Mord im Garten des Sokrates
- Автор: Berst Sascha
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Mord im Garten des Sokrates». Краткое содержание книги:
«Ich werde jetzt gehen», sagte ich, «wenn du etwas brauchst, wende dich an den Wärter. Er wird nach mir schicken, falls es nötig ist.»
«Lass mich hier raus», sagte er leise und versuchte seiner Stimme einen schmeichelnden Klang zu geben. «Du kannst das. Lass die Tür auf und schick den Wärter weg. Ich verschwinde, du siehst mich nie wieder.»
«Noch bevor die Sonne untergeht, wären wir beide tot», antwortete ich und ging hinaus.
«Und du meinst, du kannst mir helfen?», schrie er mir nach. Seine Stimme überschlug sich vor Abscheu. Ich schloss die Tür und legte den Riegel vor.
Der kleine Bias erwartete mich am Tor. Ich verabschiedete mich und bat ihn, auf Lysippos Acht zu geben. Natürlich wollte ich ihm nicht zumuten, sich Anaxos in den Weg zu stellen, falls der mit seinem Folterknecht auftauchte, aber er sollte mich verständigen, und das versprach er mir, auch wenn sein Zwergen-körper bei der Vorstellung, auf die Straße zu treten, zu zittern begann.
Bias schloss den Riegel hinter mir, und ich machte mich auf zur Kaserne. Auch Sokrates hatte eine innere Stimme, auch er. Vielleicht schien er deswegen manchmal so weit weg, so völlig in sich gekehrt, vielleicht sprach er deswegen auch so oft mit sich selbst. Beim Zeus! Hoffentlich droht mir nicht sein Schicksal, und ich fange an, im Winter barfuß in Pfützen herumzustehen ... Und doch: gerade im Augenblick hätte ich gerne eine innere Stimme, die mir den Weg zu Perianders Mörder weist. Was wusste ich bis jetzt? Wenig bis nichts. Periander war der geliebte Sohn reicher Eltern, klug und schön. Er hatte viele Freunde, Erfolg, er hatte .? Langsam, hatte er wirklich Freunde? Sicher nicht Charmides und Glaukon. Das waren kein Freunde, sonst hätten sie einen Tag nach seinem Tod kein Fest gefeiert. Was aber war mit Platon? Er litt unter Perianders Tod, das war sicher. Er war sein Geliebter, aber war er damit auch sein Freund? Ist man einander denn Freund, wenn man einander liebt? Und wieso hatte Platon mir so wenig helfen wollen? Wenn er Periander liebte, musste er dann nicht wünschen, dass der Mörder gefunden und hingerichtet würde? Müsste er nicht sogar wünschen, ihn zu töten? Ich musste noch einmal mit ihm sprechen. Das war sicher.
Ich ging zur Kaserne zurück und war froh, Myson nicht in der Schreibstube zu treffen. Ich wollte ihn nicht sehen und versuchte, mich anderen Dingen zu widmen. Nächste Woche war eine Versammlung auf der Pnyx, die ich vorbereiten sollte. Ich ging in mein Arbeitszimmer, aber ich fand keine Ruhe. Ich lief auf und ab, auf und ab. Irgendwann zog es mich in die Schreibstube. Mysons Tisch war aufgeräumt wie immer. Papyrusrollen, Tinte und Schreibhalme lagen in vollkommener Ordnung. Ich nahm einen beschriebenen Papyrus und sah ihn mir an. Es war eine Aufstellung unseres Lagerbestands, nichts Bedeutendes, ein einfaches Inventar. Ich bewunderte Mysons Schrift, jeder Buchstabe hatte den gleichen feinen Schwung, die gleiche leichte Neigung, о und σ, υ und v blieben stets leicht zu unterscheiden. Die Schrift eines geübten Kalligraphen, eines routinierten Kanzlisten. Ich biss mir auf die Lippen. Waren diese Buchstaben der Schrift, in welcher die ΑΘΗΝΑΙΩΝ ΡΟΛΙΤΕΙΑ geschrieben war, nicht doch zu ähnlich? Ich hätte die Papyri gerne nebeneinandergelegt und genauer verglichen, aber Anaxos besaß das Original, und er hatte es nicht behalten, um es mir bei nächster Gelegenheit wiederzugeben. Ich versuchte, mich an das Bild der Buchstaben auf dem fatalen Dokument zu erinnern. Je länger ich mir das von Myson errichtete Inventar vor die Augen hielt, desto mehr schien auch jener Papyrus aus Perianders Rachen vor meinen Augen Gestalt anzunehmen, und zwar mit eben diesem Schwung, mit dieser leichten und regelmäßigen Neigung nach links, mit eben diesen klar gezeichneten und stets zu unterscheidenden Buchstaben ... Oder sah ich nur eine der Kopien, die Myson gefertigt hatte, vor meinem inneren Auge ?
