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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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Bremer seufzte und sog dadurch noch mehr trockene, zum Husten reizende Luft in seine Lungen. »Man merkt, daß Sie frisch von der Polizeischule kommen«, sagte er.

»Weil ich so viele Fremdworte kenne?«

»Weil Sie noch Illusionen haben«, antwortete Bremer. »Wir sind nicht die Polizei. Ich bin ein Bulle, der bereits die Monate bis zu seiner Pensionierung zählt, und Sie sind ein Grünschnabel, der keine Ahnung vom wirklichen Leben hat.«

»Oh, danke«, sagte Angela. Er konnte ihr Gesicht im Dunkeln nicht erkennen, aber sie klang eindeutig beleidigt. »Ich würde Sie ja fragen, wo Sie Ihre Dienstwaffe haben, aber zufällig weiß ich es. Sie liegt oben in Ihrem Schreibtisch.«

»Seit zehn Jahren«, bestätigte Bremer. »Ich finde, sie liegt dort gut.«

»Ja, selbstverständlich«, sagte Angela spöttisch. »Ich meine: Was sollen wir auch mit einer Waffe. Da draußen schleichen drei, wenn nicht vier Kerle herum, die Ihnen offensichtlich eine Heidenangst einjagen, aber wir brauchen keine Pistole!«

»Um was zu tun?« fragte Bremer. »Einen oder zwei von ihnen zu erschießen, oder am besten gleich alle vier?«

»Sagen Sie mir wenigstens, wer sie sind«, verlangte Angela, ohne auf seine Frage einzugehen. »Ich finde, das sind Sie mir schuldig.« Bremer ging zur Tür, preßte das Ohr gegen das kalte Metall und lauschte ein paar Sekunden angestrengt, ehe er antwortete. Auf der anderen Seite war alles still. Sie befanden sich jetzt seit guten zwanzig Minuten in diesem Keller. Mehr als genug Zeit für die beiden Kerle, herunterzukommen und an allen Türen zu rütteln, falls sie das wirklich vorhatten. Vermutlich waren sie längst weg.

»Ich bin Ihnen gar nichts schuldig, Angela«, sagte er, so ruhig, aber auch so nachdrücklich, wie er konnte. »Ich habe Sie nicht gebeten, hierherzukommen. Ganz im Gegenteil. Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich Ihnen nahegelegt sich um Ihre eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Und ich habe Sie schon gar nicht gebeten, gegen die eindeutige Anweisung Ihres Vorgesetzten zu verstoßen.«

»Na prima«, sagte Angela giftig. »Gleich werden Sie mir erklären, daß diese Kerle überhaupt nur meinetwegen hinter Ihnen her sind.«

»Strenggenommen stimmt das sogar«, antwortete Bremer. »Bevor Sie gekommen sind, haben Sie mich nur beobachtet. Sie sind erst aktiv geworden, nachdem Sie sich in Nördlingers Computer gehackt haben.« Angela sagte nichts mehr, aber er konnte regelrecht spüren, daß sie ihn mit offenem Mund anstarrte. Seine Worte klangen selbst in seinen eigenen Ohren grotesk, und seine Vorwürfe verliehen dem Wort unfair eine vollkommen neue Qualität. Ganz genau das war seine Absicht gewesen. Er wollte sie vor den Kopf stoßen. Sobald sie hier heraus waren, würden sie sich voneinander trennen, und er mußte irgendwie dafür sorgen, daß sie nicht einmal auf die Idee kam, noch einmal freiwillig in seine Nähe zu kommen. Wenigstens nicht, bis das alles hier vorbei war. Bremer wußte selbst noch nicht wirklich, was eigentlich geschah und wohin die Dinge sich entwickeln würden, aber eines war ihm vollkommen klar: Die Situation war längst eskaliert, und sie würde weiter eskalieren, solange er nicht bereit war, sich brav in eine Ecke zu setzen und sich mucksmäuschenstill zu verhalten. Selbst wenn er es gewollt hätte (er wollte es nicht): Er hätte es gar nicht mehr gekonnt. Nicht nach dem, was heute mittag in seiner Badewanne und vorhin im Treppenhaus passiert war. Und wenn die Männer tatsächlich die waren, für die er sie hielt, dann konnte eine Begegnung mit ihnen durchaus tödlich enden. Diesem Risiko konnte und wollte er Angela nicht aussetzen; dafür bedeutete sie ihm zuviel.

