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Wir sind nur Menschen

Электронная книга - «Wir sind nur Menschen». Краткое содержание книги:

Für die Rettung eines Jungen erhält Tropenarzt Dr. Perthes von dem dankbaren Vater eine Geldsumme. Endlich kann er seinen Wunschtraum verwirklichen: eine Expedition in die Urwälder Südamerikas. Seine Geliebte, die Kinderärztin Dr. Angela Bender, ist dagegen, aber sie kann den tatendurstigen Mediziner nicht halten. Die Briefe aus Südamerika verbrennt sie ungelesen. Als der Giftspezialist Dr. Perthes einen Stammeshäuptling vor dem sicheren Tod rettet, ist er ein berühmter Mann. Doch eines Tages wird er selbst von einer giftigen Urwaldspinne gebissen — und bleibt gelähmt. Durch einen Zufall erfährt Angela Bender in der Heimat von seinem Unglück. In ihrer Verzweiflung wagt sie ein gefährliches Experiment…
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Als an diesem Abend Dr. Cartogeno das Haus betrat und Peter berichten wollte, daß der größte Teil seines Labors auf dem Weg nach Zapuare sei, daß alle Zeitungen voll wären von seinem einmaligen Abenteuer, daß die großen Illustrierten Reporter per Flugzeug geschickt hatten, die draußen warteten, um den >Helden der grünen Hölle<, wie >Life< Dr. Perthes pathetisch tituliert hatte, zu fotografieren und zu interviewen, fand er Peter auf dem Feldbett sitzend vor. Zuerst merkte er nichts und sprudelte einen Teil der Nachrichten hervor, doch dann fiel ihm das Schweigen auf, und er stockte mitten in seinem Bericht.

Peter Perthes saß auf dem Bett. Seine Beine hingen auf die Erde, als gehörten sie nicht zu seinem Körper. In seinen Augen lag eine Dumpfheit, die Dr. Cartogeno erschreckte.»Was hast du, Peter?«fragte er stockend.»Kommt ein Rückfall?«

Perthes spielte mit einer Ampulle und hielt sie dann wie scherzhaft in die Luft. Mit eisigem Erschrecken sah Cartogeno, daß es eine der Ampullen mit Blausäure war, die sie zu Experimenten mitführten.

«Würdest du mir diese Spritze geben?«fragte Peter sehr betont.

In seiner Stimme lag eine wilde Entschlossenheit.

«Du bist verrückt!«meinte Dr. Cartogeno laut.

«Auch nicht, wenn ich dich darum bitte?«beharrte Dr. Perthes.

«Peter!«Der Kolumbianer lief auf seinen Freund zu und schlug ihm die Ampulle aus der Hand.»Bist du irrsinnig geworden?«

«Du hast einen großen Fehler begangen!«brüllte Peter auf einmal los. Er packte den Kolumbianer mit beiden Händen an der Schulter und riß ihn zu sich herüber.»Du!«schrie er, ihn wild schüttelnd.»Warum hast du mich nicht sterben lassen? Warum hast du mich gerettet? Warum hast du mir dieses entsetzliche Leben wiedergegeben?«Er stieß den Freund von sich. Entsetzt taumelte Dr. Cartogeno gegen die Hüttenwand.»Willst du es dir ansehen, wie schön ich laufen kann?«

Er sprang auf und wollte einen Schritt gehen. Als seien in den Beinen keine Knochen mehr, keine Sehnen, keine Muskeln — so knickten sie ein, weich, leblos, nur noch eine Masse Fleisch ohne Halt. Nach vornüber schlug Peter, auf das Gesicht, die Hände weit ausgebreitet. Ehe Dr. Cartogeno hinzuspringen konnte, wälzte sich Peter auf den Rücken und sah den Freund halb irre an.

«Weißt du, was das ist?«röchelte er.»Soll ich es dir sagen? Ich bin gelähmt! Meine Beine sind gelähmt, es sind keine Beine mehr… nur noch am Körper hängende Fleischstücke. Ich bin ein Krüppel… ein Krüppel… ein Krüppel.«

Er wälzte sich wieder aufs Gesicht und schluchzte. Sein Körper wurde geschüttelt von dieser furchtbaren Erkenntnis.

Dr. Cartogeno hob den Freund wie ein Kind auf und trug ihn zum Bett zurück. Willenlos ließ es Peter geschehen, er hatte die Augen geschlossen, aber unter den Lidern hervor rannen die Tränen.

Das war die Stunde, in der Dr. Cartogeno Hilferufe nach Köln und Schöllang sandte. In Peters Brieftasche hatte er die Adressen gefunden. Er fragte nicht viel — er schrieb an Angela Bender und Dr. Sacher, von dem er wußte, daß Peter ihm mehrmals geschrieben hatte.

Hilfe! schrieb er. Dr. Peter Perthes ist gelähmt. An beiden Beinen!

Er hat allen Lebensmut verloren und will nichts, als sich vergiften! Wir haben kein Mittel gegen diese Lähmung, es gibt wohl auch kein Mittel auf der ganzen Welt gegen das Gift der >Schwarzen Witwe<. Und doch müßt Ihr helfen! Sucht, forscht Tag und Nacht und gönnt Euch keine Ruhe. Peter ist gelähmt. Hilfe!

