Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Das letzte Erlebnis in Polen endlich, das dem Kapitän noch frisch im Gedächtnis haftete und das er mit lebhaften Gestikulationen und heißem Gesicht erzählte, bestand darin, daß er einem Polen das Leben gerettet hatte (überhaupt waren in den Erzählungen des Kapitäns Lebensrettungen ein immer wiederkehrendes Moment) und dieser Pole ihm seine bezaubernde Gattin, eine Pariserin ihrem ganzen geistigen Wesen nach, anvertraut hatte, während er selbst in französische Dienste getreten war. Der Kapitän war glücklich gewesen; die bezaubernde Polin hatte mit ihm entfliehen wollen; aber von Edelsinn geleitet, hatte der Kapitän dem Gatten die Frau zurückgegeben und dabei zu ihm gesagt: »Ich habe Ihnen das Leben gerettet und rette jetzt Ihre Ehre!« Als der Kapitän diese Worte anführte, wischte er sich die Augen und schüttelte sich, als wollte er sich einer Schwäche erwehren, die ihn bei dieser rührenden Erinnerung überkam.
Während Pierre die Erzählungen des Kapitäns anhörte, ging es ihm, wie das in später Abendzeit und nach Weingenuß nichts Seltenes ist: er folgte allem, was der Kapitän sagte, und verstand alles, verfolgte aber gleichzeitig eine Reihe persönlicher Erinnerungen, die auf einmal aus nicht recht verständlichem Grund vor sein geistiges Auge traten. Und während er die Liebesgeschichten des Franzosen anhörte, mußte er auf einmal, für ihn selbst überraschend, an seine eigene Liebe zu Natascha denken, und indem er im Geist die einzelnen Bilder dieser Liebe sich wieder vergegenwärtigte, verglich er sie im stillen mit Ramballes Erzählungen. Er folgte der Erzählung von dem Kampf des Pflichtgefühls mit der Liebe und glaubte gleichzeitig alle, selbst die kleinsten Einzelheiten seiner letzten Begegnung mit dem Gegenstand seiner Liebe beim Sucharew-Turm vor sich zu sehen. Damals hatte diese Begegnung ihm keinen besonderen Eindruck gemacht; er hatte sogar seitdem nicht ein einziges Mal wieder daran gedacht; aber jetzt schien es ihm, daß diese Begegnung etwas sehr Bedeutsames und Poetisches gehabt habe.
Er glaubte jetzt die Worte zu hören, die sie damals gesprochen hatte: »Pjotr Kirillowitsch, kommen Sie doch her; ich habe Sie erkannt!« Er glaubte ihre Augen vor sich zu sehen und ihr Lächeln und ihr Reisehäubchen und eine Haarsträhne, die sich daraus hervorgestohlen hatte. Und in alledem fand er etwas Zartes, Rührendes.
Als der Kapitän seine Erzählung von der bezaubernden Polin beendet hatte, wandte er sich an Pierre mit der Frage, ob er selbst schon einmal ein ähnliches Gefühl der Selbstaufopferung und des Neides gegen den legitimen Gatten kennengelernt habe.
Durch diese Frage herausgefordert, hob Pierre den Kopf in die Höhe und fühlte das unabweisbare Bedürfnis, die Gedanken, die ihn beschäftigten, auszusprechen; er begann dem Franzosen auseinanderzusetzen, wie er die Liebe zum Weib etwas anders auffasse. Er sagte, daß er sein ganzes Leben lang nur ein einziges weibliches Wesen geliebt habe und noch liebe, und daß dieses Wesen ihm nie angehören könne.
»Ei der Tausend!« sagte der Kapitän.
Dann legte ihm Pierre dar, daß er dieses Mädchen seit dessen frühster Jugend geliebt habe; aber er habe nicht an sie zu denken gewagt, weil sie zu jung gewesen sei und er selbst ein illegitimer Sohn ohne Namen. Später aber, als ihm ein Name und Reichtum zugefallen sei, habe er deswegen nicht gewagt an sie zu denken, weil er sie zu sehr geliebt und zu hoch über alles in der Welt und erst recht über sich selbst gestellt habe.
Als Pierre bis zu diesem Punkt seiner Erzählung gelangt war, richtete er an den Kapitän die Frage, ob er ihn auch wohl verstehe.
Der Kapitän machte eine Gebärde, die besagte: selbst wenn er ihn nicht verstehen sollte, bitte er ihn doch fortzufahren.
»Platonische Liebe, Nebeldunst …«, murmelte er vor sich hin.
