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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Ich mag nicht mehr. Ist Timochin da?« fragte er.

Timochin kroch auf der Bank näher zu ihm heran.

»Hier bin ich, Euer Durchlaucht.«

»Wie steht es mit der Wunde?«

»Mit meiner? Leidlich. Aber Sie?«

Fürst Andrei überließ sich wieder seinen Gedanken, als ob er sich auf etwas besinnen wollte.

»Kann ich nicht ein Buch bekommen?« fragte er.

»Was für ein Buch?«

»Das Evangelium. Ich habe keins.«

Der Arzt versprach, ihm eines zu beschaffen, und befragte den Fürsten eingehend über sein Befinden. Fürst Andrei antwortete mit Widerstreben, aber vernünftig auf alle Fragen des Arztes und sagte dann, sie sollten ihm eine Polsterrolle unterlegen; so sei es ihm unbequem und mache ihm großen Schmerz. Der Arzt und der Kammerdiener hoben den Mantel in die Höhe, mit dem er zugedeckt war; die Stirn runzelnd infolge des starken Geruches des faulenden Fleisches, den die Wunde verbreitete, besahen sie diese furchtbare Stelle des Körpers. Der Arzt war mit irgend etwas sehr unzufrieden, änderte etwas ab und drehte den Verwundeten herum, wobei dieser wieder aufstöhnte, vor Schmerz das Bewußtsein verlor und zu phantasieren begann. Er redete immer davon, man solle ihm recht schnell jenes Buch beschaffen und dort unterlegen.

»Das macht euch doch keine Mühe!« sagte er. »Ich habe keins; bitte, besorgt es mir doch; legt es mir einen Augenblick unter«, bat er in kläglichem Ton.

Der Arzt ging auf den Flur hinaus, um sich die Hände zu waschen.

»Ach, was seid ihr für gewissenlose Menschen, weiß Gott!« sagte der Arzt zu dem Kammerdiener, der ihm Wasser über die Hände goß. »Da habe ich bloß mal einen Augenblick nicht hingesehen, und gleich … Er muß ja solche Schmerzen haben, daß ich mich wundere, wie er sie überhaupt aushält.«

»Aber wir haben ihm doch etwas untergelegt, mein Gott, mein Gott!« erwiderte der Kammerdiener.

Als Fürst Andrei an diesem Tag zum erstenmal das Bewußtsein erlangt hatte, war er darüber ins klare gekommen, wo er sich befand und was mit ihm vorging, und hatte sich erinnert, daß er verwundet war, und hatte, als der Wagen in Mytischtschi hielt, den Wunsch ausgesprochen, in das Haus gebracht zu werden. Dann hatte er infolge des Schmerzes beim Hereintragen wieder die Besinnung verloren, war zum zweitenmal in der Stube zu sich gekommen, hatte Tee getrunken, sich abermals in Gedanken alles, was mit ihm vorgegangen war, wiederholt und sich mit besonderer Lebhaftigkeit jenen Augenblick auf dem Verbandsplatz vergegenwärtigt, als ihm beim Anblick der Leiden eines von ihm nicht geliebten Mannes jene neuen, glückverheißenden Gedanken gekommen waren. Und diese Gedanken, obgleich in undeutlicher, unbestimmter Form von neuem auftauchend, hatten nun wieder von seiner Seele Besitz ergriffen. Er hatte sich erinnert, daß er jetzt ein neues Glück besaß und daß dieses Glück manches mit dem Evangelium gemein hatte. Deshalb hatte er um das Evangelium gebeten. Aber die üble Lage, die man seiner Wunde gegeben hatte, und das neue Herumdrehen hatten seine Gedanken wieder in Verwirrung gebracht; und als er zum drittenmal wieder zu sich kam, war es schon tiefe Nacht. Alle um ihn herum schliefen. Auf der andern Seite des Flures zirpte ein Heimchen; auf der Straße schrie und sang jemand; die Schaben liefen raschelnd auf dem Tisch, an den Heiligenbildern und an den Wänden hin; eine dicke Fliege stieß mitunter im Flug an sein Kopfkissen und kreiste um das Talglicht, das neben ihm stand und mit einer großen Schnuppe brannte.

