In Zeiten des abnehmenden Lichts
- Автор: Ruge Eugen
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Год: Rowohlt
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:
Der Genosse Ernst kniff die Augen zusammen, als könne er Kurt schlecht erkennen. Noch immer konnte man glauben, dass er lächelte, aber sein Gesicht hatte sich in etwas Gemeines, Schweinsartiges verwandelt.
Einen Augenblick herrschte Schweigen, dann beugte Günther sich zu dem Schweinsgesicht hin. Es war jetzt so still im Raum, dass Kurt hören konnte, was Günther flüsterte:
— Der Genosse Umnitzer war letzte Woche in Moskau.
Das Schweinsgesicht sah Kurt an, nickte.
— Genosse Umnitzer, niemand zwingt dich, hier Stellung zu nehmen.
Und an alle gewandt ergänzte er:
— Wir führen ja hier keinen Schauprozess durch, nicht wahr, Genossen?
Er lachte. Irgendwer lachte mit. Erst als der nächste Kollege sprach, merkte Kurt, dass seine Hände zitterten.
Seine Hand zitterte noch immer, als er sie hob, um für den Parteiausschluss Rohdes zu stimmen.
Dann hatte er Durst. Nach der Versammlung stieg er die Treppe hinunter, um dem Ansturm auf die Toiletten im oberen Stock zu entgehen, und als er die Tür der Herrentoilette ein Stockwerk tiefer öffnete, stand er Rohde gegenüber. Rohde sah ihn an, streckte ihm die Hand entgegen.
— Danke, sagte er.
— Wofür, fragte Kurt.
Er zögerte, die Hand zu ergreifen. Sie war, als er sie doch ergriff, kalt und feucht. Aber hoffentlich, dachte Kurt, schon gewaschen.
Kurz vor sechs war Kurt bereits auf dem Ostbahnhof, früher als sonst. Der Zug fuhr pünktlich ab, blieb dann aber eine Station vor Bergholz stehen: Betriebsstörung, der Schaffner bat um ein wenig Geduld.
Nicht dass eine Betriebsstörung auf dieser Strecke etwas Außergewöhnliches gewesen wäre. Aber das halblaute Gerede der anderen Fahrgäste ging Kurt plötzlich auf die Nerven. Er wollte nachdenken, doch in dem stehenden Zug schienen auch seine Gedanken blockiert zu sein. Er stieg aus, überquerte unvorschriftsmäßig die Bahngleise und machte sich auf den Weg. Zwar begann es bereits zu dämmern, aber bis Neuendorf waren es keine zehn Kilometer. Er kannte die Gegend, hier hatten sie im Herbst einmal Pilze gesucht. Statt jedoch der Straße zu folgen, die einen umständlichen Bogen über ein Nachbardorf beschrieb, nahm Kurt von Schenkenhorst aus einen Fahrweg, der ihn ein Stück nordwestlich wieder zur Straße führen würde — auf seinen Orientierungssinn konnte er sich verlassen.
Er ging zügig, wenngleich seine Knie vor Hunger schon etwas weich waren. Am Ostbahnhof hatte er noch erwogen, eine Currywurst zu kaufen, hatte es dann aber, aus Angst vor Magenbeschwerden, unterlassen. Nun rutschte das Hungergefühl allmählich in die Kniekehlen, Unterzuckerung nannte man das. Kein Grund zu Beunruhigung. Kurt wusste, wie lange der Körper trotz Hunger noch zu funktionieren imstande war: lange. Der Himmel bewölkte sich. Unwillkürlich beschleunigte Kurt den Schritt. Allmählich kamen die Bilder von der Parteiversammlung wieder … Das Schweinsgesicht. Die Augen. Die dünne, sägende Stimme: Wir führen ja hier keinen Schauprozess durch … An wen, verdammt, erinnerte ihn dieser Mensch?
Der Weg führte jetzt direkt in den Wald. Hier war es schon deutlich dunkler als auf dem freien Feld, und Kurt zögerte. Ob er den Wald lieber umgehen sollte? Doch was war das schon für ein Wald. Ein Wäldchen war das. Wie oft war er durch die Taiga marschiert. Wie oft hatte er in der Taiga übernachtet! Trotzdem stürmte er jetzt im Eilschritt voran. Aber nun krümmte sich der Weg immer weiter nach Osten. Um nicht doch noch die Orientierung zu verlieren, bog Kurt scharf links ab und marschierte geradewegs über den weichen Moosboden ins Dunkle … Und plötzlich wusste er es:
Lubjanka, Moskau 1941.
Jetzt sah er ihn vor sich. Frappierende Ähnlichkeit: die schmalen Augen, der Bürstenhaarschnitt und sogar die Art, wie er den Aktenordner aufgeschlagen, wie er darin geblättert hatte, ohne hineinzuschauen:
— Sie haben Kritik an der Außenpolitik des Genossen Stalin geäußert.
Der Sachverhalt: Anlässlich des «Freundschaftsvertrags» zwischen Stalin und Hitler hatte Kurt damals an Bruder Werner geschrieben, die Zukunft werde erweisen, ob es vorteilhaft sei, mit einem Verbrecher Freundschaft zu schließen.
Zehn Jahre Lagerhaft.
Wegen antisowjetischer Propaganda und Bildung einer konspirativen Organisation. Die Organisation waren: er und sein Bruder.
