In Zeiten des abnehmenden Lichts
- Автор: Ruge Eugen
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Год: Rowohlt
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:
— Hammer und Nägel, sagte Wilhelm. Du weißt doch wo’s steht.
Mählich ging in den Keller und kam wieder mit einem Hammer und Nägeln. Wilhelm hob das Mittelteil auf, maß mit Daumen und Zeigefinger den Abstand zum Rahmen. Dort setzte er den Nagel an. Setzte noch einmal ab, weil er spürte, dass seine Analyse Mählich noch nicht hundertprozentig überzeugt hatte, und sagte:
— Das Problem sind die Tschows, verstehst du: Tschow-Tschow.
Mählich nickte sehr langsam. Wilhelm schlug zu.
— Emporkömmlinge, sagte er.
Er schlug zu.
— Defätisten.
Er hielt einen Augenblick inne und sagte:
— Früher wussten wir, was man mit denen tut.
Nächster Nagel. Charlotte kam rein:
— Was macht ihr denn, um Himmels willen.
— Wir ziehen den Ausziehtisch aus.
— Aber ihr könnt doch da keine Nägel einschlagen.
— Wieso können wir nicht, fragte Wilhelm.
Er versenkte den Nagel mit einem Schlag in der Tischplatte.
— Dunnerlüttchen, sagte Mählich.
Und Wilhelm sagte:
— Gelernt ist gelernt.
Halb vier wurde die große Schiebetür zwischen den Räumen geöffnet, die Feier begann. Wilhelm hatte inzwischen zu Mittag gegessen und ein wenig geruht; Lisbeth hatte ihm noch einen Kaffee gekocht; sie hatte ihm Nasen- und Ohrenhaare beschnitten und dabei mehrmals mit ihren Schwimmbecken-Brüsten seine Schulter angestupst.
Das kalte Buffet war gekommen und stand auf dem Ausziehtisch. Alexander dagegen war noch immer nicht da — eine Tatsache, die Wilhelm erfreute. Mehrfach fragte er Charlotte nach ihrem Enkel, den er vor allem als ihren Enkel betrachtete, so wie er die ganze Familie vor allem als ihre betrachtete: Defätistenfamilie. Irina mal ausgenommen. Immerhin war sie im Krieg gewesen. Im Gegensatz zu Kurt, der im Arbeitslager gewesen war — und sich jetzt als Opfer aufspielte. Der sollte froh sein, dass er im Lager gewesen war! An der Front hätte der nicht überlebt, als Halbblinder.
Jetzt klingelte es in einem fort, Charlotte rannte hin und her wie ein Huhn, während Wilhelm in seinem Ohrensessel saß, hin und wieder von dem Kognak in seinem grünschimmernden Aluminiumbecher nippte und ein grimmiges Vergnügen dabei empfand, die Gratulanten, die nacheinander vor seinen Sessel traten, mit immer demselben Satz in Verlegenheit zu bringen:
— Bring das Gemüse zum Friedhof.
Die Weihes kamen, tappelten beide im Gleichschritt herein und redeten mit gesalbten Stimmen.
Mählich kam jetzt mit Frau, einer blondierten Zicke, die stets über Rheuma klagte, obwohl sie noch keine sechzig war.
Steffi, stets aufgedonnert, seit ihr Mann unter der Erde lag.
— Bring das Gemüse zum Friedhof.
Bunke kam jetzt herein, so gerupft wie sein Blumenstrauß, die Krawatte auf halbmast, eine Seite des Hemdkragens überlappte das Revers. Schon beim Betreten des Raumes tupfte er sich den Schweiß von der Stirn. So einer war nun Oberst bei der Staatssicherheit — während man ihn, Wilhelm, damals nicht übernommen hatte: Westemigrant! Bis heute kränkte es ihn. Auch er wäre lieber in Moskau geblieben. Aber die Partei hatte ihn nach Deutschland geschickt, und er hatte getan, was die Partei von ihm verlangte. Sein Leben lang hatte er getan, was die Partei von ihm verlangte, und dann: Westemigrant!
— Bring das Gemüse zum Friedhof.
Bunke tupfte den Schweiß ab und sagte:
— Do gann isch kleisch pleiben.
…
Gesichter tauchten auf, die Wilhelm nicht kannte.
— Wer bist du?
Frau Bäcker, die Gemüseverkäuferin.
Harry Zenk, Rektor der Akademie: war noch nie zu seinem Geburtstag gekommen.
Till Ewerts — nach Schlaganfall.
— Bring das Gemüse zum Friedhof.
…
Aha, der Genosse Krüger. Abschnittsbevollmächtigter.
— In Uniform hätte ich dich erkannt, Genosse. Bring das Gemüse zum Friedhof.
