In Zeiten des abnehmenden Lichts
- Автор: Ruge Eugen
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Год: Rowohlt
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:
— Es gibt, offen gestanden, Probleme. Aber wir werden sie lösen.
— Papperlapapp, sagte Wilhelm.
Gern hätte er Schlinger erklärt, dass Probleme — solche Probleme — nicht in der Kreisleitung Potsdam gelöst wurden. Gern hätte er ihm erklärt, dass Probleme — solche Probleme — in Moskau gelöst wurden und dass das Problem gerade darin bestand, dass Moskau selbst das Problem war. Aber seine Zunge war zu schwer und sein Kopf zu träge, einen so verzwickten Gedanken in Worte zu fassen. Deswegen sagte er nur:
— Tschow.
Schlingers Stirn legte sich in wurstige Falten. Sein Kopf kam zum Stillstand. Seine Augen schauten schräg nach oben an Wilhelm vorbei.
Plötzlich sah er aus wie ein Leguan.
— Wie alt werden eigentlich Leguane?
— Wie bitte?
— Leguane, sagte Wilhelm. Kennst du keine Leguane?
— Das ist doch so eine Art Reptil.
— Ja, sagte Wilhelm, Reptil.
— Ich denke, sie werden alt, sagte Schlinger. Sein Kopf wackelte, und er machte ein Gesicht, als hätte er etwas Intelligentes gesagt.
Als Schlinger gegangen war, fiel Wilhelm ein, was zu tun war. Er marschierte in den Salon.
— Ich ziehe den Ausziehtisch aus, sagte Wilhelm.
Aber Charlotte sagte:
— Das macht Alexander.
— Das mache ich selbst, sagte Wilhelm.
— Das kannst du nicht, sagte Charlotte. Das macht Alexander.
— Alexander! Seit wann kann Alexander irgendwas?
— Diesen Ausziehtisch kann nur Alexander ausziehen, das haben wir doch x-mal probiert.
— Papperlapapp, sagte Wilhelm.
Natürlich konnte er den Ausziehtisch ausziehen. Schließlich hatte er Metallarbeiter gelernt. Was hatte Alexander gelernt? Was war der eigentlich? Nichts. Jedenfalls fiel Wilhelm nichts ein, was Alexander sein könnte. Außer unzuverlässig und arrogant. Noch nicht einmal in der Partei war der Kerl. Aber um mit Charlotte zu streiten, war seine Zunge zu schwer und sein Kopf zu träge.
Wer weiß, was sie ihm für Zeug gab. Auch Stalin hatte man ja vergiftet.
Wilhelm ging in die Diele, wo die Grabsteine in Reih und Glied standen. Schwach leuchteten ihre leeren Etiketten im rötlichen Licht. Wofür, dachte Wilhelm. Die Idee, den Rotstift zu nehmen und ihre Namen draufzuschreiben — Wilhelm beherrschte sich. Ohnehin wusste er von den meisten nur die Decknamen. Die, allerdings, wusste er noch. Clara Chemnitzer. Willi Barthel. Sepp Fischer aus Österreich … Alle wusste er noch. Würde sie niemals vergessen. Würde sie mit ins Grab nehmen, bald.
Es klingelte, draußen stand der Pionierchor. Die Pionierleiterin sagte: Drei vier, und der Chor sang das Lied vom kleinen Trompeter. Schönes Lied, aber nicht das, was er meinte. Nicht das, was ihm die ganze Zeit durch den Kopf ging.
Er summte es der Pionierleiterin vor, aber sie wusste es auch nicht.
— Egal, sagte Wilhelm.
Es war eine junge Pionierleiterin, fast selber noch Pionier. Wilhelm holte einen Hundertmarkschein aus seiner Brieftasche.
— Aber Genosse Powileit, das kann ich auf keinen Fall annehmen!
— Papperlapapp, sagte Wilhelm. Kauf den Kindern ein Eis, ist mein letzter Geburtstag.
Er steckte der Pionierleiterin den Hundertmarkschein ins Dekolleté.
— Dann nehmen wir es für die Klassenkasse, sagte die Pionierleiterin.
Ihr Gesicht hatte rote Flecken bekommen. Sie dirigierte die Kinderschar aus dem Garten. An der Pforte drehte sie sich noch einmal um. Wilhelm biss die Zähne zusammen und winkte.
Er marschierte in den Salon. Marschierte, weil ihm ständig die Melodie durch den Kopf ging. Charlotte stand gerade am Telefon. Als er kam, legte sie den Hörer auf.
— Nimmt niemand ab, sagte sie.
Wilhelm sah, dass Charlotte nervös war. Instinktiv hakte er nach.
— Und — wo bleibt Alexander?
