Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Pierre vergaß seinen Vorsatz, nicht merken zu lassen, daß er des Französischen mächtig sei, riß dem Betrunkenen die Pistole aus der Hand und warf sie beiseite; dann lief er zu dem Offizier hin und redete ihn auf französisch an.
»Sie sind nicht verwundet?« fragte er.
»Ich glaube nicht«, antwortete der Offizier, indem er an sich herumtastete. »Diesmal bin ich glücklich davongekommen«, fügte er hinzu und deutete auf den abgeschlagenen Kalkbewurf an der Wand. »Was ist das für ein Mensch?« fragte er, Pierre streng ansehend.
»Ich bin wirklich in Verzweiflung über diesen Vorfall«, erwiderte Pierre schnell, ohne an seine Rolle zu denken. »Er ist ein Narr, ein Unglücklicher, der nicht wußte, was er tat.«
Der Offizier trat zu Makar Alexejewitsch hin und packte ihn am Kragen.
Makar Alexejewitsch machte die Lippen auseinander, wie wenn er einschliefe, schwankte hin und her und lehnte sich gegen die Wand.
»Mordbube, das sollst du mir büßen!« sagte der Franzose und zog seine Hand wieder zurück. »Wir sind milde nach dem Sieg; aber Verräter finden bei uns keine Gnade«, fügte er mit finsterem, feierlichem Ernst in der Miene und mit einer hübschen, energischen Handbewegung hinzu.
Pierre fuhr fort, den Offizier auf französisch zu bitten, er möchte doch diesen betrunkenen, geistesschwachen Menschen nicht zur Verantwortung ziehen. Der Franzose hörte ihn schweigend an, ohne seine finstere Miene zu ändern; aber plötzlich wandte er sich lächelnd zu Pierre hin. Er betrachtete ihn einige Sekunden lang schweigend. Sein schönes Gesicht nahm einen theatralischen Ausdruck zärtlicher Rührung an, und er streckte ihm die Hand hin.
»Sie haben mir das Leben gerettet! Sie sind ein Franzose«, sagte er.
Für einen Franzosen war diese Schlußfolgerung zwingend. Eine große, edle Tat vollbringen, das konnte nur ein Franzose, und ihm das Leben zu retten, ihm, Herrn Ramballe, Kapitän im dreizehnten Regiment Chevauleger, das war ohne Zweifel eine sehr große, edle Tat.
Aber mochte diese Schlußfolgerung auch noch so zwingend und die sich darauf gründende Überzeugung des Offiziers noch so fest sein, so hielt es Pierre doch für nötig, seine falsche Vorstellung zu zerstören.
»Ich bin Russe«, sagte er schnell.
»Papperlapapp! Machen Sie mir nichts weis!« erwiderte der Franzose lächelnd und bewegte einen Finger vor seiner Nase hin und her. »Sie werden mir sehr bald erzählen, wie es damit steht. Ich bin entzückt, hier einen Landsmann zu treffen. Nun also, was werden wir mit diesem Menschen anfangen?« fügte er, zu Pierre gewendet, hinzu, den er schon wie einen guten Kameraden behandelte.
Die Miene und der Ton des französischen Offiziers besagten ungefähr: selbst wenn Pierre kein Franzose sein sollte, so könne er doch, nachdem er einmal diese Benennung, die höchste in der ganzen Welt, erhalten habe, sie nicht ablehnen. Auf die letzte Frage antwortend, setzte Pierre noch einmal auseinander, wer Makar Alexejewitsch sei, und erzählte, daß kurz vor ihrer Ankunft dieser betrunkene, geistesschwache Mensch sich unversehens der geladenen Pistole bemächtigt habe, die man ihm so schnell noch nicht habe wieder wegnehmen können, und bat, von einer Strafe für seine Tat abzusehen.
Der Franzose drückte die Brust heraus und machte eine Handbewegung, deren sich kein Kaiser zu schämen gehabt hätte.
»Sie haben mir das Leben gerettet! Sie sind ein Franzose. Sie bitten mich um seine Begnadigung? Ich bewillige sie Ihnen. Man führe diesen Menschen fort!« sagte der französische Offizier schnell und energisch, faßte dann Pierre, den er zum Dank für die Rettung seines Lebens zum Franzosen befördert hatte, unter den Arm und ging mit ihm in die Wohnung.
Die Soldaten, die sich auf dem Hof befunden hatten, waren, als die den Schuß gehört hatten, in den Flur gekommen, um zu fragen, was geschehen sei, und um sich zwecks Bestrafung der Schuldigen zur Verfügung zu stellen; aber der Offizier wies sie in strengem Ton zurück.
»Wenn ich euch brauche, werde ich euch rufen«, sagte er.
Die Soldaten gingen wieder hinaus. Der Bursche, der unterdessen schon Zeit gefunden hatte, in der Küche einen Besuch zu machen, trat an den Offizier heran.
»Kapitän, sie haben hier Suppe und Hammelkeule in der Küche«, sagte er. »Soll ich es Ihnen bringen?«
»Ja, und auch Wein«, erwiderte der Kapitän.