Aus Bogota kamen Spezialärzte nach Zapuare, untersuchten Dr. Perthes und schüttelten die Köpfe. >Life< schickte die beiden besten Tropenärzte aus New York und San Franzisko in Flugzeugen nach Kolumbien — sie nahmen Blutproben, untersuchten die Nerven der Beine und. schüttelten die Köpfe.

Rettungslos verloren! Auf Lebenszeit gelähmt. Zum Krüppel verurteilt.

Nach zwei Monaten hatte sich Peter gefaßt. In langen schlaflosen Nächten hatte er sich zu der Erkenntnis durchgerungen, daß sein Leben in Zapuare enden würde. Was wollte er noch in Europa, in Köln, an Angelas Seite? Sollte sie einen Gelähmten heiraten? Sollte er ein moralisches Recht ausnutzen und ihr ganzes Leben vernichten, mit ihrer Jugend an einen Greis gebunden, den sie im Rollstuhl durch die Zimmer fahren, ins Bett tragen mußte?

Es war undenkbar, das von Angela zu verlangen. Nein, es gab nur diesen einen Weg: alle Brücken abbrechen! Mit starrem Gesicht verbrannte er alles, was ihn an Angela erinnerte. Selbst ihre Geschenke an ihn, Brieftasche, Armbanduhr, einen Schal, ein Oberhemd, ließ er Dr. Cartogeno am Fluß vernichten. Nichts sollte zurückbleiben von ihr, nichts, was er greifen konnte. Nur die Erinnerung blieb — die Gedanken, die er nicht verbrennen konnte, sondern die seine Seele verbrannten. Europa sollte zur Vergangenheit werden — der Urwalddoktor, das wollte er in Zukunft sein. Der lahme weiße Zauberer. Der Krüppel von Zapuare.

Nach eigenen Zeichnungen ließ er sich Spezialkrücken anfertigen. Mit ihnen humpelte er, den Körper beim Gehen auf den Hölzern vorschleudernd, am Ufer des Rio Guaviare entlang. Die Einwohner von Zapuare gingen ihm aus dem Weg. Sie wollten ihn nicht grüßen, damit er in ihren Augen das Mitleid nicht sähe.

Mühsam schleppte er sich an seinen Krücken umher. Dr. Cartogeno versah nach Peters Angaben die Laborarbeiten. Ab und zu saß er in einem weichen Polstersessel selbst vor dem Tisch am Mikroskop und begann eine neue Versuchsreihe. Sein Material war unerschöpflich: es war sein eigenes Blut. Verbissen betrachtete er durch das Okular die unregelmäßigen Kristalle. Das waren seine Feinde! Das war der Tod. Das war… die Lähmung! Winzige, schillernde Kristalle. Sie konnten einen großen, starken Menschen fällen. Ach, was ist ein Mensch.

Dr. Perthes ließ sich in das Boot tragen und fuhr von neuem die Flüsse herab in die unergründlichen Urwälder. Wo sein Kanu anlegte, da standen seine Freunde, die Tarapas, am Ufer und trugen ihn auf Bastmatten oder auf den Schultern durch die Dschungel und Sümpfe. Die Baumtrommeln kündeten sein Kommen an. wo er auf seiner Karte den geplanten Weg bezeichnet hatte, war in den Wald ein Pfad gehauen. Riesenhafte Wilde rodeten die Lagerstätten, suchten in den Sümpfen nach giftigen Spinnen und Schlangen und brachten sie Dr. Cartogeno, der nicht von Peters Seite wich. Unermüdlich forschten sie. Peters Tatkraft hatte etwas Verzweifeltes an sich. Es war, als suche er Vergessen in der Arbeit, als wolle er seine gelähmten Beine nicht sehen, wenn er im Boot durch die Urwaldflüsse schoß. Er kannte kaum noch Schlaf. Eine dunkle Macht trieb ihn zu rastloser Arbeit. Wenn er auf seinen Krücken umherhumpelte, verbreitete er Schweigen um sich. Aber darauf achtete er nicht. Er kannte nur ein Ziel, dem er sein Leben opferte wie einem Moloch: Kampf den glitzernden Kristallen. Kampf dem Gift. Kampf dem Tod.

Kapitel 11

Professor Dr. Purr sprang aus seinem Sessel auf, als ihm der Besuch Frau Dr. Benders gemeldet wurde.

«Das ist doch nicht möglich«, rief er und ging in die Diele seines Hauses. Dort stand Angela, schmal, blaß, übernächtigt, das Kind auf dem Arm. Unter ihren Augen lagen tiefe schwarze Ringe. Sie schien am Ende ihrer Kräfte zu sein.

«Mein Gott! Was ist geschehen?«Professor Purr nahm ihr das Kind aus den Armen und trug es vor sich her ins Herrenzimmer. Dort legte er es vorsichtig auf die Couch, während sich Angela erschöpft in einen der Sessel fallen ließ und mit dem Kopf auf die Lehne sank. Ohne weiter zu fragen, rief Purr seine Klinik an und ließ ein Bett vorbereiten. Dann bestellte er einen Krankenwagen. Das Mädchen mußte starken Kaffee kochen und einige Schinkenbrote herrichten. Dann ging er zu Angela zurück und richtete ihr Gesicht zu sich empor.

Da sah er, daß sie weinte.

«Kann ich Ihnen helfen?«fragte er nur und legte seinen Arm schützend um ihre zuckenden Schultern.

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