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In Zeiten des abnehmenden Lichts

Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:

Von den Jahren des Exils bis ins Wendejahr '89 und darüber hinaus reicht diese wechselvolle Geschichte einer deutschen Familie. Sie führt von Mexiko über Sibirien bis in die neu gegründete DDR, führt über die Gipfel und durch die Abgründe des 20. Jahrhunderts. So entsteht ein weites Panorama, ein großer Deutschlandroman, der, ungeheuer menschlich und komisch, Geschichte als Familiengeschichte erlebbar macht.
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— Aber wenn deine Begeisterung für diese Beatmusik dazu führt, dass du Gammler werden willst, dann muss ich dir sagen, dass deine Lehrer recht haben, wenn sie so was verbieten. Trägst du das Ding etwa auch in der Schule?

Sascha stocherte im Rotkohl.

— Ich frage dich: Trägst du das Kreuz auch in der Schule?

— Ja, sagte Sascha.

Kurt merkte, wie der Ärger erneut in ihm aufstieg.

— Bist du denn wirklich so dämlich?

Kurt kaute zweiunddreißig Mal, wie der Internist es ihm geraten hatte, legte dann das Besteck aus der Hand und betrachtete seinen Sohn, der noch immer im Rotkohl stocherte. Betrachtete die schmalen Handgelenke (genauer: das rechte Handgelenk; das linke war unter der Tischplatte verschwunden), die großen, gebogenen Wimpern, die er von Irina geerbt hatte (und über die Sascha sich, weil sie angeblich mädchenhaft aussahen, ärgerte), die schwer dressierbaren Locken, die von ihm, von Kurt, stammten (und derentwegen es in der Schule immer wieder Ärger gab, weil ein hundertprozentig linientreuer Direktor bei jedem Millimeter, der an den Ohren überstand, den Einfluss einer westlich-dekadenten Jugendkultur witterte). Und plötzlich empfand er ein unbändiges, fast schmerzliches Bedürfnis, diesen Menschen vor all dem Ungewissen, das noch auf ihn zukam, zu beschützen.

In der Nacht rumorte sein Magen. Am Morgen verordnete Irina ihm eine Rollkur. Am Vormittag versuchte Kurt mit einem Heizkissen unter dem Pullover, noch ein wenig an seinem neuen Buch über Hindenburg zu arbeiten. Dann machte er sich, nur mit einer Hühnerbrühe im Bauch, auf den Weg.

Die Fahrt ins Institut war — seit dem Mauerbau — lang geworden. Früher waren die S-Bahnen direkt durch Westberlin gefahren, und für diejenigen, die angewiesen waren, die Westsektoren nicht zu betreten, hatte es Sonderzüge gegeben, die zwischen Friedrichstraße und Griebnitzsee nicht hielten. Nun gab es den «Sputnik», der Westberlin weiträumig umkreiste. Um ihn zu erreichen, musste Kurt zuerst mit dem Zubringerbus zum Bahnhof Drewitz und von dort aus eine Station bis Bergholz, das auf dem Sputnik-Ring lag. Mit dem Sputnik kam er, wenn es gutging, bis Ostbahnhof, und schließlich fuhr er noch fünfzehn Minuten mit der S-Bahn bis Friedrichstraße. Zum Glück musste er diese Tour nur an wenigen Tagen auf sich nehmen, denn zu den erfreulichen Seiten des notorischen Mangels in der DDR gehörte, dass es auch an Büroräumen mangelte, weshalb die Mitarbeiter des Instituts für Geschichtswissenschaft angehalten waren, ihre, wie es hieß, häuslichen Arbeitsplätze zu nutzen. Die Besprechungen seiner Arbeitsgruppe legte Kurt für gewöhnlich auf den sowieso obligatorischen Montag. Im Übrigen drückte er sich, wo es nur ging, ließ sich, da er als Neuendorfer den weitesten Weg hatte, von zweitrangigen Veranstaltungen beurlauben, schwänzte sogar, entschuldigte sich mit schwer überprüfbaren Busverspätungen oder schob seine angegriffene Gesundheit vor: die Magenprobleme, die er, ohne es direkt auszusprechen, als eine Folge der Lagerhaft darzustellen verstand, was ihm bei seinen Vorgesetzten, auch wenn sie von seinen Lagererfahrungen mehr ahnten als wussten, verschämtes Verständnis einbrachte — und zwar ohne dass er bei alldem ein schlechtes Gewissen gehabt hätte. Im Gegenteil, er betrachtete jede vermiedene Sitzung als gewonnene Arbeitszeit. Was für Kurt zählte, waren geschriebene Seiten, und in dieser Hinsicht — was die Anzahl der wissenschaftlichen Publikationen betraf — hielt er den unangefochtenen Rekord.

