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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Das Wort »Bräune« wurde mit großem Genuß immer wieder gebraucht.

»Der alte Graf soll sich ja ganz rührend benehmen. Er hat wie ein Kind geweint, als ihm der Arzt sagte, daß die Krankheit gefährlich sei.«

»Oh, das würde ein schrecklicher Verlust sein. Sie ist eine so entzückende Frau.«

»Sie sprechen von der armen Gräfin?« sagte Anna Pawlowna, die zu dieser Gruppe hinzutrat. »Ich habe zu ihr geschickt und mich erkundigen lassen; es wurde mir geantwortet, es ginge ihr ein wenig besser. Oh, sie ist ohne Zweifel die reizendste Frau von der Welt«, fuhr Anna Pawlowna fort und lächelte dabei über ihre eigene Schwärmerei. »Wir gehören ja verschiedenen Parteien an; aber das hindert mich nicht, sie zu achten, wie sie es verdient. Sie ist sehr unglücklich«, fügte Anna Pawlowna hinzu.

Ein unvorsichtiger junger Mann, welcher glaubte, Anna Pawlowna lüfte mit diesen Worten ein ganz klein wenig den Schleier des Geheimnisses, der über der Krankheit der Gräfin liege, erlaubte sich seine Verwunderung darüber auszusprechen, daß sich die Gräfin, statt renommierte Ärzte zu Rate zu ziehen, von einem Scharlatan behandeln lasse, der ihr womöglich gefährliche Mittel gebe.

»Ihre Nachrichten mögen besser sein als die meinigen«, fiel Anna Pawlowna schnell in giftigem Ton über den unerfahrenen jungen Mann her. »Aber ich weiß aus guter Quelle, daß dieser Arzt ein sehr gelehrter, sehr geschickter Mann ist. Er ist der Leibarzt der Königin von Spanien.«

Nachdem Anna Pawlowna auf diese Weise den jungen Mann abgetrumpft hatte, wandte sie sich an Bilibin, der in einer anderen Gruppe über die Österreicher sprach. Er hatte die Stirnhaut in Falten gelegt und war anscheinend gerade dabei, sie wieder glattzuziehen, um etwas Geistreiches zu sagen.

»Ich finde, daß das allerliebst ist«, sagte er mit Bezug auf das diplomatische Schriftstück, mit welchem die von Wittgenstein, dem »Helden von Petersburg« (wie man ihn in dieser Stadt nannte), erbeuteten Fahnen nach Wien geschickt worden waren.

»Was denn? Was meinen Sie?« wandte sich Anna Pawlowna zu ihm und stellte so das erforderliche Stillschweigen her, damit der geistreiche Ausspruch, den sie bereits kannte, das gebührende Gehör finde.

Und Bilibin zitierte wörtlich folgende Stelle aus der von ihm selbst redigierten diplomatischen Depesche:

»Der Kaiser sendet die österreichischen Fahnen zurück, befreundete und verirrte Fahnen, die er abseits vom richtigen Weg gefunden hat.« Als Bilibin zu Ende gesprochen hatte, zog er seine Stirn wieder glatt.

»Allerliebst, allerliebst!« äußerte Fürst Wasili.

»Das heißt vielleicht: auf dem Weg nach Warschau«, bemerkte plötzlich Fürst Ippolit laut.

Alle blickten ihn an, ohne zu verstehen, was er damit sagen wollte. Auch Fürst Ippolit selbst sah mit heiterer Verwunderung umher. Er verstand ebensowenig wie die anderen, was die von ihm gesprochenen Worte bedeuteten. Er hatte während seiner diplomatischen Karriere zu wiederholten Malen die Beobachtung gemacht, daß ein paar in dieser Manier plötzlich hingeworfene Worte für sehr geistreich angesehen wurden, und so hatte er denn aufs Geratewohl diese Worte gesprochen, die ihm gerade in den Mund gekommen waren. »Vielleicht kommt es sehr geistreich heraus«, dachte er; »und wenn nicht, so werden die andern da schon wissen, es sich zurechtzulegen.« Gerade in dem Augenblick aber, als ein unbehagliches Stillschweigen herrschte, trat jene nicht patriotisch genug gesinnte Persönlichkeit ein, auf welche Anna Pawlowna zum Zweck eines Bekehrungsversuches wartete; Anna Pawlowna drohte dem Fürsten Ippolit lächelnd mit dem Finger, lud den Fürsten Wasili ein, an den Tisch zu kommen, stellte ihm zwei Kerzen zurecht, legte ihm ein beschriebenes Blatt hin und bat ihn anzufangen. Alles wurde still.

