Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)
- Автор: Klausner Uwe
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Жанр: Прочая древняя литература
Электронная книга - «Eichmann-Syndikat. Tom Sydows fünfter Fall (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Doch, Lea – werden wir.« Obwohl er theatralische Gesten verabscheute, sah Sydow auf die Uhr. »In weniger als drei Stunden.«
»Was sagst du da?« Sprachlos vor Staunen, nahm Lea Sydow die Hände vom Gesicht und sah ihren Mann mit großen Augen an. Sekunden vergingen, bis ihr klar wurde, dass sie sich nicht verhört hatte, und selbst dann war ihr das Misstrauen noch anzusehen. »Du lügst mir doch hoffentlich nichts vor, oder?«
Sydow schüttelte den Kopf, schloss seine Frau in die Arme und ließ mehrere Sekunden verstreichen, bevor er begann, die Ereignisse des Nachmittags schildern. Lea hörte ihm zu, ungläubig zunächst, doch dann, am Ende von Sydows Monolog, mit neu erwachter Tatkraft und Energie. »Ich denke, du weißt, was du tust, oder?«, fragte sie rundheraus und beobachtete jede Regung im Gesicht ihres Mannes, den sie schon lange nicht mehr so deprimiert erlebt hatte. »Das wird Konsequenzen haben, Tom. Für dich, für mich, für uns alle.« Lea machte sich aus der Umarmung frei und begann im Korridor auf und ab zu gehen. »Weitreichende Konsequenzen.«
»Was bleibt mir übrig! Ich bin gezwungen, mit Verbrechern zu paktieren. Weigere ich mich, ist Vronis Schicksal besiegelt.«
»Du riskierst sehr viel, das ist dir ja wohl klar.«
»Mir ist es gleich, wie groß das Risiko ist. Du weißt, für Vroni würde ich alles tun.«
»Aber?«
»Ich hab’s satt, mich ständig mit den gleichen Halunken rumzuschlagen. Klar, das gehört zu meinem Beruf, und ich meine ja nicht die Ganoven, mit denen wir es tagtäglich zu tun kriegen.«
»Du meinst deren Auftraggeber.«
»Höflich ausgedrückt. Die Strippenzieher, welche es vorziehen, im Hintergrund zu agieren.« Sydow setzte sich und öffnete den Kragenknopf. »All die Eichmänner, die vor nichts zurückschrecken. Die alles, was von oben kommt, ausführen. Jeden Befehl, jede Order – einfach alles.«
»Du glaubst doch nicht etwa, dass der Befehl, diese Frau zu ermorden, von höchster Stelle kam? Das kann doch nicht dein Ernst sein, Tom!«
»Es gibt nichts, was es nicht gibt, Lea. Um ehrlich zu sein, habe ich sämtliche Illusionen verloren.« Sydow ließ die Finger über sein Gesicht gleiten. »Man muss die Gedanken, welche einem das Leben schwer machen, nur zu Ende denken. Und schon beginnt man, deutlicher zu sehen. Denn eins ist uns beiden doch wohl klar: Wenn herauskäme, was nicht herauskommen darf, könnten etliche der hohen Herren in Bonn einpacken. Das gäbe einen Riesenskandal. Nichts einfacher – oder naheliegender – als den BND mit der Vertuschung des Falles zu beauftragen.«
»Das kann ich mir nicht vorstellen, Tom. Was du da sagst, klingt so … so …«
»Haarsträubend, dass man sich weigert, daran zu glauben. Wie gesagt, Lea: Ich hab die Faxen dicke. Klar doch: Als Polizist bist du verpflichtet, alles in deiner Macht Stehende zu tun, um ein Verbrechen aufzuklären. Das habe ich getan. Und was, bitte schön, tut meine übergeordnete Dienstbehörde? Sie lässt sich vor den Karren des BND spannen und sorgt dafür, dass der Leichnam eines Mordopfers samt dazugehörigen Unterlagen verschwindet. Auf Nimmerwiedersehen. Und dann soll man noch an Recht und Gerechtigkeit glauben, an Pflichterfüllung und Loyalität? Nee, Lea – nicht mit mir. Da müssen die sich schon einen anderen Deppen suchen.«
»Machst du es dir nicht ein wenig einfach, Tom?« Lea trat neben den Stuhl, auf dem Sydow saß, und strich ihm sanft übers Haar. »Den Bettel ins Korn zu werfen ist immer das Einfachste.«
»So, meinst du. Und was, mit Verlaub, sollte ich deiner Meinung nach tun? Weitermachen, als ob nichts gewesen wäre? Abwarten, bis man mir den Fall entzieht? Die Klappe halten und hoffen, dass ich befördert werde?«
»Ich hoffe, du weißt, was du tust, Tom. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.«
»Wenn ich etwas weiß, Lea, dann dies.« Ohne Blick für die ältere Dame, die auf der Schwelle des Wohnzimmers erschien, stand Sydow langsam auf, reckte sich und sagte: »Kann es sein, Liebling, dass wir heute Abend eingeladen sind? Wenn ich ehrlich bin, möchte ich den Empfang zu Ehren meines Chefs auf keinen Fall verpassen. Nicht für alles Geld der Welt.«
»Typisch mein Sohn. Alles andere ist ihm wichtig, nur die eigene Mutter nicht.«
Da stand sie nun, eine Lesebrille um den Hals und die Hand auf den Stock aus Mahagoni gestützt. Wie in Erz gegossen, als stünde sie bereits 100 Jahre hier. Eine Mischung aus Alter Fritz und Wellington[54], welche es nicht abwarten konnte, ihm die Leviten zu lesen.
