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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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Sie hatten etwas mehr als die Hälfte der Strecke bewältigt, als Bremer ein Geräusch hinter sich hörte. Er wandte im Gehen den Blick und sah eine hochgewachsene Gestalt aus dem Haus treten. Selbst ihrem Schatten war anzusehen, daß sie einen eleganten Anzug trug.

In der rechten Hand des Mannes glomm eine brennende Zigarette. Als er sie zum Mund hob, glühte sie für eine Sekunde auf wie ein vergehender Stern und sank dann wieder zu einem düster roten Glimmen herab. Der Kerl gab sich nicht einmal mehr Mühe, unauffällig zu bleiben. Ganz im Gegenteiclass="underline" Er wollte, daß sie ihn sahen.

Wahrscheinlich hatten die Agenten die ganze Zeit über gewußt, wo sie waren, dachte Bremer düster, und in ihrem gemütlichen Wagen gesessen und sich einen Ast gelacht, während sie unten im Keller hockten und fast erstickten.

Ein zweiter Mann erschien in der Haustür. Der andere schnippte seine Zigarette davon und wartete noch, bis sie funkensprühend auf dem Hof explodiert war. Dann setzten sich beide in Bewegung.

Als sie auf den Hof hinaustraten, schienen sie gleichermaßen mit der Dunkelheit zu verschmelzen, aber an ihrem Ziel bestand kein Zweifel. Und auch nicht daran, daß sie es nicht besonders eilig zu haben schienen. Die Konsequenz, die sich aus dieser Erkenntnis ergab, war nicht besonders beruhigend.

»Was meinen Sie, wie viele am Tor auf uns warten?« flüsterte Angela.

»Vermutlich die beiden anderen«, murmelte Bremer. Ich hätte meine Pistole vielleicht doch mitbringen sollen, fügte er in Gedanken hinzu. Und sei es nur, um nicht damit zu schießen. Natürlich wußte er, wie naiv dieser Gedanke war. Er hatte mehr als genug arme Schweine verhaftet, die eine Waffe mit dem festen Vorsatz eingesteckt hatten, sie nicht zu benutzen. Der gefährliche Moment war nicht der, in dem man eine Waffe zog. Es war der, in dem man sie einsteckte.

»Was tun wir?« fragte Angela. Bremer lauschte vergeblich auf einen Unterton von Angst in ihrer Stimme. Alles, was er hörte, war eine deutliche Anspannung. »Werden Sie mit einem von ihnen fertig?«

»Wenn Sie die drei anderen übernehmen«, sagte Bremer spöttisch. Die ehrliche Antwort auf ihre Frage wäre ein klares Nein gewesen. Bremer war weder ein Schwächling noch in schlechter körperlicher Verfassung. Aber diese Männer waren Profis, und außerdem um etliches jünger als er. Außerdem machte es ihnen vermutlich Spaß, Leute zu verprügeln.

Er mußte eine Entscheidung treffen. Sie waren noch zehn Schritte vom Tor entfernt. Alles, was hinter dem gemauerten Bogen lag, war in vollkommener Dunkelheit verborgen. Selbst das jenseitige Ende der Durchfahrt war nichts als ein dunkelgrauer Fleck in unbestimmbarer Entfernung. Aber er fühlte die Bewegung, die dazwischen war.

»Wir könnten schreien«, sagte er.

»Schreien?«

Bremer nickte. Alles, was ihre Verfolger verwirrte, half ihnen.

»Auf der rechten Seite ist eine Tür«, flüsterte er. »Ungefähr auf halber Strecke. Sie ist fast immer offen. Sobald wir im Schatten sind, rennen wir los.« Sie waren noch fünf oder sechs Schritte von der Toreinfahrt entfernt, und Bremer mußte all seine Kraft aufbieten, um sich nicht nach ihren Verfolgern umzudrehen. Vermutlich waren sie näher gekommen, aber noch nicht allzu sehr. Er hätte gehört, wenn sie gerannt wären.

Mit jedem Schritt, den sie sich dem Tor näherten, schien die Dunkelheit darin massiver zu werden. Etwas lauerte darin. Nicht jemand. Etwas. Noch zwei oder drei Schritte, aber er mußte bereits jetzt all seine Kraft aufbieten, um überhaupt weiterzugehen. So absurd ihm der Gedanke auf der einen Seite auch selbst vorkam: Er hatte plötzlich Angst vor der Dunkelheit.

