Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Als er wieder in das Zimmer zurückkehrte, saß Pierre immer noch auf demselben Platz, auf dem er vorher gesessen hatte, den Kopf auf die Arme gestützt. Sein Gesicht drückte einen tiefen Schmerz aus. Er litt wirklich in diesem Augenblick schwer. Als der Kapitän hinausgegangen und Pierre allein geblieben war, hatte er auf einmal wieder seine Gedanken gesammelt und war sich der Lage, in der er sich befand, bewußt geworden. Nicht daß Moskau von den Feinden besetzt war, auch nicht, daß diese glücklichen Sieger in der Stadt die Herren spielten und ihn gönnerhaft behandelten, nicht das war es, was ihn in diesem Augenblick quälte, so schwer er es auch empfand. Was ihn quälte, war das Bewußtsein seiner eigenen Schwäche. Die paar Gläser Wein, die er getrunken hatte, und das Gespräch mit diesem gutherzigen Menschen hatten die düster grübelnde Stimmung zerstört, in der Pierre die letzten Tage verbracht hatte und die zur Ausführung seiner Absicht unumgänglich notwendig war. Die Pistole und der Dolch und der Kaftan waren bereit, und Napoleon hielt morgen seinen Einzug. Pierre hielt die Ermordung des Bösewichtes noch für ebenso nützlich und verdienstvoll wie vorher; aber er fühlte, daß er diese Tat jetzt nicht zur Ausführung bringen werde. Warum, das wußte er nicht; aber er hatte gewissermaßen eine Ahnung, daß er seine Absicht nicht verwirklichen werde. Er kämpfte gegen das Bewußtsein seine Schwäche an, fühlte aber unklar, daß er sie nicht überwinden könne und daß das frühere düstere Gebäude von Gedanken an Rache, Mord und Selbstaufopferung bei der ersten Berührung durch einen beliebigen Menschen wie ein Kartenhaus zusammenfiel.
Der Kapitän trat, leicht hinkend und etwas vor sich hin pfeifend, ins Zimmer.
Das Geplar des Franzosen, das vorher für Pierre amüsant gewesen war, erschien ihm jetzt widerwärtig. Auch das Liedchen, das dieser pfiff, und sein Gang und die Gebärde, mit der er sich den Schnurrbart drehte, alles wirkte jetzt auf Pierre wie eine Beleidigung. »Ich will sofort weggehen und kein Wort mehr mit ihm reden«, dachte Pierre. Er dachte das und blieb trotzdem auf demselben Fleck sitzen. Ein seltsames Gefühl der Schwäche hielt ihn an seinem Platz wie angeschmiedet fest; er wollte aufstehen und fortgehen, konnte es aber nicht.
Der Kapitän dagegen schien sehr vergnügt zu sein. Er ging ein paarmal im Zimmer auf und ab. Seine Augen glänzten, und sein Schnurrbart zuckte leise, als ob er still für sich über einen amüsanten Gedanken lächelte.
»Ein prächtiger Mensch, der Oberst, dieser Württemberger«, sagte er auf einmal. »Er ist ja ein Deutscher, aber ein braver Kerl trotz alledem. Aber freilich ein Deutscher.« (Er setzte sich Pierre gegenüber.) »Apropos, Sie können also Deutsch?«
Pierre sah ihn schweigend an.
»Wie sagt man für asile auf deutsch?«
»Asile?« wiederholte Pierre. »Asile heißt auf deutsch ›Unterkunft‹.«
»Wie sagen Sie?« fragte der Kapitän rasch und mißtrauisch.
»›Unterkunft‹«, sagte Pierre noch einmal.
»›Onterkoff‹«, sprach der Kapitän nach und blickte Pierre einige Sekunden lang mit lachenden Augen an. »Die Deutschen sind armselige Tröpfe! Nicht wahr, Monsieur Pierre?« fragte er.
»Nun, wie ist’s? Noch eine Flasche von diesem Moskauer Bordeaux, nicht wahr? Morel wärmt uns noch ein Fläschchen. Morel!« rief der Kapitän vergnügt.
Morel brachte Kerzen und noch eine Flasche Wein. Der Kapitän betrachtete Pierre jetzt im Hellen und war augenscheinlich betroffen über das verstörte Gesicht desselben. Mit dem Ausdruck aufrichtiger Betrübnis und Teilnahme im Gesicht trat er an Pierre heran und beugte sich über ihn.
»Aber wir sind traurig?« sagte er und berührte Pierres Arm. »Sollte ich Sie irgendwie gekränkt haben? Nein, sagen Sie aufrichtig: haben Sie etwas gegen mich? Oder vielleicht grämen Sie sich über die Lage?«
Pierre gab ihm keine Antwort, sah ihm aber freundlich in die Augen. Dieser Ausdruck von Teilnahme berührte ihn angenehm.
