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In Zeiten des abnehmenden Lichts

Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:

Von den Jahren des Exils bis ins Wendejahr '89 und darüber hinaus reicht diese wechselvolle Geschichte einer deutschen Familie. Sie führt von Mexiko über Sibirien bis in die neu gegründete DDR, führt über die Gipfel und durch die Abgründe des 20. Jahrhunderts. So entsteht ein weites Panorama, ein großer Deutschlandroman, der, ungeheuer menschlich und komisch, Geschichte als Familiengeschichte erlebbar macht.
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Das war am siebenten Tag.

Am fünfundzwanzigsten Tag war Vereidigung. Die Zeremonie fand auf irgendeinem Platz außerhalb der Kaserne statt. Reden, Fahnen. Pauken, Trompeten. Dann legten sie den Eid ab, den sie im Politunterricht hatten auswendig lernen müssen. Ihre Vorgesetzten gingen durch die Reihen und prüften, ob jeder den Eid auch tatsächlich sprach.

Nach der Vereidigung hatten sie das erste Mal Ausgang. Christina und seine Eltern waren angereist. Seine Mutter weinte, als sie ihn in Uniform sah. Alexander beeilte sich, sie zu beruhigen: Ihm gehe es gut, es sei ja kein Krieg, und sogar das Essen sei annehmbar.

Christina nach fast einem Monat zu umarmen war sonderbar. Sie war kleiner, zarter, als er sie in Erinnerung hatte, umgeben von einer überwältigenden weiblichen Aura. Alexander sog die Luft ein, die sie durch ihre Bewegungen in Wallung brachte, fühlte sich ungelenk und lächerlich in seiner groben, schlechtsitzenden Uniform, mit seinem Topfschnitt und der albernen Mütze. Eine Sekunde lang glaubte er, das Erschrecken über seinen Anblick in Christinas Gesicht zu sehen, dann verfiel sie in eine unangebrachte Fröhlichkeit.

Sie gingen durch eine unbekannte Stadt, die Halberstadt hieß und in der es von Soldaten mit ihren Familien wimmelte. Die Restaurants waren überfüllt. Christina hatte die Idee, ein Stück auswärts ein Restaurant zu suchen, aber Alexanders Ausgang war — selbstverständlich — auf Halberstadt beschränkt. Also aßen sie in einem überfüllten Restaurant, wo es nur noch Letschosteak gab, Letschosteak. Irina aß nichts, sondern rauchte. Man sprach, während man auf das Essen wartete, über dieses und jenes; Kurt schrieb wieder an seinem Buch über Lenins Exil in der Schweiz, hoffte, nach dem Amtsantritt Honeckers, nun doch auf Veröffentlichung; Wilhelm war wieder einmal schwer erkrankt — Alexander ertappte sich bei dem Gedanken, dass er zu Wilhelms Beerdigung womöglich Sonderurlaub bekäme; Baba Nadja hatte sich entschlossen, in die DDR überzusiedeln, und da der bürokratische Vorgang Monate, wenn nicht Jahre in Anspruch nehmen würde, bangte man nun, ob die alte Frau die Wartezeit in Slawa noch überstehen werde. Dann fuhren Kurt und Irina ab, damit die Kinder noch ein bisschen unter sich sein konnten.

Sie hatten vier Stunden Zeit. Alexander beschloss, Christina die Kaserne zu zeigen. Sie gingen über den Berg, die Betonplattenstraße entlang, die direkt zum Panzerübungsgelände führte, und Alexander begann zu erzählen. Erzählte von Gewaltmärschen mit Sturmgepäck. Erzählte von Blasen an den Füßen, von Munitionskistengriffen, die in die Finger schnitten, von gefährlichen Übungsgranaten und von Radioaktivität, ja sogar, und fast mit Stolz, davon, wie in der Nachbarkompanie jemand ums Leben gekommen war, nachdem er, von den Ausbildern unbemerkt, in die Gasmaske erbrochen hatte, und spürte, während Christina seine Erzählung hin und wieder mit einem anerkennenden Aha oder einem bedauernden Ach Gott kommentierte, dass das alles irgendwie falsch war, und zwar nicht wegen der Übertreibungen, die ihm unterliefen, nicht wegen der kleinen Pointen, die er unwillkürlich zu setzen begann, sondern es war einfach das Falsche, es war nicht das, worum es ging.

