Krieg und Frieden
- Автор: Толстой Лев Николаевич
- Язык: немецкий
- Переводчик: Hermann Roehl
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Wie verführerisch es auch für die Franzosen war, Rastoptschin der Brutalität zu beschuldigen, oder für die Russen, den Bösewicht Bonaparte zu beschuldigen oder, in späterer Zeit, die heroische Fackel ihrem eigenen Volk in die Hand zu legen, so kann man sich doch der Einsicht nicht verschließen, daß eine solche unmittelbare Ursache des Brandes nicht vorhanden sein konnte, weil Moskau eben abbrennen mußte, wie jedes Dorf, jede Fabrik, jedes Haus abbrennen muß, wenn die Eigentümer wegziehen und es geschehen lassen, daß fremde Leute darin allein hausen und sich ihre Grütze kochen. Moskau ist von seinen Einwohnern eingeäschert worden; das ist richtig; aber nicht von denjenigen Einwohnern, die in der Stadt zurückgeblieben, sondern von denen, die fortgezogen waren. Moskau blieb, als es vom Feind besetzt war, nur deswegen nicht unversehrt, wie Berlin, Wien und andere Städte, weil seine Einwohner, statt den Franzosen Brot und Salz darzubringen und die Stadtschlüssel zu überreichen, die Stadt verlassen hatten.
XXVII
Die am 2. September sich nach allen Seiten ausbreitende und sofort versickernde Überflutung Moskaus durch die Franzosen erreichte denjenigen Stadtteil, in welchem Pierre jetzt wohnte, erst gegen Abend.
Pierre befand sich, nachdem er die zwei letzten Tage in der Einsamkeit und in ganz ungewöhnlicher Weise verlebt hatte, in einem Zustand, der dem Wahnsinn nahekam. Ein Gedanke, den er nicht loswerden konnte, beherrschte ihn vollständig. Er wußte selbst nicht, wie und wann es so gekommen war; aber dieser Gedanke beherrschte ihn jetzt dermaßen, daß er sich an nichts aus der Vergangenheit mehr erinnerte und nichts von der Gegenwart begriff; alles, was er sah und hörte, zog an ihm vorbei wie ein Traumgebilde.
Pierre hatte sich aus seinem Haus nur in der Absicht entfernt, sich von dem vielverschlungenen Wirrwarr der Anforderungen des Lebens zu befreien, von jenem Wirrwarr, der ihn erfaßt hatte und in dem er sich bei seinem jetzigen Zustand nicht zurechtzufinden imstande war. Er war in die Wohnung Osip Alexejewitschs gefahren unter dem Vorwand, die Bücher und Papiere des Verstorbenen zu sichten, in Wirklichkeit aber nur, weil er sich aus dem wilden Tumult des Lebens in einen ruhigen Hafen flüchten wollte und mit der Erinnerung an Osip Alexejewitsch sich in seiner Seele die Vorstellung von einer Welt ewiger, ruhiger, erhabener Gedanken verband, in vollstem Gegensatz zu dem unruhigen Wirrwarr, in den er sich hineingezogen fühlte. Er hatte in dem Arbeitszimmer Osip Alexejewitschs einen stillen Zufluchtsort gesucht und wirklich dort einen solchen gefunden. Als er sich in der Totenstille dieses Zimmers an dem bestaubten Schreibtisch des Verstorbenen niedergelassen und den Kopf auf die Arme gestützt hatte, da waren ihm ruhig und ernst, eine nach der andern, die Erinnerungen an die letzten Tage vor die Seele getreten, besonders an die Schlacht bei Borodino und an jenes für ihn unüberwindliche Gefühl der eigenen Nichtigkeit und Falschheit gegenüber der Wahrhaftigkeit, Schlichtheit und Kraft jener Menschenklasse, die sich seiner Seele unter der Bezeichnung »sie« eingeprägt hatte. Als er von Gerasim aus seiner Versunkenheit geweckt worden war, da war ihm der Gedanke gekommen, an der, wie er wußte, beabsichtigten Verteidigung Moskaus durch das Volk teilzunehmen. Und zu diesem Zweck hatte er sogleich Gerasim gebeten, ihm einen Kaftan und eine Pistole zu verschaffen, und ihm mitgeteilt, er habe vor, mit Verheimlichung seines Namens im Haus Osip Alexejewitschs zu bleiben. Dann war ihm im Laufe des ersten, einsam und untätig verbrachten Tages (Pierre hatte wiederholentlich vergebens versucht, seine Aufmerksamkeit auf die freimaurerischen Manuskripte zu konzentrieren) mehrmals in undeutlicher Gestalt ein Gedanke durch den Kopf gegangen, der ihn auch schon früher beschäftigt hatte, der Gedanke an die kabbalistische Bedeutung seines Namens in Verbindung mit dem Namen Bonapartes; aber dieser Gedanke, daß er, l’Russe Besuhof, dazu prädestiniert sei, der Macht »des Tieres« ein Ziel zu setzen, war ihm nur erst wie eine flüchtige Idee gekommen, wie sie einem oft ohne Anlaß und ohne Folge durch den Kopf huschen.
