Aufzeichnungen aus einem toten Hause
- Автор: Достоевский Федор Михайлович
- Язык: немецкий
- Жанр: Русская классическая проза
Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:
VIII
Entschlossene Menschen – Lutschka
Was die entschlossenen Menschen betrifft, so ist es schwer, über sie etwas zu sagen; im Zuchthause gab es ihrer wie überall ziemlich wenige. Mancher schien von außen besehen wirklich schrecklich; wenn man sich bloß alles in Erinnerung rief, was man über ihn erzählte, so ging man ihm sogar aus dem Wege. Ein eigentümliches Gefühl, das ich mir nicht recht erklären konnte, zwang mich in der ersten Zeit, solche Menschen nach Möglichkeit zu meiden. Später änderten sich meine Ansichten selbst über die schrecklichsten Mörder. Mancher, der gar keinen Mord begangen hatte, war viel schrecklicher als einer der wegen sechs Mordtaten hergeraten war. Über manche Verbrechen konnte man sich schwer auch nur eine oberflächliche Vorstellung machen: so sonderbar waren sie in ihrer Ausführung. Ich sage das, weil bei unserem einfachen Volke manche Morde aus den merkwürdigsten Ursachen verübt werden. So kommt z.B. ziemlich oft folgender Mördertypus vor: der Mensch ist still und friedlich; sein Leben ist bitter, aber er trägt es. Er ist beispielsweise ein Bauer, ein Leibeigener, ein Kleinbürger oder Soldat. Plötzlich reißt etwas in ihm; er kann sich nicht mehr beherrschen und sticht mit einem Messer nach seinem Feind und Bedrücker. Hier beginnt eben das Seltsame: der Mensch gerät plötzlich für einige Zeit ganz aus Rand und Band. Zuerst hat er seinen Feind und Bedrücker erstochen; dies ist zwar ein Verbrechen, aber begreiflich; hier lag ein Grund vor; dann ersticht er aber auch andere Menschen, die nicht seine Feinde sind, er mordet den ersten besten, er tut es zum Vergnügen, wegen eines groben Wortes, wegen eines Blickes, wegen einer Dummheit, oder einfach: »Aus dem Wege, tritt mir nicht entgegen, wenn ich gehe!« Der Mensch ist wie im Fieber. Er hat die für ihn sonst heilige Grenzlinie überschritten, er findet schon Gefallen daran, daß es für ihn nichts Heiliges mehr gibt; etwas reizt ihn, sich mit einem Sprung über alle Gesetze und jede Gewalt hinwegzusetzen, sich an einer grenzenlosen und zügellosen Freiheit zu berauschen, dieses herzbeklemmende Grauen zu genießen, das er doch unbedingt empfinden muß. Außerdem weiß er, daß ihn eine schreckliche Strafe erwartet. Dies alles gleicht vielleicht dem Gefühl, das den Menschen, der auf einem hohen Turm steht, in die Tiefe zieht, die unter seinen Füßen ist, so daß er sogar froh wäre, sich hinunterzustürzen, damit die Sache schneller ein Ende nähme! Dies passiert sogar mit den friedlichsten und bis dahin unauffälligsten Menschen. Manche renommieren sogar in diesem Rausch. Je eingeschüchterter so einer früher gewesen ist, um so stärker drängt es ihn jetzt, sich hervorzutun und den andern Angst einzujagen. Er hat Freude an dieser Angst, er ergötzt sich am Abscheu, den er den andern einflößt. Er spielt den Tollkühnen, und so ein »Tollkühner« wartet zuweilen selbst mit Ungeduld auf die Strafe, damit man ihm ein Ende gebiete, weil es ihm zuletzt selbst schwer fällt, diese »Tollkühnheit« noch weiter zu spielen. Es ist interessant, daß diese ganze Stimmung, diese gespielte Unnatur nur bis zum Schafott anhält und dann sofort aufhört, als wäre es eine in aller Form vorgeschriebene Frist. Dann wird der Mensch plötzlich still und sanft und verwandelt sich in einen Waschlappen. Auf dem Schafott greint er und bittet das Volk um Verzeihung. Und wenn er dann ins Zuchthaus kommt, so ist er so kläglich, jämmerlich und sogar verängstigt, daß man sich über ihn sogar wundert: »Ist es wirklich derselbe, der fünf oder sechs Menschen abgeschlachtet hat?«
Natürlich gibt es auch solches die sich auch im Zuchthause nicht beruhigen. Sie behalten noch immer eine gewisse Schneidigkeit, eine eigentümliche Ruhmsucht, als wollten sie immer betonen, daß sie nicht wegen einer Bagatelle, sondern wegen sechs Mordtaten hergeraten seien. Zuletzt beruhigen sich aber auch diese. Mancher von ihnen ruft sich nur zum eigenen Vergnügen die große Tat, die er einmal im Leben verübt hat, in Erinnerung, als er »tollkühn« gewesen ist, und hat es sehr gern, wenn er einen Einfältigen findet, vor dem er prahlen und dem er alle seine Heldentaten erzählen kann, ohne übrigens durch eine Miene zu verraten, daß er selbst große Lust hat, von diesen Dingen zu sprechen. »So ein Mensch bin ich einmal gewesen!«
Wie raffiniert ist manchmal diese ehrgeizige Vorsicht, und wie nachlässig trägt er seine Geschichte vor! Welch eine gut einstudierte Geckenhaftigkeit spricht aus jedem Ton, aus jedem Wort des Erzählers. Wo mag es das einfache Volk bloß gelernt haben?
