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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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»Leg dich hin, mein Täubchen; leg dich hin, liebes Kind!« sagte die Gräfin und berührte leise mit der Hand Nataschas Schulter. »Leg dich doch hin.«

»Ach ja … Ich will mich gleich hinlegen, jetzt gleich«, erwiderte Natascha und entkleidete sich so hastig, daß sie dabei die Bänder der Unterröcke zerriß.

Nachdem sie die Kleider abgeworfen und die Nachtjacke angezogen hatte, setzte sie sich mit untergeschlagenen Beinen auf das Lager, das auf dem Fußboden zurechtgemacht war, warf ihren kurzen, dünnen Zopf über die Schulter nach vorn und begann ihn umzuflechten. Ihre dünnen, langen, geübten Finger lösten behende den Zopf, flochten ihn dann wieder und steckten ihn auf. Nataschas Kopf drehte sich mit den gewohnten Bewegungen bald nach der einen, bald nach der andern Seite; aber ihre wie im Fieber weitgeöffneten Augen blickten unbeweglich geradeaus. Als sie mit ihrer Nachttoilette fertig war, ließ sie sich sachte auf das Laken nieder, das über das Heu gebreitet war, und zwar am Rand, nahe bei der Tür.

»Leg dich doch in die Mitte, Natascha«, sagte Sonja.

»Ich liege schon hier«, erwiderte Natascha. »Legt ihr euch doch da hin«, fügte sie ärgerlich hinzu und vergrub ihr Gesicht in das Kissen.

Die Gräfin, Madame Schoß und Sonja zogen sich schnell aus und legten sich hin. Nur das Lämpchen vor den Heiligenbildern brannte im Zimmer; aber draußen verbreitete der Brand von Klein-Mytischtschi aus einer Entfernung von zwei Werst her eine ziemliche Helligkeit. Aus der Schenke, die an derselben Straße schräg gegenüberlag und von den Mamonowschen Kosaken übel zugerichtet war, erscholl das wüste nächtliche Geschrei des gemeinen Volkes; dazu hörte man unaufhörlich das Stöhnen des Adjutanten.

Lange horchte Natascha auf die Geräusche, die aus dem Innern des Zimmers und von draußen an ihr Ohr drangen, und rührte sich nicht. Zuerst hörte sie, wie ihre Mutter betete und seufzte, und wie die Bettstelle unter ihr knarrte, ferner das wohlbekannte pfeifende Schnarchen der Madame Schoß und Sonjas leises Atmen. Dann rief die Gräfin Natascha an. Natascha antwortete ihr nicht.

»Sie schläft wohl schon, Mama«, sagte Sonja leise.

Die Gräfin schwieg ein Weilchen und rief dann noch einmal; aber nun antwortete ihr niemand mehr.

Bald darauf hörte Natascha das gleichmäßige Atmen der Mutter. Natascha rührte sich nicht, obgleich ihr kleiner, nackter Fuß, der aus der Bettdecke herausgekommen war, auf dem bloßen Fußboden fror.

Wie wenn es ein Triumphlied über alle anstimmte, begann in einer Ritze ein Heimchen zu zirpen. In der Ferne krähte ein Hahn; in der Nähe antwortete ihm ein anderer. Das Geschrei in der Schenke war verstummt; nur das Stöhnen des Adjutanten war noch ebenso zu hören. Natascha richtete sich halb auf.

»Sonja, schläfst du? Mama!« flüsterte sie.

Niemand antwortete. Natascha stand langsam und vorsichtig auf, bekreuzte sich und schritt behutsam mit ihren schmalen, biegsamen, nackten Sohlen über den schmutzigen, kalten Fußboden. Die Dielen knarrten. Schnell trippelnd lief sie wie ein Kätzchen einige Schritte und ergriff die kalte Türklinke.

Es kam ihr vor, als klopfe etwas Schweres in gleichmäßigen Schlägen gegen alle Wände des Hauses: dies war ihr eigenes Herz, das vor Furcht halbtot war und vor Angst und Liebe zu zerspringen drohte.

Sie öffnete die Tür, schritt über die Schwelle und trat auf den feuchten, kalten Lehmboden des Flures. Die Kälte, die sie umfing, erfrischte sie. Weitertastend berührte sie mit dem nackten Fuß einen schlafenden Menschen, trat über ihn hinweg und öffnete die Tür zu der Stube, in welcher Fürst Andrei lag. In dieser Stube war es dunkel. In der hinteren Ecke, bei einem Bett, in dem etwas lag, stand auf einer Bank ein mit großer Schnuppe brennendes Talglicht.

Schon vom Morgen an, wo sie von der Verwundung des Fürsten Andrei und von seiner Anwesenheit gehört hatte, hatte sie sich gesagt, sie müsse ihn sehen. Sie machte sich nicht klar, zu welchem Zweck dies notwendig sei; aber da sie wußte, daß dieses Wiedersehen schmerzlich sein werde, war sie um so mehr von der Notwendigkeit desselben überzeugt.

