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In Zeiten des abnehmenden Lichts

Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:

Von den Jahren des Exils bis ins Wendejahr '89 und darüber hinaus reicht diese wechselvolle Geschichte einer deutschen Familie. Sie führt von Mexiko über Sibirien bis in die neu gegründete DDR, führt über die Gipfel und durch die Abgründe des 20. Jahrhunderts. So entsteht ein weites Panorama, ein großer Deutschlandroman, der, ungeheuer menschlich und komisch, Geschichte als Familiengeschichte erlebbar macht.
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Alle klatschten. Der Stellvertreter kam auf Wilhelm zu. In der Hand hielt er einen Orden, wie sie zu Dutzenden in Wilhelms Schuhkarton lagen.

— Ich hab genug Blech im Karton, sagte Wilhelm.

Alle lachten.

Der Stellvertreter beugte sich zu ihm herunter und hängte ihm den Orden um.

Alle klatschten, auch der Stellvertreter, der die Hände jetzt frei hatte.

Das kalte Buffet wurde eröffnet. Zwischen den beiden Räumen begann ein unregelmäßiger Verkehr, bis die Leute sich mit ihren Tellern an Tischen und Tischchen niederließen. Wilhelm saß abseits im Ohrensessel und nippte an seinem grünglänzenden Aluminiumbecher. Er dachte an das Wichtigste. An das, was fehlte. An Hamburg und an sein Hafenbüro. An die Nächte, den Wind. An seine Korowin Kaliber sechs fünfunddreißig. Er dachte nicht daran, er erinnerte sich. Er fühlte, wie sie in seiner Hand gelegen hatte. Er fühlte ihr Gewicht. Er erinnerte sich an den Geruch — nachdem man den Abzug betätigt hatte … Wofür, dachte Wilhelm. Er schloss die Augen. Es grummelte in seinem Kopf. Gerede. Sinnlos. Papperlapapp. Nur hin und wieder — oder bildete er sich das ein? — hin und wieder hörte er jetzt durch das Papperlapapp hindurch ein heiseres Bellen: Tschow! … Und nochmaclass="underline" Tschow — tschow

Wilhelm öffnete kurz die Augen: Kurt, wer sonst! Du bist selbst so ein Tschow, dachte Wilhelm. Defätist. Die ganze Familie! Irina mal ausgenommen, die war ja wenigstens im Krieg gewesen. Aber Kurt? Kurt hatte währenddessen im Lager gesessen. Hatte arbeiten müssen, wie schrecklich, mit seinen Händchen, mit denen er noch nicht mal ein Gurkenglas aufkriegte. Andere, dachte Wilhelm, hatten ihren Arsch riskiert. Andere, dachte er, waren draufgegangen im Kampf für die Sache, und am liebsten wäre er aufgestanden und hätte von denen erzählt, die draufgegangen waren im Kampf für die Sache. Hätte von Clara erzählt, die ihm das Leben rettete. Von Willi, der sich vor Angst in die Hosen schiss. Von Sepp, den sie in irgendeinem Gestapo-Keller zu Tode folterten, weil ein Verräter zu wenig eliminiert worden war. So war es gewesen, Herr Professor Neunmalklug, der kein Gurkenglas aufkriegte. So war es damals — und so war es heute. Das hätte er am liebsten gesagt. Und noch etwas hätte er gern gesagt: über damals und heute. Und über Verräter. Und was jetzt zu tun war, hätte er gern gesagt. Und worin das Problem bestand, hätte er gern gesagt, aber seine Zunge war zu schwer, und sein Kopf war zu alt, um aus dem, was er wusste, Worte zu machen. Er schloss die Augen und lehnte sich in seinen Ohrensessel zurück. Hörte nicht mehr die Stimmen. Nur noch Grummeln in seinem Kopf, wie das Badewasser am Morgen. Und aus dem Grummeln kam eine Melodie. Und aus der Melodie kamen — Worte. Da waren sie plötzlich, die Worte, die er gesucht hatte: einfach und traurig und klar, und so selbstverständlich, dass er im selben Augenblick schon vergaß, dass er sie vergessen hatte.