…
Die Sondermanns. Deren Sohn im Gefängnis saß: wegen versuchter Republikflucht.
— Euch kenn ich nicht, sagte Wilhelm.
— Aber das sind doch Sondermanns, erklärte Charlotte.
— Euch kenn ich nicht!
Das Grummeln im Raum wurde für einen Augenblick leiser.
— Gut, sagte Sondermann. Drückte Charlotte den Blumenstrauß in die Hand und verschwand, zusammen mit seiner Gattin.
…
Kurt kam mit Nadjeshda Iwanowna, aber ohne Irina.
— Irina ist krank, sagte Kurt.
— Und Alexander?
— Alexander ist auch krank, mischte Charlotte sich ein.
Defätistenfamilie. Von Irina mal abgesehen. Und abgesehen, natürlich, von Nadjeshda Iwanowna.
Nadjeshda Iwanowna überreichte ihm ein Glas Gurken.
Wilhelm wühlte in seinem Gedächtnis. Zu lang war es her, dass er in Moskau gewesen war, damals zur Ausbildung bei der OMS, und das einzige Wort, das er unter den Trümmern seines Russischs noch auffand, war garosch: gut, hervorragend.
— Garosch, garosch, sagte er.
Nadjeshda Iwanowna sagte:
— Ogurzy.
Wilhelm nickte.
— Garosch!
Er ließ das Glas öffnen (von Mählich — Kurt kriegte es sowieso nicht auf mit seinen Intellektuellenfingern) und aß öffentlich eine russische Gurke. Früher hatte er russische Papirossy geraucht. Jetzt aß er wenigstens eine russische Gurke.
— Garosch, sagte Wilhelm.
— Du kleckerst, sagte Charlotte.
— Papperlapapp.
…
Wo blieb eigentlich der Bezirkssekretär?
…
Dafür plötzlich ein Kind. Das Kind hatte ein Bild in der Hand.
— Markus, dein Urenkel, sagte Charlotte.
Seit wann denn das? Wilhelm beschloss, nicht zu fragen. Er betrachtete das Bild, wie man Bilder betrachtete, die Kinder einem schenkten, und war überrascht, als er plötzlich erkannte:
— Ein Leguan!
— Eine Wasserschildkröte, sagte das Kind.
— Markus interessiert sich für Tiere, sagte die Frau, die neben dem Kind stand, die Mutter wahrscheinlich, Wilhelm beschloss, nicht zu fragen. Stattdessen sagte er:
— Wenn ich tot bin, Markus, dann erbst du den Leguan dort im Regal.
— Cool, sagte das Kind.
— Oder nimm ihn am besten gleich mit, sagte Wilhelm.
— Jetzt gleich, fragte das Kind.
— Nimm mit, sagte Wilhelm, mit mir geht es sowieso nicht mehr lange.
Er sah dem Kind nach, wie es die Runde machte, jedem Anwesenden artig die Hand gab, dann erst marschierte es zum Bücherregal und betrachtete den Leguan, noch ohne ihn an sich zu nehmen, lange und von allen Seiten … Wilhelm biss die Zähne zusammen.
…
Ein Mann im braunen Anzug und Goldrandbrille. Warum trat er nicht näher? Warum blieb er dort stehen?
— Wer bist du, ich kenne dich nicht.
Der Stellvertreter, so stellte sich heraus. Des Bezirkssekretärs. Wieso der Stellvertreter?
— Der Genosse Jühn ist leider persönlich verhindert, sagte der Stellvertreter.
— Aha, sagte Wilhelm. Ich bin auch persönlich verhindert.
Alle lachten. Wilhelm ärgerte sich.
Der Mann klappte eine rote Mappe auf. Er begann zu reden. Seine Augen waren blau. Seine Stimme hatte ungefähr den Frequenzumfang eines Telefonhörers. Wilhelm verstand nicht, was der Mann sagte. Wilhelm ärgerte sich. Der Mann redete. Seine Worte klapperten. Sie klapperten durch Wilhelms Kopf, ohne ihren Sinn zu offenbaren. Geräusche. Papperlapapp, dachte Wilhelm. Metallarbeiterlehre. Parteieintritt … Emigration nach Paris … Plötzlich kapierte er. Das war sein Lebenslauf. Das, was aus dem Mund des Stellvertreters kam, was da sinnlos durch seinen Kopf klapperte — das war sein Lebenslauf. Der Lebenslauf, den er schon Dutzende Male geschrieben, den er schon zigmal den Grenzsoldaten, den Arbeitern vom Karl-Marx-Werk, den Jungen Pionieren erzählt hatte — und in dem, wie immer, das Wichtigste fehlte.