Бесплатная библиотека
Читайте книгу на сайте или телефоне
READ-E-BOOK » Русская классическая проза » Aufzeichnungen aus einem toten Hause

Электронная книга - «Aufzeichnungen aus einem toten Hause». Краткое содержание книги:

Aufzeichnungen aus einem toten Hause
1 ... 29 30 31 32 33 34 35 36 37 ... 96
Перейти на страницу:

Ich weiß nicht warum, aber ich hatte immer den Eindruck, als wohne er gar nicht im gleichen Zuchthause mit mir, sondern in der Stadt, in einem anderen Hause und besuche das Zuchthaus nur so im Vorübergehen, um die Neuigkeiten zu erfahren, sich nach meinem Befinden zu erkundigen und sich anzusehen, wie wir alle leben. Er hatte es immer eilig, als hätte er irgendwo jemanden stehen lassen, als werde er irgendwo erwartet oder als hätte er irgendeine Arbeit nicht beendigt. Zugleich tat er aber gar nicht geschäftig. Auch sein Blick war sonderbar: unverwandt, mit einem Anflug von Keckheit und Spott, dabei blickte er in die Ferne, über die Gegenstände hinweg, als bemühte er sich, hinter dem Gegenstande, den er dicht vor seiner Nase hatte, einen andern, entfernteren zu betrachten. Dies verlieh ihm einen Ausdruck von Zerstreutheit. Manchmal blickte ich ihm absichtlich nach: wohin wird nun Petrow von mir gehen? Wo wird er mit solcher Sehnsucht erwartet? Er begab sich aber von mir in großer Eile in irgendeine Kaserne oder in die Küche, setzte sich dort neben Leute, die sich unterhielten, hörte ihnen aufmerksam zu, beteiligte sich zuweilen selbst an ihrem Gespräch, ereiferte sich sogar dabei und brach plötzlich ab und verstummte. Wenn er sprach oder schweigend dasaß, sah es aber immer so aus, als täte er es nur so im Vorübergehen, als habe er irgendwo etwas zu erledigen oder als werde er von jemand erwartet. Das Seltsamste war, daß er niemals eine Beschäftigung hatte; er lebte völlig müßig (natürlich abgesehen von der vorgeschriebenen Zwangsarbeit. Er verstand auch kein Handwerk und besaß fast niemals Geld. Der Geldmangel machte ihm aber wenig Sorgen. Worüber sprach er denn mit mir? Seine Gespräche waren ebenso seltsam wie er selbst. Wenn er mich allein irgendwo hinter dem Zuchthause auf und abgehen sah ging er manchmal stracks auf mich zu. Er ging immer schnell und machte kurze Wendungen. Er kam wohl im Schritt, aber man hatte den Eindruck, als käme er herbeigelaufen.

»Guten Tag.«

»Guten Tag.«

»Störe ich nicht?«

»Nein.« »Ich wollte Sie über Napoleon fragen. Ist er ein Verwandter von dem, der im Jahre zwölf war?« (Petrow war in einer Erziehungsanstalt für Soldatensöhne herangewachsen und verstand zu lesen und zu schreiben.)

»Ja er ist ein Verwandter von ihm.«

»Was ist er dann für ein Präsident?«

Er stellte seine Fragen immer schnell, kurz, als hätte er große Eile etwas zu erfahren. Als handelte es sich um eine wichtige Sache, die nicht den geringsten Aufschub duldete.

Ich erklärte ihm, was für ein Präsident Napoleon war, und fügte hinzu, daß er vielleicht bald Kaiser werden würde.

»Wieso?«

Ich erklärte ihm, so gut ich konnte, auch das. Petrow hörte mir aufmerksam zu, verstand alles, faßte alles schnell auf und hielt sogar das Ohr nach meiner Seite hin.

»Hm... Dann wollte ich Sie noch folgendes fragen, Alexander Petrowitsch: ist es wahr, daß es solche Affen gibt, bei denen die Arme bis zu den Fersen reichen, und die so groß sind wie der größte Mensch?«

»Ja, es gibt solche Affen.«

»Was sind das für welche?«

Ich erklärte ihm nach Möglichkeit auch das.

