 700 Flugzeuge nähern sich Berlin. Lichtkegel erhellen den Himmel, die Flak feuert aus allen Rohren. Das Inferno, welches sich von Westen her nähert, im Ohr, rennt Morell um sein Leben, stolpert, fällt der Länge nach hin und rappelt sich wieder auf. In der Ferne fallen die ersten Bomben. Den Tod vor Augen, humpelt Morell auf die Laubenkolonie zu, in der sich die Behausung von Frau Jähnke befindet. Und dann geschieht es. Die Glut, welche sich aus den Schalen des Zorns ergießt, fällt vom Himmel. Starr vor Entsetzen, bleibt Morell stehen, wirft einen Blick nach oben – und schleppt sich mit letzter Kraft weiter.
Dann tastet er nach dem Schlüssel, der in der Ritze neben dem Türbalken steckt.
Und bringt sich in Sicherheit.
*
Das tat auch ein gewisser David Rosenzweig, von Beruf Boulevardreporter, erleichtert, endlich am Ziel zu sein.
Man schreibt den 31. Mai 1962, der Tag, an dem seine Irrfahrt zu Ende sein wird.
21
Berlin-Wannsee, Sydows Haus in der Seestraße │ 19:40 h
»Schön, dass du dich mal wieder blicken lässt!«, fauchte ihn Lea an der Haustür an. »Ich hoffe, du hattest einen angenehmen Nachmittag.«
Weniger denn je auf Ärger aus, nahm Sydow den Köder, den ihm seine Frau hinwarf, nicht auf, trat in den Gang und hängte das ungeliebte Jackett an die Garderobe.
»Was ist – hat es dir die Sprache verschlagen?«
Kann man so sagen!, dachte Sydow im Stillen und warf einen Blick über die Schulter, um die Lage zu sondieren. Die Vorfreude war ihm ins Gesicht geschrieben, und er fragte sich, wann seine Mutter ihren großen Auftritt haben würde.
So weit sollte es jedoch nicht kommen.
Noch nicht.
»Wenn du wüsstest, was ich hinter mir habe.« Kaum war ihm der Satz über den Lippen, hätte sich Sydow am liebsten auf die Zunge gebissen. Zu spät. »Wie bitte? Hör’ ich recht?« Außer sich vor Wut, lief Lea zur Höchstform auf. Das kam zum Glück recht selten vor, aber davon konnte er sich jetzt nichts kaufen.
Am Boden zerstört, stieß Sydow ein halblautes Ächzen aus. Da wurde einem eröffnet, dass die tot geglaubte Schwester noch unter den Lebenden weilte. Da musste man einen Mord aufklären, wurde man Zeuge eines Mordanschlages und bekam obendrein heraus, dass sich das Opfer, ein alter Bekannter, mit dem BND angelegt hatte, welcher seinerseits alles tat, um die Spuren seines Tuns zu verwischen.
Ein bisschen viel auf einmal, oder?
Von dem Kuhhandel, den ihm der Unbekannte vorgeschlagen hatte, erst gar nicht zu reden. So lange Sydow denken konnte, hatte er einen Tag wie diesen nicht erlebt, außer vielleicht anno ’42, als es ihm beinahe an den Kragen gegangen war.
»Wenn du wüsstest, was ich hinter mir habe!«, fuhr ihn Lea in bitterbösem Tonfall an, Tränen in den Augen und so aufgebracht, wie er sie selten erlebt hatte. »Damit kannst du bestimmt nicht …«
»Was ist los, Lea?«, fuhr Sydow dazwischen, irritiert wegen des Wutausbruchs, der so gar nicht zu seiner Frau passen wollte. »Ist irgendetwas mit …«
Im Begriff, nach seiner Mutter zu fragen, hielt Sydow im letzten Moment inne. Eine Ahnung stieg in ihm empor, und er hoffte, dass sie sich nicht bewahrheiten würde.
Er hoffte vergebens. Die Hände vor dem Gesicht, brach Lea in Tränen aus. »Vroni ist …«, stammelte sie, immer wieder unterbrochen von Schluchzern, deren sie vergeblich Herr zu werden versuchte, »Vroni ist verhaftet worden, Tom. Weißt du, was das heißt? Wir werden sie nicht mehr … wir werden sie wohl nie mehr wiedersehen.«