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Krieg und Frieden

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Krieg und Frieden
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Einer der Offiziersburschen bemerkte im Dunkel der Nacht einen zweiten, kleinen Feuerschein, der ihnen bisher durch einen an der Einfahrt stehenden hohen Kutschwagen verdeckt gewesen war. Einen zweiten: denn ein anderer war schon lange sichtbar gewesen, und alle wußten, daß da Klein-Mytischtschi brannte, das von den Mamonowschen Kosaken angezündet war.

»Seht mal, Leute, da ist noch ein Brand«, sagte der Bursche.

Alle wandten ihre Aufmerksamkeit diesem Feuerschein zu.

»Es hieß ja, die Mamonowschen Kosaken hätten Klein-Mytischtschi in Brand gesteckt.«

»Das soll Klein-Mytischtschi sein? Nein, das ist nicht Klein-Mytischtschi; das ist weiter.«

»Seht nur, gerade als ob es in Moskau wäre.«

Zwei von den Leuten stiegen die Freitreppe herab, gingen um die Kutsche herum und setzten sich da auf den Wagentritt.

»Das ist weiter links, gewiß. Mytischtschi liegt ja dort, und dies ist nach einer ganz andern Seite zu.«

Es gesellten sich noch einige Dienstboten zu den ersten hinzu.

»Sieh mal, wie es aufflammt!« sagte einer. »Das Feuer ist in Moskau, Leute; entweder in der Suschtschewskaja- oder in der Rogoschskaja-Stadt.«

Niemand antwortete auf diese Bemerkung. Eine lange Zeit blickten alle diese Leute schweigend nach der um sich greifenden Flamme des neuen, fernen Brandes hin.

Der alte gräfliche Kammerdiener (so wurde er genannt), Daniil Terentjitsch, trat zu der Menschengruppe hin und rief einen jungen Diener an.

»Was hast du hier zu suchen, Schlingel! Der Graf ruft, und kein Mensch ist da; mach, daß du hinkommst, leg die Kleider zusammen.«

»Ich bin ja nur gelaufen, Wasser holen«, antwortete dieser.

»Was meinen Sie denn, Daniil Terentjitsch? Ob das Feuer wohl in Moskau ist?« fragte einer der Lakaien.

Daniil Terentjitsch antwortete nicht, und lange Zeit herrschte wieder allgemeines Schweigen. Hin und her wogend breitete sich der Feuerschein immer weiter und weiter aus.

»O Gott, erbarme dich …! Der Wind und die Trockenheit …«, sagte wieder jemand.

»Seht nur, wie es wächst! O Gott! Da sieht man ja die Dohlen! Gott sei uns Sündern gnädig!«

»Sie werden es ja wohl löschen.«

»Wer wird es löschen?« sagte auf einmal Daniil Terentjitsch, der bis dahin geschwiegen hatte; er sprach ruhig und langsam. »Es ist Moskau, liebe Brüder, unser liebes Mütterchen.« Die Stimme versagte ihm, und er brach plötzlich in ein greisenhaftes Schluchzen aus.

Und als ob alle nur hierauf gewartet hätten, um zu begreifen, welche Bedeutung dieser Feuerschein für sie hatte, wurden nun auf einmal ringsum Seufzer und betende Ausrufe laut; und dazwischen hörte man den alten gräflichen Kammerdiener schluchzen.

XXXI

Der Kammerdiener ging wieder zurück und berichtete dem Grafen, daß Moskau brenne. Der Graf zog seinen Schlafrock an und ging hinaus, um danach zu sehen. Mit ihm zugleich gingen Sonja und Madame Schoß hinaus, die sich noch nicht ausgezogen hatten. Nur Natascha und die Gräfin blieben im Zimmer. (Petja war nicht mehr bei der Familie; er war bei seinem Regiment, das nach Troiza marschierte.)

Die Gräfin brach in Tränen aus, als sie die Nachricht von dem Brand Moskaus hörte. Natascha, die blaß, mit starren Augen auf der Bank unter den Heiligenbildern saß (auf demselben Fleck, wohin sie sich bei der Ankunft gesetzt hatte), beachtete die Worte des Vaters gar nicht. Sie horchte auf das nie verstummende Stöhnen des Adjutanten, das drei Häuser weit zu hören war.

»Ach, wie furchtbar!« sagte Sonja, die durchfroren und erschrocken vom Hof zurückkam. »Ich glaube, ganz Moskau brennt; es ist ein entsetzlicher Feuerschein! Natascha, sieh nur, jetzt kann man es schon von hier, vom Fenster aus, sehen«, sagte sie zu ihrer Kusine, offenbar in dem Wunsch, sie irgendwie zu zerstreuen.

