Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Pierres physischer Zustand entsprach, wie das ja immer der Fall zu sein pflegt, seinem seelischen. Die ungewohnte, grobe Nahrung, der Branntwein, den er in diesen Tagen getrunken hatte, das Entbehren des Weines und der Zigarren, die schmutzige, nicht gewechselte Wäsche, die fast schlaflosen beiden Nächte, die er auf dem kurzen Sofa ohne Federbetten verbracht hatte, alles dies erhielt ihn in einem Zustand reizbarer Erregung, der dem Wahnsinn nahekam.
Es war schon zwei Uhr nachmittags. Die Franzosen waren bereits in Moskau eingerückt. Pierre wußte das; aber statt zu handeln, dachte er nur an sein Vorhaben und überlegte alle die kleinen und kleinsten Einzelheiten, die damit verbunden sein würden. Und zwar war das, was er sich in seinen Träumereien lebhaft vergegenwärtigte, nicht eigentlich der Akt der Ermordung selbst oder der Tod Napoleons; wohl aber stellte er sich mit außerordentlicher Klarheit und mit einer Art von traurigem Genuß seinen eigenen Untergang und seine heldenmütige Mannhaftigkeit vor.
»Ja, ich muß mich opfern, einer für alle; ich muß es ausführen oder zugrunde gehen!« dachte er. »Ja, ich will hingehen … und dann auf einmal … Mit der Pistole oder mit dem Dolch?« überlegte er. »Aber darauf kommt es nicht an. ›Nicht ich, sondern die Hand der Vorsehung vollstreckt an dir die Todesstrafe‹, werde ich sagen.« (So legte sich Pierre die Worte zurecht, die er bei der Ermordung Napoleons sprechen wollte.) »Nun wohl, packt mich und richtet mich hin!« sprach Pierre weiter bei sich mit trauriger, aber fest entschlossener Miene und ließ den Kopf sinken.
Während Pierre, mitten im Zimmer stehend, solche Überlegungen anstellte, öffnete sich die Tür des Arbeitszimmers, und auf der Schwelle erschien die völlig verwandelte Gestalt des vorher immer so schüchternen Makar Alexejewitsch.
Sein Schlafrock stand offen. Sein Gesicht war gerötet und entstellt. Augenscheinlich war er betrunken.
Als er Pierre erblickte, wurde er im ersten Augenblick verlegen; aber als er dann auch auf Pierres Gesicht eine gewisse Verlegenheit wahrnahm, machte ihn das sofort dreister, und er kam auf seinen dünnen, schwankenden Beinen bis in die Mitte des Zimmers.
»Die andern haben den Mut verloren«, sagte er in vertraulichem Ton mit heiserer Stimme. »Aber ich sage: ich ergebe mich nicht. Ja, so sage ich … ist’s nicht recht so, mein Herr?«
Er überlegte ein Weilchen, und als er dann die Pistole auf dem Tisch erblickte, ergriff er sie auf einmal mit ungeahnter Geschwindigkeit und lief damit auf den Korridor hinaus.
Gerasim und der Hausknecht, die hinter ihm hergegangen waren, hielten ihn auf dem Flur an und versuchten, ihm die Pistole abzunehmen. Pierre, der auf den Korridor hinaustrat, betrachtete voll Mitleid und Ekel diesen halbverrückten Alten.
Vor Anstrengung die Stirn runzelnd, hielt Makar Alexejewitsch die Pistole fest und schrie mit heiserer Stimme; offenbar glaubte er, sich in einer erhabenen Situation zu befinden.
»Zu den Waffen! Zum Entern! Bilde dir nichts ein, du wirst sie mir nicht wegnehmen!« schrie er.
»Lassen Sie es doch gut sein, bitte, lassen Sie es doch gut sein! Haben Sie die Güte; bitte, lassen Sie doch! Nun, bitte, gnädiger Herr …!« sagte Gerasim und suchte behutsam Makar Alexejewitsch an den Ellbogen nach einer Tür hin zu drehen.
»Wer bist du? Bist du Bonaparte?« schrie Makar Alexejewitsch.
»Aber das ist nicht hübsch von Ihnen, gnädiger Herr. Bitte, kommen Sie ins Zimmer; da können Sie sich ausruhen. Bitte, geben Sie das Pistölchen her!«
»Weg, verächtlicher Sklave! Rühre mich nicht an! Siehst du das da?« rief Makar Alexejewitsch und schüttelte die Pistole. »Zum Entern!«
»Faß zu!« flüsterte Gerasim dem Hausknecht zu.
