Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Was sagen Sie?« unterbrach ihn der Kaiser und runzelte finster die Stirn. »Meine Russen sollten sich durch das Unglück niederbeugen lassen …? Niemals!«
Darauf hatte Michaud nur gewartet, um sein Wortspiel anzubringen.
»Sire«, sagte er, in ehrerbietigem Ton mit den Ausdrücken spielend, »was sie fürchten ist nur dies: Euer Majestät könnten in der Güte Ihres Herzens sich überreden lassen, Frieden zu schließen. Sie brennen vor Kampflust«, sagte dieser Bevollmächtigte des russischen Volkes, »und vor Begier, Euer Majestät durch Hingabe ihres Lebens ihre Ergebenheit zu beweisen …«
»Ah«, sagte der Kaiser beruhigt und klopfte mit freundlich glänzenden Augen Michaud auf die Schulter. »Sie beruhigen mich, Oberst.«
Der Kaiser senkte den Kopf und schwieg eine kleine Weile.
»Nun wohl, kehren Sie zur Armee zurück«, fuhr er dann fort, indem er sich in seiner ganzen Größe aufrichtete und sich mit einer freundlichen, majestätischen Handbewegung zu Michaud wandte, »und sagen Sie unseren tapferen Truppen, sagen Sie allen meinen guten Untertanen, überall, wo Sie durchkommen, daß, wenn ich keinen Soldaten mehr haben sollte, ich mich selbst an die Spitze meiner lieben Edelleute, meiner braven Bauern stellen und so alle Hilfsquellen meines Reiches bis auf die letzten zur Verwendung bringen werde. Mein Reich bietet mir deren noch viele, mehr als meine Feinde denken«, sagte der Kaiser, der in immer größere Begeisterung geriet. »Sollte es aber wirklich im Buch der göttlichen Vorsehung geschrieben stehen«, fuhr er fort, indem er seine schönen, sanften, in echter Empfindung leuchtenden Augen gen Himmel richtete, »daß meine Dynastie aufhören soll auf dem Thron meiner Ahnen zu herrschen, dann will ich nach Erschöpfung aller Hilfsmittel, die zu meiner Verfügung stehen, mir lieber den Bart so lang wachsen lassen« (der Kaiser zeigte mit der Hand auf die Mitte der Brust) »und mit dem Geringsten meiner Bauern Kartoffeln essen, als daß ich die Schande meines Vaterlandes und meines teuren Volkes, dessen Opfermut ich zu schätzen weiß, durch meine Unterschrift bestätigen sollte …«
Nachdem der Kaiser diese Worte mit erregter Stimme gesprochen hatte, wandte er sich um, wie wenn er Michaud die Tränen verbergen wollte, die ihm in die Augen getreten waren, und ging in die Tiefe seines Zimmers, wo er einige Augenblicke stehenblieb. Dann kehrte er mit großen Schritten zu Michaud zurück und drückte ihm mit einem kräftigen Griff den Arm unterhalb des Ellbogens. Das schöne, sanfte Antlitz des Kaisers rötete sich, und aus seinen Augen leuchteten Entschlossenheit und Zorn.
»Oberst Michaud, vergessen Sie nicht, was ich Ihnen hier sage; vielleicht werden wir uns eines Tages mit Vergnügen daran erinnern … Entweder Napoleon oder ich«, sagte der Kaiser, indem er seine Brust berührte. »Wir können nicht mehr nebeneinander herrschen. Ich habe ihn kennengelernt; er wird mich nicht mehr täuschen.«
Der Kaiser runzelte die Stirn und schwieg. Als Michaud diese Worte hörte und den Ausdruck fester Entschlossenheit in den Augen des Kaisers wahrnahm, da fühlte er, »der trotz seiner fremden Abstammung von ganzem Herzen und von ganzer Seele Russe war«, sich in diesem feierlichen Augenblick enthusiasmiert von allem, was er vernommen hatte (wie er später sagte), und gab sowohl seinen eigenen Empfindungen als auch den Empfindungen des russischen Volkes, als dessen Bevollmächtigten er sich betrachtete, mit folgenden Worten Ausdruck:
»Sire! Euer Majestät ratifizieren in diesem Augenblick den Ruhm der Nation und das Heil Europas.«
Der Kaiser entließ Michaud mit einem Neigen des Kopfes.
