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Mord im Garten des Sokrates

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Mord im Garten des Sokrates
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«Ah, Hauptmann, komm herein, komm herein», grüßte Bias eilfertig, während sein durch den Buckel verunstalteter Oberkörper auf seinen dünnen Beinchen hin- und herschwankte. «Du willst nach dem Rechten sehen? Das ist gut, komm herein, komm herein.»

«Nicht nach dem Rechten, Bias, nur nach dem neuen Gefangenen, Lysippos. Sie müssten ihn dir heute gebracht haben», entgegnete ich.

«Lysippos, ja, den haben wir hier gut untergebracht. Kommt nur! Sie haben ihn heute hergeschleppt. Vier Mann haben ihn auf einer Trage hergebracht. Er hat sich nicht gewehrt, und jetzt sitzt er ganz ruhig in seinem Loch», antwortete Bias in dem ihm eigenen Singsang. Er sprang behände zum Hauptgebäude und bedeutete uns, ihm zu folgen.

«Wie macht er sich denn?», fragte ich, als wir ihn eingeholt hatten.

«Früh zu urteilen», antwortete Bias. «Ich war noch gar nicht bei ihm. Aber ich glaube, er ist kein schlechter Kerl. War ganz ruhig und still, wie sie ihn in die Zelle getragen haben. Ganz ruhig und still.»

Bias bog kurz vor der Eingangstür des Hauptgebäudes ab und führte uns eine schmale Treppe hinunter zu den Verliesen. Man hatte Lysippos also in den Kerkern untergebracht. Wir gingen einen stockfinsteren Gang entlang. Bias' Laterne spendete nur wenig Licht. Endlich standen wir vor einer alten, mit Eisen beschlagenen Tür, die Bias öffnete.

Als der Wärter den Raum ausleuchtete, bot sich uns ein Bild des Jammers. Lysippos kauerte an der Wand und wiegte seinen Oberkörper vor und zurück, vor und zurück. Auf seiner nackten Haut prangten neue Striemen. Man hatte ihn wieder ausgepeitscht. Er summte eine Melodie vor sich hin, die er ständig und scheinbar ohne jede Regung wiederholte. Es war ein Teil eines alten Schlafliedes, mit dem die Ammen die Kinder beruhigten.

«Kannst du ihm helfen?», fragte ich Chilon. Er nickte, nahm seinen Lederbeutel ab und ging ein wenig beklommen auf die geschundene Kreatur zu, die da vor uns saß.

«Sei vorsichtig. Er ist unberechenbar», warnte ich, wodurch Chilons Bewegungen noch zögerlicher wurden.

«Mach mir Licht», bat er Bias, während er sich langsam zu Lysippos hinunterbeugte. Aber Bias hatte sich schon umsichtig hinter den jungen Arzt gestellt und hielt die Laterne so gut es ging über ihn und den Patienten, damit er arbeiten konnte. Sein gnomenhaftes Gesicht war besorgt. Ich sah es selbst im Halbschatten des Laternenlichtes. Auch er hatte diesen Anblick nicht erwartet.

Chilon bat Bias, dem Gefangenen ins Gesicht zu leuchten, und hielt ihn mit beiden Händen fest, damit Lysippos mit dieser eigentümlichen Schaukelbewegung aufhörte. Dann untersuchte Chilon Lysippos' Augen, seine Ohren, seinen Mund und tastete vorsichtig nach seinem Kinn, dem Kehlkopf und dem Hals. Ich musste unwillkürlich an Hippokrates und die Leichenschau an dem armen Periander denken, denn in Chilons noch etwas unsicheren Bewegungen erkannte ich Hippokrates' Vorbild ohne Zweifel. Als er mit Gesicht und Hals fertig war, widmete sich Chilon den tiefen, blutverkrusteten Striemen an Lysippos Körper. Mit einer Hand hielt er Lysippos weiterhin fest an die Wand gedrückt, mit der anderen berührte er zaghaft die Haut zwischen den Wunden, sorgfältig darauf achtend, seinem Patienten nicht wehzutun. Aber Lysippos schien ohnehin keinerlei Notiz von ihm oder der Untersuchung zu nehmen. Als Chilon ihn losließ, begann er nur wieder seinen Oberkörper hin- und herzuwiegen und die immer gleiche Strophe des eintönigen Kinderliedes zu summen.

Zuletzt untersuchte Chilon Lysippos' Beine und seinen Fuß. Plötzlich brüllte der vor Schmerz auf. Wir erschraken alle.

«Oh Gott!», rief Chilon entsetzt und winkte mich zu sich. Ich trat näher, Bias hielt sein Gesicht abgewandt. Das fahle Licht der Laterne zeigte mir den Grund: Lysippos' rechter Fuß - oder vielmehr das, was Anaxos und sein Folterknecht davon übriggelassen hatten.

