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Wir sind nur Menschen

Электронная книга - «Wir sind nur Menschen». Краткое содержание книги:

Für die Rettung eines Jungen erhält Tropenarzt Dr. Perthes von dem dankbaren Vater eine Geldsumme. Endlich kann er seinen Wunschtraum verwirklichen: eine Expedition in die Urwälder Südamerikas. Seine Geliebte, die Kinderärztin Dr. Angela Bender, ist dagegen, aber sie kann den tatendurstigen Mediziner nicht halten. Die Briefe aus Südamerika verbrennt sie ungelesen. Als der Giftspezialist Dr. Perthes einen Stammeshäuptling vor dem sicheren Tod rettet, ist er ein berühmter Mann. Doch eines Tages wird er selbst von einer giftigen Urwaldspinne gebissen — und bleibt gelähmt. Durch einen Zufall erfährt Angela Bender in der Heimat von seinem Unglück. In ihrer Verzweiflung wagt sie ein gefährliches Experiment…
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Sie hat keine Nerven, dachte er. Das ist ein Weibsbild! Kräfte wie ein Herkules! Diese schmale kleine Frau. Es ist unglaublich; es ist, als ob sie besessen wäre! Zwei Tage und drei Nächte ohne Unterbrechung! Da brechen ja harte Männer zusammen. Und sie sitzt da und arbeitet weiter. Blaß, nach vorn gebeugt, in ihrem weißen, bespritzten Mantel.

Reagenzglas um Reagenzglas füllte sich in den Ständern — miß-lungen! Nicht reagiert, zu schwach, mißlungen! Dreiundneunzigmal mißlungen! Ohne Wirkung.

Es war zum Verzweifeln. Benischek verlor die Nerven und begann zu heulen.»Machen Sie Schluß!«rief er und warf das Tagebuch auf den Boden.»Ick halte det nich mehr aus! Wir jehen ja vor de Hunde!«

Und von neuem schob Dr. Bender ihm die Zigaretten und den Kaffee hin, und Benischek hob das Tagebuch auf und schrieb weiter.

Versuch 103 — mißlungen.

Versuch 117 — ohne Befund.

Versuch 132 — mißlungen.

Der dritte Tag kam. Er ging vorüber wie die beiden vorangegangenen. Nur die Hände begannen jetzt zu zittern, die Augen lagen tief in den Höhlen, die Wangen waren eingefallen. Auf dem Gehirn lastete ein Druck, als lägen Zentner auf dem Kopf. Jeder Atemzug schmerzte. Der Rücken war krumm, man schrie, wenn man aufstand.

Mikroskop. Blutproben. Säuren. Basen. Sera. Mikroskop.

Versuch 156 — ohne Befund.

Versuch 175 — mißlungen.

Es war ein Wettlauf mit dem Tod. Ein Wettrennen der Kräfte. Jetzt aufhören würde Untergang bedeuten. Nie würde der Körper noch einmal seine letzten Reserven hergeben, nie würde sich wieder eine Frau mit der Kraft der Verzweiflung aufrecht halten.

Mischen. Kochen. Mischen. Versuchen. Mischen. Einspritzen.

Die Blutmasse des kleinen Affen ging zu Ende. Das Gift der >Schwarzen Witwe< war verbraucht.

Die letzten Versuche.

Der Tag wurde fahl. Die Dämmerung kroch ins Zimmer. Die Lampen gingen von neuem an. Die Nacht kam. Die letzten Versuche!

Es war die Nacht vom 22. zum 23. Juni — ein Freitag.

Angela Bender saß über dem Mikroskop und hielt den Tubus umklammert. Vor ihr, im runden Lichtfeld des Okulars, lag der Versuch Nr. 194.

Mit einer Hohlnadel tropfte sie eine winzige Menge eines vor drei Stunden entwickelten Serums auf die Giftkristalle.

Vor ihren Augen flimmerte es. Sie stützte den Kopf auf das Gerät und schloß die Lider. Am Ende, dachte sie. Ich muß ein Ende machen. Ich kann nicht mehr. Es wird zuviel. Ich schaffe es nie. Jetzt weiß ich es, daß ich es nie schaffen werde. Es war Verblendung, Versuchung des Schicksals. Die kleine Bender will den Tod bekämpfen.

Sie richtete sich auf und sah Benischek an. Er saß am Tisch, war aber ein wenig eingenickt. Als sie sich jetzt rührte und ihr Stuhl knackte, fuhr er aus dem Schlummer hoch.

«Versuch — mißglückt?«fragte er monoton und zu Tode matt. Sie blickte in das Okular. Und plötzlich schrie sie auf, grell, und stieß den Stuhl zurück.

Benischek war aufgesprungen und stürzte zu Angela hin. Jetzt ist sie wahnsinnig geworden, durchzuckte es ihn. Aber dann stand er starr.

Denn Dr. Angela Bender tanzte wie wild um ihren hingefallenen Stuhl herum, stürzte dann Benischek an die Brust, küßte ihn auf die sprachlosen Lippen, wühlte sich die Haare durcheinander und lehnte dann tiefatmend an der Tür.

