Wir sind nur Menschen
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Wir sind nur Menschen». Краткое содержание книги:
Sie nickte und reichte ihm das zerknitterte Schreiben Dr. Carto-genos hin. Langsam las der Professor Satz für Satz — dann legte er den Brief auf seinen Schreibtisch. Er ging im Zimmer hin und her.»Was soll ich Ihnen sagen, Dr. Bender?«Er rang nach Worten.»Sie wissen es so gut wie ich: das Gift der >Schwarzen Witwe< ist unheilbar. Seien Sie aber glücklich, daß er überhaupt mit dem Leben davongekommen ist. Eine Lähmung beider Beine ist noch längst nicht das schlimmste. Ihm bleibt der Kopf, der Verstand, der Geist.«
«Es ist trotzdem furchtbar. «Angela schlug die Hände vor die Augen.»Perthes gelähmt! Dieser frohe, lebenslustige Mensch! Vernichtet durch einen Spinnenbiß! Auf Krücken schleppt er sich nun durch den Urwald. Wer ihn kennt, der kann das einfach nicht begreifen.«
«Das Schicksal ist für uns Menschen oft unbegreiflich. «Der Professor hörte den Krankenwagen und nahm das Kind von der Couch. Es hatte die ganze Zeit geschlafen. Mit vorgeschobener Lippe, ein Lächeln um den kleinen Mund, so wachte es nicht auf, als der Arzt es in seine Arme nahm.»Es sieht Ihnen ähnlich, Dr. Bender.«
«Er heißt Peter. «Angela erhob sich und nahm das Kind an sich.»Jetzt bin ich doppelt stolz, daß er so heißt wie sein Vater. «Sie küßte den Jungen vorsichtig, um ihn nicht zu wecken, auf die Stirn. Dünne, seidenweiche Härchen bedeckten den kleinen Kopf.»Wenn es uns nicht gelingt, das Gift zu bekämpfen — er soll es fortführen! Für seinen Vater!«
Sie blickte zu dem Professor auf, der erschüttert die Szene beobachtet hatte.»Ich werde nur noch ein Ziel kennen: Peters Leben wieder froh zu machen!«
Zunächst allerdings befahl ihr Dr. Purr, sich in seiner Klinik von allen Anstrengungen zu erholen. Er verordnete ihr acht Tage strenge Bettruhe, Sonderverpflegung und für das Kind sofortige Umstellung auf Flaschenmilch.
«Sie sind nur noch ein Nervenwrack«, meinte er gutmütig polternd.»Und ich lasse Sie nicht eher bei mir arbeiten, als bis Sie eine geschlagene Stunde lang einen bis zum Rand gefüllten Suppenteller ruhig halten können, ohne daß er überschwappt!«
Angela lachte, aber sie fühlte, daß es kein Scherz war. Voll innerer Ungeduld harrte sie diese Woche im Bett aus und stand am neunten Tag plötzlich im weißen Kittel im Zimmer des Professors.
«Bitte«, sagte sie mit gespielter Fröhlichkeit,»Ihre neue Assistentin meldet sich zum Dienst.«
«Sehr gut!«Professor Purr erhob sich hinter seinem Schreibtisch und kam auf Dr. Bender zu.»Da Sie meine Assistentin sind und somit, dem Brauch aller Kliniken entsprechend, zu unbedingtem Gehorsam bereit sein müssen, ordne ich hiermit an, daß Sie keinen anderen Dienst machen als die beiden täglichen Visiten und eine Aushilfe im Verbandsraum.«
«Herr Professor!«Angela wollte widersprechen, aber der Professor wischte durch die Luft, ihr jedes weitere Wort abschneidend.
«Frau Dr. Bender — ich dulde an meiner Klinik keine Widerrede. Das sollten Sie wissen. «Er blickte auf die Armbanduhr.»In einer halben Stunde ist Visite. Halten Sie sich bitte bereit. Ich zeige Ihnen die ernsteren Fälle und spreche sie mit Ihnen durch. Danke!«Er nickte. Angela war entlassen.
Auf dem Flur stampfte sie mit dem Fuß auf. Gegen diesen Mann kam sie nicht an. Sie wollte die Erlaubnis erwirken, im Labor mitzuarbeiten, um sich langsam in die Materie der Toxikologie hineinzufinden. Der bloße Klinikdienst war nicht nach ihrem Sinn, und wenn Professor Purr ihn ihr befahl, so nur, weil er ihre Nerven weiterhin schonen wollte.
Es war knapp einen Monat später, an einem Freitag, als ein Schicksalstag für Angela anbrach.