Chilon besann sich einen Moment, atmete tief durch und zog seinen Lederbeutel zu sich, dem er zwei gebogene Schienen, einen Lederriemen, einen Tontiegel und eine Verbandsrolle entnahm. Ich musste mich neben Lysippos setzen und mit ganzer Kraft seine Beine festhalten, während Chilon den verdreht stehenden Fuß zunächst sorgfältig mit einer fetten, weißen Paste einschmierte, ihn dann zart in die Hand nahm, um ihn plötzlich und unter einem ohrenbetäubenden Schmerzensschrei aus Lysippos' Munde wieder in die richtige Position zu drehen.

«Du kannst ihn loslassen», sagte Chilon, nachdem das Gelenk eingerenkt war, «er wehrt sich jetzt nicht mehr.»

Ich lockerte meinen Griff. Lysippos strampelte und schrie nicht mehr. Er war vor Schmerz in Ohnmacht gefallen.

Chilon legte den geschundenen und blutenden Fuß zwischen die Schienen und fertigte einen fest sitzenden Verband. Lysippos stöhnte in seiner Ohnmacht, während Chilon den Fuß umwickelte. Ich zeigte fragend auf den nach unten abgeknickten Spann. Chilon schüttelte den Kopf.

«Hammerschlag», sagte er und zuckte mit den Schultern. Dagegen war er machtlos.

Nachdem Lysippos' Fuß verbunden und die Wunden an seinem Körper mit einer Talgsalbe verarztet waren, verließen wir den Raum. Lysippos war von seiner Ohnmacht in einen tiefen Schlaf gesunken, wie Chilon festgestellt hatte. Schweigend folgten wir Bias' Lampenschein den dunklen Flur entlang und die Treppe hinauf. Als wir auf dem Vorplatz angekommen waren, fragte ich Chilon, wie Lysippos Fuß so zugerichtet worden war.

«Die kleinen Einstiche im Fuß rühren von einem persischen Schuh. Du weißt schon, der Metallschuh mit nach innen zeigenden Nägeln. Aber diese Verletzungen sind nicht allzu tief. Sie haben ihn wahrscheinlich abgenommen, um sich dem Gelenk zu widmen. Das haben sie vollständig ausgekugelt, wozu sie vermutlich eine große Zange oder etwas von der Art benutzt haben. Die Verletzungen am Mittelfuß rühren von einem schweren Hammer her. Sie haben ihn einfach zertrümmert. Kein schöner Anblick», antwortete Chilon mit einer Sachlichkeit, die mich schaudern machte. Er war wohl doch schon sehr viel mehr Arzt, als ich dies gerade noch vermutet hatte. Bias dagegen hatte die Wunden schon nicht anschauen können und war mit jedem Satz, den Chilon sprach, einen Schritt von uns weggegangen. Er wollte nicht auch noch genau wissen, was mit Lysippos geschehen war. Ihm genügte das, was er gesehen und gehört hatte, vollkommen.

«Ich frage mich nur, wieso sie ihm den persischen Schuh so früh abgenommen haben», fuhr Chilon in seinen Überlegungen fort. «Die Dinger sind ungemein schmerzhaft, und man kann die Qual langsam steigern, ohne dass das Opfer gleich in Ohnmacht fällt. Einer solchen Folter widersteht niemand lange.»

Ich kannte den Grund. Er war denkbar einfach. Sie hatten den persischen Schuh nicht mehr gefunden, als sie die Folter heute Nachmittag hatten fortsetzen wollten. Ich hatte ihn weggenommen. Deswegen mussten Anaxos und sein Gehilfe mit dem gespaltenen Gesicht andere Werkzeuge zum Einsatz bringen. Sie haben sich sicher in unserem Stall oder in der Waffenkammer bedient. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Dass die Folterknechte um gutes Werkzeug verlegen wären?

Ich hatte genug. Für heute musste ich nicht noch mehr erfahren. Ich bat Bias um zwei Laternen, damit Chilon und ich unseren Weg nach Hause finden konnten, bezahlte Chilon großzügig von dem Geld, das mir Anaxos gegeben hatte, und trat erschöpft meinen Heimweg in den Kerameikos an. Dass Aspasia mich dort mit dem Abendbrot erwartete und nicht fragte, was geschehen war, war der einzige Lichtblick dieses Tages.

О

ich erwachte, als der Morgen dämmerte. Kalter Schweiß trat mir auf die Stirn. Periander in seinem Totengewand, Anaxos, Lysippos und Myson standen als ins Reich des Tages getretene Traumgespinste um mein Bett und betrachteten mich. Sie hatten sich aus der Welt des Schlafes hinüberretten können und verweilten einen Moment schweigend bei mir. Dann drehte sich einer nach dem anderen um, wandte mir den Rücken zu und gemeinsam kehrten sie zu ihrem Herrn Morpheus zurück. Ich schmeckte Metall im Mund. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Vorsichtig stand ich auf - Aspasia schlief nie sehr tief - und ging leise in den Garten hinaus.

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