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In Zeiten des abnehmenden Lichts

Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:

Von den Jahren des Exils bis ins Wendejahr '89 und darüber hinaus reicht diese wechselvolle Geschichte einer deutschen Familie. Sie führt von Mexiko über Sibirien bis in die neu gegründete DDR, führt über die Gipfel und durch die Abgründe des 20. Jahrhunderts. So entsteht ein weites Panorama, ein großer Deutschlandroman, der, ungeheuer menschlich und komisch, Geschichte als Familiengeschichte erlebbar macht.
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Es knatterte hinter ihm: Der Trabbi kam. Kurt trat beiseite und hob, was sonst nicht seine Art war, die Hand zum Gruß, blind gegen das Scheinwerferlicht, und empfand, obwohl er niemanden sah, eine glückselige Verschworenheit mit den Fremden im Auto, die — sehr wahrscheinlich — soeben irgendjemanden betrogen hatten.

Jetzt regnete es tatsächlich. Es roch nach Regen und Wald und ein bisschen nach Zweitakter-Abgasen. Kurt atmete tief, atmete alles ein, schnüffelte dem Trabbi hinterher, und der süßliche Abgasgeruch kam ihm auf einmal vor wie der Geruch der Sünde. Es war wunderbar, am Leben zu sein. Wunderbar — und verwunderlich auch. Und wie so oft in diesen Momenten, wenn er es kaum fassen konnte, dass er tatsächlich lebte, dachte er zugleich daran, dass Werner nicht mehr lebte: sein großer kleiner Bruder, der Stärkere, immer, der Schönere von beiden … Aber während der Gedanke an Werner normalerweise mit einem Anflug von schlechtem Gewissen verbunden war, empfand Kurt dieses Mal etwas anderes, Neues, das nicht wie das schlechte Gewissen im Bauch saß, sondern weiter oben, in der Brust, in der Kehle. Es war etwas, das die Kehle verengte und die Brust weitete und das Kurt nach einiger Zeit als Trauer identifizierte. Es war weniger schlimm, als er gedacht hatte. Und es war auch, seltsamerweise, nicht zu trennen von dem Glück, das er empfand, sondern vermischte sich damit zu einer großen, die Welt einschließenden Empfindung. Was ihn schmerzte, war nicht so sehr der Tod, sondern das ungelebte Leben Werners. Zugleich aber empfand er es plötzlich als Trost, dass er an Werner denken, sich an ihn erinnern konnte, dass sein Bruder, solange er, Kurt, lebte, nicht völlig verschwunden war, dass er — im Gegensatz zu seiner Mutter, die sich die Ohren zuhielt, wenn man von Werner sprach! — seinen Bruder in sich bewahrte, ihn vor der endgültigen Vernichtung bewahrte, und er verstieg sich, während ihm das Regenwasser übers Gesicht lief, zu der (zugegeben unwissenschaftlichen) Vorstellung, er könne für seinen Bruder mitleben, mitatmen, mitriechen, ja sogar — und jetzt fiel ihm seine wundersame Verdopplung ein — , sogar mitficken, dachte Kurt, und Veras Dinger erschienen in einem ganz neuen Licht: Mitficken, dachte Kurt, im Namen seines ermordeten Bruders.

1. OKTOBER 1989

Manchmal vergaß er, was zu tun war.

Es kam ihm so vor, als sei er über Nacht erstarrt.

Er rollte probehalber mit den Augen.

Seine linke Hand zuckte.

Er drehte den Kopf zuerst nach rechts, dann nach links.

Er sah, dass ihn aus dem Halbdunkel etwas angrinste.

Wilhelm nahm sein Gebiss aus dem Wasserglas und stand auf.

Er ging ins Bad. Er ließ Badewasser ein. Er brachte die große Höhensonne Typ «Sonja» in Gang und setzte sich, ausgerüstet mit einer dunklen Schutzbrille, in die Wanne.

Sein Kopf war leer. In seinem Kopf war nur das Grummeln des Badewassers. Im Grummeln des Badewassers war eine Melodie. Es war eine Melodie, die er kannte. Eine Art Kampflied, das ihn aber gleichzeitig traurig stimmte. Kämpferischtraurig. Leider fielen ihm die Worte nicht ein.

Schlamassel, das war das Erste, was Wilhelm an diesem Tag dachte.

Er nickte: Schlamassel — das war es. Er biss seine, wie er sie nannte, volkseigenen Zähne zusammen, um dem Anflug von Melancholie entgegenzuwirken. So blieb er sitzen, bis das Wasser ihm an den Bauchnabel reichte.