— Es nimmt niemand ab, wiederholte Charlotte. Kurt nimmt nicht ab.
— Na bitte, sagte Wilhelm. Da haben wir es wieder.
— Was haben wir?
— Schlamassel, sagte Wilhelm.
— Da ist irgendetwas passiert, sagte Charlotte.
— Ich zieh den Ausziehtisch aus, sagte Wilhelm.
— Du ziehst gar nichts aus, du lässt mich jetzt einmal nachdenken.
— Papperlapapp, sagte Wilhelm. Wer zieht denn den Ausziehtisch aus?
— Du ziehst den Ausziehtisch jedenfalls nicht aus, sagte Charlotte. Du hast schon genug kaputt gemacht in diesem Haus!
Eine unverschämte Behauptung, die Wilhelm hätte entkräften können, indem er aufzählte, welche Instandsetzungsarbeiten er im Laufe von fast vierzig Jahren durchgeführt, welche Elektrogeräte er repariert, welche Umbauten er bewerkstelligt, welche haushaltstechnischen Verbesserungen er vorgenommen hatte — viele schwierige Worte, zu schwierig, zu umständlich, zu lang, und so machte Wilhelm lediglich einen Schritt auf Charlotte zu, baute sich, seine Körpergröße ausspielend, vor ihr auf und sagte:
— Ich bin Metallarbeiter. Ich bin siebzig Jahre in der Partei. Wie lange bist du in der Partei?
Charlotte schwieg. Sie schwieg!
Wilhelm wandte sich um und verließ, um sich seinen kleinen Sieg nicht noch zu vermasseln, den Raum.
In der Diele standen zwei Männer.
— Delegation, sagte Lisbeth.
— Aha.
Wilhelm gab beiden die Hand.
— Ihre … Ihre …, sagte der eine Mann und zeigte auf Lisbeth.
— Haushaltshilfe, ergänzte Lisbeth.
— Ihre Haus Hals Hilfe hat uns hereingelassen, sagte der Mann.
— Schöner Fisch, sagte der andere, auf die Muschel deutend, in die Wilhelm die Glühlampe eingebaut hatte.
Sie standen dicht beieinander, beide gedrungen, fast krumm, beide trugen etwas zu helle, zu saubere Mäntel. Der Mann, der Haus Hals Hilfe gesagt hatte, hielt einen Teller in der Hand.
Er räusperte sich und begann zu reden. Er redete leise und umständlich, die Worte lösten sich langsam aus ihm heraus, so langsam, dass Wilhelm das letzte Wort schon vergessen hatte, bevor das nächste aus dem Mann herauskam.
— Zur Sache, Genossen, mahnte Wilhelm. Ich hab zu tun.
— Kurz und gut, sagte der Mann, du erinnerst dich, Genosse Powileit, an, Stichwort Kuba, unsere, damals, Spendenaktion, und wir dachten, es wäre in deinem Sinn, wenn wir das Thema hier, also dargestellt als ein Fahrzeug, so wie es in unserem Werk hergestellt wird, thematisch, äh, darstellen.
Er hielt Wilhelm den Teller vor die Nase. Aha, dachte Wilhelm. Er holte einen Hundertmarkschein aus seiner Brieftasche und knallte ihn auf den Teller.
Da guckten sie. Aber an seinem Geburtstag wollte er sich nun wirklich nicht lumpenlassen.
Dann kam Mählich: Punkt elf.
— Wilhelm, sagte Mählich und schüttelte ihm die Hand.
Das gefiel ihm an Mählich: dass er nicht viele Worte machte.
— Bring das Gemüse zum Friedhof, sagte Wilhelm. Wir ziehen den Ausziehtisch aus.
Sie gingen in den Salon und rückten den Tisch vors Fenster.
— Aber Alexander muss jeden Augenblick kommen, protestierte Charlotte.
— Papperlapapp, sagte Wilhelm. Papperlapapp!
Charlotte verließ den Raum.
Sie zogen die Seitenteile bis zum Anschlag heraus. Mählich fragte:
— Wilhelm, wie schätzt du die politische Lage ein?
Er schaute Wilhelm an. Schaute unter seinen gewaltigen Brauen hervor wie aus einer Höhle. Das gefiel ihm an Mählich. Er war ein ernsthafter Mann. Wilhelm fühlte sich zu einer Analyse ermutigt.
— Das Problem ist, sagte er, dass das Problem das Problem ist.
Er klappte ein Mittelteil um. Mählich tat auf seiner Seite dasselbe. Überraschenderweise hielten die Mittelteile nicht, sondern knickten ein und fielen glatt durch den Rahmen.
— Verstehe ich nicht, sagte Mählich.