»Allergnädigster Kaiser und Herr!« las Fürst Wasili in strengem Ton und warf einen Blick auf sein Publikum, wie wenn er fragen wollte, ob jemand etwas hiergegen zu bemerken habe. Aber es bemerkte niemand etwas hiergegen. »Die erste Residenzstadt Moskau, das neue Jerusalem, wird ihren Gesalbten empfangen« (er legte auf einmal einen starken Ton auf das Wort »ihren«), »wie eine Mutter ihre treuen Söhne in ihre Arme schließt, und durch die hereingebrochene Finsternis den glänzenden Ruhm deiner Herrschaft vorherschauend, singt sie voll Entzücken: Hosianna, gelobt sei, der da kommt!«

Fürst Wasili sprach diese letzten Worte in weinerlichem Ton.

Bilibin betrachtete aufmerksam seine Nägel, und viele der Zuhörer zeigten eine ängstliche Verlegenheit, wie wenn sie fragen wollten, was sie denn eigentlich begangen hätten. Anna Pawlowna flüsterte schon im voraus, wie ein altes Weib beim Abendmahlsgebet, die darauffolgenden Worte: »Mag auch der übermütige, freche Goliath …«

Fürst Wasili fuhr fort:

»Mag auch der übermütige, freche Goliath die Schrecken des Todes von Frankreichs Grenzen nach den Gauen Rußlands tragen: der demütige Glaube, diese Schleuder des russischen David, wird unversehens seinem blutdürstigen Stolz das Haupt zerschmettern. Dieses Bild des heiligen Sergius, der von alters her das Wohl unseres Vaterlandes behütet hat, bringen wir Eurer Kaiserlichen Majestät dar. Es ist mir ein tiefer Schmerz, daß meine ermattenden Kräfte es mir unmöglich machen, mich an dem Anblick Dero huldvollsten Antlitzes zu erquicken. Heiße Gebete sende ich zum Himmel, daß der Allmächtige den Stamm der Gerechten erhöhen und Euer Majestät Wünsche zum Heile erfüllen möge.«

»Welch eine Kraft! Welch ein Stil!« riefen die Zuhörer; das Lob galt dem Verfasser und dem Vorleser.

Von diesem Schreiben begeistert, redeten Anna Pawlownas Gäste noch lange von der Lage des Vaterlandes und stellten allerlei Vermutungen über den Ausgang der Schlacht auf, die in diesen Tagen geliefert werden mußte.

»Sie werden sehen«, sagte Anna Pawlowna, »daß wir morgen, am Geburtstag des Kaisers, Nachricht erhalten. Ich habe eine gute Ahnung.«

II

Anna Pawlownas Ahnung ging wirklich in Erfüllung. Am folgenden Tag, während des Gottesdienstes, der anläßlich des Geburtstages des Kaisers im Palais stattfand, wurde Fürst Wolkonski aus der Kirche herausgerufen und ihm ein Brief des Fürsten Kutusow übergeben. Es war der Bericht, den Kutusow am Tag der Schlacht in Tatarinowa geschrieben hatte. Kutusow meldete, die Russen seien keinen Schritt zurückgewichen; die Franzosen hätten weit größere Verluste gehabt als wir; er berichte dies in Eile vom Schlachtfeld, noch ehe er die letzten Nachrichten habe sammeln können. Somit war es ein Sieg. Und sogleich, noch vor dem Verlassen des heiligen Raumes, wurde dem Schöpfer für seine Hilfe und für den Sieg Dank gesagt.

Anna Pawlownas Ahnung war in Erfüllung gegangen, und in der Stadt herrschte den ganzen Vormittag über eine frohe Feststimmung. Alle betrachteten den Sieg als feststehende Tatsache, und manche redeten sogar schon von der Gefangennahme des Kaisers Napoleon selbst, von seiner Absetzung und der Wahl eines neuen Oberhauptes für Frankreich.

Fern vom Kriegsschauplatz und in dem ganzen Milieu des Hoflebens können die Ereignisse nicht leicht mit ihrer gesamten Wucht und Kraft wirken. Unwillkürlich gruppieren die Ereignisse von allgemeiner Bedeutung sich um irgendeine zufällige Einzelheit. So bildete jetzt die Hauptfreude der Hofgesellschaft in gleichem Maße unser Sieg und der Umstand, daß die Nachricht von diesem Sieg gerade am Geburtstag des Kaisers eingetroffen war. Das war gewissermaßen eine wohlgelungene Geburtstagsüberraschung. In Kutusows Bericht war auch von den russischen Verlusten die Rede, und es waren darunter Tutschkow, Bagration und Kutaisow genannt. Und auch die traurige Seite des großen Ereignisses gruppierte sich in den Kreisen der Petersburger Gesellschaft unwillkürlich um ein einzelnes Ereignis: den Tod Kutaisows. Alle hatten ihn gekannt, der Kaiser hatte ihn gern gemocht, er war ein junger, interessanter Mann gewesen. Wenn sich zwei an diesem Tag trafen, so lautete die ersten Worte stets:

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