»Wo leben die denn?«

»In den heißen Ländern. Auf der Insel Sumatra gibt es welche.«

»Ist das in Amerika? Wie ist es nun: man sagt, daß die Leute dort mit dem Kopfe nach unten gehen?«

»Gar nicht mit dem Kopfe nach unten. Sie meinen wohl die Antipoden.«

Ich erklärte ihm, was Amerika sei, und, so gut ich es konnte, was die Antipoden wären. Er hörte mir so aufmerksam zu, als sei er nur deswegen gelaufen gekommen, um sich nach den Antipoden zu erkundigen.

»Aha! Im vorigen Jahre habe ich aber über die Gräfin Lavallière gelesen; ich hatte mir das Buch vom Adjutanten Arefjew verschafft. Ist die Geschichte wahr oder nur erfunden? Es ist ein Werk von Dumas.«

»Natürlich ist sie erfunden.«

»Nun, leben Sie wohl. Ich danke schön.«

Und Petrow verschwand. Eigentlich sprachen wir miteinander niemals anders als in der geschilderten Art.

Ich zog über ihn Erkundigungen ein. Als M. von dieser Bekanntschaft hörte, warnte er mich sogar. Er sagte mir, viele Zuchthäusler hätten ihm, besonders in den ersten Tagen seines Zuchthauslebens, ein Grauen eingeflößt, aber niemand, selbst Gasin nicht, hatte auf ihn einen so schrecklichen Eindruck gemacht wie dieser Petrow.

»Er ist der entschlossenste und furchtloseste von allen Zuchthäuslern,« sagte mir M. »Er ist zu allem fähig; er macht vor nichts Halt, wenn es die Befriedigung einer Laune gilt. Er wird auch Sie abschlachten, wenn es ihm einfällt, einfach abschlachten, ohne mit der Wimper zu zucken und ohne es zu bereuen. Ich glaube sogar, daß er nicht ganz bei Trost ist.«

Diese Ansicht interessierte mich außerordentlich. M. vermochte mir aber nicht zu erklären, woher er diesen Eindruck hatte. Aber seltsam: ich verkehrte dann mehrere Jahre hintereinander mit Petrow, sprach mit ihm fast jeden Tag, er war mir während dieser ganzen Zeit aufrichtig zugetan (obwohl ich absolut nicht weiß, weshalb), – er benahm sich während dieser Jahre im Zuchthaus vernünftig und stellte nichts Schlimmes an, aber ich hatte trotzdem, sooft ich ihn ansah oder mit ihm sprach, die Überzeugung, daß M. recht hatte und daß Petrow vielleicht der entschlossenste und furchtloseste Mensch war, der keinerlei Autorität anerkannte. Weshalb ich diesen Eindruck hatte, vermag ich auch nicht zu erklären.