Sie ergriffen Makar Alexejewitsch bei den Armen und schleppten ihn zur Tür hin.
Häßliches Gepolter der Ringenden und das heisere, atemlose Geschrei des Betrunkenen erfüllten den Flur.
Plötzlich erscholl ein neuer durchdringender Schrei einer Frauenstimme von der Haustür her, und die Köchin kam auf den Flur gelaufen.
»Da sind sie! O Gott, o Gott! Wahrhaftig, sie sind da! Vier Mann, zu Pferde!« rief sie.
Gerasim und der Hausknecht ließen Makar Alexejewitsch los, und in dem nun still gewordenen Korridor hörte man deutlich, wie mehrere Hände an die Haustür pochten.
XXVIII
Pierre, der sich die Meinung zurechtgemacht hatte, er dürfe vor Ausführung seiner Absicht weder seinen Stand noch seine Kenntnis des Französischen merken lassen, stand in der halbgeöffneten Korridortür und hatte vor, sofort zu verschwinden, sobald die Franzosen hereinkämen. Aber die Franzosen kamen herein, und Pierre ging trotzdem nicht von der Tür fort: eine unbezwingliche Neugier hielt ihn fest.
Es waren ihrer zwei: der eine ein Offizier, ein schöner Mann von hohem Wuchs und mutigem Aussehen, der andre offenbar ein Gemeiner oder ein Bursche, untersetzt, mager, von der Sonne verbrannt, mit eingefallenen Backen und stumpfem Gesichtsausdruck. Der Offizier, der sich auf einen Stock stützte und ein wenig hinkte, ging voran. Nachdem er einige Schritte getan hatte, schien er mit sich darüber ins reine gekommen zu sein, daß dieses Quartier gut für ihn passe; er blieb stehen, wandte sich zu dem in der Tür stehenden Soldaten zurück und rief ihm mit lauter Kommandostimme zu, sie sollten die Pferde hereinbringen. Nachdem er dies erledigt hatte, strich sich der Offizier mit einer forschen Gebärde, indem er den Ellbogen hoch aufhob, den Schnurrbart zurecht und legte die Hand an die Mütze.
»Guten Tag, allerseits!« sagte er auf französisch und blickte vergnügt lächelnd rings um sich.
Niemand antwortete.
»Sind Sie der Hausherr?« wandte er sich an Gerasim.
Gerasim sah den Offizier erschrocken und fragend an.
»Quartier, Quartier, Logis«, fuhr der Offizier fort und betrachtete den kleinen Menschen von oben bis unten mit einem leutseligen, gutmütigen Lächeln. »Die Franzosen sind gute Kerle. Weiß Gott! Sie sollen sehen, Alterchen: wir werden uns schon vertragen«, fügte er hinzu und klopfte dem erschrockenen, schweigsamen Gerasim auf die Schulter.
»Nun? Sagen Sie mal, spricht denn hier im Haus kein Mensch französisch?« redete er weiter, sah sich rings um, und seine Blicke begegneten den Blicken Pierres. Pierre zog sich von der Tür zurück.
Der Offizier wandte sich wieder an Gerasim. Er verlangte, Gerasim solle ihm die Zimmer im Haus zeigen.
»Der Herr ist nicht da … ich verstehe Sie nicht …«, sagte Gerasim, bemühte sich aber dabei, seine Worte dadurch verständlicher zu machen, daß er sie in verdrehter Weise aussprach.
Der französische Offizier breitete, dicht vor Gerasim hintretend, lächelnd die Arme auseinander und gab dadurch zu verstehen, daß auch er ihn nicht verstände; dann ging er, leicht hinkend, zu der Tür hin, an welcher Pierre stand. Pierre wollte weggehen, um sich vor ihm zu verbergen; aber in diesem Augenblick sah er, wie sich die Küchentür öffnete und Makar Alexejewitsch mit der Pistole in der Hand sich von dort hereinbog. Mit der den Wahnsinnigen eigenen Schlauheit betrachtete Makar Alexejewitsch den Franzosen, hob dann die Pistole in die Höhe und zielte.
»Zum Entern!« schrie der Betrunkene und fingerte an der Pistole herum, um sie abzudrücken. Der französische Offizier wandte sich auf den Schrei um, und in demselben Augenblick stürzte sich Pierre auf den Betrunkenen. In dem Augenblick, als Pierre die Pistole faßte und nach oben drehte, hatte Makar Alexejewitsch endlich mit den Fingern den Abzug gefunden, und es ertönte ein betäubender Schuß, der alle Anwesenden in Pulverdampf hüllte. Der Franzose wurde blaß und stürzte zur Tür zurück.