War es nun der genossene Wein oder das Bedürfnis, sich offen auszusprechen, oder der Gedanke, daß dieser Mensch keine der handelnden Personen seiner Geschichte kenne oder jemals kennenlernen werde: genug, eines hiervon oder alles zusammen löste Pierre die Zunge. Und mit lispelnder Sprache, die feuchtglänzenden Augen irgendwohin in die Ferne gerichtet, erzählte er seine ganze Geschichte: von seiner Heirat, und von Nataschas Liebe zu seinem besten Freund, und von ihrem Treubruch und von all seinen harmlosen Beziehungen zu ihr. Durch Ramballes Fragen veranlaßt, erzählte er auch, was er anfangs verheimlicht hatte: von seiner Stellung in der Gesellschaft; ja, er nannte dem Kapitän sogar seinen Namen.
Was dem Kapitän in Pierres Erzählung am allermeisten imponierte, das war, daß dieser reich war, zwei Paläste in Moskau besaß, dies alles aber im Stich gelassen hatte und, statt aus Moskau wegzugehen, unter Verheimlichung seines Namens und Standes in der Stadt geblieben war.
Es war schon späte Nacht, als sie beide zusammen auf die Straße hinaustraten. Die Nacht war warm und hell. Links vom Haus leuchtete der Feuerschein des ersten in Moskau ausgebrochenen Brandes, an der Petrowka-Straße. Rechts stand hoch am Himmel die junge Mondsichel, und auf der dem Mond entgegengesetzten Seite hing jener helle Komet, den Pierre in seiner Seele mit seiner Liebe in eine geheimnisvolle Beziehung brachte. Am Tor standen Gerasim, die Köchin und zwei Franzosen. Man hörte ihr Lachen und das Gespräch, das sie miteinander führten, obwohl sie ihre Sprache wechselseitig nicht verstanden. Sie schauten nach dem Feuerschein hin, der über der Stadt sichtbar war.
Der kleine, ferne Brand in der gewaltigen Stadt hatte weiter nichts Besorgniserregendes.
Der Anblick des hohen Sternenhimmels, des Mondes, des Kometen und des Feuerscheins erfüllte Pierres Seele mit freudiger Rührung. »Ah, wie schön das ist! Was will ich noch weiter?« dachte er. Da fiel ihm auf einmal sein Vorhaben ein, und der Kopf wurde ihm schwindlig, eine Schwäche kam über ihn, so daß er sich an den Zaun lehnen mußte, um nicht zu fallen.
Ohne von seinem neuen Freund Abschied zu nehmen, ging Pierre mit unsicheren Schritten vom Tor weg, legte sich, als er in sein Zimmer gekommen war, auf das Sofa und schlief sofort ein.
XXX
Nach dem Feuerschein des ersten, am 2. September ausgebrochenen Brandes blickten die zu Fuß und zu Wagen flüchtenden Einwohner und die sich zurückziehenden Truppen von verschiedenen Wegen aus und mit verschiedenen Empfindungen hin.
Die Rostowsche Wagenkolonne stand in dieser Nacht in Mytischtschi, zwanzig Werst von Moskau entfernt. Sie waren am 1. September erst so spät von Moskau abgefahren und hatten den Weg von Fuhrwerken und Truppen dermaßen versperrt gefunden, und es waren so viele Sachen vergessen worden, nach denen erst noch Leute hatten zurückgeschickt werden müssen, daß die Familie sich dafür entschieden hatte, in dieser Nacht nur fünf Werst von Moskau entfernt zu übernachten. Am andern Morgen waren sie erst spät aufgewacht, und es hatte wieder so viel Aufenthalt gegeben, daß sie nur bis Groß-Mytischtschi kamen. Gegen zehn Uhr quartierten sich die Familie Rostow und die mit ihr zusammen fahrenden Verwundeten sämtlich in den Höfen und Bauernhäusern dieses großen Dorfes ein. Die Dienstboten und Kutscher der Familie Rostow und die Burschen der Verwundeten sorgten zunächst für ihre Herrschaften, aßen dann selbst Abendbrot, fütterten die Pferde und gingen darauf hinaus auf die Freitreppe.
In dem Nachbarhaus lag ein verwundeter Adjutant Rajewskis, dem eine Hand zerschmettert war, und der furchtbare Schmerz, den er auszustehen hatte, zwang ihn, unaufhörlich kläglich zu stöhnen, und dieses Stöhnen klang in der dunklen Herbstnacht geradezu entsetzlich. Die erste Nacht hatte dieser Adjutant in demselben Gutshof zugebracht, wo auch die Familie Rostow übernachtet hatte. Aber die Gräfin hatte gesagt, sie habe wegen dieses Stöhnens kein Auge zutun können, und war in Mytischtschi lieber in das schlechteste Bauernhaus gezogen, um nur etwas weiter von diesem Verwundeten entfernt zu sein.