Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
»Du Holzklotz! Du Bösewicht!« schrie die Frau grimmig, und ihr Schluchzen brach plötzlich ab. »Du hast kein Herz; mit deinem eigenen Kindchen hast du kein Mitleid. Ein anderer hätte sie aus dem Feuer geholt. Aber du bist ein Holzklotz, kein Mensch und kein Vater. Sie sind ein edler Mensch«, wandte sich die Frau, hastig redend und dabei schluchzend, an Pierre. »Es brannte nebenan, und das Feuer sprang zu uns über. Das Dienstmädchen schrie: ›Es brennt!‹ Eilig rafften wir etwas von unseren Sachen zusammen. So wie wir waren, stürzten wir aus dem Haus. Da liegt das, was wir noch fassen konnten: die Bilder der Heiligen und mein Aussteuerbett; alles andere ist verloren! Ich griff nach den Kindern, da war meine kleine Katja nicht da! Oooh! O Gott …!« Sie schluchzte wieder los. »Mein liebes Kindchen! Sie ist verbrannt, ist verbrannt!«
»Wo ist sie denn zurückgeblieben? Wo?« fragte Pierre.
An dem Ausdruck seines lebhafter werdenden Gesichtes merkte die Frau, daß sie von diesem Mann Hilfe erhoffen konnte.
»Väterchen, bester Herr!« rief sie und faßte ihn an die Beine. »Sie mein Wohltäter, verschaffen Sie wenigstens meinem Herzen Ruhe … Aniska, du garstiges Geschöpf, geh und zeig den Weg!« rief sie dem Dienstmädchen zu; in ihrer zornigen Erregung öffnete sie den Mund sehr weit und ließ durch diese Bewegung ihre langen Zähne noch weiter sichtbar werden.
»Zeig mir den Weg, zeig mir den Weg; ich … ich will tun, was ich kann«, sagte Pierre hastig und mit stockendem Atem.
Das schmutzige Dienstmädchen kam von ihrem Kasten herbei, steckte ihren Zopf auf und ging seufzend mit ihren plumpen, nackten Füßen auf dem Fußsteig voran. Pierre war auf einmal gleichsam aus einer schweren Betäubung wieder zum Leben erwacht. Er reckte den Kopf höher; seine Augen leuchteten mit einem frischen Glanz auf, und mit schnellen Schritten ging er hinter dem Dienstmädchen her, holte sie ein und betrat die Powarskaja-Straße. Über der ganzen Straße lagerte eine schwarze Rauchwolke. Stellenweise schlugen züngelnde Flammen aus dieser Wolke hervor. Ein dichter Haufe Volks drängte sich vor der Brandstätte. Mitten auf der Straße stand ein französischer General und sagte etwas zu denen, die ihn umgaben. Von dem Mädchen geleitet, gelangte Pierre nahe an die Stelle heran, wo der General stand; aber französische Soldaten hielten ihn zurück.
»Hier geht’s nicht durch!« schrie einer von ihnen ihm zu.
»Kommen Sie hier, Onkelchen«, rief das Mädchen; »wir wollen durch die Seitengasse bei Nikolins durchgehen.«
Pierre kehrte um und folgte ihr, mitunter in Sprüngen, um ihr nachzukommen. Das Mädchen rannte die Straße entlang, wendete sich nach links in eine Seitengasse, lief an drei Häusern vorbei und wendete sich dann nach rechts in einen Torweg.
»Jetzt sind wir gleich da«, sagte sie.
Sie lief über den Hof, öffnete ein Pförtchen in einem Bretterzaun und wies, stehenbleibend, ihrem Begleiter ein kleines hölzernes Nebengebäude, das in vollen Flammen stand. Die eine Seite desselben war eingestürzt, die andere brannte, und das Feuer schlug hell aus den Fensteröffnungen und aus dem Dach hervor.
Als Pierre durch das Pförtchen getreten war, schlug ihm eine solche Gluthitze entgegen, daß er unwillkürlich stehenblieb.
»Welches … welches ist euer Haus?« fragte er.
»O-o-ch!« heulte das Mädchen und wies auf das Nebengebäude. »Das da, das da war unsere Wohnung. Du bist verbrannt, unser Schätzchen! Katja, mein liebes Goldkind, o-och!« heulte Aniska beim Anblick des Brandes los, da sie es für notwendig hielt, auch ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen.
Pierre näherte sich dem Nebengebäude; aber die Hitze war so stark, daß er unwillkürlich einen Bogen um dasselbe beschrieb und sich nun neben einem großen Haus befand, das erst an einer Seite, am Dach, brannte und um welches herum es von Franzosen wimmelte. Pierre begriff zunächst nicht, was diese Franzosen machten, die etwas schleppten; aber als er einen Franzosen vor sich sah, der einen Russen niederen Standes mit der flachen Klinge des Seitengewehrs schlug und ihm einen Fuchspelz wegnahm, da ging ihm eine Ahnung auf, daß hier geraubt und geplündert wurde; aber er hatte keine Zeit, bei diesem Gedanken länger zu verweilen.