Von der Friedrichstraße aus waren es nur noch fünf Minuten zu Fuß. Das Institut lag schräg gegenüber der Universität in der Clara-Zetkin-Straße, eine ehemalige Mädchenschule, gebaut in der Gründerzeit, Sandsteinfassade, vom Kohlenruß mit den Jahren geschwärzt und noch immer, auch zwanzig Jahre danach, gezeichnet von Einschusslöchern aus den letzten Kriegstagen. Am Pförtner vorbei führte eine pompöse Freitreppe ins Hochparterre, wo sich die Leitung des Instituts breitgemacht hatte. Kurts Abteilung lag im obersten Stock. Der bescheidene Versammlungsraum war schon stark gefüllt, als Kurt ankam, man musste noch Stühle aus dem Sekretariat holen; allerdings klumpten die zusätzlich hereingebrachten Stühle im hinteren Teil des Raumes zusammen, während es vorn, wo gerade das kleine Präsidium Platz nahm, zunehmend dünner wurde.

Das Präsidium bestand aus Günther Habesatt, dem Institutsdirektor und einem Gast aus der Abteilung Wissenschaft des Zentralkomitees der SED, welchen Günther als den Genossen Ernst vorstellte. Der Mann war ungefähr in Kurts Alter. Er war nicht sehr groß, eindeutig kleiner als Günther und der Direktor, hatte graue, kurzgeschorene Haare und ein Gesicht, das ständig zu lächeln schien.

Nachdem Günther — steif und ganz ohne Augenverdrehen — die Versammlung eröffnet und den einzigen Tagesordnungspunkt verlesen hatte, übernahm der Genosse Ernst das Wort und begann, flankiert von Günthers Beerdigungsgesicht und dem pointierten Nicken des Institutsdirektors, über die komplizierter werdende internationale Lage und den sich verschärfenden Klassenkampf zu berichten. Anders als Günther sprach der Genosse Ernst flüssig, beinahe eloquent, mit dünner, aber durchdringender Stimme, die sich, wenn er etwas hervorheben wollte, einschmeichelnd senkte — und die Art, wie er redete, kam Kurt auf einmal bekannt vor, oder war es die seltsame Angewohnheit, sein Notizbuch umzublättern, ohne hineinzuschauen, während er von den revisionistischen und opportunistischen Kräften sprach, innerhalb deren, so der Genosse Ernst, der Hauptfeind zu suchen sei, und bei dem Wort Hauptfeind senkte sich seine Stimme, und Kurt entdeckte Paul Rohde, der offenbar schon die ganze Zeit in unmittelbarer Nähe des Präsidiumstisches gesessen hatte, grau, geschrumpft, den Blick ins Leere gerichtet, erledigt, dachte Kurt. Paul Rohde war erledigt, Parteiausschluss, fristlose Entlassung, plötzlich war es ihm klar. Hier ging es schon gar nicht mehr um Paul Rohde. Hier ging es längst nicht mehr um irgendeinen verdammten Brief. Hier geschah das, was Kurt seit langem, genauer gesagt, seit der Ablösung Chruschtschows (aber eigentlich auch schon vor der Ablösung Chruschtschows) befürchtet hatte, Anzeichen hatte es schließlich genug gegeben, nur dass diese Anzeichen keine Anzeichen gewesen waren, begriff Kurt jetzt, sondern die Sache selbst: Das letzte Plenum, auf dem man kritische Schriftsteller niedergemacht hatte, die Absetzung des Kulturministers, der Bruch mit Havemann, das war es, es war da, es war im Institut, in Gestalt dieses Mannes mit dem Gesicht, das ständig zu lächeln schien, mit der sich einschmeichelnd senkenden Stimme, mit dem Notizbuch, in dem er blätterte, ohne hineinzuschauen, während er die Versammlung aufklärte über die Rolle der Geschichtswissenschaft in den Kämpfen unserer Zeit und über den Zusammenhang von Parteilichkeit und historischer Wahrheit.

Es war still geworden im Raum, eine Stille, die sich auch nicht in Hüsteln und Rascheln auflöste, als der Redner zum Ende kam. Nun war Rohde dran: Selbstkritik. Kurt hörte Rohde seinen auswendig gelernten Text stoßweise herauspressen, jedes Wort vorher abgesprochen, ganz klar, Kurt hörte ihn schlucken, die Pausen dehnten sich unerträglich, bis sich Worte wie feindlichverantwortungslosgehandelt … langsam zu satzartigen Gebilden fügten.

Dann bat Günther um Stellungnahmen. Der Abteilungsleiter meldete sich «spontan» zu Wort, verurteilte den Kollegen Rohde, welcher ihn schwer enttäuscht habe, und entschuldigte sich dann, unter dem beifälligen Nicken des Genossen Ernst, für seine mangelnde Wachsamkeit.

Dann war Kurt dran, das war die Reihenfolge. Kurt spürte, wie sich die Aufmerksamkeit auf ihn richtete. Sein Hals war trocken. Sein Kopf war leer. Er war selbst überrascht über den Satz, den er hervorbrachte:

— Ich bin nicht sicher, ob ich verstanden habe, worum es geht, sagte Kurt.

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