Er sang leise, für sich, jede Silbe betonend. In leicht schleppendem Rhythmus, er merkte es wohl. Mit einem nicht beabsichtigten Tremolo in der Stimme:

Die Partei, die Partei, die hat immer recht

Und, Genossen, es bleibe dabei

Denn wer kämpft für das Recht

Der hat immer recht

Gegen Lüge und Ausbeuterei

Wer das Leben beleidigt

Ist dumm oder schlecht

Wer die Menschheit verteidigt

Hat immer recht

So, aus Lenin’schem Geist

Wächst, von Stalin geschweißt

Die Partei — die Partei — die Partei.

1973

Dann hielt der Lkw, und die Heckklappe öffnete sich.

Ein Kopf erschien. Der Kopf trug eine Uniformmütze. Der Kopf begann zu schreien. An den Zähnen bildeten sich kleine Speichelbläschen, die im Licht der weißen Laternen schillerten, bevor sie zerplatzten.

Im Übrigen war nicht zu verstehen, was der Kopf schrie: Seltsame Sprache, die fast nur aus Vokalen zu bestehen schien.

Ein zweiter Kopf tauchte auf, dann noch einer, im nächsten Augenblick waren es vier oder fünf Uniformierte, die an der Heckklappe standen und brüllten, durcheinanderbrüllten, sich gegenseitig überbrüllten.

Unter der Plane kam Bewegung auf. Die Leute ergriffen ihre Taschen und Beutel, sprangen nacheinander von der Ladefläche. Stolperten im Dunkeln, blieben irgendwo hängen. Auch Alexander sprang. Seine Hand berührte die grobe, aschebahnartige Oberfläche des Platzes.

Am zweiten Tag begann er das Gebrüll zu verstehen. Ifschriiii Asch bedeutete: im Laufschritt marsch. Und Kompiiii Schtischta bedeutete: Kompanie stillgestanden. Mit individuellen Abwandlungen.

Am dritten Tag verstand er schon fast alle zusammenhängenden Sätze mit «Arsch»: Bewegen Sie Ihren Arsch, Sie Versager oder Ich bringe Ihnen das Wasser im Arsche zum Kochen oder, ebenfalls lehrreich: Beim Laufen ist der Arsch der höchste Punkt des Körpers.

Am vierten Tag hatten sie zum ersten Mal Politunterricht: Neofaschismus und Militarismus in der BRD. Wer einschlief, musste den Rest der Zeit stehen.

Am fünften Tag bekam er den ersten Brief von Christina. Er riss ihn sofort auf, las ihn noch auf dem Weg ins Zimmer. Las ihn noch einmal richtig, steckte ihn in die Brusttasche. Las ihn dann abends im Bett.

Der sechste Tag war ein Sonntag. Sonntags durfte man in den Kulturraum der Kompanie — wenn man die Ausgangsuniform anzog. Dort durfte man selbst mitgebrachten Kaffee trinken.

Alexander hatte keinen selbst mitgebrachten Kaffee. Er blieb im Zimmer. Las, auf dem Bett liegend, zum fünften oder zehnten oder fünfzehnten Mal den Brief von Christina. Las mit Erleichterung, dass sie nach seiner Abfahrt «den ganzen Tag traurig» gewesen war. Las mit Unbehagen, dass sie am Wochenende mit einer Kollegin aus der Bibliothek zum Scharmützelsee fahren würde: um sich «ein bisschen abzulenken». Machte ihr — in seiner Antwort — kleine Vorwürfe deswegen. Strich die Vorwürfe wieder aus. Fing noch einmal von vorn an. Beschrieb den Blick aus dem Fenster: ein Neubaublock, dahinter ein Zaun. Er hätte noch schreiben können: dahinter ein Panzerübungsgelände. War sich aber nicht sicher — gehörte das schon zu den militärischen Belangen, über die sie, wie gesagt wurde, zu schweigen hatten? Wurde der Brief kontrolliert?