Ihre Augen waren weit aufgerissen, eine hektische Röte überzog ihre blassen, eingefallenen Wangen.

«Das Serum löst die Kristalle auf«, stammelte sie, als könne sie es nun nicht mehr fassen.»Fritze, guter Fritze. Begreifen Sie es? Das Serum löste die Kristalle auf.«

Benischek umklammerte sein Tagebuch, als müsse er daran Halt suchen.

«Sie haben das Gegenmittel gefunden?«fragte er leise. In dieser Minute sprach er hochdeutsch, er vergaß für eine Sekunde, daß er Berliner war.

«Ich hoffe es, Benischek, ich hoffe es!«Sie rannte wieder zu dem Mikroskop und blickte noch einmal hindurch.»Das Blut ist rein«, stotterte sie.»Rein, Fritze — das Gift ist aufgefressen! Das Gift ist weg. Das Gift.«

Nun schlug sie die Hände vor die Augen und weinte. Ein Schluchzen schüttelte ihren Körper. Sie sank auf Benischeks Sofa und ließ sich in die Polster fallen. Benischek lief in die Küche, um neuen Kaffee zu kochen. Dabei sah er auf die Uhr. 1 Uhr 23 Minuten!

Sonnabend, der 23. Juni 1951.

Ein Tag, den er nie vergessen würde.

Als er mit der Kanne frischen Kaffees zurück ins Labor kam, saß Angela schon wieder vor ihren Apparaten. Sie wiederholte den Versuch gewissenhaft zehnmal. Und zehnmal verschwand das Gift aus dem Blut.

Ein Sieg! Ein voller Sieg!

Der Tod durch das Gift der >Schwarzen Witwe< gehörte der Vergangenheit an.

Bis zum Morgen arbeiteten Dr. Bender und Fritz Benischek weiter. Sie berechneten genau die einzelnen Dosierungen des Serums, seine Zusammensetzung, seine chemischen Formeln, seine Beständigkeit bei Hitze und Kälte, seine Löslichkeit im Wasser, Alkohol, Äther.

Der erste Weg war gegangen. Jetzt begann die Erprobung. An mehreren hundert Versuchen mußte festgestellt werden, wie hoch man dosieren durfte, mußte — wie man injizieren konnte, wie der Körper reagieren würde, wie die Begleiterscheinungen waren. Gab es negative?

Dies zu erproben würde die Sache anderer Wissenschaftler sein. Für Angela Bender war das große Ziel erreicht. Sie konnte Peter Perthes die Heilung schicken! Sie konnte den einsamen Krüppel im Urwald von Amorua von seinen Krücken erlösen.

Noch in derselben Nacht füllte Angela zehn Ampullen mit einer dreifachen Dosierung wie bei dem kleinen Affen in Ampullen und verschloß sie mit Wachs. Einen kleinen Karton legte sie mit Watte aus und bettete die Ampullen darein.

Als der Morgen graute, gab sie Benischek die Hand.

«Sie müssen mir jetzt eines versprechen. Fritze: Schweigen! Ab-solutes Schweigen! Was auch kommen mag, was man Sie auch fragen wird — Sie wissen von nichts!«

Benischek nickte.»Ick weeß von nischt.«

«Wenn mein Serum ein Sieg ist, dann werden Sie zu mir kommen, Benischek. Ich vergesse Sie nicht. Ohne Sie hätte ich es nie geschafft.«

«Aber Frollein Doktor, ick habe doch bloß jepennt!«

Fritz Benischek kratzte sich schüchtern und verlegen den Kopf. Sein langes Gesicht lag in tiefen Falten. Er sah Angela nach, wie sie, müde und nach vorn gebeugt, mit schleichenden Schritten den Raum, das Haus verließ.

«Ein einmaliges Weib«, sagte er laut und wischte sich über die Lippen.»Ick möchte fuffzig Prozent von der haben!«

Mit der Morgenpost ging das Päckchen per Flugzeug nach Za-puare in Kolumbien.

Dr. Angela Bender erschien an diesem Tag nicht zur Visite.

Professor Purr rief an, man schickte in die Wohnung. Dr. Bender lag mit schwerem Nervenfieber zu Bett. Ihr Puls ging schwach. Eine tiefe Ohnmacht hielt sie umfangen.

Der Professor bat den Internisten der Universitätsklinik in Angelas Wohnung, der die erste Diagnose — akutes Nervenfieber — voll bestätigte. Dr. Bender wurde sofort in die Klinik eingeliefert.

Nun lag sie in einem weißen, stillen Zimmer. Ihr Atem war kaum hörbar. Ihr Gesicht war wie die Maske einer Toten.

Professor Dr. Purr kümmerte sich rührend um die Patientin. Immer wieder saß er an ihrem Bett. Um diese Frau war ein Geheimnis, ahnte er.

Voll Staunen hörte er, daß Dr. Bender in ihrem Kurzurlaub gar nicht in Köln gewesen war. Drei Tage in der Dunkelheit.

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