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Mord im Garten des Sokrates

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Mord im Garten des Sokrates
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Lysias lachte mich breit an. «Und du überraschst mit Ehrlichkeit, ohne auf die Einzelheiten dieser unangenehmen Erfahrung weiter einzugehen. Wenn du keine Rednerschule besucht hast, dann bist du ein Naturtalent. Nur keine Sorge, du hast mich nicht gekränkt. Bitte setz dich doch zu mir.»

Lysias wies auf den niedrigen Tisch und klatschte zwei Mal in die Hände. Sofort öffnete sich eine Tür, und eine bildhübsche Sklavin steckte ihren Kopf durch den Spalt. Lysias gab ihr ein Zeichen, und die Tür schloss sich wieder. Kurze Zeit später erschien das Mädchen mit einem voll beladenen Tablett, um uns aufzuwarten. Wir sahen zu, wie die junge Frau Teller, Krüge, Becher und Schüsseln anrichtete. Ich konnte kaum die Augen von ihr lassen. Ihre Haut war dunkler als die Haut einer Hellenin, und ihre weißen Augenäpfel und hellen Zähne strahlten wie Perlen in einer Schale von Obsidian. Blauschwarz war ihr Haar und dabei vollkommen glatt. Sie trug es wie eine Priesterin in ihrem Nacken zu einem Knoten gebunden. Ein schlanker, geschmeidiger Körper zeichnete sich unter ihrem dünnen Kleid ab, ein kleiner Ausschnitt verhieß einen blühenden Busen.

«Alles Köstlichkeiten aus Sizilien», sagte Lysias und ließ mir Mandeln, Walnüsse, Feigen, Käse und Pinienkerne auf den Teller legen. Dann reichte er mir eine Schüssel mit dickem Joghurt und einen Topf duftenden Honigs. «Und hier die zwei größten Köstlichkeiten Attikas.»

Ich kostete die edlen Speisen und den frischen Wein, den die hübsche Sklavin schweigend nachschenkte. Dabei war es ein zusätzliches Vergnügen, Lysias beim Essen zuzusehen, so sehr genoss er jeden Bissen.

«Ich weiß», begann er, nachdem er gesättigt schien, und deutete dabei auf die junge Sklavin, die bei unserem Tisch saß, «dass Sokrates weder von den Freuden des Bauches noch von denen des Auges allzu viel hält. Aber ich glaube, dass kein Gott Schönheit und Genuss geschaffen hätte, wenn er nicht auch wollte, dass man sich an ihnen erfreut ...»

Ich nickte, mehr vom Anblick der jungen Frau und dem Geschmack des Honigs überzeugt als von Lysias' Worten.

«Aber alles in Maßen und alles zu seiner Zeit», fuhr er streng fort und klatschte wieder in die Hände. Die Sklavin erhob sich, trug die leeren Teller und Schüsseln ab und verließ uns so schweigend, wie sie bei uns gesessen hatte. Ihre Bewegungen waren leicht und ohne Hast. Ihre Füße schienen den Boden nicht zu berühren.

«Siehst du», sagte Lysias, während mein Blick der schönen Sklavin folgte, «auch dieses zauberhafte Wesen lehrt uns etwas über die Redekunst. Zwei Dinge streng genommen.»

Ich sah ihn verblüfft an.

«Erstens: Was ich zeigen kann, das brauche ich nicht zu erklären .»

«Und zweitens?», fiel ich ihm wohl allzu neugierig ins Wort.

«Zweitens, die Schönheit stimmt uns milde ...», antwortete er und trank einen Schluck Wein. Der Duft der schönen Sklavin hing noch in der Luft, ein Geruch nach Rosmarin und Zimt. Ein zarter Windhauch blies die Vorhänge an der Terrassentüre auf wie Segel.

«Lass uns zum Thema kommen», sagte mein Gastgeber und stellte den Becher ab. «Auch das ist eine wichtige Eigenschaft des Redners: Er muss zum Thema kommen. Was weißt du über den Prozess?»

«Nicht viel», antwortete ich entschuldigend. «Die Verhandlung ist für den nächsten Monat angesetzt. Alkibiades hat den Toxotai befohlen, den Areopag zu bewachen. Es bleiben uns nur noch wenige Tage.»

«Und der Ankläger?»

«Ich weiß es nicht.»

«Es ist Kritias. Ich bin sicher», meinte Lysias und wirkte alles andere als fröhlich dabei.

«Ihr kennt euch schon länger?», hakte ich nach.

«Oh ja,» antwortete Lysias, «wie du neulich gehört hast. Wir sind alle Pflanzen aus Sokrates' Garten ... Aber kommen wir zum Prozess. Die Rede ist fertig.» Lysias griff unter sein Kissen und zog eine Schriftrolle hervor, die er mir mit einer verspielten Geste reichte. Ganz offenbar wollte er über Kritias kein weiteres Wort verlieren.