Jetzt war ihm der weiche Waldboden unter den Füßen auf einmal unangenehm. In der Ferne glaubte er das Bellen der Bauchsägen zu hören, das unheimliche Brüllen der Baumriesen, wenn sie, sich langsam um die eigene Achse drehend, zu Boden gingen. Und nach einer Weile kamen auch Bilder, flüchtig, zusammenhanglos: Zählappelle bei dreißig Grad minus; der morgendliche Anblick der vereisten Barackendecke, ein Anblick, der verbunden war mit der Erinnerung an die dumpfe Geschäftigkeit von zweihundert Barackenbewohnern, die sich für den Tag fertig machten, an ihre Ausdünstungen, den vom Hunger verdorbenen Atem, den Gestank ihrer Fußlappen, ihres Nachtschweißes, ihrer Pisse … Schwer zu glauben, dass er das alles erlebt, dass er es überlebt hatte. Erneut kam ihm der Krichatzki in den Sinn, den er in der Brusttasche zum Arbeitseinsatz geschleppt hatte — sein letzter Privatbesitz, abgesehen von seinem Löffel. Der letzte Beweis dafür, dass irgendwo da draußen noch eine andere Welt existierte. Deshalb hatte er den Krichatzki (Zigarettenpapier!) nicht gegen Brot eingetauscht, hatte ihn mitgeschleppt in diesen Winter hinein, den schlimmsten, 1942/43, als es nichts mehr zu tauschen gab, schon gar kein Brot, das jeder selbst auffraß, 600 Gramm bei Normerfüllung, das bedeutet, mit allen Schlechtwetter-Koeffizienten, acht Festmeter Holz zu zweit, vierzehn Bäume täglich, alles mit der Hand, Ein-Meter-Bohlen, entastet, bei 90 Prozent gibt es noch 500 Gramm schlechtes, glitschiges Brot, darunter verhungerst du: Bei 400 Gramm schaffst du die 400-Gramm-Norm nicht mehr, dann geht es abwärts, irgendwann kriegst du den Blick, diesen Blick, den sie kriegen, bevor sie am Morgen steif auf der Pritsche liegen, dann tragen sie dich hinaus, so wie du die anderen hinausgetragen hast, an der Wache vorbei, wo sie kurz noch anhalten, und der Wachhabende drückt seine Machorka aus und nimmt den Hammer, Vorschrift ist Vorschrift, und schlägt dir, dem Toten, den Schädel ein …
Kurt hatte sich an einen Baum gelehnt — es war eine Kiefer, er erkannte es am Geruch. Er hatte die Augen geschlossen, seine Stirn berührte die Rinde. Noch immer blitzten vereinzelte Bilder auf, aber allmählich wurde es stiller in seinem Kopf. Stattdessen war da ein anderes Geräusch. Eine Art Ächzen. Ein Tier, ein großes Tier? Kurt kannte die Verhaltensregeln: sich tot stellen. Auf den Bauch legen und sich tot stellen, und wenn er dich umdreht (denn genau das taten Bären), dann Luft anhalten. Aufhören zu atmen.
Kurt hörte auf zu atmen, neigte den Kopf nach rechts und sah an der Kiefer vorbei auf eine kleine Lichtung, auf der, in einer Entfernung von zehn, fünfzehn Metern, ein blauer Trabbi stand, der mit schnellen, regelmäßigen Bewegungen auf und ab federte.
Trachajutsja, dachte Kurt: Die ficken.
Er holte seine Brille heraus und prüfte das Kennzeichen — nicht Irina. Nicht der Indianer. Er atmete auf. Der eigene Atem kitzelte ihn im Hals, und sein Ausatmen ging in ein lautloses, glucksendes Lachen über. Dann schlug er einen respektvollen Bogen um das wippende Fahrzeug und machte sich davon.
Es tröpfelte jetzt ein bisschen, aber der Regen kam nicht in Gang. Offenbar hatte sich ein Gewitter über der Havel verfangen. Kurt hatte die Richtung wieder, schritt jetzt gleichmäßig aus. Nein, er war hier nicht in der Taiga. Weder gab es hier Arbeitslager noch Braunbären, stattdessen standen blaue Trabbis im Wald, in denen die Leute fickten. Wenn das kein Fortschritt ist, dachte Kurt. Und war es nicht auch ein Fortschritt, wenn man die Leute — anstatt sie zu erschießen — aus der Partei ausschloss? Was erwartete er? Hatte er vergessen, wie mühsam die Geschichte sich vorwärtsbewegte? Auch die Französische Revolution hatte unendliche Wirrnis nach sich gezogen. Köpfe waren gerollt. Ein selbstgekrönter Revolutionsgeneral hatte ganz Europa mit Krieg überzogen. Jahrzehnte hatte diese — bürgerliche — Revolution gebraucht, um bei ihren Zielen anzukommen. Warum sollte es der sozialistischen Revolution anders ergehen? Man hatte Chruschtschow abgelöst. Irgendwann kam ein neuer Chruschtschow. Irgendwann kam ein Sozialismus, der diesen Namen verdiente — wenn auch vielleicht nicht mehr in seiner Lebenszeit, in jenem winzigen Abschnitt der Weltgeschichte, dessen Zeuge er zufällig war und den er, verdammt nochmal, zu nutzen gedachte — jedenfalls das, was davon übrig geblieben war nach zehn Jahren Lager und fünf Jahren Verbannung.