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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Er hat einen Dolch, Leutnant«, das waren die ersten Worte, die Pierre wieder verstand.

»Ah, eine Waffe«, sagte der Offizier und wandte sich an den barfüßigen Soldaten, der mit Pierre zusammen festgenommen war. »Es ist gut; das kannst du alles dem Kriegsgericht auseinandersetzen«, sagte der Offizier. Dann wandte er sich an Pierre mit der Frage: »Sie da, sprechen Sie französisch?«

Pierre blickte mit blutunterlaufenen Augen um sich, ohne zu antworten. Sein Gesicht mußte wohl einen schrecklichen Anblick bieten; denn der Offizier gab flüsternd einen Befehl, und es sonderten sich noch vier Ulanen von dem Trupp ab und nahmen zu beiden Seiten Pierres Stellung.

»Sprechen Sie französisch?« wiederholte der Offizier seine Frage, hielt sich aber in einiger Entfernung von ihm. »Ruft den Dolmetscher her.«

Aus der Truppe kam ein kleines Männchen in russischer Zivilkleidung hervorgeritten. Am Anzug und an der Sprache erkannte Pierre ihn sofort als einen Franzosen aus einem Moskauer Ladengeschäft.

»Er sieht nicht aus wie ein Mann aus dem Volk«, sagte der Dolmetscher zu dem Offizier, nachdem er Pierre gemustert hatte.

»Mir macht er ganz den Eindruck, als ob er einer der Brandstifter wäre«, antwortete der Offizier. »Fragen Sie ihn doch, was er ist«, fügte er hinzu.

»Wer seid du?« fragte der Dolmetscher in sehr schlechtem Russisch. »Du muß antworten dem Obrigkeit.«

»Ich werde euch nicht sagen, wer ich bin. Ich bin euer Gefangener. Führt mich weg«, sagte Pierre auf einmal auf französisch.

»Ah, ah!« sagte der Offizier und machte ein finsteres Gesicht. »Nun also weiter, marsch!«

Um die Ulanen hatte sich ein Haufe Menschen geschart. Am nächsten bei Pierre stand die pockennarbige Frau mit dem kleinen Mädchen; als die Patrouille sich wieder in Bewegung setzte, ging sie nebenher.

»Wohin bringen sie dich denn, lieber Mann?« sagte sie. »Und wo soll ich denn das kleine Mädchen lassen, wenn es denen nicht gehört?«

»Was will diese Frau?« fragte der Offizier.

Pierre war wie betrunken. Dieser verzückte Zustand steigerte sich noch beim Anblick des kleinen Mädchens, das er gerettet hatte.

»Was sie will?« antwortete er. »Sie bringt mir meine Tochter, die ich soeben aus den Flammen gerettet habe … Adieu!« Und ohne selbst zu wissen, wie er dazu gekommen war, diese zwecklose Lüge auszusprechen, schritt er mit entschlossenem, feierlichem Gang zwischen den Franzosen einher.

Diese französische Patrouille war eine von denen, die auf Durosnels Anordnung durch verschiedene Straßen Moskaus geschickt waren, um dem Plündern Einhalt zu tun, und namentlich um die Brandstifter abzufassen, die nach einer an diesem Tag bei den höheren französischen Kommandostellen allgemein aufgekommenen Meinung die Urheber der Feuersbrünste waren. Bei ihrem weiteren Ritt durch einige Straßen nahm die Patrouille noch fünf verdächtige Russen fest, einen Ladenbesitzer, zwei Seminaristen, einen Bauern und einen herrschaftlichen Diener, und ferner mehrere Plünderer. Aber von allen Verdächtigen erschien als der Verdächtigste Pierre. Als sie alle für die Nacht nach einem großen Haus am Subowski-Wall transportiert waren, in dem die Hauptwache eingerichtet war, wurde Pierre unter strenger Bewachung in einem gesonderten Raum untergebracht.