In dieser ersten Zeit bekam ich an einem langen Abend, als ich müßig und traurig auf meiner Pritsche lag, eine solcher Erzählungen zu hören und hielt den Erzähler infolge meiner Unerfahrenheit für einen schrecklichen, ungeheuerlichen Verbrecher, für einen unerhört starken, eisernen Charakter, während ich mich zu dieser selben Zeit über Petrow fast lustig machte. Das Thema dieser Erzählung war, wie er, Luka Kusmitsch, zu seinem bloßen Vergnügen einen Major »kalt gemacht« hatte. Dieser Luka Kusmitsch war der kleine, schmächtige, junge Arrestant aus unserer Kaserne, der Kleinrusse mit dem spitzen Näschen, den ich schon einmal erwähnt habe. Eigentlich war er Großrusse, aber im Süden geboren, ich glaube als Leibeigener. Es war in ihm wirklich etwas Scharfes und Herausforderndes: »Ein kleiner Vogel mit scharfen Krallen.« Die Arrestanten durchschauen aber instinktiv jeden Menschen. Man achtete ihn sehr wenig im Zuchthause. Er war furchtbar eingebildet. An diesem Abend saß er auf der Pritsche und nähte an einem Hemde. Das Nähen von Wäsche war sein Beruf. Neben ihm saß ein stumpfsinniger und beschränkter, aber gutmütiger und freundlicher Bursche, sein Nachbar auf der Pritsche, der großgewachsene und stämmige Arrestant Kobylin. Lutschka zankte sich oft mit ihm, wie es ja überhaupt zwischen Nachbarn oft zu Reibungen kommt, und behandelte ihn von oben herab, spöttisch und despotisch, was Kobylin infolge seiner Einfalt zum Teil gar nicht merkte. Er strickte einen wollenen Strumpf und hörte Lutschka gleichgültig zu. Dieser erzählte ziemlich laut und vernehmbar. Er wollte, daß alle ihm zuhören, obwohl er so tat, als erzählte er es Kobylin allein.
»Sie schickten mich also aus unserer Gegend, Bruder,« begann er, mit der Nadel hantierend, »nach Tsch–w wegen Vagabundage.«
»Wann ist es gewesen? Ist es schon lange her?« fragte Kobylin.
»Wenn die Erbsen reif werden, werden es zwei Jahre sein. Wie wir nach K–w kamen, setzte man mich dort für kurze Zeit ins Zuchthaus. Ich sehe: mit mir sitzen an die zwölf Mann, lauter Kleinrussen, große, kräftige, starke Menschen wie die Stiere. Sind aber so friedlich und lassen sich das schlechte Essen gefallen, und ihr Major behandelt sie, wie es ihm gerade paßt. Ich sitze einen Tag, ich sitze zwei Tage und sehe, es ist eine feige Gesellschaft. Warum laßt ihr euch von diesem Dummkopf soviel gefallen?
›Geh und rede einmal mit ihm selbst!‹ sagen sie mir und grinsen. Da war auch ein sehr spaßiger Kleinrusse dabei, Brüder,« fügte er plötzlich hinzu, sich nicht mehr an Kobylin, sondern an alle wendend. »Er erzählte, wie er vom Gericht verurteilt wurde und was er zu dem Richter gesagt hatte, dabei schwimmt er in Tränen: Ich habe zu Haus ein Weib und Kinder, sagte er ihm. War ein kräftiger Mann, mit grauen Haaren und dick. ›Ich schaue ihn an,‹ sagt er, ›er zuckt keine Wimper! Der Teufelssohn schreibt in einem fort. Da sage ich mir: Verrecken sollst du, damit ich eine Freude habe! Er aber schreibt und schreibt!... So war mein Ende besiegelt!‹ Waßja, gib mir mal einen Faden, das Zuchthausgarn ist ganz faul.«
»Dieser da ist vom Markte,« antwortete Waßja, ihm einen Faden reichend.
»Unser Garn in der Nähstube ist besser. Neulich schickten wir den Invaliden hin, Garn einzukaufen, er kauft es aber bei irgendeinem gemeinen Frauenzimmer!« fuhr Lutschka fort, indem er die Nadel gegen das Licht hielt und einfädelte.