IV
Wir, die wir nicht damals gelebt haben, als halb Rußland erobert war und die Bewohner Moskaus nach fernen Gouvernements flüchteten und ein Landwehraufgebot nach dem andern sich zur Verteidigung des Vaterlandes erhob, wir stellen uns unwillkürlich vor, alle Russen, jung und alt, wären zu jener Zeit mit nichts anderem beschäftigt gewesen als damit, sich aufzuopfern, das Vaterland zu retten oder über sein Unglück zu weinen. Die Erzählungen und Schilderungen aus jener Zeit reden alle ohne Ausnahme nur von der Opferwilligkeit, der Vaterlandsliebe, der Verzweiflung, dem Gram und der Heldenhaftigkeit der Russen. In Wirklichkeit aber verhielt sich das anders. Jene Vorstellung haben wir nur deswegen, weil wir von der Vergangenheit nur die allgemeinen welthistorischen Bestrebungen jener Zeit sehen und nicht alle die persönlichen, menschlichen Interessen, welche die Leute hatten. Und doch wird in Wirklichkeit das allgemeine Streben durch die persönlichen Interessen der Gegenwart in solchem Maß an Bedeutung übertroffen, daß es sich durch diese hindurch niemals fühlbar macht und überhaupt nicht zu bemerken ist. Der größte Teil der damals lebenden Menschen wandte dem allgemeinen Gang der Dinge gar keine Aufmerksamkeit zu, sondern ließ sich nur durch die persönlichen Interessen der Gegenwart leiten. Und die Tätigkeit gerade dieser Menschen war in jener Zeit das nützlichste.
Diejenigen dagegen, die den allgemeinen Gang der Dinge zu verstehen suchten und mit Selbstaufopferung und Heldenhaftigkeit dabei mitwirken wollten, waren die nutzlosesten Mitglieder der Gesellschaft; sie sahen alles verkehrt, und alles, was sie taten, um zu nützen, stellte sich als nutzloser Unsinn heraus, wie Pierres und Mamonows Regimenter, die die russischen Dörfer ausplünderten, und die Scharpie, welche die Damen zupften und die nie bis zu den Verwundeten gelangte, usw. Sogar wo Leute in dem Wunsch, ihr Licht leuchten zu lassen und ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen, über die derzeitige Lage Rußlands redeten, trugen ihre Reden entweder den Charakter der Heuchelei und Lüge oder den Charakter nutzloser Krittelei und Bosheit gegen andere, denen sie Dinge zur Last legten, an denen niemand schuld sein konnte. Bei historischen Ereignissen zeigt sich klarer als sonstwo, wie richtig das Verbot ist, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Nur die unbewußte Tätigkeit bringt Früchte, und diejenigen Menschen, die bei einem historischen Ereignis eine Rolle spielen, verstehen niemals dessen Bedeutung. Wenn sie sie zu begreifen versuchen, wird ihre Tätigkeit unfruchtbar.
Die Bedeutung des Ereignisses, das sich damals in Rußland vollzog, kam den Leuten um so weniger zum Bewußtsein, je näher sie daran beteiligt waren. In Petersburg und in den von Moskau weit entfernt liegenden Gouvernements beweinten Männer in Landwehruniform und vornehme Damen Rußland und die Hauptstadt und sprachen von Selbstaufopferung usw.; aber in der Armee, die sich hinter Moskau zurückzog, redete und dachte man fast gar nicht an Moskau, und niemand schwur beim Anblick des Brandes von Moskau den Franzosen Rache; sondern man dachte an die demnächst fällige Rate der Löhnung, an das nächste Quartier, an die Marketenderin Matroschka und ähnliche Dinge.
Ohne daß er die Absicht gehabt hätte sich aufzuopfern, sondern rein zufällig, weil der Krieg gerade ausgebrochen war, während er im Dienst stand, beteiligte sich Nikolai Rostow aus größter Nähe und andauernd an der Verteidigung des Vaterlandes und blickte daher ohne Verzweiflung und ohne finstere Grübeleien auf das hin, was damals in Rußland vorging. Wenn man ihn gefragt hätte, wie er über die derzeitige Lage Rußlands denke, so würde er geantwortet haben, daran zu denken sei nicht seine Sache; dazu seien Kutusow und andere Leute da; er für seine Person habe nur gehört, daß die Regimenter komplettiert werden würden, und daß die Kämpfe wohl noch recht lange dauern würden, und daß es unter den jetzigen Verhältnissen kein Wunder sein werde, wenn er in ein paar Jahren ein Regiment bekäme.
Bei dieser seiner Auffassung der Dinge nahm er die Nachricht, daß er nach Woronesch abkommandiert werden sollte, um Remonten für die Division zu holen, nicht nur ohne Bekümmernis darüber auf, daß er der Beteiligung an dem nächsten Kampf verlustig gehe, sondern sogar mit dem größten Vergnügen, das er nicht verhehlte und für welches seine Kameraden das vollste Verständnis besaßen.