Aber Natascha blickte sie an, als verstände sie gar nicht, wozu sie aufgefordert worden war, und richtete wieder ihre Augen starr nach der Ofenecke. Sie befand sich in diesem Zustand der Betäubung seit dem Morgen dieses Tages, seit dem Augenblick, wo Sonja, zum Erstaunen und Verdruß der Gräfin, unbegreiflicherweise für nötig gehalten hatte, Natascha davon Mitteilung zu machen, daß Fürst Andrei verwundet sei und sich in dieser ihrer Wagenkolonne befinde. Die Gräfin war auf Sonja so zornig geworden, wie das nur selten bei ihr vorkam. Sonja hatte geweint und um Verzeihung gebeten; jetzt suchte sie gewissermaßen ihre Schuld wiedergutzumachen, indem sie beständig ihrer Kusine Freundliches zu erweisen suchte.

»Sieh nur, Natascha, wie furchtbar es brennt«, sagte Sonja.

»Was brennt?« fragte Natascha. »Ach ja, Moskau.«

Und anscheinend in der Absicht, Sonja nicht durch eine Weigerung zu kränken und möglichst schnell von ihr loszukommen, bog sie ihren Kopf zum Fenster hin und schaute in der Weise irgendwohin, daß sie vom Feuer offenbar nichts sehen konnte; dann setzte sie sich wieder in ihrer früheren Stellung hin.

»Aber du hast es ja nicht gesehen?«

»Doch, wirklich, ich habe es gesehen«, antwortete sie in einem Ton, als bäte sie flehentlich, sie doch in Ruhe zu lassen.

Die Gräfin und Sonja sahen beide klar, daß Natascha gegen Moskau und gegen den Brand von Moskau und gegen alles, was sich begeben mochte, jetzt völlig gleichgültig war.

Der Graf ging wieder hinter die Halbwand und legte sich schlafen. Die Gräfin trat zu Natascha heran, berührte mit dem Handrücken den Kopf derselben, wie sie das zu tun pflegte, wenn ihre Tochter krank war; dann berührte sie ihre Stirn mit den Lippen, als wollte sie feststellen, ob sie Fieber habe, und küßte sie.

»Du bist ja ganz kalt geworden? Du zitterst ja am ganzen Körper? Du solltest dich hinlegen«, sagte sie.

»Hinlegen? Schön, ich werde mich hinlegen. Ich will mich gleich hinlegen«, antwortete Natascha.

Seit Natascha am Morgen dieses Tages erfahren hatte, daß Fürst Andrei schwerverwundet sei und mit ihnen mitfahre, hatte sie nur im ersten Augenblick viele Fragen gestellt: wohin er fahre, wie er verwundet sei, ob gefährlich, und ob sie ihn sehen dürfe. Es war ihr geantwortet worden, sie dürfe ihn nicht sehen, er sei schwer, aber nicht lebensgefährlich verwundet. Sie hatte das, was man ihr sagte, offenbar nicht geglaubt; aber da sie überzeugt war, sie werde, wenn sie auch noch so viel frage, doch immer dieselben Antworten erhalten, hatte sie zu fragen und zu reden aufgehört. Während der ganzen Fahrt hatte Natascha mit großen Augen, deren Ausdruck die Gräfin so gut kannte und so sehr fürchtete, ohne sich zu rühren in der Wagenecke dagesessen, und ebenso saß sie nun jetzt auf der Bank, auf die sie sich bei der Ankunft gesetzt hatte. Die Gräfin wußte, daß Natascha jetzt etwas überlegte, im stillen einen Entschluß faßte oder schon gefaßt hatte; aber was es für ein Entschluß war, das wußte sie nicht, und das ängstigte und quälte sie.

»Natascha, zieh dich aus, mein Kind; leg dich auf mein Bett.« Nur für die Gräfin war ein Bett in einer Bettstelle zurechtgemacht worden; Madame Schoß und die beiden jungen Mädchen mußten auf dem Fußboden auf Heu schlafen.

»Nein, Mama, ich will mich hier auf den Fußboden legen«, erwiderte Natascha ärgerlich, ging zum Fenster und öffnete es.

Das Stöhnen des Adjutanten war bei geöffnetem Fenster noch deutlicher zu hören. Sie steckte den Kopf in die feuchte Nachtluft hinaus, und die Gräfin sah, wie ihr dünner Hals vor Schluchzen zuckte und gegen den Fensterrahmen schlug. Natascha wußte, daß derjenige, der da so stöhnte, nicht Fürst Andrei war. Sie wußte, daß Fürst Andrei unter demselben Dach lag, unter dem sie sich alle befanden, in einer andern Stube auf der andern Seite des Flures; aber doch konnte sie sich bei diesem furchtbaren, unaufhörlichen Stöhnen des Schluchzens nicht erwehren. Die Gräfin wechselte mit Sonja einen Blick.

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