Als Pierre sich den Kaftan gekauft hatte (lediglich in der Absicht, an der Verteidigung Moskaus durch das Volk teilzunehmen) und der Familie Rostow begegnet war und Natascha zu ihm gesagt hatte: »Sie bleiben hier? Ach, wie schön ist das!«, da war in seiner Seele der Gedanke aufgeblitzt, daß es wirklich schön wäre, selbst im Fall der Besetzung Moskaus durch den Feind, wenn er in der Stadt bliebe und das ausführte, wozu er prädestiniert sei.
Am folgenden Tag ging er, ganz erfüllt von dem Gedanken, sich selbst nicht zu schonen und in keinem Stücke »ihnen« nachzustehen, vor das Dreibergen-Tor hinaus. Aber als er sich überzeugt hatte, daß Moskau nicht verteidigt werden würde, und nach Hause zurückgekehrt war, da fühlte er plötzlich, daß das, was ihm vorher nur als Möglichkeit vor Augen gestanden hatte, jetzt eine unvermeidliche Notwendigkeit geworden war. Er mußte unter Verheimlichung seines Namens in Moskau bleiben und in Napoleons Nähe zu kommen und ihn zu töten suchen, um entweder umzukommen oder das Elend von ganz Europa zu beenden, das nach Pierres Ansicht einzig und allein von Napoleon herrührte.
Pierre kannte alle Einzelheiten des Attentats, das ein deutscher Student im Jahre 1809 in Wien auf Bonaparte unternommen hatte, und wußte, daß dieser Student erschossen worden war. Aber die Gefahr, der er bei der Ausführung seiner Absicht sein Leben aussetzte, reizte ihn nur noch mehr.
Zwei gleich starke Gefühle waren es, die in Pierres Seele als Triebfedern zu dieser beabsichtigten Tat wirkten. Das erste war das Gefühl des Bedürfnisses, angesichts des allgemeinen Unglücks Opfer zu bringen und mit zu leiden, jenes Gefühl, unter dessen Einwirkung er am 25. nach Moschaisk gefahren war und sich mitten in den heißesten Kampf hineinbegeben hatte und jetzt aus seinem Haus geflohen war und unter Verzicht auf den gewohnten Luxus und die Bequemlichkeiten des Lebens unausgekleidet auf einem harten Sofa schlief und dieselbe Kost genoß wie Gerasim; das zweite war jenes undefinierbare, spezifisch russische Gefühl der Geringschätzung alles Konventionellen und Erkünstelten, alles mit der niedrigen Seite der menschlichen Natur Zusammenhängenden, alles dessen, was der Mehrzahl der Menschen als das höchste Erdenglück gilt. Zum erstenmal hatte Pierre dieses eigentümliche, bezaubernde Gefühl im Slobodski-Palais kennengelernt, als er auf einmal zu dem Bewußtsein gekommen war, daß Reichtum, Macht, Leben, kurz alles, was die Menschen mit solchem Eifer zu erwerben und zu bewahren suchen, wenn es überhaupt einen Wert hat, nur insofern einen Wert besitzt, als ein Genuß darin liegt, all dies von sich zu werfen.
Es war dies jenes Gefühl, von welchem getrieben der freiwillige Rekrut die letzte Kopeke vertrinkt, der Betrunkene ohne jeden sichtbaren Anlaß Spiegel und Fensterscheiben zerschlägt, obwohl er weiß, daß dies ihn sein letztes Geld kosten wird; jenes Gefühl, von welchem getrieben der Mensch durch die Ausführung von Taten, die im vulgären Sinn unverständig sind, gleichsam seine persönliche Macht und Kraft auf die Probe stellt, indem er dadurch das Vorhandensein eines höheren, außerhalb der menschlichen Lebensverhältnisse stehenden Gerichtes über Leben und Tod offenbar macht.
Schon von dem Tag an, an welchem Pierre zum erstenmal im Slobodski-Palais dieses Gefühl kennengelernt hatte, hatte er sich beständig unter der Einwirkung desselben befunden; aber erst jetzt fand er in ihm seine volle Befriedigung. Außerdem wurde im jetzigen Augenblick Pierre auch durch das, was er bereits nach dieser Richtung hin getan hatte, in seiner Absicht bestärkt und der Möglichkeit eines Zurücktretens beraubt. Seine Flucht aus seinem Haus und sein Kaftan und die Pistole und die den Rostows gegenüber von ihm abgegebene Erklärung, daß er in Moskau bleiben werde, alles dies hätte nicht nur jeden Sinn verloren, sondern wäre auch albern und lächerlich geworden (und in dieser Hinsicht war Pierre sehr empfindlich), wenn er nach alledem, ebenso wie die andern, Moskau verlassen hätte.