«Was tust du da, Herr?» Es war Myson Stimme, die mich aus meinem Grübeleien riss. Er stand plötzlich hinter mir. Ich hatte ihn nicht kommen hören. «Ist irgendetwas mit dem Inventar nicht in Ordnung?», fragte er und betrachtete mich misstrauisch.
«Nein, nein», wehrte ich ab, «ich wollte nur etwas nachsehen, kein Grund zur Sorge.»
«Du hättest mich nur fragen müssen», sagte er. Unschlüssig blieb er im Raum stehen. Sein altes Gesicht wirkte angespannt.
«Ich wollte nur etwas nachsehen», log ich und rollte den Papyrus unschlüssig wieder zusammen.
Myson nickte und schwieg. Ich erhob mich von seinem Platz und bat ihn, sich zu setzen.
«Du warst bei Lysippos?», fragte ich beiläufig.
«Ich habe nach ihm gefragt», antwortete er.
«Warum?»
Er zuckte mit den Schultern, entrollte die Liste wieder und nahm einen Schreibhalm, den er langsam in das Tintenfass tauchte. Aber er arbeitete nicht weiter. Er blieb bewegungslos sitzen und starrte auf das Dokument. Wie er im Gegenlicht so vor mir saß, hatte er etwas von einem alten, müden Raubvogel.
«Wenn du etwas wissen möchtest, musst du mich nur fragen, Herr», sagte er noch einmal, ohne aufzusehen. Ich zögerte. Dann platzte es aus mir heraus.
«Wie hat Anaxos so schnell von Lysippos' Verhaftung erfahren können?»
Lysippos wandte mir sein müdes Vogelgesicht zu. Er zeigte einen bitteren Zug um die Lippen.
«Ohne Zweifel gibt es einen Spion bei uns», antwortete er. Er wusste, dass ich ihn verdächtigte. Es war herauszuhören aus dem traurigen Ton, in dem er mir antwortete. Ich ging hinaus; irgendetwas lag in der Luft, und ich konnte es nicht ertragen.
Am Nachmittag kamen einige Unteroffiziere zu mir, und gemeinsam beschäftigten wir uns mit der Vorbereitung der Versammlung. Wir hatten den Auftrag bekommen, dafür zu sorgen, dass alle Bürger, die sich ihr Sitzungsgeld abgeholt hatten, auch auf der Pnyx blieben. Es gab nämlich immer wieder Athener, die sich für die Sitzung einschrieben und ihr Tagegeld kassierten, sich aber anschließend lieber in den Straßen herumtrieben, anstatt ihren Ratspflichten nachzukommen. Hiergegen sollten wir etwas unternehmen. Wir überlegten lange, was wir tun könnten. Schließlich hatte ein junger Unteroffizier die rettende Idee. Wir beschlossen, jedem, der sich seinen Obolus abgeholt hatte, einen roten Kreidestrich auf den Chiton zu zeichnen. Die Farbe war kräftig genug, dass sie sich nicht so einfach abwischen ließ. Wir mussten dann nur noch bei den Patrouillen die Augen offen halten. Hatte jemand Farbe am Gewand, hatte er in der Stadt nichts verloren, und wir konnten ihn auf die Pnyx zurücktreiben!
Die Planungen lenkten mich den Nachmittag über ab. Wir lachten bei der Vorstellung, ein paar Tagediebe mit den Weideruten zur Versammlung zu treiben, damit sie sich ihr Sitzungsgeld auch verdienten. Sobald sich meine Offiziere aber verabschiedet hatten, kehrten meine Gedanken wieder zu Periander zurück, und irgendwann stand ich wieder in seinem Zimmer, in jener kargen Zelle, in der sein lebloser Körper vor mir gelegen hatte. Ein schlichter, ein allzu schlichter Raum war das gewesen. Mochte auch das etwas bedeuten? War dieser Verzicht auf bequeme Möbel und schöne Dinge Teil der Zucht, die Periander sich auferlegte? Teil einer Lebensweise, die das oligarchische und jeder Zucht ergebene Sparta zum Vorbild hatte, Athens hellenischen Bruder- und Feindesstaat?
Es gab nur einen, der mir diese Fragen beantworten konnte. Ich musste noch einmal zu Platon, auch wenn ich dadurch wieder in den Dunstkreis einer Familie käme, deren Macht ohne Zweifel weiter reichte, als es mir lieb sein konnte.
Der Duft eines nahen Pinienwäldchens lag in der Luft, als ich den Weg zu Platons Villa einschlug. Der Boden war noch warm von der sengenden Sonne, die die Stadt den ganzen Tag wie einen Backofen aufgeheizt hatte. Bald erreichte ich das Tor. Hoffentlich hatte Platon sich in der Zwischenzeit von Sokrates verabschiedet.