Wir sind nur Menschen
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Wir sind nur Menschen». Краткое содержание книги:
Der Professor schüttelte den alten Kopf. Es war ein Rätsel, das er nicht zu lösen verstand.
Er beugte sich über die Bewußtlose und strich ihr die schweißverklebten Locken aus der Stirn.
Kapitel 12
Auch in Köln war man in diesen Wochen nicht untätig geblieben. Bankier Wolf von Barthey rüstete sich, selbst nach Kolumbien zu fahren. Die Wiederkehr Dr. Perthes', auch wenn sie solch einen tragischen Hintergrund hatte, erfüllte ihn mit Freude. Es ging ihm dabei nicht um die Rettung seiner fünfzigtausend Mark, sondern mitfühlend und rein menschlich ergriff ihn die Rettung des jungen Arztes, der ihm so ans Herz gewachsen war.
Eine Lähmung, sagte er sich, ist zu ertragen. Es gab vom Krieg her ganz andere Verstümmelungen, mit denen die Menschen weiterlebten. Von Barthey ahnte aber, daß der sensible Arzt unter diesem Dasein litt, und hielt es daher für notwendig, selbst in Zapuare etwas von seinem Lebensmut an Dr. Perthes zu übertragen. Außerdem — und das war die geschäftliche Seite dieser Reise — interessierte ihn die bisherige wissenschaftliche Ausbeute der Expedition. Man hatte in Köln bereits mit Unterstützung seines Bankhauses eine im Augenblick noch kleine chemisch-pharmazeutische Fabrik gegründet und außerhalb der Stadt — nach Frechen zu — ein Fabrikgelände erworben und aus den Trümmern der Kriegszeit, die das Gelände noch bedeckten, eine vorerst einstöckige Halle mit den notwendigen Abteilungen und Verwaltungsräumen in Bau genommen.
Von Zapuare aus war — neben den Unglücksnachrichten und einigen allgemein gehaltenen Briefen — nichts Wesentliches nach Köln gedrungen. Man schwieg in Kolumbien über Erfolge; aber daß man Erfolge erzielt hatte, bewies doch die Tatsache, daß Dr. Perthes durch ein Serum gerettet wurde, das noch in der Erprobung stand.
Auch die wundersame Begegnung mit dem Häuptling Sapolana, die wochenlang die Spalten der Weltpresse füllte und zu den großen Zeitungssensationen gehörte, bewies, daß der junge deutsche Arzt eine Droge besaß, die es ihm ermögliche, bisher als unheilbar geltende Pfeil- und Tiergifte zu besiegen.
Das Schreiben Dr. Cartogenos, das der Bankier wohl zehnmal auf
merksam durchgelesen hatte, sagte aber noch mehr als die nüchterne Tatsache, daß Dr. Perthes vor dem Schlimmsten gerettet worden sei. Es standen nämlich Sätze darin, die Professor Window, Dr. Sacher und schließlich auch dem Bankier von Barthey zu denken gaben und den Plan des letzteren verstärkten, selbst nach Zapuare zu fahren.
«Dr. Perthes ist trotz seiner Lähmung«, hieß es da,»guten Mutes. Wir alle kennen ihn ja — er schont sich nicht, sitzt Tage und Nächte in seinem Rollstuhl und setzt die Versuchsreihen fort, die wir durch seine Erkrankung unterbrechen mußten. Die Erfolge sind noch nicht abzusehen. Vielleicht hegt er die stille Hoffnung, ein Antitoxin zu entwickeln, das seine Lähmung lindern oder gar aufheben kann, falls die bereits stark angegriffenen Nerven nicht eine neue Tätigkeit verweigern und resistent bleiben. - Vor ein paar Tagen haben wir drei Affen gefangen und sie infiziert. Sie zeigten nach drei Stunden Atemlähmungen und Gliederschmerzen, nach fünf Stunden Krämpfe und Koliken. Ein Affe starb an Herzinfarkt — zwei Affen konnten durch die Injektion von dreimal fünf Kubikzentimeter eines neuen Serums, das wir in der Retorte erzeugt hatten, vor dem Exitus gerettet werden. Allerdings blieb die Lähmung der Gliedmaßen bestehen, am nächsten Tag starb der eine der beiden Affen an Atemlähmung. Dr. Perthes versuchte nun, aus dem Blut dieses Affen die Gifte zu kristallisieren, um mit ihnen ein neues Antitoxin zu schaffen. Der Versuch mißlang aber leider, weil wir mit unseren mangelhaften Instrumenten nicht die einzelnen Toxine bestimmen konnten.«
Hier war der Brief unterbrochen worden. Dr. Cartogeno hatte ihn, wie das Datum besagte, erst zwei Tage später fortgesetzt.