Am siebenten Tag standen sie im Gelände, Linie zu einem Glied (was bedeutete: in drei Reihen), und warteten auf irgendwas (dass Stehen und Warten zu den Hauptbeschäftigungen eines Soldaten gehörte, hatte Alexander bereits gelernt). Noch immer hatte er leichte Kopfschmerzen vom Kaffeeentzug, der Stahlhelm drückte, Teil eins, Teil zwei auf dem Rücken, die Gasmaskentasche um den Hals, die Kalaschnikow über der Schulter. Die Ohren, noch immer ungewohnt nackt, begannen zu zwicken im scharfen Wind, der unter dem weit ausladenden NVA-Stahlhelm hindurchpfiff, aber sie standen, es war ihnen nicht erlaubt, sich zu rühren. Alexander sah auf den Nacken des Vordermanns, auf seine Ohren, welche genau so aussahen, wie seine eigenen Ohren sich anfühlten, nämlich knallrot — und musste auf einmal an Mick Jagger denken; fragte sich, was wohl jetzt, während er hier stand, auf diesem Übungsgelände, das Katzenkopf hieß, und auf die roten Ohren seines Vordermanns starrte, ein Mensch wie Mick Jagger tat. Undeutlich erinnerte er sich an ein Foto aus irgendeiner Westzeitschrift: Mick Jagger in seinem Schlafzimmer, in einem flauschigen Pullover und Leggins, ein bisschen weiblich, verschlafen, offenbar war er gerade aufgestanden, vielleicht, so stellte sich Alexander vor, würde er im nächsten Augenblick in eine sonnige, große Küche gehen, sich einen Kaffee brühen, falls das nicht jemand schon für ihn gemacht hatte, würde ein frisches Käsebrötchen und Weintrauben essen (oder wer weiß, was die da drüben aßen) und würde dann, während Alexander über den Katzenkopf robbte oder Trockenschießübungen machte oder sich in Einzelsprüngen über das Feld bewegte, ein bisschen auf der Gitarre klimpern und ein paar Einfälle notieren, oder sich in einer bizarren Limousine zum Studio kutschieren lassen, um einen neuen Song aufzunehmen, den er dann auf der nächsten Tournee der Weltöffentlichkeit präsentierte, einer Tournee, bei der er, Alexander, nicht dabei sein würde, so wie er auf keiner Rolling-Stones-Tournee je dabei gewesen war und auf keiner Rolling-Stones-Tournee je dabei sein würde, niemals, dachte Alexander, während er mit Stahlhelm und Teil eins und Teil zwei auf dem Katzenkopf stand und auf die roten Ohren seines Vordermanns starrte, niemals würde er die Rolling Stones live erleben, niemals würde er Paris oder Rom oder Mexiko sehen, niemals Woodstock, noch nicht einmal Westberlin mit seinen Nacktdemos und seinen Studentenrevolten, seiner freien Liebe und seiner Außerparlamentarischen Opposition, nichts davon, dachte Alexander, während jetzt irgendein Unterfeldwebel mit der Dienstvorschrift in der Hand erläuterte, welche Position vom Schützen beim Liegendschießen einzunehmen sei, nämlich in sich gerade, schräg zum Ziel, nichts davon würde er je sehen, nichts davon würde er miterleben, weil zwischen hier und dort, zwischen der einen Welt und der anderen, zwischen der kleinen, engen Welt, in der er sein Leben würde verbringen müssen, und der anderen, der großen, weiten Welt, in der das große, das wahre Leben stattfand — weil zwischen diesen Welten eine Grenze verlief, die er, Alexander Umnitzer, demnächst auch noch bewachen sollte.

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