Mord im Garten des Sokrates
- Автор: Berst Sascha
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Mord im Garten des Sokrates». Краткое содержание книги:
«Aber Lysias ist teuer», unterbrach ich Sokrates, während dieser schon losging.
«... aber auch er ist mein Freund», fuhr er gelassen fort. «Er kann uns sicher helfen.»
Unbeirrt ging Sokrates voraus. Ich beeilte mich, ihm zu folgen.
«Willst du jetzt geradewegs zu Lysias?», fragte ich, als ich ihn eingeholt hatte.
«Aber ja», antwortete Sokrates, «er ist ganz sicher zu Hause.»
Wir gingen nicht mehr zur Agora zurück, sondern wandten uns direkt zur Pnyx und folgten der Straße zum Henker-Tor. Dahinter, zwischen der nördlichen und der südlichen Langen Mauer, hatte die Stadt einigen reichen Metöken gestattet, ihre Häuser zu bauen - gegen eine hohe Sonderpacht, denn sie durften die Grundstücke, auf denen ihre Häuser standen, nicht kaufen. Dorthin wandte Sokrates seinen Schritt, nicht ohne mir ein wenig von Lysias und seiner Familie zu erzählen: Lysias' Vater Kephalos stammte aus einer wohlhabenden Syrakuser Familie und war unter Perikles nach Athen gekommen. Über die Gründe hierfür sprach er nicht gerne. Er hatte wohl vor einer politischen Fehde fliehen müssen; selbst Sokrates wusste nichts Genaueres. Hier in Athen gründete Kephalos eine Schildermanufaktur, die ihn zu Reichtum brachte. Ihm gehörte das schönste Metöken-Haus weit und breit, und er hielt es gastlich. Lysias hatte die Geschäfte seines Vaters zwischenzeitlich übernommen, dabei aber noch eine ganz andere Neigung in sich entdeckt: er schrieb Reden, vornehmlich Gerichtsreden, und je aussichtsloser der Fall war, desto größer war auch sein Ehrgeiz.
«Du erstaunst mich immer wieder, Sokrates», sagte ich, als wir beinahe schon an Kephalos' Haus angekommen waren. «Ich dachte immer, du seist ein Gegner der Redner und Sophisten, und jetzt nennst du einen Logographen deinen Freund.»
«Ich verstehe gar nicht, wie du das denken konntest», antwortete Sokrates erstaunt. «Wusstest du denn nicht, dass mich die Athener einen Sophisten nennen? Ich habe nichts gegen die Redner. Platon mag sie nicht, aber das hat andere Gründe.»
«Ach ja, welche?», fragte ich erstaunt.
«Hast du es nicht bemerkt? Platon versucht es so gut er kann zu verbergen. Er hat einen kleinen Sprachfehler: Er lispelt. Eigentlich fällt es nicht weiter auf, aber wenn er vor einer größeren Menge sprechen soll, wird es stärker.»
Sokrates war im Hause des Kephalos wohlbekannt. Sofort wurden wir zu Lysias vorgelassen. Der hatte sich vor der Hitze in sein Arbeitszimmer zurückgezogen. Wir trafen ihn in einem ausladenden Raum mit hoher, blau getünchter und mit Sternen verzierter Decke. Hier saß er an einem niedrigen Tisch und blickte auf das Atrium, das man durch einen von Marmorsäulen gestützten Wanddurchbruch erreichen konnte. Als Lysias Sokrates sah, erhob er sich, ging ihm entgegen und schloss ihn in die Arme.
Lysias war ein kräftiger, nicht allzu großer Mann mit breiten Schultern und breitem Lächeln. Ein kleiner Bauch verriet seinen Hang zu gutem Essen, ein sinnlicher Mund eine Neigung zum Körperlichen und seine große, gebogene Nase die sizilianische Abstammung.
«Sokrates, was für eine Freude», sagte er und küsste ihn auf die Wangen. «Und ich sehe, du hast den Hauptmann der Bogenschützen mitgebracht, von dem man in den letzten Tagen ziemlich viel spricht in Athen.»
Er lächelte spöttisch und deutete eine elegante, aber auch ein wenig theatralische Verbeugung vor mir an. Dann bat er uns, auf zwei gepolsterten Sesseln Platz zu nehmen, bot uns mit Honig gesüßtes Wasser und einige Feigen an und fragte schließlich ziemlich geradeheraus, was wir eigentlich von ihm wollten.
«So einen Besuch erhält man selten ohne Grund», sagte er selbstsicher. «Womit kann ich dienen, meine Freunde?»
«Der große Lysias hat längst durchschaut, dass wir nicht aus reiner Freundschaft und Höflichkeit hierher gekommen sind», sagte Sokrates mit einem Seitenblick auf mich und tat ergeben. «Aber wie hätte es auch anders sein können bei einem Mann mit solchen Begabungen und Fertigkeiten?»
