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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Habe ich etwa schon die Zeit verpaßt?« dachte Pierre. »Nein, er wird seinen Einzug in Moskau doch wohl nicht vor zwölf Uhr halten.«

Pierre vermied es absichtlich, über das, was ihm bevorstand, nachzudenken, sondern beeilte sich, so schnell wie möglich zu handeln.

Nachdem er seinen Anzug in Ordnung gebracht hatte, nahm er die Pistole in die Hand und schickte sich an fortzugehen. Aber da kam ihm zum erstenmal der Gedanke, auf welche Weise er die Waffe auf der Straße tragen solle; in der Hand war es jedenfalls nicht möglich. Sogar unter dem weiten Kaftan ließ sich die große Pistole schwer verbergen. Weder im Gürtel noch unter dem Arm konnte er sie so unterbringen, daß sie nicht zu bemerken gewesen wäre. Außerdem war die Pistole abgeschossen, und Pierre war noch nicht dazu gekommen, sie wieder zu laden. »Nun, ganz gleich, dann mit dem Dolch«, dachte Pierre bei sich, obwohl er bei früheren wiederholten Überlegungen, wie seine Absicht auszuführen sei, sich gesagt hatte, der Hauptfehler des Studenten habe im Jahre 1809 darin bestanden, daß er Napoleon mit einem Dolch habe töten wollen. Aber wie wenn Pierres Hauptabsicht nicht darin bestanden hätte, die beabsichtigte Tat auszuführen, sondern darin, sich selbst den Beweis zu liefern, daß er von seinem Unternehmen nicht zurücktrete und alles zur Ausführung desselben Erforderliche tue, nahm Pierre eilig den stumpfen, schartigen Dolch in grüner Scheide, den er zugleich mit der Pistole beim Sucharew-Turm gekauft hatte, und verbarg ihn unter seiner Weste.

Nachdem er einen Gurt um seinen Kaftan gebunden und die Mütze aufgesetzt hatte, ging er, darauf bedacht, kein Geräusch zu machen und dem Kapitän nicht zu begegnen, durch den Korridor und trat auf die Straße hinaus.

Die Feuersbrunst, nach der er am Abend des vorhergehenden Tages mit so geringem Interesse hingesehen hatte, war über Nacht erheblich gewachsen. Moskau brannte schon auf verschiedenen Seiten. Es brannten gleichzeitig die Wagenmagazine, der Stadtteil Samoskworetschje, der Basar, die Powarskaja-Straße, die Barken auf der Moskwa und der Holzmarkt bei der Dorogomilowski-Brücke.

Pierres Weg ging durch allerlei Seitengassen nach der Powarskaja-Straße und von dort nach dem Arbatskaja-Platz zu der Nikola-Jawlenny-Kirche, bei der er sich in Gedanken schon längst eine Stelle ausersehen hatte, wo er die Tat vollbringen wollte. Bei den meisten Häusern waren die Tore und Fensterläden geschlossen. Die Straßen und Gassen waren fast menschenleer. In der Luft roch es nach Brand und Rauch. Mitunter traf Pierre auf Russen mit unruhig-scheuen Gesichtern und auf Franzosen, die mitten auf dem Straßendamm gingen und in ihrem Äußern den Eindruck machten, als ob sie nicht in städtischen Quartieren, sondern in einem Lager lägen. Die einen wie die andern blickten Pierre erstaunt an. Abgesehen von seinem großen Wuchs und seiner Korpulenz und abgesehen von dem düster verschlossenen, leidenden Ausdruck seines Gesichtes und seiner gesamten Erscheinung betrachteten die Russen ihn deswegen, weil sie nicht begriffen, welchem Stand dieser Mensch angehören könne; die Franzosen aber folgten ihm mit erstaunten Blicken namentlich deswegen, weil Pierre, im Gegensatz zu allen andern Russen, die ängstlich und neugierig nach den Franzosen hinsahen, ihnen keinerlei Beachtung schenkte. Am Tor eines Hauses hielten drei Franzosen, die dort mit Russen sprachen, ohne von diesen verstanden zu werden, Pierre mit der Frage an, ob er Französisch könne.