Ich will übrigens bemerken, daß dieser Petrow derselbe war, der den Platzmajor hat ermorden wollen, als er seine Rutenstrafe bekommen sollte und als der Major, wie die Arrestanten sagten, »durch ein Wunder« gerettet wurde, indem er einen Augenblick vor der Exekution davonfuhr. Ein anderes Mal, noch vor seinem Eintritt ins Zuchthaus, passierte es, daß sein Oberst ihn beim Exerzieren schlug. Wahrscheinlich hatte man ihn auch schon vorher oft geschlagen; diesmal wollte er es aber nicht dulden und erstach den Oberst vor aller Augen, am hellichten Tage, vor der Front. Die Einzelheiten dieser Geschichte kenne ich übrigens nicht: er erzählte sie mir niemals. Natürlich waren es nur einzelne Anfälle, bei denen seine ganze Natur plötzlich zum Ausbruch kam. Solche Ausbrüche kamen aber bei ihm doch sehr selten vor. Er war in der Tat vernünftig und sogar friedlich. Er trug wohl starke und brennende Leidenschaften in sich; aber die Kohlenglut war stets von Asche bedeckt und glimmte still. Ich sah bei ihm auch keine Spur von Prahlsucht oder Ruhmsucht wie bei den andern. Er zankte sich nur selten mit jemand, war auch mit niemand besonders befreundet, höchstens mit Ssirotkin, aber auch das nur, wenn er ihn brauchte. Einmal sah ich übrigens doch, wie er ernstlich böse wurde. Man verweigerte ihm irgendeinen Gegenstand; man hatte ihn irgendwie übervorteilt. Sein Gegner war ein starker Kerl von großem Wuchs, boshaft, händelsüchtig und spöttisch, durchaus kein Feigling, ein Sträfling aus der Zivilabteilung, namens Wassilij Antonow. Sie schrien schon lange, und ich glaubte, die Sache würde sich auf eine gewöhnliche Schlägerei beschränken; Petrow pflegte manchmal, wenn auch sehr selten, wie der gemeinste Zuchthäusler zu fluchen und um sich zu hauen. Diesmal kam es aber anders: Petrow erblaßte plötzlich, seine Lippen wurden blau und fingen an zu zittern, und er keuchte schwer. Er erhob sich von seinem Platz und ging langsam, sehr langsam, unhörbar mit seinen bloßen Füßen (im Sommer ging er gern barfuß) auf Antonow zu. Plötzlich wurde es in der Kaserne, in der es ebenso laut zugegangen war, still; man hätte eine Fliege hören können. Alle warteten, was nun kommen würde. Antonow trat ihm entgegen; er sah entsetzlich aus... Ich konnte es nicht ertragen und ging aus der Kaserne. Ich glaubte, daß ich, bevor ich aus dem Flur gekommen sein würde, den Schrei eines ermordeten Menschen hören werde. Die Sache lief aber auch diesmal glücklich ab; Antonow hatte Petrow, noch ehe dieser vor ihn getreten war, stumm und eilig den strittigen Gegenstand zugeworfen. (Es handelte sich um einen wertlosen Lumpen, um irgendeinen Fußlappen.) Antonow schimpfte auf ihn natürlich noch etwa zwei Minuten, zur Beruhigung seines Gewissens und des Anstandes wegen, um zu zeigen, daß er keine so große Angst bekommen hatte. Dem Schimpfen schenkte aber Petrow gar keine Beachtung, er schimpfte sogar nicht zurück: es war ihm nicht ums Schimpfen zu tun, und der Streit hatte zu seinen Gunsten geendet; er war sehr zufrieden und nahm den Fußlappen an sich. Nach einer Viertelstunde trieb er sich wieder im Zuchthause herum, müßig, mit einem Ausdruck, als paßte er auf, ob man nicht irgendwo ein interessantes Gespräch anfangen würde, um sich zu den Sprechenden zu gesellen und zuzuhören. Alles schien ihn zu interessieren, aber es kam meistens so, daß er gegen fast alles gleichgültig blieb und sich ziellos im Zuchthause herumtrieb. Er erinnerte sogar an einen Arbeiter, an einen tüchtigen Arbeiter, der die Arbeit gleich mit größter Energie anpacken würde, dem man aber aus irgendeinem Grunde keine Arbeit zuteilt und der in Erwartung dasitzt und mit kleinen Kindern spielt. Ich konnte auch nicht begreifen, warum er im Zuchthause blieb und nicht entfloh. Er wäre zweifellos entlaufen, wenn er es wirklich ernsthaft gewollt hätte. Über solche Menschen wie Petrow hat die Vernunft nur so lange Gewalt, bis sie ein starkes Verlangen nach etwas spüren. Dann gibt es auf der ganzen Welt kein Hindernis für ihren Willen. Ich bin aber überzeugt, daß er sich bei einer Flucht sehr geschickt angestellt hätte und imstande gewesen wäre, eine ganze Woche ohne Brot irgendwo im Walde