Dass sein Rücken bei dieser Bräunungsmethode stets weiß blieb, störte ihn nicht. Niemand sah seinen Rücken.

Nach dem Baden rasierte er sich, wobei er zwei Finger auf seinen Oberlippenbart legte. Er litt zunehmend am grauen Star. Schon des Öfteren hatte er sich versehentlich ein Stück Bart wegrasiert, bis er schließlich zu der Zweifingermethode übergegangen war, um wenigstens den letzten Rest Bart zu bewahren.

Er zog die langen Unterhosen über die kurzen und legte eine Lage mehrfach gefalteten Klopapiers ein. Er zog die Socken an und befestigte sie an den Sockenhaltern. Bedauerlicherweise war der Umfang seiner Waden geringer als der Umfang der Sockenhalter, sodass Wilhelm nichts anderes übrigblieb, als die Sockenhalter, damit sie nicht rutschten, in die Socken zu stopfen.

Er stieg die Treppe hinunter. In seinem Kopf meldete sich wieder die Melodie: kämpferisch-traurig. Er biss die Zähne zusammen. Seine Kniegelenke schmerzten beim Abwärtsgehen. Seine Füße verschleppten den Takt.

Als er in der Diele die vielen leeren Blumenvasen sah, fiel ihm ein, dass er Geburtstag hatte. Anstatt, wie gewohnt, zuerst zum Briefkasten zu gehen, marschierte er in die Küche — bevor er seine Frage vergaß:

— Sind die Blumenvasen beschriftet?

— Herzlichen Glückwunsch, sagte Charlotte.

Sie sah ihn an, die Arme in die Hüften gestemmt, den Kopf auf typische Weise schräg haltend.

Sie sah aus wie ein Vogel.

— Ich weiß, dass ich Geburtstag habe, sagte Wilhelm.

Er setzte sich und löffelte seine Haferflocken. Sie schmeckten nach nichts. Er schob den Teller weg und griff nach seinem Kaffee.

— Vergiss nicht, deine Tabletten zu nehmen, sagte Charlotte.

— Ich nehm keine Tabletten, sagte Wilhelm.

— Du musst aber deine Tabletten nehmen, sagte Charlotte.

— Papperlapapp, sagte Wilhelm und stand auf.

Er marschierte zum Briefkasten, aber der Briefkasten war leer. Es war Sonntag. Am Sonntag gab es kein ND. Früher hatte es auch am Sonntag ND gegeben, aber das hatten sie abgeschafft. Schlamassel.

Er ging in sein Zimmer und schloss die Tür. Wusste auf einmal nicht weiter — wieder so ein Moment. Wahrscheinlich lag es an den Tabletten. Schon seit einer Weile hegte er diesen Verdacht. Die Starre in den Gelenken. Die Leere im Kopf. Wer weiß, was für ein Zeug sie ihm gab. Die Tabletten machten ihn dumm. Sie machten ihn vergesslich. Sie machten ihn so vergesslich, dass er am Morgen vergaß, dass er sich am Abend vorgenommen hatte, keine Tabletten zu nehmen.

Die Angst, das Gedächtnis zu verlieren. Wilhelm versuchte sich zu erinnern, probehalber: aber an was?

Er ging zum Schrank und kramte den Schuhkarton heraus, in dem er, neben Orden und Medaillen, verschiedene Dokumente seines Lebens aufbewahrte. Er entnahm dem Karton einen Zeitungsartikel, der durch häufiges Falten bereits leicht beschädigt war. Er nahm die Lupe zur Hand und las:

Ein Leben für die Arbeiterklasse.

Darunter ein Bild, auf dem ein Mann mit kahlem Schädel und großen Ohren zuversichtlich in die Zukunft blickte.

Wilhelm fuhr mit der Lupe in die Mitte des Textes. Unter dem Glas rutschten, sich aufwölbend, die Worte hindurch:

… trat im Januar 1919 in die Kommunistische Partei Deutschlands ein …

Wilhelm überlegte. Natürlich wusste er, dass er 1919 in die Partei eingetreten war. Er hatte es in Dutzenden Lebensläufen geschrieben. Er hatte es Hunderte Male erzählt: den Genossen, den Arbeitern vom Karl-Marx-Werk, den Jungen Pionieren, aber wenn er zurückdachte, wenn er wirklich versuchte, sich an den Tag zu erinnern, dann erinnerte er sich eigentlich nur noch daran, wie Karl Liebknecht zu ihm gesagt hatte:

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