Zwölfter Teil

I

In Petersburg führten damals in den höchsten Kreisen die Parteien ihre verwickelten Kämpfe untereinander mit noch größerer Hitze und Heftigkeit als sonst je: die Partei Rumjanzews, die der Franzosen, die der Kaiserin-Mutter Maria Feodorowna, die des Großfürsten-Thronfolgers und andere; und übertönt wurden diese Kämpfe noch, wie immer, durch das Blasen der höfischen Drohnen. Aber das ruhige, üppige, nur mit blassen Schattenbildern des wirklichen Lebens beschäftigte Petersburger Leben ging dabei seinen altgewohnten Gang, und wer in diesem Leben steckte, für den bedurfte es großer Anstrengungen, um sich der Gefahr und der schwierigen Lage bewußt zu werden, in der sich das russische Volk befand. Da waren dieselben Courempfänge und Bälle, dasselbe französische Theater, dieselben Interessen der einzelnen Hofhaltungen, dieselben Interessen des Dienstes, dieselben Intrigen. Nur in den allerhöchsten Kreisen gab man sich Mühe, der Schwierigkeit der gegenwärtigen Lage eingedenk zu sein. Geflüsterte Erzählungen gingen von Mund zu Mund, wie grundverschieden voneinander die beiden Kaiserinnen unter diesen so schwierigen Umständen sich benahmen. Die Kaiserin-Mutter Maria Feodorowna hatte in ihrer Besorgnis für das Wohl der unter ihrem Patronat stehenden Wohltätigkeits und Erziehungsanstalten Anordnungen über die Verlegung aller dieser Institute nach Kasan getroffen, und die Sachen derselben waren bereits gepackt. Die Kaiserin Jelisaweta Alexejewna dagegen hatte auf die Frage, welche Anordnungen sie zu treffen geruhe, mit dem ihr eigenen russischen Patriotismus erwidert, über Staatsanstalten könne sie nichts anordnen, da dies nur dem Kaiser zustehe; und auf die Frage, was sie persönlich zu tun gedenke, hatte sie geantwortet, sie werde die letzte sein, die Petersburg verließe.

Bei Anna Pawlowna fand am 26. August, gerade am Tag der Schlacht bei Borodino, eine Abendgesellschaft statt, deren Glanzpunkt die Vorlesung eines Briefes sein sollte, den der hochwürdigste Metropolit bei Übersendung des Bildes des heiligen Sergius an den Kaiser geschrieben hatte. Dieser Brief galt als ein Muster patriotischer geistlicher Beredsamkeit. Vorlesen sollte ihn kein Geringerer als Fürst Wasili, der als vorzüglicher Vorleser berühmt war und auch der Kaiserin des öfteren vorlas. Die vollendete Kunst fand man bei seinem Vorlesen darin, daß er laut und halb singend sprach und die Worte bald in kläglich heulendem, bald in zärtlich murrendem Ton herausbrachte, ohne jede Rücksicht auf ihren Sinn, so daß, ganz wie es der Zufall wollte, auf das eine Wort das Heulen und auf das andere das Murren traf. Diese Vorlesung hatte, wie alle Abendgesellschaften bei Anna Pawlowna, eine politische Bedeutung. Es wurden an diesem Abend einige wichtige Persönlichkeiten erwartet, die wegen ihres fortgesetzten Besuches des französischen Theaters zu einem Gefühl der Scham gebracht und zu patriotischer Gesinnung angeregt werden sollten. Es waren schon recht viele Gäste versammelt; aber Anna Pawlowna sah in ihrem Salon gerade diejenigen noch nicht, auf die es ihr ankam, und darum verschob sie die Vorlesung noch und brachte Gespräche allgemeinen Inhalts in Gang.

Die Tagesneuigkeit war in Petersburg augenblicklich die Krankheit der Gräfin Besuchowa. Die Gräfin war vor einigen Tagen plötzlich erkrankt, hatte mehrere Gesellschaften, deren Zierde sie sonst zu sein pflegte, nicht besucht, und es verlautete, sie empfange niemanden und habe sich diesmal nicht den Petersburger medizinischen Zelebritäten, von denen sie sich sonst behandeln ließ, sondern einem italienischen Arzt anvertraut, der sie unter Anwendung eines neuen, ungewöhnlichen Mittels behandle.

Jedermann wußte sehr wohl, daß die Krankheit der reizenden Gräfin von der Schwierigkeit herkam, zwei Männer zugleich zu heiraten, und daß die von dem Italiener eingeleitete Behandlung in der Beseitigung dieser Schwierigkeit bestand; aber in Anna Pawlownas Gegenwart wagte niemand dergleichen anzudeuten, ja, es schien überhaupt niemand etwas davon zu wissen.

»Es heißt, die arme Gräfin befinde sich sehr schlecht. Der Arzt sagt, es sei Bräune.«

»Bräune? Oh, das ist eine schreckliche Krankheit!«

»Man sagt, die beiden Nebenbuhler hätten sich aus Anlaß dieser Bräune miteinander versöhnt …«

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