Sein Geist befand sich nicht in normalem Zustand. Der gesunde Mensch umfaßt gewöhnlich mit seiner Denkkraft, mit seinem Empfinden, mit seinem Gedächtnis gleichzeitig eine zahllose Menge von Gegenständen; aber er besitzt die Macht und Fähigkeit, eine einzelne bestimmte Reihe von Gedanken oder Erscheinungen auszuwählen und auf diese Reihe seine ganze Aufmerksamkeit zu konzentrieren. Der gesunde Mensch reißt sich im Augenblick des tiefsten Nachdenkens davon los, um einem Eintretenden ein höfliches Wort zu sagen, und kehrt dann wieder zu seinen Gedanken zurück. Aber der Geist des Fürsten Andrei befand sich in dieser Hinsicht nicht in normalem Zustand. Alle seine geistigen Kräfte waren tätiger und klarer als je; aber sie wirkten unabhängig von seinem Willen. Die verschiedenartigsten Gedanken und Vorstellungen erfüllten ihn gleichzeitig. Manchmal begann sein Denken plötzlich zu arbeiten, und zwar mit einer Energie, Klarheit und Tiefe, mit der es in gesunden Tagen nie zu arbeiten imstande gewesen war; aber auf einmal brach es mitten in seiner Arbeit ab, indem irgendeine unerwartete Vorstellung an seine Stelle trat, und Fürst Andrei besaß dann nicht die Kraft, zu dem ersten Gedanken zurückzukehren.

»Ja, es hat sich mir ein neues Glück erschlossen, das dem Menschen nicht entrissen werden kann«, dachte er, während er in der halbdunklen, stillen Stube lag und mit fieberhaft weitgeöffneten, starren Augen vor sich hin blickte. »Ein Glück, das außerhalb der materiellen Kräfte liegt, außerhalb der materiellen, äußeren Einwirkungen auf den Menschen, ein Glück der Seele allein, das Glück der Liebe! Begreifen kann dieses Glück jeder Mensch; aber es erschaffen und vorschreiben, das konnte nur Gott allein. Aber wie hat Gott dieses Gesetz vorgeschrieben? Und warum gerade der Sohn …?«

Plötzlich aber riß dieser Gedankengang ab, und Fürst Andrei hörte (ohne daß er gewußt hätte, ob er es nur in seinen Fieberphantasien oder in Wirklichkeit hörte) eine Art von leiser, flüsternder Stimme, die unablässig im Takt wiederholte: »Pitti-pitti-pitti«, und dann: »i ti-ti«, und wieder »i pitti-pitti-pitti«, und wieder: »i ti-ti.« Und damit gleichzeitig fühlte Fürst Andrei wie bei den Tönen dieser flüsternden Musik über seinem Gesicht, gerade über der Mitte, sich ein seltsames, lustiges Gebäude aus dünnen Nadeln oder Spänchen erhob. Er fühlte, daß er, obgleich es ihm schwer wurde, sorgsam das Gleichgewicht bewahren müsse, damit das Bauwerk, das da emporwuchs, nicht zusammenstürze; aber es stürzte trotzdem zusammen und erhob sich dann langsam wieder bei den Klängen der gleichmäßig flüsternden Musik. »Es dehnt sich! Es dehnt sich! Es dehnt sich aus und wächst immer mehr«, sagte Fürst Andrei zu sich selbst. Und gleichzeitig damit, daß er dieses Flüstern hörte und fühlte, wie das Gebäude aus Nadeln immer breiter und höher wurde, sah Fürst Andrei in einzelnen Augenblicken auch die von einem roten Hof umgebene Flamme des Talglichts und hörte das Rascheln der Schaben und das Summen der Fliege, die gegen das Kopfkissen und gegen sein Gesicht prallte. Und jedesmal, wenn die Fliege sein Gesicht berührte, rief sie dort ein Gefühl des Brennens hervor; gleichzeitig aber wunderte er sich darüber, daß die Fliege mitten in den Bereich des Gebäudes hineinstürmte, das sich auf seinem Gesicht erhob, dieses jedoch dabei nicht in Trümmer fiel. Außerdem aber war da noch etwas Wichtiges. Dies war etwas Weißes an der Tür, die Statue einer liegenden Sphinx, die ihn gleichfalls quälte.

»Aber vielleicht ist das mein Hemd auf dem Tisch«, dachte Fürst Andrei, »und dies hier sind meine Beine, und das da die Tür; aber warum dehn: sich alles und wächst in die Höhe, i pitti-pitti-pitti i ti-ti … i pitti-pitti-pitti … Genug, hör auf, bitte, laß doch!« bat Fürst Andrei jemanden ängstlich. Und auf einmal tauchten jener Gedanke und jenes Gefühl wieder mit außerordentlicher Klarheit und Stärke auf.

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