oder im Flußschilf zu sitzen. Anscheinend war er auf diesen Gedanken noch nicht gekommen und von diesem Verlangen noch nicht ganz gefangengenommen. Viel Überlegung und praktischen Sinn habe ich bei ihm niemals bemerkt. Solche Menschen werden mit einer einzigen fixen Idee geboren, die sie ihr Leben lang unbewußt hin und her treibt; sie werfen sich ihr Leben lang unruhig hin und her, bis sie eine ihrem Geschmack entsprechende Tätigkeit gefunden haben; dann ist ihnen auch ihr Kopf nicht zu teuer. Zuweilen mußte ich staunen, wie widerspruchslos sich dieser Mensch, der seinen Vorgesetzen wegen Schläge erstochen hatte, mit Ruten züchtigen ließ. Er wurde manchmal dieser Strafe unterzogen, wenn man ihn beim Branntweinschmuggel erwischte. Diese Strafe ließ er aber gleichsam mit eigener Zustimmung über sich ergehen, als sei er sich bewußt, daß er sie verdient habe; andernfalls ließe er sie sich niemals gefallen und würde sich eher totschlagen lassen. Ich wunderte mich auch, wenn er mich, trotz seiner scheinbaren Anhänglichkeit, bestahl. Das überkam ihn periodisch. Er war es, der mir meine Bibel gestohlen hatte, die er auf meine Bitte von einem Platz nach einem andern tragen sollte. Es handelte sich um einen Weg von nur wenigen Schritten, aber er brachte es fertig, unterwegs einen Käufer zu finden, die Bibel zu verkaufen und das Geld zu vertrinken. Er hatte wohl großes Verlangen zu trinken, und wenn er etwas wollte, so mußte es auch geschehen. So ein Mensch ist imstande, seinen Mitmenschen wegen eines Viertelrubels abzuschlachten, um für diesen Viertelrubel ein Fläschchen Schnaps zu kaufen, während er zu einer andern Zeit sich auch hunderttausend Rubel entgehen ließe. Abends setzte er mich selbst über den Diebstahl in Kenntnis, tat es aber ohne jede Verlegenheit oder Reue, vollkommen gleichgültig, als handelte es sich um ein ganz gewöhnliches Erlebnis. Ich versuchte ihn ordentlich auszuschimpfen, auch tat mir meine Bibel leid. Er hörte mir gleichmütig und sogar ruhig zu; er stimmte mir bei, daß die Bibel ein sehr nützliches Buch sei, bedauerte aufrichtig, daß ich sie nicht mehr habe, bereute aber durchaus nicht, daß er sie selbst gestohlen hatte; er sah mich mit solchem Selbstvertrauen an, daß ich sogar zu schimpfen aufhörte. Mein Schimpfen ließ er sich aber gefallen, weil er sich wohl sagte, daß ich nicht umhin könne, ihn wegen solcher Handlungsweise auszuschimpfen; also solle ich mein Herz erleichtern und mir durch Schimpfen Trost verschaffen; die ganze Sache sei aber eine solche Bagatelle, daß ein vernünftiger Mensch sich schämen müsse, über sie zu sprechen. Ich glaube, er hielt mich überhaupt für ein Kind, fast für einen Säugling, der die allereinfachsten Dinge nicht begreifen könne. Wenn ich selbst mit ihm ein Gespräch über etwas anderes als über Wissenschaften und Bücher anknüpfte, so antwortete er mir zwar, aber gleichsam nur aus Höflichkeit, und beschränkte sich auf die kürzesten Repliken. Ich fragte mich oft: was gehen ihn alle diese Bücherweisheiten an, nach denen er mich gewöhnlich fragt? Manchmal beobachtete ich ihn bei solchen Gesprächen, ob er nicht über mich lache. Aber nein, gewöhnlich hörte er mir aufmerksam und ernst zu, allerdings auch nicht allzu aufmerksam, und über diesen letzteren Umstand ärgerte ich mich zuweilen. Seine Fragen formulierte er genau, bestimmt, äußerte aber kein übertriebenes Erstaunen über die Antworten, die ich ihm gab, und nahm sie sogar zerstreut auf... Ich hatte ferner den Eindruck, daß er sich, ohne viel Kopfzerbrechen gesagt habe, man könne mit mir nicht so wie mit den anderen Menschen sprechen, und ich sei nicht imstande, außer Gesprächen über Bücher etwas zu begreifen, so daß es keinen Zweck habe, mich mit anderen Dingen zu belästigen.

1 ... 29 30 31 32 33 34 35 36 37 ... 96
Перейти на страницу:
0
Сюжет
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Атмосфера
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Главный герой
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
0
Общее впечатление
  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5
  • 6
  • 7
  • 8
  • 9
  • 10
Итоговая оценка: 0.0 из 10 (голосов: 0 / История оценок)