»Ich glaube, wir können es jetzt riskieren«, sagte er. »Sie sind wahrscheinlich nicht mehr da.«

Angela hüllte sich weiter in beleidigtes Schweigen, glitt jedoch mit einer fließenden Bewegung von ihrem Zeitungsstapel herunter und trat neben ihn, als er die Tür öffnete. Der Raum dahinter war noch dunkler als der Keller, in dem sie die letzten zwanzig Minuten verbracht hatten, ein schmaler an beiden Seiten von Lattenverschlägen begrenzter Gang, der an einer weiteren Eisentür endete. Bremer hatte ein Holzstück so vor die Tür gelehnt, daß es umfallen mußte, falls jemand die Tür von außen öffnete, als sie gekommen waren. Es lag noch in der gleichen Position da. Niemand war hier unten gewesen, um nach ihnen zu suchen. Das hatte Bremer auch nicht erwartet. Hätten die Männer diese Tür geöffnet, um nachzusehen, dann wären sie auch in den nächsten Keller gekommen.

Trotzdem öffnete er die Tür äußerst behutsam und blieb fast eine Minute reglos stehen, um zu lauschen, ehe er es wagte, die Tür ganz zu öffnen und hinaus zu treten. Der Hausflur lag vollkommen still über ihnen.

Sie gingen die Treppe hinauf. Bremer wies Angela mit Gesten an, zurückzubleiben, schlich allein zur Haustür und öffnete sie einen Fingerbreit.

Der BMW war noch da. Er parkte unverändert an der gleichen Stelle, an der er ihn von seinem Fenster aus gesehen hatte. Bremer konnte nicht erkennen, ob jemand darin saß, aber die Männer würden ihren Wagen kaum stehengelassen haben, um zu Fuß nach Hause zu gehen. Es sah so aus, als ob er Angelas Hilfe doch noch einmal in Anspruch nehmen mußte. Aber zum unwiderruflich letztenmal. Er drückte die Tür wieder ins Schloß, schlich zu ihr zurück und machte eine Kopfbewegung auf den Hinterausgang. »Sie sind noch da«, sagte er.

»Und was geht mich das an?« fragte sie schnippisch. Bremer ignorierte die Frage ebenso wie den Tonfall, in dem sie gestellt worden war.

»Wo steht Ihr Wagen?«

»An der gleichen Stelle wie heute nachmittag.«

»Dann lassen Sie uns gehen. Und seien Sie vorsichtig. Es würde mich nicht wundern, wenn auf der Rückseite auch einer von diesen Kerlen herumlungert.« Er war sogar fast sicher, daß es so war. Aber er zweifelte auch nicht daran, daß es ihm gelingen würde, einen Verfolger abzuschütteln wenn ihm nicht gerade ein Hubschrauber oder eine Hundestaffel zur Verfügung standen. Er wohnte seit fünfzehn Jahren in der Gegend und kannte buchstäblich jedes Haus. Wenn es ihm gelang, Angela in Sicherheit zu bringen, hatte er so gut wie gewonnen.

Als sie das Haus verließen, sagte er: »Wenn ich Ihnen ein Zeichen gebe, rennen Sie einfach los. Und sollte ich die Richtung ändern, ohne etwas zu sagen, gehen Sie einfach ganz ruhig weiter, steigen in Ihren Wagen und fahren los.«

Sein Blick tastete mißtrauisch über den still daliegenden Hinterhof. Hier kannte er buchstäblich jeden Quadratmeter - oder sollte ihn jedenfalls kennen. Aber die Nacht - und vermutlich auch seine eigene Aufregung - veränderte die Dinge. Sie ließ die Schatten tiefer erscheinen, als sie waren, vergrößerte Umrisse und erschuf Bewegung, wo keine war. Der Hof war nicht leer, sondern wurde von den Bewohnern der umliegenden Häuser auf die verschiedenste Weise genutzt. Und eben leider nicht nur zum Lustwandeln und als Kinderspielplatz, wie es seine Erbauer irgendwann einmal vielleicht vorgesehen hatten, sondern auch als Parkplatz, kostenloser Lagerraum und vor allem als Abstellplatz für allen möglichen Krempel; vornehmlich solchen, den keiner mehr haben wollte. Es sah nicht so chaotisch aus wie der, auf dem sie Rosen gefunden hatten, war aber auch weit davon entfernt, ordentlich oder gar übersichtlich zu sein. Zwischen all den Schatten und ineinanderfließenden Umrissen konnte sich eine ganze Armee verstecken. Bremer wußte im gleichen Moment, in dem sie das Haus verließen, daß es ein Fehler gewesen war, nicht den Vorderausgang genommen zu haben. Er konnte die Falle regelrecht riechen. Aber jetzt war es zu spät.

Er deutete auf das aus groben Steinen gemauerte Torgewölbe auf der anderen Seite, und sie gingen los. Ohne daß er es ihr extra sagen mußte, wich Angela dem unübersichtlichsten Gerumpel aus und schlug auch einen Bogen um die beiden mannshohen Stapel mit Sperrmüll, die allmählich über den Hof wucherten. Vielleicht eine normale Vorsichtsmaßnahme, vielleicht spürte sie aber auch genau wie er, daß hier etwas nicht stimmte. Sie wurden beobachtet. Man konnte es fühlen.

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Главный герой
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