Angela verschwand hinter der imaginären Grenze zwischen Dämmerung und absoluter Finsternis und begann augenblicklich zu rennen, und im gleichen Moment stürmte auch Bremer los. Der gemauerte Tunnel fing das Geräusch ihrer trappelnden Schritte auf und warf es gebrochen und zigfach verstärkt zurück; ihre Verfolger hätten schon taub sein müssen, um es nicht zu hören und augenblicklich zu begreifen, was es bedeutete. Die Sekunde, die er jetzt gewann, konnte vielleicht die entscheidende sein. Seine Angst explodierte zu schierem Grauen, als er in die körperliche Finsternis hineinstürmte. Es war nicht einfach nur Dunkelheit. Die Schwärze hatte Substanz. Er konnte ihre Berührung wie kaltes Glas auf der Haut fühlen, und er spürte auch, wie sich etwas darin bewegte.

Panik überschwemmte seine Gedanken. Er stolperte mehr, als er lief, kam aus dem Tritt und fing den begonnenen Sturz im letzten Moment mit weit vorgestreckten Armen auf. Er schrammte sich beide Handflächen an der rauhen Ziegelsteinmauer auf, und sein ohnehin verletzter Fingernagel protestierte mit pochenden Schmerzen. Trotzdem stieß sich Bremer mit aller Kraft ab und taumelte weiter. Ein hoher, unheimlich widerhallender Laut marterte sein Gehör, und er kam abermals aus dem Tritt, schrammte mit der rechten Schulter an der Wand entlang und scheuerte sich auch noch das Gesicht blutig. Die Dunkelheit zog sich immer dichter um ihn zusammen, schnürte ihm den Atem ab und gerann zu etwas Riesigem, Grauenerregendem. Schwarzes Licht schimmerte auf mörderischen Krallen. Tödliche Fänge blitzten. Er spürte den heißen, trockenen Atem der Bestie auf dem Gesicht, und in seinen Ohren war noch immer dieses schrille, an- und abschwellende Geräusch, das er jetzt als nichts anderes als seine eigenen Schreie identifizierte. Er konnte kaum noch atmen. Sein Herz trommelte so schnell, daß es weh tat.

Die Tür! Wo war die Tür? Angela rannte dicht vor ihm, ein weißer Schatten, der immer wieder in der Dunkelheit zersplitterte, und es kam ihm so vor, als ob sie schon seit Stunden durch einen Tunnel aus Schwärze rasten. Seine Kehle schmerzte von seinen eigenen, gellenden Schreien, und hinter ihnen war plötzlich das Geräusch rhythmisch hämmernder, schneller Schritte.

Jemand schrie seinen Namen, und dann hörte er einen einzelnen, peitschenden Knall; einen Schuß. Ganz sicher einen Schuß, denn nur den Bruchteil einer Zehntelsekunde später stoben weiße und orangefarbene Funken aus der Decke fünf Meter über seinem Kopf. In dem unendlich kurzen, grellen Aufblitzen glaubte er einen gigantischen, grotesk verzerrten Schatten zu sehen, etwas Riesiges, mit Klauen, Flügeln und grausamen schwarzen Augen. Dann erlosch der Lichtblitz, und praktisch im gleichen Sekundenbruchteil verschwand auch Angela. Die Dunkelheit hatte sie verschlungen. Azrael hatte sein erstes Opfer geholt, und nun war er an der Reihe.

Alles ging unglaublich schnell, aber zugleich schien die Zeit auch beinahe stillzustehen, weil sich Bremers Gedanken plötzlich mit hundertfacher Geschwindigkeit zu bewegen schienen. Mit einemmal sah er mit furchtbarer Klarheit voraus, was geschehen würde. Azrael war wieder auferstanden. Das Ungeheuer, das all die Jahre über unbemerkt und geduldig in ihm gelauert hatte, war endlich aus seinem Versteck gebrochen. Er hatte Angela geholt, und nun würde es ihn holen. Er wollte sich herumwerfen, verzweifelt von diesem Ding davonstürzen, das ein Grauen brachte, das hundertmal schlimmer war als der Tod, aber er konnte es nicht. Seine Gedanken waren zu schnell für seinen Körper. Er rannte dem Ungeheuer direkt entgegen.

Eine Hand griff aus der Dunkelhit nach ihm, krallte sich in seinen Arm und riß ihn mitten im Lauf herum. Er wurde zur Seite geschleudert, verlor endgültig die Balance und torkelte in einer ungeschickten Dreiviertel-Pirouette durch die Tür, in die Angela ihn hineinzerrte. Aber in dieser einen Sekunde, die diese Bewegung beanspruchte und in der er sich fast einmal um seine eigene Achse drehte, offenbarte sich ihm ein Bild unvorstellbaren Terrors.

Die beiden Männer waren ihm gefolgt. Trotz der fast vollkommenen Dunkelheit, die in der Tordurchfahrt herrschte, konnte er deutlich sehen, daß sie ihre Waffen gezogen hatten und damit in seine Richtung zielten.

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