Links, hinter hohen Bretterzäunen, tauchte die Russenkaserne auf, vergleichsweise bunt, orientalisch (der Zaun grün, die Gebäude gelb, die Bordsteine gekalkt, der rote Stern am Tor frisch gestrichen), und auf der rechten Seite, weit einsehbar hinter Stacheldrahtzaun: das Grenzausbildungsregiment (flach, grau, quadratisch). Alexander zählte stumm die Fenster, um Christina «sein» Zimmer zu zeigen, unterließ es dann aber. Was sagte der Anblick eines Fensters? Was sagte der Anblick eines Neubaublocks über die allgegenwärtige Idiotie, über das Gefühl des Eingesperrtseins, über die konkreten Kleinigkeiten, die einen Tag füllten und ausmachten: die ständige körperliche Nähe der Zimmergenossen, ihre Zoten abends vor dem Einschlafen, ihre Socken, die sie zum Ausdünsten über die Stiefel legten, oder das Anstehen an den Pissbecken am Morgen, zusammen mit einhundert Mann, und die unfreiwillige Zeugenschaft beim Abschütteln und Abklopfen und Abmelken des letztes Tröpfchens.

Immerhin fand Christina den Anblick der Kaserne «nicht gerade erfreulich», vermutete allerdings, dass so ein «Neubauobjekt» doch auch Vorteile hätte, so zum Beispiel hinsichtlich von Sauberkeit und Hygiene.

Alexander schwieg. Er schwieg den ganzen Rückweg über, schwieg eisern, allerdings ohne dass Christina dies zu bemerken schien, nahm sich fest vor, kein einziges Wort mehr zu sagen — und fing dann in der Gaststätte, in der sie überflüssigerweise noch einen Kaffee tranken, doch wieder an zu reden. Redete und ärgerte sich, dass er nicht den Mund halten konnte, dass er jetzt doch von Socken und Pissbecken redete, verachtete sich dafür, war gleichzeitig sauer auf Christina, die, während er erzählte, schon auf die Uhr zu schauen begann und ihn schließlich — ein bisschen genervt, ein bisschen wohlmeinend — endgültig zum Schweigen brachte:

— Denk an deinen Vater, der hat wirklich Schlimmeres erlebt.

Er brachte Christina zum Bahnhof. Die Zeit war abgelaufen. Christina ging neben ihm mit ihrer Aura und ihrem Engelshaar, ihre Hand war kalt und ihr Schritt kurz, und Alexander hasste sie plötzlich. Und sehnte sich gleichzeitig nach ihr. Aber sie löste sich auf, sie verließ ihn, den Jammerlappen mit seinem Topfschnitt und seiner Uniform, er musste sie festhalten, drängte sie in einen Hauseingang, glaubte, sie müsse sich anstecken lassen von seiner Gier, glaubte, als sie sich sträubte, Gewalt anwenden zu müssen, versuchte sie umzudrehen, riss an ihren Strumpfhosen, aber Christina wehrte sich mit verblüffender Kraft, winselte seltsam, dann standen sie sich gegenüber, schnaufend beide, und Alexander wandte sich ab und ging.

Es war noch nicht neun Uhr. Alexander setzte sich wieder in die Kneipe, bestellte Bier, bestellte Korn, dann noch ein Bier, schaute der Kellnerin hinterher, betrachtete ihre von einem schwarzen Rock nur knapp bedeckten Oberschenkel, deren fleischige Innenseiten beim Gehen aneinanderrieben, wenn sie durch den Gastraum schritt (im Unterschied zu Christinas Oberschenkeln, zwischen denen ein fingerbreiter Hohlraum klaffte), und Alexander hätte, ohne nachzudenken, den kompletten monatlichen Sold eines Wehrpflichtigen in Höhe von 80 Mark plus 40 Mark Grenzzulage abzüglich der bereits fälligen Bier- und Kornrechnung hingelegt, um seine Hand zwischen die fleischigen Oberschenkel der Kellnerin des Restaurants Harzfeuer in Halberstadt legen zu dürfen. Er bestellte Bier, bevor er das vorherige ausgetrunken hatte, erkundigte sich nach dem Namen der Kellnerin, sie hieß Bärbel, erklärte ihr mit unklarer Hoffnung, dass er bis vierundzwanzig Uhr Ausgang habe. Sie lächelte, schüttelte ihr kastanienbraunes Haar aus dem Gesicht, räumte Aschenbecher ab, sammelte Gläser ein, brachte neue, volle Gläser, bewegte sich mit fischartiger Geschmeidigkeit zwischen den zumeist von Soldaten besetzten Tischen, verschwand, tauchte wieder auf, warf ihm, so schien es, kurze, vielsagende Blicke zu, entblößte beim Lächeln ihre Nagetierzähnchen und brachte ihm schließlich, anstatt eines weiteren Korns, die Rechnung, wies sein großzügiges Trinkgeld zurück und ermahnte ihn streng, dass er jetzt losmüsse, wenn er pünktlich in der Kaserne sein wolle.

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