«Gestern kamen«, schrieb Cartogeno weiter,»Abgesandte des Häuptlings Sapolana und brachten Dr. Perthes einen Trank des Medizinmannes der Tarapas. In einem ausgehöhlten Kürbis schwappte eine dunkle, dicke Brühe, die nach Zink roch. Wir bedankten uns bei Umari, einem Unterhäuptling, der selbst gekommen war, und begannen dann, den Saft zu analysieren. Das war aber nicht möglich, da die rein chemische Zusammensetzung keinen Aufschluß ge-ben konnte über die bei der Herstellung verwendeten Pflanzen- oder Wurzelsäfte. Nur soviel konnten wir erkennen: Es muß sich bei der Grundlage dieses Saftes um das Öl einer uns unbekannten Wurzel handeln, das die Wilden durch Auspressen der Wurzeln gewinnen. -Dr. Perthes nun flößte sofort von diesem Brei dem noch überlebenden Affen eine Dosis ein, und wir konnten zu unserer Freude beobachten, daß der Affe nach zehn Stunden die gelähmten Arme um zehn Zentimeter aufwärts bewegen konnte! — Obwohl ich ihn warnte, war Dr. Perthes daraufhin nicht aufzuhalten, selbst von dem Brei zu trinken. Um siebzehn Uhr trank er — bis heute ist aber noch keine Besserung zu erkennen. Wenn Dr. Perthes es auch nicht zeigt, so bemerke ich doch, daß er durch diesen neuerlichen Fehlschlag sehr gelitten hat. Er ist noch verbissener geworden, härter, noch zäher im Kampf gegen das Gift. Er will es nicht zeigen, aber dieser Fehlschlag hat ihm viel Mut geraubt. Wenn wir doch noch irgendeinen Erfolg mit den neuen Präparaten haben könnten.«
Als dieser Brief in der Lindenburg ankam und Dr. Sacher ihn las, verfärbte sich das Gesicht des Chirurgen. Er nahm das Schreiben und ging zu Professor Window, der gerade vor dem Röntgenschirmbetrachter stand und vor der erleuchteten Milchglasscheibe die Aufnahme eines komplizierten Aneurysma aortae betrachtete.
«Du kommst wie gerufen, Paul«, sagte er, ohne den Blick von dem Röntgenbild zu nehmen.»Ein seltener Fall! Sieh mal, ein Aneurysma der Bauchaorta! Sauerbruch hat einmal einen solchen Fall mit elektrischem Strom verödet und darüber geschrieben. Das können wir hier nicht. Es ist die Frage: Was tun?«
Paul Sacher warf einen kurzen Blick auf das erleuchtete Bild und setzte sich dann in einen Sessel, den Brief Dr. Cartogenos auf den Tisch werfend.
«Hast du das gelesen?«fragte er dann.
Der Professor blickte zur Seite.»Den Brief aus Zapuare? Natürlich. Armer Kerl, der Peter.«
«Armer Kerl! Armer Kerl!«Dr. Sacher war aufgesprungen.»Da sitzt er im Urwald und verkommt. Und keiner ist da, der ihm hilft!«
«Herr von Barthey wird zu ihm fahren.«
«Von Barthey?«fragte Sacher erstaunt und hielt ruckartig in seiner Wanderung durch das große Zimmer inne.»Was will ein Bankier bei Peter? Ein guter Arzt muß hin!«
«Wenn sich Peter nicht selbst helfen kann, wird es kaum ein anderer können. Am allerwenigsten wir, Paul, denn ich weiß, was du sagen willst: Ich fahre nach Zapuare! Laß den Unsinn, Paul, es hat überhaupt keinen Sinn! Hier wirst du nötiger gebraucht.«
Professor Window zeigte auf das Röntgenbild vor der erleuchteten Milchglasscheibe.»Hier — dieses Aneurysma, das wartet auf uns, nicht Peter Perthes! Die Patientin ist Mutter von fünf Kindern, und wenn wir sie retten, haben wir eine Familie erhalten. Diese Frau ist uns näher als unser Freund, muß uns näher sein, Paul, denn sie kam zu uns — voller Vertrauen, daß wir sie retten. Sie weiß nicht, wie krank sie ist, sie weiß auch nicht, wie gering die Aussichten sind, ihr Leben zu erhalten. Hier liegt unsere Aufgabe! Zwischen dieser Patientin und Peter Perthes liegen einige tausend Kilometer. sie nehmen dir die Verantwortung für Peter ab, aber nicht für diese Mutter von fünf Kindern.«
Dr. Sacher blickte zu Boden. Er schloß für einen Moment die Augen, dann trat er an den Ständer heran und stand neben dem Professor vor dem Röntgenbild.
Unter der Bauchdecke wölbte sich deutlich der Aneurysmasack.
«Wann?«fragte Dr. Sacher heiser.
«Heute nachmittag, OP 1«, antwortete der Professor und nickte.»Ich wußte, daß du vernünftig bist, Paul.«
Als Dr. Sacher das Zimmer des Chefarztes verlassen hatte, blieb er kurze Zeit vor der Tür auf dem Flur stehen. Er wischte sich die Augen aus und dachte wieder an den Brief, der auf des Professors Schreibtisch lag.