Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Einige Tage vor der Schlacht bei Borodino erhielt Nikolai die nötigen Gelder und Papiere und fuhr, nachdem er seine Husaren vorausgeschickt hatte, mit der Post nach Woronesch.
Nur wer so etwas persönlich durchgemacht hat, d.h. mehrere Monate ohne Unterbrechung in der Atmosphäre des militärischen, kriegerischen Lebens verbracht hat, nur der kann das Wonnegefühl begreifen, das Nikolai durchströmte, als er allmählich aus dem Umkreis hinausgelangte, bis zu welchem die Truppen mit ihren Furagerequisitionen, ihren Proviantfuhren und ihren Lazaretten reichten. Als er in Gegenden kam, wo es keine Soldaten, keine Trainwagen, keine schmutzigen Spuren von Feldlagern gab, und die Dörfer mit den Bauern und Bauernfrauen sah und die Gutshäuser und die Felder mit weidendem Vieh und die Stationshäuser mit den verschlafenen Posthaltern, da empfand er eine solche Freude, wie wenn er dies alles zum erstenmal sähe. Worüber er sich aber besonders lange wunderte und freute, das waren die Frauen, junge, gesunde Frauen, die nicht eine jede ein Dutzend courschneidender Offiziere um sich hatten, sondern sich freuten und sich geschmeichelt fühlten, wenn der durchreisende Offizier mit ihnen scherzte.
In heiterster Gemütsstimmung langte Nikolai bei Nacht in einem Gasthof in Woronesch an und bestellte sich allerlei, was er bei der Armee lange hatte entbehren müssen. Am andern Tag rasierte er sich hübsch sauber, zog die Paradeuniform an, die er seit geraumer Zeit nicht getragen hatte, und fuhr zu den Behörden, um sich zu melden.
Der Landwehrkommandeur war ein Zivilbeamter mit Generalsrang, ein alter Herr, der offenbar an seiner jetzigen militärischen Stellung und Tätigkeit sein Vergnügen hatte. Er empfing Nikolai ärgerlich, da er der Ansicht war, hierin bestehe das militärische Wesen, und richtete mit großer Wichtigtuerei eine Menge Fragen an ihn, als ob er ein Recht dazu besäße und als stände es ihm zu, billigend und tadelnd den gesamten Gang der Kriegführung zu kritisieren. Aber Nikolai war so heiter und vergnügt, daß er sich darüber nur amüsierte.
Vom Landwehrkommandeur fuhr er zum Gouverneur. Der Gouverneur war ein kleiner, lebhafter Mann, sehr freundlich und von schlichtem, einfachem Wesen. Er bezeichnete Nikolai die Gestüte, in denen er Pferde bekommen konnte, empfahl ihm einen Pferdehändler in der Stadt sowie einen Gutsbesitzer zwanzig Werst von der Stadt entfernt, bei denen gute Pferde zu finden seien, und erklärte sich zu jeder Hilfe bereit.
»Sind Sie ein Sohn des Grafen Ilja Andrejewitsch? Meine Frau war mit Ihrer Frau Mutter sehr befreundet. Donnerstags pflegen wir Gäste bei uns zu sehen; heute ist gerade Donnerstag; bitte, besuchen Sie uns doch ganz ohne Umstände«, sagte der Gouverneur, als Nikolai sich empfahl.
Sofort nachdem er vom Gouverneur zurück war, nahm Nikolai sich einen Postwagen, setzte sich mit seinem Wachtmeister hinein und fuhr zwanzig Werst weit nach dem Gestüt zu dem Gutsbesitzer. In dieser ersten Zeit seines Aufenthaltes in Woronesch erschien ihm alles leicht ausführbar und vergnüglich, und es ging auch, wie das so zu sein pflegt, wenn man selbst guter Laune ist, alles gut und glücklich vonstatten.
Der Gutsbesitzer, zu welchem Nikolai fuhr, war ein alter Junggeselle, früherer Kavallerist, Pferdekenner, Jäger, Besitzer wundervoller Pferde, einer Teppichfabrik und eines hübschen Vorrates von hundertjährigem Gewürzbranntwein und altem Ungarwein.
Nach ganz kurzer Verhandlung kaufte Nikolai für sechstausend Rubel siebzehn auserlesene Hengste, als Renommierstücke seiner Remonte, wie er sich ausdrückte. Nachdem er dort zu Mittag gespeist und ein bißchen viel von dem Ungarwein getrunken hatte, küßte er sich herzlich mit dem Gutsbesitzer, mit dem er schon auf du und du stand, und fuhr auf dem schauderhaften Weg in vergnügtester Stimmung zurück, wobei er den Postknecht fortwährend zu schnellem Fahren antrieb, um zu der Abendgesellschaft beim Gouverneur noch zur rechten Zeit zu kommen.