Den ganzen Tag über hatte sie nur von der Hoffnung gelebt, daß sie ihn in der Nacht sehen werde. Aber jetzt, da dieser Augenblick herangekommen war, überkam sie eine Angst vor dem, was sie sehen werde. Wie mochte er entstellt sein? Was mochte von ihm übriggeblieben sein? War er so beschaffen, wie man sich den Adjutanten nach seinem nie verstummenden Stöhnen vorstellen mußte? Ja, ganz so, meinte sie, mußte er beschaffen sein. Er war in ihrer Einbildung eine Verkörperung dieses furchtbaren Stöhnens. Als sie in der Ecke eine undeutliche Masse erblickte und seine unter der Bettdecke hochgestellten Knie für seine Schultern nahm, stellte sie sich einen furchtbaren Körper vor und blieb erschrocken stehen. Aber von einer unwiderstehlichen Kraft fühlte sie sich weitergetrieben. Vorsichtig tat sie einen Schritt und noch einen und befand sich nun in der Mitte der kleinen, von Menschen und Sachen ganz angefüllten Stube. Auf der Bank unter den Heiligenbildern lag noch ein anderer Mensch (es war Timochin), und auf dem Fußboden noch zwei andere (dies waren der Arzt und der Kammerdiener).

Der Kammerdiener richtete sich halb auf und flüsterte etwas. Timochin, den sein verwundetes Bein heftig schmerzte, schlief nicht und blickte mit großen Augen auf die seltsame Erscheinung des Mädchens in dem weißen Hemd, der Nachtjacke und der Nachtmütze. Durch die schlaftrunkene, erschrockene Frage des Kammerdieners: »Was wünschen Sie? Warum kommen Sie hierher?« fühlte sich Natascha nur veranlaßt, schneller zu dem hinzugehen, was da in der Ecke lag. Wie entsetzlich entstellt, wie menschenunähnlich dieser Körper auch sein mochte, sie mußte ihn sehen. Sie ging an dem Kammerdiener vorbei; die verbrannte Schnuppe des Talglichtes fiel herab, und sie erblickte deutlich den Fürsten Andrei, der, die Arme auf der Bettdecke ausgestreckt, dalag und ebenso aussah, wie sie ihn immer gesehen hatte.

Er sah ebenso aus wie immer; aber das glühende Gesicht, die glänzenden Augen, die voll Entzücken auf sie gerichtet waren, und besonders der kinderhaft zarte Hals, der aus dem zurückgeschlagenen Hemdkragen herauskam, verliehen ihm ein besonders unschuldiges, kindliches Aussehen, das sie in dieser Weise noch nie an ihm gesehen hatte. Sie trat zu ihm und ließ sich mit einer jugendlich raschen, geschmeidigen Bewegung auf die Knie nieder.

Er lächelte und streckte ihr die Hand entgegen.

XXXII

Sieben Tage waren vergangen, seit Fürst Andrei auf dem Verbandsplatz des Schlachtfeldes von Borodino wieder zu sich gekommen war. Diese ganze Zeit über hatte er sich fast beständig im Zustand der Bewußtlosigkeit befunden. Das starke Fieber und eine Entzündung der verletzten Därme mußten nach Ansicht des Arztes, der mit dem Verwundeten mitfuhr, dessen Tod herbeiführen. Aber am siebenten Tag nahm Fürst Andrei mit Genuß ein Stückchen Brot mit Tee zu sich, und der Arzt konstatierte, daß das Fieber nachgelassen hatte.

Am Morgen war Fürst Andrei zum Bewußtsein gekommen. In der ersten Nacht nach der Abfahrt aus Moskau war es ziemlich warm gewesen, und man hatte den Fürsten Andrei die Nacht über im Wagen belassen; in Mytischtschi aber verlangte der Verwundete selbst, man möchte ihn aus dem Wagen herausnehmen und ihm Tee geben. Der Schmerz, den ihm der Transport in das Bauernhaus verursachte, erpreßte ihm ein lautes Stöhnen und ließ ihn wieder das Bewußtsein verlieren. Als er auf das Feldbett gelegt worden war, lag er lange mit geschlossenen Augen da, ohne sich zu rühren. Dann öffnete er sie und flüsterte leise: »Wie ist es mit dem Tee?« Es überraschte den Arzt, daß der Kranke an solche kleinen Bedürfnisse des Lebens dachte. Er fühlte ihm den Puls und bemerkte zu seinem Erstaunen und Mißvergnügen, daß der Puls besser war. Ein Mißvergnügen empfand er darüber insofern, weil er aufgrund seiner Erfahrung fest überzeugt war, daß Fürst Andrei unter keinen Umständen am Leben bleiben könne und, wenn er jetzt nicht sterbe, nach einiger Zeit nur unter um so größeren Schmerzen sterben werde. Zusammen mit dem Fürsten Andrei wurde auch ein Major seines Regiments transportiert, der sich ihm in Moskau angeschlossen hatte, eben jener Timochin mit der roten Nase; er war in derselben Schlacht bei Borodino am Bein verwundet worden. Mit beiden fuhren der Arzt, der Kammerdiener des Fürsten, sein Kutscher und zwei Burschen. Dem Fürsten Andrei wurde der Tee gebracht. Er trank begierig; mit den fieberhaft glänzenden Augen blickte er vor sich hin nach der Tür, als ob er etwas zu verstehen oder sich an etwas zu erinnern suchte.

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