Pierre schüttelte verneinend den Kopf und ging weiter. In einer andern Seitengasse schrie ihn ein Posten an, der bei einem Munitionswagen stand, und erst bei drohend wiederholtem Anruf und bei dem Geräusch des Gewehrs, das der Posten schußfertig in die Hand nahm, verstand Pierre, daß er im Bogen nach der andern Seite der Straße herumgehen solle. Er hörte und sah nichts, was um ihn vorging. Wie einen furchtbaren, ihm fremden Gegenstand, so trug er seine Absicht eilig und ängstlich in sich und fürchtete, durch die Erfahrung der vorhergehenden Nacht belehrt, fortwährend, er könnte sie irgendwie verlieren. Aber es war ihm nicht beschieden, seine Stimmung heil und unversehrt bis zu dem Ort zu bringen, wohin er strebte. Indes, auch wenn ihn nichts unterwegs aufgehalten hätte, so wäre eine Ausführung seiner Absicht doch schon deshalb unmöglich gewesen, weil Napoleon schon mehr als vier Stunden vorher von der Dorogomilowskaja-Vorstadt über den Arbatskaja-Platz nach dem Kreml geritten war und jetzt in der düstersten Gemütsverfassung im Arbeitszimmer des Zaren im Kremlpalast saß und ausführliche, ins einzelne gehende Befehle erließ in betreff der Maßnahmen, die unverzüglich zur Löschung des Brandes, zur Verhinderung des Plünderns und zur Beruhigung der Einwohner ergriffen werden sollten. Aber Pierre wußte das nicht; ausschließlich mit dem beschäftigt, was ihm bevorstand, quälte er sich hiermit, so wie sich eben Menschen quälen, die sich hartnäckig eine unmögliche Tat vorgenommen haben, unmöglich nicht wegen irgendwelcher ihr innewohnenden Schwierigkeiten, sondern weil sie der gesamten Natur der betreffenden Menschen widerstreitet; er quälte sich mit der Besorgnis, er werde im entscheidenden Augenblick schwach werden und infolgedessen die Achtung vor sich selbst verlieren.

Obgleich er nichts um sich herum sah und hörte, fand er doch instinktiv seinen Weg und irrte sich nicht in den Seitengassen, die ihn nach der Powarskaja-Straße führten.

Je mehr sich Pierre der Powarskaja-Straße näherte, um so stärker wurde der Rauch; es wurde sogar warm von der Glut der Feuersbrunst. Ab und zu sah man über die Hausdächer weg, wie die feurigen Flammenzungen sich in die Höhe schlängelten. Hier waren mehr Leute auf den Straßen, und diese Leute befanden sich in größerer Unruhe. Aber obgleich Pierre merkte, daß etwas Außerordentliches um ihn herum vorging, gab er sich doch keine Rechenschaft darüber, daß er zum Brand hinging. Während er einen Fußsteig verfolgte, der über einen großen, unbebauten Platz führte, welcher auf der einen Seite an die Powarskaja-Straße und auf der andern an die Gärten des Fürsten von Grusien stieß, hörte Pierre plötzlich neben sich das verzweifelte Schluchzen eines Weibes. Wie aus dem Schlaf erwachend, blieb er stehen und hob den Kopf in die Höhe.

Neben dem Fußsteig lagen auf dem trockenen, staubigen Gras Haufen von Hausrat: Federbetten, ein Samowar, Heiligenbilder und Kästen. Bei den Kästen saß auf der Erde eine ältere, hagere Frau, mit langen, vorstehenden Oberzähnen, in einer schwarzen Pelerine, mit einer Haube auf dem Kopf. Diese Frau weinte herzzerbrechend, wobei sie fortwährend mit dem Kopf schüttelte und vor sich hin sprach. Zwei Mädchen, im Alter von zehn bis zwölf Jahren, mit schmutzigen, kurzen Kleidchen und Pelerinen, blickten mit dem Ausdruck verständnislosen Staunens auf den blassen, erschrockenen Gesichtern ihre Mutter an. Ein kleinerer Knabe von etwa sieben Jahren, in einem langen Kittel und mit einer Mütze, die ihm nicht gehörte und viel zu groß war, weinte in den Armen einer alten Kinderfrau. Ein barfüßiges, schmutziges Dienstmädchen saß auf einem Kasten; sie hatte ihren hellblonden Zopf aufgelöst, rupfte die angebrannten Haare und roch daran. Der Gatte, ein untersetzter, etwas buckliger Mann in Beamtenuniform, mit radförmig geschnittenem Backenbart und glattgekämmtem Schläfenhaar, das unter der sehr gerade aufgesetzten Mütze zum Vorschein kam, rückte mit starrer Miene die Kästen, die einer auf dem andern standen, auseinander und zog unter ihnen einige Kleidungsstücke hervor.

Als die Frau Pierre erblickte, warf sie sich ihm beinahe zu Füßen.

»Ach, liebe Menschen, rechtgläubige Christen, rettet, helft! Helfen Sie mir doch, bester Mann …! Wenn mir doch jemand helfen wollte!« rief sie schluchzend. »Mein kleines Mädchen …! Mein Töchterchen …! Mein jüngstes Töchterchen haben sie dagelassen! … Sie ist verbrannt! Oooh! Habe ich sie dazu gehegt und … Oooh!«

»So hör doch auf, Marja Nikolajewna«, sagte der Ehemann leise zu seiner Frau, offenbar nur, um sich vor dem fremden Mann zu rechtfertigen. »Gewiß hat deine Schwester sie mitgenommen; wo sollte sie denn auch sonst sein!« fügte er hinzu.

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