»Mein Ehrenwort! Ganz abgesehen davon, daß ich Ihnen Dank schulde, hege ich eine wahre Freundschaft für Sie. Kann ich etwas für Sie tun? Verfügen Sie ganz über mich. Auf Leben und Tod. Das sage ich Ihnen, Hand aufs Herz«, sagte er und schlug sich auf die Brust.
»Ich danke Ihnen«, erwiderte Pierre.
Der Kapitän sah Pierre prüfend an, ebenso wie er ihn angesehen hatte, als er sich hatte sagen lassen, wie asile auf deutsch hieße, und plötzlich leuchtete sein Gesicht auf.
»Ah, dann trinke ich also auf unsere Freundschaft!« rief er fröhlich und goß zwei Gläser voll Wein.
Pierre nahm das vollgeschenkte Glas und trank es aus. Auch Ramballe leerte das seinige, drückte Pierre noch einmal die Hand und stützte sich in nachdenklicher, melancholischer Haltung mit dem Ellbogen auf den Tisch.
»Ja, mein teurer Freund, das sind die Launen des Schicksals«, begann er. »Wer hätte mir das vorhergesagt, daß ich Soldat und Dragonerkapitän im Dienst Bonapartes sein würde, wie wir ihn ehemals nannten. Und nun bin ich doch mit ihm hier in Moskau. Ich muß Ihnen sagen, lieber Freund«, fuhr er in dem trübseligen, gemessenen Ton jemandes fort, der sich anschickt, eine lange Geschichte zu erzählen, »daß unsere Familie eine der ältesten Frankreichs ist.«
Und mit der leichten, harmlosen Offenherzigkeit des Franzosen erzählte der Kapitän Pierre die Geschichte seiner Vorfahren und vieles aus seiner Kindheit, seiner Jugend und seinem Mannesalter und unterrichtete ihn über seine sämtlichen Verwandtschafts-, Vermögens- und Familienverhältnisse. Selbstverständlich spielte »meine arme Mutter« in dieser Erzählung eine große Rolle.
»Aber alles das ist nur die äußere Szenerie des Lebens; der eigentliche Kern des Lebens ist doch die Liebe! Die Liebe! Nicht wahr, Herr Pierre?« sagte er, lebhaft werdend. »Noch ein Glas!«
Pierre trank wieder aus und goß sich ein drittes Glas ein.
»Oh«, rief der Kapitän, »die Weiber, die Weiber!« Und Pierre mit feuchtschimmernden Augen anblickend, begann er von der Liebe und seinen Liebesabenteuern zu reden.
Diese Abenteuer waren, seiner Darstellung nach, sehr zahlreich gewesen, und das konnte man im Hinblick auf das selbstgefällige, hübsche Gesicht des Offiziers und die schwärmerische Begeisterung, mit der er von den Frauen sprach, auch gern glauben. Zwar trugen alle Liebesgeschichten Ramballes jenen charakteristischen Zug von Unsauberkeit an sich, in welchem die Franzosen den ausschließlichen Reiz und die Poesie der Liebe sehen; aber der Kapitän erzählte seine Geschichten mit einer solchen aufrichtigen Überzeugung davon, daß er allein alle Reize der Liebe erfahren und kennengelernt habe, und schilderte die Frauen in so verlockenden Farben, daß Pierre ihm mit Interesse zuhörte.
Es war offenbar, daß die Liebe, die für den Franzosen eine solche Wichtigkeit besaß, weder jene Liebe einfachster, niedriger Art war, wie sie Pierre einst für seine Frau empfunden hatte, noch auch jene von ihm selbst unterdrückte romantische Liebe, die er für Natascha empfand (diese beiden Arten von Liebe schätzte Ramballe in gleicher Weise gering: die erstere war ihm die Liebe der Fuhrleute, die andere die Liebe der Einfaltspinsel); die Liebe, die der Franzose so hoch schätzte, bestand vornehmlich in einer Verkünstelung der Beziehungen zum Weib und in einer Häufung von Ungeheuerlichkeiten, die nach seiner Ansicht dem Gefühl erst den rechten Reiz gaben.
So erzählte der Kapitän eine rührende Geschichte von seiner Liebe zu einer bezaubernden fünfunddreißigjährigen Marquise und zugleich zu einem entzückenden, unschuldigen siebzehnjährigen jungen Mädchen, der Tochter der bezaubernden Marquise. Der Kampf der Großmut zwischen Mutter und Tochter, der damit geendet hatte, daß die Mutter, sich selbst zum Opfer bringend, ihrem Liebhaber ihre Tochter zur Frau angeboten hatte, versetzte selbst jetzt noch, wo dies eine weit zurückliegende Erinnerung war, den Kapitän in starke Aufregung. Dann erzählte er eine Geschichte, bei der der Gatte die Rolle des Liebhabers und er, der Liebhaber, die Rolle des Gatten gespielt hatte, und einige komische Begebnisse aus seinen souvenirs d’Allemagne, wo die Leute für asile »Unterkunft« sagen und die Ehemänner Sauerkraut essen und die jungen Mädchen gar zu blond sind.