Lysias lachte. «Der alte Sokrates ist ein Fuchs und will mir schmeicheln, weil er weiß, dass ich dafür ein wenig empfänglich bin!», erklärte er mir, und sein Gesicht konnte eine Spur von Eitelkeit nicht verbergen. «Aber was soll ich tun? Ich kann ihm einfach nicht widerstehen. Also», und jetzt richtete er seine ganze Aufmerksamkeit wieder auf Sokrates, «worum geht es? Haben sie dich endlich wegen Gottlosigkeit angeklagt, und ich soll die Verteidigungsrede für dich schreiben? Du weißt, ich habe das schon lange kommen sehen!»
«Nein», antwortete Sokrates und wurde ernster. «Es geht um etwas anderes. Du hast sicher schon von dem Mord an Periander gehört?»
Lysias nickte. Der Ausdruck in seinem Gesicht änderte sich vollkommen. Hatte er gerade noch schelmisch gelacht, schien er nun beinahe finster.
«Mein Freund Nikomachos hat vor einigen Tagen einen gewissen Lysippos festgenommen, der wahrscheinlich Perianders Leiche gefleddert hat. Er ist ein armer Teufel, ein Dieb und Säufer. Anaxos - du weißt, wer das ist - wird Lysippos vor den Areopag bringen und wegen des Mordes an Periander aburteilen lassen. Er lässt ihn foltern. Nikomachos ist sich aber sicher, dass dieser Lysippos mit dem Mord nichts zu tun hat. Wenn wir ihm nicht helfen, wird er verurteilt, und Perianders Mörder läuft weiterhin frei herum.»
«Und da dachtet ihr an mich?», fragte Lysias schon wieder heiterer. Es war offensichtlich: Er wollte, dass Sokrates ihm noch einmal schmeichelte.
«Du bist der beste Logograph weit und breit», bemerkte Sokrates. Lysias lächelte. Das hatte er nur hören wollen.
«Ich kann dir und deinem Lob einfach nicht widerstehen», antwortete er und war offensichtlich schon überredet. Plötzlich drehte er sich zu mir und betrachtete mich einen Moment schweigend.
«Wieso bist du dir so sicher, dass dieser Kerl - wie heißt er gleich - Lysippos? - ja, wieso bist du dir so sicher, dass er unschuldig ist?», fragte er. Lysias' Gesicht, das gerade noch unter Sokrates' Kompliment erstrahlt war, bekam wieder einen so strengen Ausdruck, dass man sich vor ihm hätte fürchten können. Bei meiner Antwort geriet ich deswegen ins Stottern. Ich verhaspelte mich immer wieder und musste zweimal von vorn anfangen. Lysias legte die Stirn in Falten, blieb aber aufmerksam. Ich berichtete kurz von dem Leichenfund, von Hippokrates' schrecklicher Entdeckung im Rachen des armen Periander und den Beobachtungen der alten Wäscherin.
Während ich sprach, hielt Lysias die Hände zusammen, so-dass sich die Fingerkuppen berührten. Er hatte weiße, weiche Hände, die kaum je gearbeitet oder ein Schwert geführt hatten. Nachdem ich meine Beobachtungen zusammengefasst hatte, bat er mich, Lysippos selbst zu beschreiben. Alles schien er über ihn wissen zu wollen: was er tat, wer seine Eltern waren, ob er Kinder hatte, wie Lysippos aussah, wie er sich kleidete, wie er sprach, wie er roch ... Die Kriegsverletzung interessierte ihn besonders. Zweimal musste ich sie genau beschreiben und zweimal schildern, wie Lysippos bei der Schlacht um Pylos sein Bein verloren zu haben behauptete.
«Das ist es», sagte Lysias, «damit lässt sich etwas machen. Ich schreibe euch die Rede. In drei Tagen wird sie fertig sein. Lysippos wird sie auswendig lernen müssen, und zwar so gut, dass er sie im Schlaf aufsagen kann. Und du, Nikomachos, du musst dich von ihm als Zeuge rufen lassen.»
Das hatte ich befürchtet, und ich war dazu bereit, aber wohl, nein, wohl war mir nicht dabei!
«Du weißt, was das bedeuten kann?», fragte Lysias und zog eine Augenbraue hoch.
Ich bejahte, und es war mir angst und bange. Lysias nickte. Sokrates sah zur Decke und schien wieder mit sich selbst zu sprechen. Ich denke, beide verstanden, wie es mir ging.
«Wissen wir eigentlich schon, wer die Anklage führen wird?», fragte Lysias nach einer Weile. Ich schüttelte den Kopf. Darüber hatte ich mir noch keine Gedanken gemacht.