Mord im Garten des Sokrates
- Автор: Berst Sascha
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Mord im Garten des Sokrates». Краткое содержание книги:
Kühle Morgenluft begrüßte mich. Ein leichter Nebelschleier lag über dem Gebirge. An den Blättern des Feigenbaumes hing der Tau, den die Nacht vom Meer her zu uns gebracht hatte.
Was konnte ich tun? Lysippos musste gestern jeden Vorwurf gestanden haben, den man nur gegen ihn erhob, gleichgültig, ob man ihn des Mordes an Periander oder irgendeines anderen Verbrechens beschuldigt hatte. Anaxos würde ihn vor den Areopag bringen. Das Todesurteil war schon gewiss. In Lysip-pos' Hinrichtung fände der Zorn der Aristokratie seinen Höhepunkt, sein Ziel und sein Ende. Die Stadt wäre wieder befriedet, die Bürgerschaft beruhigt. Für dieses Mal bliebe der Umsturz aus. Von dem wirklichen Mörder Perianders aber fehlte jede Spur. Nach Lysippos' Tod würde kein Mensch mehr nach ihm suchen, ja wer es versuchte, würde daran gehindert. Ich war also keinen Schritt weitergekommen. Im Gegenteil, ich war zurückgefallen. Die Steine in meiner Tasche waren nicht Teile eines Mosaiks. Es waren einfach nur Steine.
Ich hörte das Räuspern meines Vaters. Er stand hinter mir. Ich drehte mich um und begrüßte ihn.
«Verzeih mir, wenn ich dich geweckt habe, Vater», entschuldigte ich mich, «ich konnte nicht mehr schlafen.»
«Das macht nichts, mein Junge», entgegnete er mit noch von der Nacht belegter Stimme. «In meinem Alter braucht man nicht mehr so viel Schlaf. Aber du bist noch jung, du solltest schlafen können. Was ist mit dir, was bedrückt dich?»
«Nichts. Ich bin nur zu früh aufgewacht», antwortete ich und bemühte mich um ein Lächeln, das mir aber vollständig misslang.
«Ich verstehe es gut, wenn du nicht mit mir sprechen willst», sagte mein Vater vollkommen ruhig. «Du hast Angst, ich würde mir um dich zu viele Sorgen machen, und das würde ich sicher auch. Wie alle Väter, die ihre Söhne lieben. Aber mache deinen Kummer nicht mit dir alleine ab. Er wird sonst zu groß.»
Er drückte mir kurz die Hand und ging leise zurück ins Haus. Ich sah ihm nach, bis er die Tür hinter sich geschlossen hatte. Er hatte recht. Ich konnte diesen Kummer nicht alleine tragen. Ich musste mit jemandem sprechen, und ich wusste auch, mit wem.
Ich wartete beinahe den ganzen Vormittag und schlenderte immer wieder von der bunten Stoa zu Simons Werkstatt, bevor Sokrates in Begleitung einer Gruppe junger Männer lachend auf dem Marktplatz erschien. Es war ein merkwürdiger Haufen, der sich da um ihn geschart hatte: Einer von ihnen schien ausgemergelt, fast verhungert, und trug einen groben, viel zu großen Mantel am dünnen Leib. Trotzdem war er bester Laune. Gerade neben ihm spazierte sein vollkommenes Gegenstück: ein in Seide gekleideter Jüngling mit frisiertem Kopf und gesundem Bauch. Auch er lachte aus vollem Hals. Hinter Sokrates ging Platon mit seinem immer noch viel zu ernsten Gesicht und neben ihm ein großer, ein wenig ungelenk wirkender Ephebe, der Sokrates angestrengt zuhörte. Er sah ein wenig aus wie ein Schüler, der verzweifelt versucht, seinen Lehrer zu verstehen, aber schon weiß, dass es ihm nie ganz gelingen wird. Ich ging auf die Gruppe zu und sah zu meinem Erstaunen, dass Sokrates' grauer Mantel völlig durchnässt war.
«Guten Tag, Nikomachos», begrüßte er mich freundlich und zeigte auf seine nassen Kleider. «Da hat nun der Hauptmann der Bogenschützen endlich den Weg zu mir gefunden, um mit mir über Tugend und Gerechtigkeit zu sprechen, und wen sieht er vor sich? Einen begossenen Pudel. Er muss mich für einen Narren halten.»
Die Bemerkung löste größte Heiterkeit aus, ein geheimer Witz, den nur Eingeweihte verstanden. Die beiden merkwürdigen Antipoden lachten lauthals los, der junge Soldat feixte, aber am meisten freute Sokrates selbst sich über seinen Scherz. Nur Platon verzog keine Miene. Er sah bleich und müde aus.
