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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Ja, die Liebe«, dachte er wieder mit völliger Klarheit, »aber nicht jene Liebe, die um irgendeines Lohnes willen, zu irgendeinem Zweck, oder aus irgendeinem Grund liebt, sondern jene Liebe, die ich zum erstenmal damals empfunden habe, als ich, dem Tod nahe, meinen Feind erblickte und doch auf einmal Liebe zu ihm fühlte. Ich habe jene Liebe in mir gefühlt, die das wahre Wesen der Seele bildet und die keines besonderen Gegenstandes bedarf. Auch jetzt empfinde ich dieses beglückende Gefühl … Den Nächsten lieben, die Feinde lieben. Alles lieben, Gott lieben in allen Erscheinungen. Einen Menschen, der einem teuer ist, lieben, das kann man mit menschlicher Liebe; einen Feind aber kann man nur mit göttlicher Liebe lieben. Und deshalb habe ich auch eine solche Freude empfunden, als ich fühlte, daß ich jenen Menschen liebte. Was mag aus ihm geworden sein? Ob er wohl noch lebt …?

Wenn man mit menschlicher Liebe liebt, so kann man von der Liebe zum Haß übergehen; aber die göttliche Liebe kann sich nicht verändern. Nichts, auch der Tod nicht, nichts kann sie zerstören. Sie ist das wahre Wesen der Seele. Aber wie viele Menschen habe ich in meinem Leben gehaßt! Und von allen Menschen habe ich niemand mehr geliebt und niemand mehr gehaßt als sie.« Und er vergegenwärtigte sich auf das lebhafteste Natascha, nicht in der Art, wie er sie sich früher vergegenwärtigt hatte, nur mit ihrem Reiz, der ihn entzückt hatte; sondern jetzt zum erstenmal schaute er mit seinem geistigen Blick ihre Seele. Und er verstand nun ihr Gefühl und ihre Leiden und ihre Scham und ihre Reue. Jetzt zum erstenmal verstand er die ganze Grausamkeit seines Bruches mit ihr. »Könnte ich sie nur noch ein einziges Mal sehen. Ein einziges Mal in diese Augen sehen und ihr sagen …«

»I pitti-pitti-pitti i ti-ti i pitti-pitti … Bum!« prallte die Fliege an. Und seine Aufmerksamkeit übertrug sich plötzlich auf eine andere, aus Wirklichkeit und Wahn gemischte Welt, in der etwas Besonderes vorging. In dieser Welt wuchs immer noch dasselbe Gebäude in die Höhe, ohne einzustürzen; immer noch in gleicher Weise dehnte sich etwas aus; in gleicher Weise brannte das Licht mit einem roten Hof; dieselbe Sphinx (oder war es sein Hemd?) lag bei der Tür; aber außer alledem knarrte etwas, es roch nach frischer Luft, und eine neue weiße Sphinx, eine stehende Sphinx erschien in der Tür. Und der Kopf dieser Sphinx zeigte das blasse Gesicht und die glänzenden Augen eben jener Natascha, an die er soeben gedacht hatte.

»Oh, wie beängstigend sind diese unaufhörlichen Fieberphantasien!« dachte Fürst Andrei und versuchte, dieses Gesicht aus seiner Einbildung zu verscheuchen. Aber dieses Gesicht stand mit der Kraft der Wirklichkeit vor ihm, und dieses Gesicht näherte sich ihm. Fürst Andrei wollte in die frühere Welt des reinen Denkens zurückkehren; aber er vermochte es nicht, und der Fieberwahn zog ihn in seinen Bann. Die leise, flüsternde Stimme setzte ihr gleichmäßiges Zischeln fort; es würgte ihn etwas, es dehnte sich etwas aus, und das seltsame Gesicht stand vor ihm. Fürst Andrei nahm all seine Kraft zusammen, um zur Besinnung zu kommen; er bewegte sich ein wenig, und plötzlich sauste es ihm in den Ohren, vor den Augen wurde es ihm dunkel, und wie ein Mensch, der im Wasser versinkt, verlor er das Bewußtsein.

Als er wieder zu sich kam, lag Natascha, jene lebendige Natascha, die er sich gedrängt fühlte am meisten von allen Menschen auf der Welt mit jener neuen, reinen, göttlichen Liebe zu lieben, die sich ihm jetzt erschlossen hatte, diese Natascha lag vor ihm auf den Knien. Er begriff, daß dies die lebendige, wirkliche Natascha war, und er war darüber nicht erstaunt, sondern freute sich nur im stillen. Natascha, die wie angeschmiedet auf den Knien lag (sie konnte kein Glied rühren), blickte ihn angstvoll an und hielt das Schluchzen zurück. Ihr Gesicht war blaß und regungslos. Nur im unteren Teil desselben war ein Zittern bemerkbar.

