Mord im Garten des Sokrates
- Автор: Berst Sascha
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Mord im Garten des Sokrates». Краткое содержание книги:
Erschlagen worden sei er, sagte uns der Ankläger, erschlagen aus Habgier um einen Ring, den das arme Opfer trug, einen Ring, den man später bei mir fand. Er war das Siegeszeichen für seinen Triumph in Olympia. Es ist wahr, ich habe den Ring gefunden. Aber habe ich Periander deswegen auch getötet?
Überlegt gut, meine Richter, überlegt gut. Das Opfer war jung, stark und schnell wie kein Zweiter, ein Olympiasieger. Und ich, Krüppel, der ich bin, hätte ihn einholen und erschlagen sollen? Ihm auflauern in einer Nacht, in der man nichts sieht, aber alles hört? Mich anschleichen mit meinem verkrüppelten Bein?
Lysias erhob sich und lachte bitter. Dann schritt er einbeinig und schwer auftretend durch den Raum. Er musste ein Stück Holz unter die Sohle seines rechten Schuhs genagelt haben, denn bei jedem Tritt auf den Marmorboden ertönte ein stumpfer Laut, der nicht bei Tag und schon gar nicht bei Nacht zu überhören war. Lysias blickte mich mit finsterem und tödlich ernstem Gesicht an, als wäre ich seinen Richter. Ich verstand. Er nickte und fuhr fort:
Ich weiß es besser. Dieser edle Spross einer vornehmen Familie wurde nicht erschlagen, er wurde erstickt. Ja, ihr habt recht gehört: erstickt. Ich würde nicht wagen, es zu behaupten, wenn ich es nicht wüsste und nicht auch beweisen könnte. Beweisen!
Komm her, mein Zeuge!
Lysias streckte seinen Körper und deutete mit beiden Händen auf mich. Mir steckte ein Kloß im Hals. Augenscheinlich sollte ich aufstehen und zu Lysias treten. Ich erhob mich mit zittrigen Knien und ließ mich von ihm an seine Seite ziehen.
«Jetzt kommt dein Auftritt, mein lieber Nikomachos», sagte Lysias, wieder ganz er selbst. Er schwitzte vor Anstrengung. «Du berichtest einfach nur, was du weißt. So wie du es mir neulich erzählt hast. Du begrüßt die Richter und stellst dich vor. Nikomachos, Sohn des ... derzeitiger Hauptmann der Bogenschützen usw. Hier, ich habe auch für dich etwas vorbereitet.»
Lysias ging zu seinem Arbeitstisch und kam mit einer weiteren Schriftrolle zurück. Es wunderte mich wenig, die folgende Überschrift zu finden.
Des Nikomachos Zeugenbericht
«Warte», sagte Lysias, während er mich wieder zu meinem Sessel brachte und sanft zum Sitzen nötigte, «ich will es dir zeigen.»
Lysias baute sich breit vor mir auf. Soldatisch warf er sich in die Brust, soldatisch und sachlich war sein Ton. War das mein Porträt, das er da vor meinen Augen zeichnete, benahm ich mich tatsächlich so wie ein einfältiger Soldat?
Lysias berichtete an meiner Stelle in knappen Worten und ohne jeden Schnörkel, wie Alkibiades mir den Auftrag erteilt hatte, den Mord an Periander aufzuklären, wie ich zusammen mit Hippokrates den Leichnam untersucht und im Rachen des armen Opfers einen Fetzen der ΑΘΗΝΑΙΩΝ ΡΟΛΙΤΕΙΑ, «eines Werkes, das in Athen in gewissen Kreisen weit verbreitet ist», wie ich bemerken sollte, gefunden hatte. Einzelheiten der Leichenschau überging er, und er vermied jeden Eindruck, er könne glauben, die vor ihm versammelten Richter seien je selbst mit jenem oligarchischen Werk in Berührung gekommen. Den Inhalt des Pamphlets gab er ausführlich und mit Widerwillen wieder, und so lenkte er den Verdacht an der Schuld für das Verbrechen langsam und wie beiläufig auf eben jene Kreise, in welchen das Machwerk von Hand zu Hand ging.
Als wäre er ich selbst, schilderte er, wie ich Hippokrates eindringlich befragt hatte, ob dieser Papyrus etwa als Knebel gedacht gewesen und den Tod des armen Periander zufällig herbeigeführt haben konnte, nicht ohne im gleichen Atemzug die Antwort des Arztes zu geben und keinen Zweifel daran zu lassen, dass der Mörder Periander mit voller Absicht gerade mit diesem Fetzen erstickt habe. Dass Hippokrates die Stadt wegen dieses Wissens habe verlassen müssen, deutete er an, ohne Namen zu nennen. Dann folgte der Bericht der Wäscherin über den Streit am Itonia-Tor, den sie gerade in der Mordnacht vernommen hatte, und - wieder ohne Einzelheiten - ein knapper und kalter Rapport über die Folter, der man Lysippos unterzogen hatte, damit er gestehe.