Das Krachen und Poltern der einstürzenden Wände und Decken, das Knistern und Zischen der Flammen, das erregte Geschrei der Volksmenge, der Anblick der in steter Bewegung begriffenen, teils schwarzen, sich dicht zusammenballenden, teils hellen aufflatternden Rauchwolken, der leuchtenden Feuerfunken und der hier roten, kompakten, garbenförmigen, dort goldenen Schuppen gleichenden, an den Wänden umherspielenden Flammen, die Empfindung der Hitze und des Rauchs und der Schnelligkeit der Vorgänge: dies alles versetzte Pierre in jene Erregung, die eine Feuersbrunst gewöhnlich hervorruft. Diese Wirkung war bei Pierre deswegen besonders stark, weil er sich jetzt auf einmal beim Anblick dieses Brandes von den Gedanken befreit fühlte, die ihn noch soeben schwer bedrückt hatten. Er fühlte sich jung, heiter, beweglich und energisch. Er war um das Nebengebäude herum nach der Seite gelaufen, die nach dem Haus zu gelegen war, und wollte schon in denjenigen Teil desselben eindringen, der noch stand, als gerade über seinem Kopf mehrere Personen etwas schrien und unmittelbar darauf das krachende Aufschlagen eines schweren Gegenstandes ertönte, der neben ihm niederfiel.
Pierre blickte um sich und sah in den Fenstern des Hauses Franzosen, die einen Kommodenkasten hinausgeworfen hatten, der mit Metallgegenständen angefüllt war. Andere französische Soldaten, die unten standen, traten zu dem Kasten hin.
»Na, was will denn der hier noch?« schrie einer der Franzosen Pierre an.
»Es ist ein Kind in diesem Haus. Habt ihr hier kein Kind gesehen?« sagte Pierre französisch.
»Was redet der denn noch lange? Scher dich fort!« riefen andere, und einer der Soldaten, der offenbar fürchtete, Pierre könnte sich einfallen lassen, ihnen die Silber- und Bronzesachen, die in dem Kasten waren, wegzunehmen, trat in drohender Haltung auf ihn zu.
»Ein Kind?« schrie der Franzose von oben. »Ich habe im Garten etwas plärren gehört. Vielleicht ist es dem sein Bengel gewesen. Man muß sich doch auch menschlich zeigen. Wir sind ja alle Menschen …«
»Wo ist das Kind? Wo ist es?« fragte Pierre.
»Da! Da!« schrie ihm der Franzose aus dem Fenster zu und zeigte nach dem Garten, der hinter dem Haus lag. »Warten Sie, ich werde herunterkommen.«
Und wirklich sprang eine Minute darauf der Franzose, ein schwarzäugiger junger Kerl mit einem eigenartigen Fleck auf der Wange, nur in Hemd und Hose aus einem Fenster des Erdgeschosses heraus, klopfte Pierre auf die Schulter und lief mit ihm nach dem Garten.
»Sputet euch, ihr da!« rief er seinen Kameraden zu. »Es fängt an heiß zu werden.«
Nachdem der Franzose mit Pierre hinter das Haus gelaufen war, wo sie auf einen mit Sand bestreuten Weg kamen, zupfte er seinen Begleiter am Arm und zeigte nach einem Rondell. Unter einer Bank lag ein dreijähriges Mädchen in einem rosa Kleid.
»Da ist Ihr Bengel. Ah, es ist ein kleines Mädchen; na, auch gut«, sagte der Franzose. »Auf Wiedersehen, Dicker. Man muß doch auch menschenfreundlich sein. Wir sind alle sterblich, nicht wahr?« Und der Franzose mit dem Fleck auf der Wange lief zu seinen Kameraden zurück.
Fast atemlos vor Freude eilte Pierre zu der Kleinen hin und wollte sie auf den Arm nehmen. Aber als das skrofulöse, der Mutter ähnliche, unangenehm aussehende Kind den fremden Mann erblickte, schrie es auf und versuchte wegzulaufen. Pierre jedoch ergriff es und hob es auf den Arm; die Kleine kreischte wütend und verzweifelt auf und suchte mit ihren kleinen Händchen Pierres Arme von ihrem Körper loszureißen und mit ihrem rotzigen Mund hineinzubeißen. Pierre wurde von einem Gefühl des Schreckens und des Ekels ergriffen, ähnlich dem Gefühl, das er bei der Berührung mancher kleinen Tiere zu empfinden pflegte. Aber er überwand sich, um das Kind nicht niederzusetzen und dazulassen, und lief mit ihm zu dem großen Haus zurück. Aber auf demselben Weg konnte er nicht mehr zurückkehren: das Dienstmädchen Aniska war nicht mehr da. Mit einem aus Mitleid und Ekel gemischten Gefühl das Kind, das jämmerlich schluchzte und sich naß gemacht hatte, möglichst zart an sich drückend, lief er durch den Garten, um einen andern Ausgang zu suchen.