Nachdem er sich kaltes Wasser über den Kopf gegossen, sich umgekleidet und sich parfümiert hatte, erschien er beim Gouverneur zwar etwas spät, aber mit der üblichen Redensart: »Besser spät als gar nicht.«
Es war kein Ball, und es war auch nicht vorher angekündigt, daß getanzt werden würde; aber alle wußten, daß Katerina Petrowna auf dem Klavier Ekossaisen und Walzer spielen und man danach tanzen werde, und alle waren, da sie darauf gerechnet hatten, in Balltoilette erschienen.
Das Leben in dieser Provinzstadt war im Jahre 1812 genau das gleiche wie sonst immer, nur mit dem Unterschied, daß es infolge der Anwesenheit vieler reicher Familien aus Moskau reger und munterer war und daß, wie in allem, was damals in Rußland vorging, sich auch hierin eine eigene Art von flottem Schwung bemerkbar machte, eine Neigung, alles auf die leichte Schulter zu nehmen, und dann noch mit dem Unterschied, daß die alltäglichen Gespräche, die zu führen den Menschen ein Bedürfnis ist und die sich früher um das Wetter und um gemeinsame Bekannte gedreht hatten, jetzt von Moskau, dem Heer und Napoleon handelten.
Die Gesellschaft, die sich bei dem Gouverneur zusammengefunden hatte, war die feinste von Woronesch.
Es waren viele Damen da, auch einige, die Nikolai von Moskau her kannte; an Männern war aber niemand anwesend, der mit dem Ritter des Georgskreuzes, mit dem Remonte-Husarenoffizier und zugleich mit jenem gutherzigen, wohlerzogenen Grafen Rostow irgendwie hätte konkurrieren können. Unter den Männern befand sich ein gefangener italienischer Offizier der französischen Armee; und Nikolai hatte die Empfindung, daß die Anwesenheit dieses Gefangenen seine eigene Bedeutung als russischer Held noch mehr erhöhte. Dieser Italiener war gewissermaßen eine Siegestrophäe. Und Nikolai hatte nicht nur selbst diese Empfindung, sondern es schien ihm auch, daß alle andern den Italiener mit gleichen Gedanken ansahen. Nikolai benahm sich gegen diesen Offizier freundlich, jedoch mit Würde und Zurückhaltung.
Sobald Nikolai in seiner Husarenuniform eingetreten war, einen Geruch nach Parfüm und Wein verbreitet und die Redensart »Besser spät als gar nicht« mehrmals selbst gebraucht und mehrmals von andern gehört hatte, umringte man ihn von allen Seiten, alle Blicke richteten sich auf ihn, und er hatte gleich von vornherein das Gefühl, daß er die Stellung des allgemeinen Lieblings einnahm, eine Stellung, die ihm ja in einer Provinzstadt gebührte und die ihm stets erwünscht war, jetzt aber nach der langen Entbehrung geradezu einen berauschenden Genuß gewährte. Nicht nur auf den Stationen, in den Herbergen und in der Teppichfabrik des Gutsbesitzers hatte es weibliche Wesen in dienender Stellung gegeben, die sich durch seine Aufmerksamkeiten geschmeichelt fühlten, sondern auch hier auf der Abendgesellschaft des Gouverneurs war, wie es Nikolai vorkam, eine große, große Menge jugendlicher Frauen und hübscher Mädchen anwesend, die mit Ungeduld nur darauf warteten, daß Nikolai ihnen seine Beachtung zuwende. Die Frauen und Mädchen kokettierten mit ihm, und die alten Herrschaften beschäftigten sich gleich von diesem ersten Tag an mit Überlegungen, wie sie diesen flotten Schlingel von Husar mit einer Frau versorgen und zu einem gesetzten Mann machen könnten. Zu diesen letzteren gehörte die Frau des Gouverneurs selbst, welche den jungen Rostow wie einen nahen Verwandten empfing und ihn mit »Nikolai« und »du« anredete.
Katerina Petrowna begann wirklich Ekossaisen und Walzer zu spielen, und man fing an zu tanzen. Hierbei versetzte Nikolai die gesamte Gesellschaft dieser Provinzler durch seine Gewandtheit in noch größeres Entzücken. Er erregte sogar das Erstaunen aller durch seine eigenartig lässige Manier zu tanzen. Nikolai war selbst einigermaßen verwundert über die Art, in der er an diesem Abend tanzte. In Moskau hatte er nie so getanzt und würde eine so übermäßig lässige Manier zu tanzen sogar für unpassend und unfein gehalten haben; hier aber fühlte er das Bedürfnis, alle Anwesenden durch etwas Ungewöhnliches in Erstaunen zu versetzen, was sie für den üblichen Brauch der Residenzen halten sollten, der ihnen in der Provinz noch unbekannt geblieben sei.