Fürst Andrei stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, lächelte und streckte ihr die Hand hin.

»Sie hier?« sagte er. »Wie glücklich mich das macht!«

Natascha rückte mit einer schnellen, aber behutsamen Bewegung auf den Knien näher zu ihm heran, ergriff vorsichtig seine Hand, beugte sich mit dem Gesicht über sie und küßte sie mehrmals, aber so, daß sie sie kaum mit den Lippen berührte.

»Verzeihen Sie mir!« sagte sie flüsternd, hob den Kopf in die Höhe und blickte ihn an. »Verzeihen Sie mir!«

»Ich liebe Sie«, erwiderte Fürst Andrei.

»Verzeihen Sie mir …!«

»Was hätte ich Ihnen zu verzeihen?« fragte Fürst Andrei.

»Verzeihen Sie mir, was ich … was ich getan habe«, flüsterte Natascha kaum hörbar mit stockender Stimme und bedeckte seine Hand, sie kaum mit den Lippen berührend, mit noch zahlreicheren Küssen.

»Ich liebe dich mehr und mit einer besseren Liebe als ehemals«, sagte Fürst Andrei und hob mit der Hand ihr Gesicht so in die Höhe, daß er ihr in die Augen sehen konnte.

Diese Augen, die voll glückseliger Tränen standen, blickten ihn schüchtern und mitleidig, freudig und liebevoll an. Nataschas mageres, blasses Gesicht mit den geschwollenen Lippen war mehr als unschön, es sah geradezu entstellt aus. Aber Fürst Andrei sah dieses Gesicht nicht; er sah nur die leuchtenden Augen, die wirklich schön, sehr schön waren. Da hörten sie, daß hinter ihnen gesprochen wurde.

Der Kammerdiener Pjotr, der jetzt seine Schlaftrunkenheit ganz überwunden hatte, hatte den Arzt geweckt. Timochin, der die ganze Zeit über vor Schmerz in seinem Bein nicht hatte schlafen können, hatte schon lange alles, was da vorging, mitangesehen, seine unbekleideten Körperteile sorgsam in das Laken gehüllt und sich auf seiner Bank zusammengekrümmt.

»Was ist denn das?« sagte der Arzt, indem er sich von seinem Lager halb aufrichtete. »Bitte, gehen Sie weg, Fräulein!«

Gleichzeitig klopfte ein Dienstmädchen an die Tür, das von der Gräfin geschickt war, die ihre Tochter vermißt hatte.

Wie eine Nachtwandlerin, die man mitten in ihrem Schlaf aufgeweckt hat, so ging Natascha aus dem Zimmer, und als sie in ihre Stube zurückgekehrt war, sank sie schluchzend auf ihr Lager.

Seit diesem Tag wich Natascha während der ganzen weiteren Reise der Familie Rostow an allen Rastorten und in allen Nachtquartieren nicht von der Seite des verwundeten Bolkonski, und der Arzt mußte zugeben, daß er von einem Mädchen weder eine solche Energie noch eine solche Geschicklichkeit in der Pflege eines Verwundeten erwartet hätte.

So furchtbar auch der Gräfin der Gedanke erschien, Fürst Andrei könne (was nach, dem Urteil des Arztes sehr wahrscheinlich war) während der Reise in den Armen ihrer Tochter sterben, so konnte sie dieser doch nicht entgegen sein. Obgleich bei dem jetzigen nahen Verhältnis zwischen dem verwundeten Fürsten Andrei und Natascha der Gedanke nicht fern lag, es werde im Fall der Genesung das frühere Verlöbnis vielleicht wiederhergestellt werden, sprach doch niemand hierüber, am allerwenigsten Natascha und Fürst Andrei: die Frage, ob Leben oder Tod, die, noch unentschieden, nicht nur über Bolkonski, sondern auch über Rußland schwebte, drängte alle anderen Pläne beiseite.

XXXIII

Pierre wachte am 3. September erst sehr spät auf. Der Kopf tat ihm weh; die Kleider, in denen er, ohne sich auszuziehen, geschlafen hatte, waren ihm am Leib lästig; und in der Seele hatte er das undeutliche Gefühl, am vorhergehenden Tag etwas getan zu haben, dessen er sich schämen müsse. Diese Handlung war das gestrige Gespräch mit Kapitän Ramballe.

Die Uhr zeigte elf; aber draußen schien es noch merkwürdig düster zu sein. Pierre stand auf, rieb sich die Augen, und als er die Pistole mit dem geschnitzten Schaft erblickte, die Gerasim wieder auf den Schreibtisch gelegt hatte, besann er sich, wo er sich befand und was er gerade an diesem Tag vor sich hatte.

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