«Entschuldige, wenn wir lachen», sagte Sokrates, «meine lieben Schüler haben mich gerade von zu Hause abgeholt, und Xanthippe hat wieder geschimpft. Du hast sie ja kennengelernt. Sie wollte mich hässlichen Kerl einfach nicht gehen lassen! Erst gab es Streit, und dann hat sie mir auch noch einen Eimer Wasser hinterhergeschüttet. Also sagte ich: <Erst macht Xanthippe ein Donnerwetter, und dann lässt sie es auch noch regnen> ...»
Die unterschiedlichen Brüder prusteten wieder los, und der große Kerl lachte gutmütig mit.
«Aber komm, Nikomachos, ich stelle dir meine Schüler vor», sagte Sokrates und deutete auf seine Begleiter. «Platon hast du schon kennengelernt, nicht wahr? Das hier ist Antisthenes. Du siehst den Mantel? Er trägt ihn doppelt, damit er nachts darin schlafen kann, und so sehen er und sein Mantel auch aus. Ich fände das unbequem, aber er möchte es so.
Unser überaus gepflegter Freund heißt Aristippos. Er stammt aus Kyrene, und sicher gibt es zwischen seiner Heimatstadt und Athen keine Hetäre, der er nicht das Herz gebrochen hätte. Dieser große und stattliche Kerl schließlich ist Xenophon ...» Er deutete auf den gutmütigen Soldaten, als er mir in die Augen sah. Sokrates hielt unwillkürlich inne, legte den Kopf zur Seite und schien mir ins Herz zu sehen.
«Entschuldigt, meine Freunde», sagte er an seine Schüler gerichtet. «Ich fürchte, ich muss euch eine Weile allein lassen. Unser neuer Freund braucht meine Hilfe.» Platons Gesicht verfinsterte sich, Xenophon schien überrascht. Sokrates nickte seinen Schülern gutmütig zu, hakte sich bei mir unter und führte mich weg.
Wir gingen über den Marktplatz, ohne dass ein Wort fiel. Unser Weg führte an Simons Werkstatt und dem Tholos-Ge-bäude vorbei. Man bereitete gerade das Mittagsmahl für die Ratsmitglieder. Als wir den Rundbau hinter uns gelassen hatten, fragte Sokrates, was ich auf dem Herzen hätte.
Ich berichtete ihm von Lysippos' Verhaftung, von dem Trick, mit dem Myson ihn aus der Fassung gebracht hatte, von seiner Folterung und Anaxos' Plan, ihn vor den Areopag zu bringen, wo ihn nichts anderes als der Tod erwarten konnte. Schließlich erklärte ich, wieso ich mir sicher war, dass Lysippos mit dem Mord nichts zu tun hatte. Dies alles erzählte ich bald stockend, bald in sprudelndem Wortschwall. Es war sicher kaum möglich, mir zu folgen, aber Sokrates lauschte mir stumm und aufmerksam. Er hielt mich am Arm und wich nicht von meiner Seite.
Als ich mir den Kummer von der Seele geredet hatte, standen wir vor dem Hephaistos-Tempel, zu dessen Marmorportal uns der Weg geführt hatte. Er ist auf einem kleinen Hügel gerade neben der Agora errichtet, ein Kleinod, das die Athener Schmiede dem Gott des schöpferischen Feuers gestiftet haben. Sokrates blieb stehen und sah auf den Marktplatz hinunter.
«Wieso liegt dir so viel an Lysippos?», fragte er mich nach einer Weile.
«Es liegt mir gar nichts an ihm», antwortete ich, «im Gegenteil. Er ist abstoßend und verkommen. Aber mit seinem Tod bliebe der Mord an Periander für immer ungesühnt, und es ist einfach nicht recht, ihn für etwas zu bestrafen, das ein anderer begangen hat. Auch wenn er den Tod aus anderen Gründen verdient haben mag.»
Sokrates lächelte.
«Woher weißt du das?», fragte er.
«Was?»
«Dass es nicht recht wäre, ihn für etwas zu bestrafen, was er nicht getan hat, auch wenn er den Tod verdient.»
Ich schwieg einen Moment. Die Antwort, die ich zu geben hatte, schien mir dumm, und ich schämte mich für sie.
«Ich weiß es nicht wirklich, Sokrates», antwortete ich zögernd. «Es ist mehr so, als ob es etwas in mir gäbe, das es weiß und mit mir spricht.»
Sokrates strahlte mich an. Für einen Augenblick dachte ich, er würde gleich loslachen. Aber nichts dergleichen geschah.
«Dann werden wir versuchen müssen, Lysippos zu helfen und ein ungerechtes Urteil zu verhindern», bestimmte er stattdessen.
«Und weißt du, wie wir das tun könnten?», fragte ich.
«Nun, wenn ich wissen will, wie man Schuhe repariert, dann gehe ich zu einem Schuster und frage ihn. Am besten zu Simon, denn er kennt sich mit Schuhen aus und ist mein Freund», antwortete Sokrates in der ihm eigenen Art. «Wenn du jetzt wissen willst, wie man einen Prozess gewinnt, musst du zu jemandem gehen, der sich mit Prozessen auskennt. Am besten zu Lysias ...»