»Du weißt doch, dass das nicht stimmt, Mutter.« Um der zu erwartenden Moralpredigt zuvorzukommen, setzte Sydow sein Strahlemannlächeln auf und schnurrte: »Was kann ich denn dafür, dass es so viel zu tun gibt!«
»Das hat dein Vater auch immer gesagt.«
»Lass dich umarmen, Mutter!«, sagte Sydow und hasste sich für das, was er gerade tat. »Schön, dass du gekommen bist.« Heuchelei war noch nie seine Stärke gewesen, aber was sein musste, musste einfach sein.
Die Retourkutsche ließ nicht lange auf sich warten. Anstatt sich umarmen zu lassen, streckte die alte Dame ihre Hand aus, einmal mehr auf Distanz zu ihrem Sohn. Der ließ sich jedoch nichts anmerken, ergriff sie und tat so, als habe es den Affront nicht gegeben. »So leid es mir tut Mutter, ich muss schon wieder los!«, platzte Sydow heraus, fast froh, bei der alten Dame abgeblitzt zu sein. »Mach’s dir bequem, wir sind gleich wieder da.«
»Wir?«
»Lea und ich. Wir sind um acht bei meinem Chef eingeladen. Dafür kann ich ja wohl nichts, oder?«
»Du wiederholst dich, Thomas.«
Mutter, wie sie leibt und lebt!, fuhr es Sydow durch den Sinn, in Gedanken bei den Gardinenpredigten, die er in seiner Jugend hatte anhören müssen. Waterloo war wirklich nichts dagegen. »Sei doch vernünftig, Mutter. In ein, zwei Stunden sind wir wieder da.«
»Ich kann mir nicht helfen, aber ich fühle mich im Stich gelassen!«
»Was heißt denn hier ›im Stich gelassen‹!«, ächzte Sydow, dem der Auftritt à la Deutsche Oper an den Nerven zerrte. »Davon kann doch keine Rede sein. Ruh dich aus, Mutter, wir sind bald wieder da. Und falls ein Einbrecher kommt: In meinem Schreibtisch liegt eine Pistole. Du kannst doch damit umgehen, oder?«
Das war zu viel, entschieden zu viel. Sydow holte Luft, um sich zu entschuldigen, kam jedoch nicht dazu.
»Für dich, Tom!«, hörte er Lea noch sagen, bevor sie ihm den Telefonhörer in die Hand drückte, seine Mutter Richtung Wohnzimmer manövrierte und ihm auf seinen fragenden Blick hin zuflüsterte: »Eine Mrs. Fitzpatrick oder so ähnlich, hat vorhin schon mal angerufen.«
Dann hielt er den Hörer ans Ohr.
Und musste sich wieder setzen.
22
Berlin-Wannsee, Haus Sanssouci │ 20:05 h
»Sag mal, Tom, hörst du mir eigentlich zu?«
»Na klar. Was hast du denn gedacht?« Das war natürlich eine Lüge, und es sprach für Kroko, dass er nicht nachhakte. Es war ihm anzusehen, dass er nicht bei der Sache war. Und es war kein Wunder, dass er sich nur noch mit Mühe konzentrieren konnte. »Schieß los, alter Junge – was hast du rausgekriegt?«
»Erstens: Laut Angaben des Geschäftsführers im ›Excelsior‹ können wir davon ausgehen, dass Luise Nettelbeck am Spätnachmittag des gestrigen Tages …«
»Geht’s noch ein bisschen hochgestochener?«
»… mit Morells Redaktion, respektive mit seinem Chefredakteur, ein kurzes Telefonat geführt hat. Hast du etwas gesagt, Tom?«
»Ich? Nö.«
»Dann ist es ja gut.« Krokowski ließ den Blick über die Häupter der versammelten Prominenz schweifen, welche den Salon mit Seeblick bevölkerte. Nebst einer Vielzahl von Kollegen, die es sich nicht nehmen lassen wollten, Kriminalrat Augustin in den Ruhestand zu verabschieden, war sogar der Büroleiter des Innensenators erschienen, und er fragte sich, ob das nicht ein wenig übertrieben war. Augustin hatte sich nicht gerade ein Bein ausgerissen, höchste Zeit, ihn in Ehren zu verabschieden. »Der grobe Klotz, welcher sich Chefredakteur schimpft, hat es zwar abgestritten. Nutzt aber nichts, denn wir verfügen über Beweise.«