Sie kam aus der Universitätsbibliothek und wollte zurück in die Klinik, als ihr auf dem Gang eine lange, weißgekleidete dürre Gestalt begegnete. Der Mann stutzte erst einen Augenblick lang, dann zupfte er sich an der langen Nase und kam mit raschen Schritten näher.»Is det denn wahr?«rief er laut.»Det Frollein Bender!«Er stockte.»Oder — ick weeß et nich — sin Se jetzt Doktor?«
«Allerdings, Benischek!«Angela lachte und drückte dem langen Mann herzlich die Hand.»Und Sie sind immer noch hier als Laboratoriumsdiener?«
«Ja. Ick kann mir nich umjewöhnen. Meine Meerschweinchen und de Kaninchen… ick habe an ihnen sozusajen Vaterpflichten übernommen!«Er schüttelte den Kopf, als könne er dieses Wiedersehen nicht begreifen.»Un Sie? Wat wollen Sie denn hier?«
«Ich bin Assistentin bei Professor Purr!«
«Ach Jott! Beim Brausepulverkopp!«Er lachte schallend.»Na denn prost!«Er beugte sich über Angela und lächelte.»Det war noch ne Zeit, wat? Als Sie im Labor standen und weiße Mäuse mit de Masern und de Pocken impften! Wat haben wir da über den ollen Purr jelacht! Wenn er in'n Kolleg kam und sagte: >Meine Damen und Herren, ich weiß, daß Sie doch nichts begreifen werden, aber trotzdem will ich Ihnen vorlesen!< Herrjott, det waren Zeiten.«
Benischek war einer von jenen Menschen, die ihr ganzes Leben hindurch mit anderen in einer engen Freundschaft stehen. Wen er einmal in sein Herz geschlossen hatte, für den verstand er es, das Unmöglichste möglich zu machen, und sein primitiver Verstand sagte ihm, daß das Wohlgefallen, das er damit für sich gewann, der Inbegriff seines Daseins war. Angela Bender gehörte seit ihrer Famu-la-Zeit zu den erklärten Lieblingen des Labordieners, und es bedurfte nur eines leise ausgesprochenen Wunsches, um auf die Erfüllung gleich warten zu können.
Das alles fiel Angela ein, als sie sich mit Benischek unterhielt und in alten Zeiten kramte. Die plötzliche Erkenntnis, hier einen Mann vor sich zu haben, der für sie aus der Anatomie ein Skelett stehlen würde, verband sie sofort mit der Nützlichkeit dieser Freundschaft. Plötzlich sah sie einen Weg, der aus der Enge führte, die ihr Professor Purr auferlegt hatte. Ein Weg — zunächst ins Dunkle —, aber doch nur ein Durchschreiten des Heimlichen zu einem großen. leuchtenden Ziel.»Benischek«, sagte Angela und hakte den Riesen unter.»Wir waren doch immer Freunde, nicht wahr?«
«Det will ick meinen, Frollein Doktor«, grinste er.
«Und ich habe nun einen großen Wunsch.«
«Heraus damit!«
«Sie sollen Überstunden machen.«
«Wat soll ick?«Benischek glotzte sie dumm an.»Ick habe woll 'nen Jehörfehler? Überstunden?«
«Ja, bei mir, Benischek.«
«Och Sie!«Der alte Mann wurde sichtlich verlegen.»Sie bringen 'nen ollen Krüppel noch zum Rotwerden. Det is doch nich Ihr Ernst?«
«Aber ja. «Angela lachte.»Ich möchte in den Labors arbeiten. Des Nachts, verstehen Sie, Benischek — heimlich!«
«Heimlich? Aber warum denn?«
«Ich bin einem geheimen Mittel auf der Spur. Das Leben von vielen kranken Menschen hängt an diesem Serum! Ich muß es finden, Benischek! Der alte Purr würde mir nie die Erlaubnis geben, in den
Labors zu arbeiten. Er will das nicht. Ich aber muß das Mittel finden!«
Die Tatsache, daß Professor Purr, der >Brausepulverkopp<, Angela nicht das Experimentieren erlaubte, war entscheidend für Be-nischeks Zusage. Er nickte verständnisvoll und beugte sich zu Angela.
«Wann soll et denn losjehn?«fragte er.
«Morgen abend. Ist's recht?«
«Ick kann immer. «Benischek winkte ab.»Ich schlafe doch bei meine Kaninchen. «Er sah Angela groß an.»Ist's auch wirklich een jutes Heilmittel?«fragte er, sich gleichsam sichernd.
«Auf mein Ehrenwort, Benischek. «Angela gab ihm die Hand. Sein Druck sagte ihr, daß sie die erste Etappe gewonnen hatte. Am nächsten Abend, nach dem gewöhnlichen Klinikdienst, packte sie ihren weißen Kittel in eine Aktentasche und schlich sich durch den Krankenhausgarten und ein Pförtchen hinaus auf die Straße. Wenige Straßen weiter lagen die Laboratorien der Universität, von außen unscheinbare Bauten, hinter deren Mauern keiner die große Wissenschaft vermutete, die dort in Retorten und Kolben kochte und siedete.
Friedrich Benischek, von allen nur >Fritze< genannt, wartete schon an der Tür und schob Angela schnell in den dunklen Flur. Dann schloß er sorgfältig hinter sich ab und klapperte mit den Schlüsseln. Das tat er schon zwanzig Jahre lang. Der Klang der aneinanderschlagenden Schlüssel gab ihm stets aufs neue das Gefühl, ein kleiner Herrgott zu sein, ohne dessen Erlaubnis niemand die weiten, weißen, gekachelten Räume betreten durfte — sein Allerheiligstes!