Ich dankte ihm und entrollte das Buch ehrfürchtig -

Des Lysippos Apologie -war die Rede überschrieben.

Dann folgte die Anrede:

Meine hohen Richter, ihr Herren der Stadt,

Ich begann gespannt zu lesen, aber Lysias hatte eine andere Idee. Er nahm mir die Schriftrolle aus der Hand, erhob sich und ging zum Fenster, um die Vorhänge zu schließen. Dann stellte er sich wie ein Schauspieler vor mich.

«Es ist wichtig, dass dein Lysippos sauber und rasiert ist und ein schlichtes, aber reines Gewand anhat. Es sollte so geknotet sein, dass man seinen Beinstumpf sehen kann. Vielleicht gibst du ihm eine Krücke, auf die er sich stützt. Wenn er sich manchmal hinsetzen muss, um sich vor Erschöpfung auszuruhen, ist das nur von Vorteil. Er kann beim Aufstehen das Gesicht manchmal vor Schmerz verziehen, aber nicht immer, und er darf weder schreien noch jammern. Hast du das verstanden?» Ich nickte.

«Er muss seine Rede auswendig kennen, aber er beginnt langsam, stockend und schüchtern.» Lysias drückte die Schultern zusammen und nahm eine gebeugte Haltung ein. Dann begann er zu sprechen, leise zunächst, mit jedem Wort ringend, so wie Lysippos es tun sollte. Erst langsam entwickelte seine Stimme Kraft und Leidenschaft. Trotzdem wirkte er stets bescheiden und stets voller Gram um Perianders Tod.

Meine hohen Richter, ihr Herren der Stadt,

ich bin meinem Ankläger beinahe dankbar für die harten Worte, mit denen er mit mir ins Gericht geht, führt er damit doch nicht nur euch, sondern vor allem mir selbst vor Augen, wer ich war und was ich war, bevor ich vor euch trat. Und wenn er mich hier einen Trunkenbold, einen Strolch und Tagedieb nennt, dann hat er damit recht. Ich muss es bekennen. Wolltet ihr mich deswegen verurteilen, dann müsste euer Stimmstein gegen mich fallen und mein Leben wäre verwirkt. Ich könnte mich weder dem Urteil noch dem Tod widersetzen, wenn diese als Strafe für ein vergeudetes Leben dienten. Denn der Vergeudung meines Lebens bin ich schuldig, das ist gewiss.

Wenn ich es gleichwohl wage, heute vor euch zu meiner Verteidigung zu sprechen, dann deswegen, weil es nicht um mich, sondern nur um die Wahrheit geht und ich nicht immer nur der war, den mein Ankläger Kritias euch so eindrucksvoll und wahrhaftig beschrieben hat.

Seht her, diesen Stumpf, wo einst ein gesundes Bein war ... Ich habe es in Pylos gelassen. Ein spartanischer Speer nahm es mir. Ich will darüber nicht klagen.

Wisst ihr noch, wie wir damals Sparta geschlagen haben zum Ruhme unserer glorreichen Stadt? Die unbesiegbaren Spartiaten? Ich sehe in euren Augen, ihr wisst es. Ich war dabei, ich war euer Waffenbruder ... Und als euer Waffenbruder will ich hier sprechen, als ein Soldat und guter Bürger der Stadt.

Lysias legte eine Pause ein und setzte sich, als habe er Schmerzen, starke Schmerzen, die er mannhaft unterdrückte. Er biss sich auf die Unterlippe, Schweißperlen standen ihm auf der Stirn.

Als Soldat also will ich zu euch sprechen, als der Soldat, der ich einst war. Hört zu und urteilt. Es geht ohnehin nicht um mich. Es ist etwas Schreckliches geschehen in unserer Stadt. Da wurde ein Jüngling ermordet, ein junger Mann, wie er klüger und schöner in Hellas niemals geboren wurde. Ein Dichter, wie man hört; ein Olympiasieger, wie jeder weiß: Stolz seines Vaters, Trost seiner Mutter, Hoffnung unserer Stadt. Ich wage kaum, seinen Namen auszusprechen, um den Schmerz der Eltern nicht zu vertiefen, und muss es doch: Periander!

Er wurde ermordet, ohne Zweifel, im Dunkeln einer finsteren und mondlosen Nacht, aber dunkel, ihr Richter, war nicht nur die Nacht, dunkel sind auch die Geschehnisse, die sie verbirgt, und im Dunkeln verbirgt sich der feige Täter mit seinen Gründen.

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