XXIX
Als der französische Offizier und Pierre zusammen in die Wohnung hineingegangen waren, hielt Pierre es für seine Pflicht, dem Kapitän nochmals zu versichern, daß er nicht Franzose sei, und wollte sich dann von ihm entfernen; aber der französische Offizier wollte davon nichts hören. Er war dermaßen höflich, liebenswürdig, gutmütig und seinem Lebensretter dermaßen aufrichtig dankbar, daß Pierre es nicht übers Herz brachte, ihm eine abschlägige Antwort zu erteilen, und sich mit ihm zusammen im Salon, dem ersten Zimmer, in das sie eingetreten waren, niedersetzte. Auf Pierres Versicherung, daß er nicht Franzose sei, zuckte der Kapitän, der offenbar nicht begriff, wie jemand eine so schmeichelhafte Benennung ablehnen könne, nur die Achseln und sagte, wenn Pierre denn durchaus für einen Russen gelten wolle, so habe er weiter nichts dagegen; er bleibe aber trotzdem mit ihm in gleicher Weise lebenslänglich durch das Gefühl der Dankbarkeit für die Lebensrettung verbunden.
Wäre dieser Mensch auch nur im geringsten mit der Fähigkeit begabt gewesen, die Gefühle anderer Leute zu verstehen, und hätte er von Pierres Empfindungen etwas geahnt, so wäre Pierre wahrscheinlich von ihm fortgegangen; aber die muntere Verständnislosigkeit dieses Menschen für alles, was nicht er selbst war, übte auf Pierre einen eigenen Reiz aus.
»Also entweder Franzose oder russischer Fürst inkognito«, sagte der Franzose mit einem Blick auf Pierres feine, wenn auch schmutzige Wäsche und auf den Ring an seinem Finger. »Ich verdanke Ihnen mein Leben und biete Ihnen meine Freundschaft an. Weder eine Beleidigung noch einen ihm geleisteten Dienst vergißt ein Franzose jemals. Ich biete Ihnen meine Freundschaft an. Weiter sage ich nichts.«
In dem Klang der Stimme, in dem Ausdruck des Gesichtes und in den Handbewegungen dieses Offiziers lagen so viel Gutherzigkeit und Edelmut (im französischen Sinne), daß Pierre das Lächeln des Franzosen unwillkürlich mit einem Lächeln erwiderte und die ihm hingestreckte Hand drückte.
»Kapitän Ramballe vom dreizehnten Chevauleger-Regiment, Ritter der Ehrenlegion für die Schlacht am siebenten«, stellte er sich vor und verzog dabei die Lippen unter dem Schnurrbart zu einem selbstzufriedenen Lächeln, das er nicht unterdrücken konnte. »Würden Sie wohl die Güte haben, mir jetzt auch zu sagen, mit wem ich die Ehre habe, mich so angenehm zu unterhalten, statt mit der Kugel dieses Narren im Leib im Lazarett zu liegen?«
Pierre erwiderte, er dürfe seinen Namen nicht nennen, und wollte errötend anfangen von den Gründen zu sprechen, die ihm dies verboten; aber der Franzose unterbrach ihn eilig.
»Lassen Sie gut sein!« sagte er. »Ich verstehe Ihre Gründe; Sie sind Offizier, vielleicht ein höherer Offizier. Sie haben gegen uns die Waffen getragen. Aber das geht mich jetzt nichts an. Ich verdanke Ihnen mein Leben. Das genügt mir. Ich bin ganz der Ihrige. Sie sind Edelmann?« fügte er mit einem leisen Beiklang von fragendem Ton hinzu. Pierre neigte den Kopf. »Wollen Sie mir gefälligst Ihren Taufnamen nennen? Ich werde keine weiteren Fragen stellen. Monsieur Pierre, sagen Sie. Vortrefflich; das ist alles, was ich zu wissen wünsche.«
Als das Hammelfleisch, Rührei, ein Samowar, Branntwein und Wein gebracht waren (letzteren hatten die Franzosen selbst mitgebracht; er stammte aus einem russischen Keller), da forderte Ramballe Pierre auf, an diesem Mittagessen teilzunehmen, und begann unverzüglich selbst mit dem Appetit und der Geschwindigkeit eines gesunden, hungrigen Menschen zu essen, indem er eilig mit seinen kräftigen Zähnen kaute, fortwährend vor Vergnügen schmatzte und dabei bemerkte: »Ausgezeichnet, ganz vorzüglich!« Sein Gesicht rötete sich und überzog sich mit Schweißtröpfchen. Pierre war hungrig und beteiligte sich sehr gern an der Mahlzeit. Morel, der Bursche, brachte eine Kasserolle mit warmem Wasser und stellte die Rotweinflasche hinein. Außerdem brachte er eine Flasche mit Kwaß, die er zur Probe aus der Küche mitgenommen hatte. Dieses Getränk war den Franzosen schon bekannt, und sie hatten ihm einen besonderen Namen gegeben. Sie nannten es Schweine-Limonade, und Morel rühmte diese Schweine-Limonade, die er in der Küche gefunden hatte. Aber da der Kapitän den Wein zur Verfügung hatte, der bei einer Wanderung durch Moskau seine Beute geworden war, so überließ er den Kwaß dem Burschen Morel und hielt sich seinerseits an den Bordeaux. Er wickelte die Flasche bis an den Hals in eine Serviette und goß sich und Pierre Wein ein. Der gestillte Hunger und der genossene Wein machten den Kapitän noch lebhafter, und so redete er denn während des Mittagessens ununterbrochen.