Habt ihr vernommen, ihr Richter, was Nikomachos zu sagen hat, gerade der aufrechte Hauptmann, der mich verhaften ließ? Könnt ihr euch vorstellen, dass er euch hier und heute belügen könnte, er, der mich in Ketten gelegt hat, wie es seine Pflicht war? Nein! Dieser Mann ist aufrichtig, ihr wisst es so gut, ja, ihr wisst es besser als ich, denn ihr kanntet auch schon seinen Vater.
Lysias begann Lysippos' Schlussplädoyer vorzutragen, als sich die Tür öffnete und ein junger Mann in den Raum trat. Lysias sah auf und hielt augenblicklich inne. Ein Strahlen ging über sein Gesicht.
«Polemarchos, endlich, du bist zurück!», rief er aus, lief auf den Besucher zu und schloss ihn lang und innig in die Arme.
Ich stand auf, um den mir unbekannten Gast gleichfalls zu begrüßen. Als Lysias ihn aus der Umarmung freigab und mir Polemarchos vorstellte, blitzte eine verstohlene Träne in seinem Augenwinkel.
«Nikomachos, das ist mein jüngerer Bruder. Er war mit der Paralos unterwegs. Wir haben seit Tagen auf ihn gewartet.»
Ich verstand ihn gut, denn die Paralos, das Flaggschiff der Athener Flotte, war seit zwei Wochen überfällig, und in der Stadt hatte man schon befürchtet, sie könne angegriffen und zerstört worden sein. Lysias' Bruder war offenbar Soldat zur See und mit dem Schiff vermisst worden.
Ich begrüßte Polemarchos und beglückwünschte ihn zu seiner Rückkehr. Er war um einige Jahre jünger als Lysias, großgewachsen und schlaksig. In seinem jungenhaften, aber von der Sonne gegerbten Gesicht standen die Strapazen einer schweren Reise. Er erwiderte meinen Gruß liebenswürdig und bat darum, wegen seiner Ankunft doch keine Umstände zu machen. Das war freundlich, aber ich wollte die Brüder lieber so schnell wie möglich allein lassen. Ich ließ mir von Lysias gerade noch die Redemanuskripte und ein paar letzte Anweisungen für die Verhandlung geben. Dann verließ ich das Haus. Die Familie sollte Polemarchos' gesunde Rückkehr ganz im vertrauten Kreise feiern können.
Ich trat hinaus und zögerte einen Augenblick. Staub tanzte in den Gassen. Weinlaub rankte sich an einer Mauer empor und bildete ein wirres Dickicht von Ästen, Knoten und Blättern. Darüber erhob sich die Akropolis mächtig und erhaben vor meinen Augen, und dahinter stand der Berg Lykabettos wie ein unbeweglicher Riese: eine Göttin und ein Titan.
Ich wandte meine Schritte zum Gefängnis. Nun musste Lysippos seine Verteidigungsrede auswendig lernen. Das würde ihm niemand abnehmen können. Mit seinen eigenen Lippen musste er die Worte sprechen.
Σ
die Wochen bis zu Lysippos' Prozess vergingen rasch. Wie Lysias vorausgesagt hatte, sollte Kritias die Anklage übernehmen. Auch dass Lysias die Verteidigungsrede geschrieben hatte, war bekannt geworden und sprach sich überall schnell herum. Auf der Agora wurden Wetten auf Lysippos' Kopf geschlossen, und die meisten setzten auf seinen Tod. Ich besuchte Lysippos jeden Tag, sah nach ihm und hörte ihn ab. Er lernte mit trotziger Verzweiflung. Auch Chilon kam regelmäßig zu seinem Patienten. Er war erstaunt, wie schnell Lysippos' Wunden heilten. Dieser ausgemergelte Hund besaß einen geradezu unerhörten Lebenswillen und sein dürrer Körper eine ungeahnte Kraft und Zähigkeit. Mehr noch als Chilon und ich kümmerte sich aber Lysippos' Tochter um ihn. Ich begegnete ihr immer wieder. Sie war eine kleine, robuste Frau mit groben Zügen, deren grell geschminktes Gesicht und abschätziger Blick kaum Zweifel an ihrem Beruf aufkommen ließen. Aber sie war beinahe jeden Morgen und jeden Abend in der Zelle, brachte ihrem Vater zu essen und zu trinken, wusch ihn, reinigte seine Wunden und wechselte die Verbände. Dabei war sie immer in Begleitung ihres kleinen Söhnchens, eines stillen und schwachen Kindes, das sich fest an die Mutter klammerte und sein Gesicht in ihrem Busen verbarg, sobald sich ein Fremder näherte. So schwach es war, das Kind hatte eine besondere Gabe: Es liebte seinen Großvater. Lysippos habe ich einzig ihm und seiner Tochter gegenüber freundlich und offen erlebt. Für Chilon und mich blieb er, ungeachtet der Sorge, die wir um ihn trugen, unzugänglich, und wenn er seinen hässlichen Mund doch hin und wieder zu einem Lächeln verzog, war es heuchlerisch, und die Augen lachten nicht mit. Kurze Zeit später versuchte er dann meist, irgendein Privileg für sich zu erschmeicheln.