Wir sind nur Menschen
- Автор: Конзалик Хайнц
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Wir sind nur Menschen». Краткое содержание книги:
Das Boot schoß den Fluß hinab. Dr. Cartogeno hatte Peters Kopf in seinen Schoß gelegt. Tränen standen ihm in den Augen. Seine Lippen zwischen dem struppigen, ungepflegten Bart zuckten. So kamen sie am Lagerplatz an. Ein Weinender und ein Sterbender.
Die Tarapas umstanden stumm das Kanu, als Peter herausgetragen wurde. Nur einer stand an der Baumtrommel und ließ sie durch den Wald dröhnen, und von fern antwortete eine andere Trommel und gab die Meldung durch den weiten Urwald weiter: Der weiße Zauberer ist krank. Er liegt im Sterben. Die >Schwarze Witwe< hat ihn angefallen.
Der Unterhäuptling, der die Expedition führen sollte, schickte seine Krieger in die Sümpfe. Sie kamen mit Blättern und Wurzeln zurück, aus denen sie einen Brei kochten, den sie Perthes auf den Biß schmierten. Dr. Cartogeno ließ sie gewähren. Er zog eine Spritze mit dem unerprobten Serum auf, das Sapolana gerettet hatte, und injizierte zehn Kubikzentimeter, den Rest des Serums, in Peters Blutbahn. Damit war sein Wissen erschöpft.
Den ganzen Tag und die folgende Nacht saß der Kolumbianer neben dem Deutschen im Zelt. Die Petroleumlampe blakte trübe. Draußen, um das Zelt herum, saßen an den Feuern die Tarapas und sangen leise ihre alten Sterbegesänge. Perthes' Gesicht fiel ein, auf der Haut zeigten sich braune Flecken, der Atem wurde rasselnd, Fieber schüttelte den Körper.
Dr. Cartogeno saß neben ihm und hielt die Hände gefaltet und versuchte zu beten. Zum erstenmal wieder nach sechzehn Jahren. Er wußte keinen Rat mehr, er rief Gott um Hilfe an. Die Macht der Menschen war erschöpft. Konnte die Macht des Himmels noch helfen?
In der Nacht wurde Perthes unruhig. Phantasierend warf er sich hin und her. Sein Schweiß roch schon faulig. Seine Lippen wurden ganz trocken, sprangen auf und bluteten. Die Haut zwischen den Fingern verfärbte sich schwarz. Das Gift! Mit knirschenden Zähnen saß Cartogeno vor dem Sterbenden. Seine Ohnmacht brachte ihn dem Wahnsinn nahe. Er stirbt, und keiner kann ihm helfen, dachte er immer wieder. Den kleinen, lächerlich kleinen Biß einer Spinne können wir nicht heilen! Der Mensch, der große Mensch, der Beherrscher der Welt, er stirbt am Biß eines niederen Gliederfüßers! Das ist lächerlich, gemein. Er drückte den Phantasierenden zurück auf das Kissen und tropfte ihm scharfen Cognac zwischen die blutenden Lippen.
Der Körper bäumte sich auf. Die Augen waren starr, gläsern, wie bei einer Wachspuppe. Röchelnd ging der Atem. Die Backenknochen stachen durch die Haut. Der nackte Leib wurde streifig und gelb. Das Gift!
Die Nacht ging nur langsam vorüber. Cartogeno flößte Peter noch ein Mittel gegen das Fieber ein, obgleich er wußte, daß es sinnlos war. Aber er wollte nicht tatenlos bei dem Sterbenden sitzen. Alles in ihm schrie auf gegen das unerbittliche Schicksal, dem er hier gegenübersaß.
Als die kurze Morgendämmerung hereinbrach und der Wald sich belebte, die ersten Kolibris neugierig um die Hütte flatterten und die Tukane schrien, war Dr. Perthes eingeschlafen. Sein Atem ging etwas ruhiger. An seinem wie Leder gewordenen Hals pochte das Blut in der Schlagader. Die Flecken zwischen den Fingern wurden trüber, die Fieberphantasien hörten auf. In Schweiß gebadet, lag Dr. Perthes auf seinem Blätterlager und schlief. Cartogeno wischte sich die Augen aus. Der ruhige Schlaf des Kameraden kam ihm wie ein Wunder vor. Peter lebte noch! Das Gift im Körper war gebrochen. Das unerprobte Serum, das Sapolana das Leben gerettet hatte, es zerstörte auch das Gift der >Schwarzen Witwe<. Es war wie ein Wunder. Wirklich, es mußte ein göttliches Wunder sein! Aber es war ja Wahrheit — dort lag der schon vom Tod gezeichnete Kamerad und schlief. Schlief ruhig, gelöst und tief.
Dr. Cartogeno erhob sich und ging mit steifen Beinen aus dem Zelt. Draußen starrten ihn die Tarapas an. Der Dolmetscher bekreuzigte sich.»Noch lebt er«, sagte Dr. Cartogeno leise.»Er schläft.«
Und wieder dröhnte die dumpfe Trommel und rief die neue Botschaft durch die grüne Hölle. Der weiße Zauberer lebt noch! Er schläft. Betet zu Nungüi, der Erdenmutter. Tanzt mit dem Fetisch und treibt den bösen Dämon aus! Der weiße Zauberer darf nicht sterben.
Cartogeno ließ Wasser holen. Mit Lysoform stellte er eine desinfizierende Lösung her und wusch damit Peters Körper. Viermal täglich erneuerte er den Tampon in der breit geschnittenen Wunde. Nach drei Tagen war auch das Fieber gesunken, nur Bewußtsein kehrte nicht zurück, das Gift mußte die Gehirnnerven angegriffen haben.
In diesem Stadium, als feststand, daß Peter Perthes nicht sterben würde, entschloß sich Dr. Cartogeno, den Freund nach Zapuare zurückzubringen. Die Tarapas flochten aus Lianen und zähen Gräsern eine weite Tragmatte, brannten aus Baumstämmen Kanus aus und fertigten aus frischen Rinden leichte Boote. An einem frühen Morgen brach die Karawane auf — achtzehn Boote stark — und ruderte den Cuno Supari hinab. Nach zwei Tagen erreichten sie unterhalb San Juans den Rio Guaviare, den breiten Strom, der von den riesigen Weideflächen der Llanos des San Martin kam. Hier trennten sich die Tarapas von Dr. Cartogeno und fuhren zurück in die Unendlichkeit der Wälder. Die Nähe der Weißen war ihnen verhaßt, sie scheuten die kleinste Siedlung und lebten nur im Halbdunkel der domhohen Blätterdächer. Mit zwei Booten und den alten Begleitern landete Dr. Cartogeno endlich in Zapuare.
Man bestaunte die Ankommenden wie Gespenster. Man wollte nicht glauben, daß sie noch lebten. Sie waren amtlich tot — ihre Sachen waren beschlagnahmt und nach Villavicencio geschafft worden. Das Haus, das sie bewohnt hatten, stand leer. Kein Gepäck, kein Laboratorium mehr — vor allem kein Gegengift.
Dr. Cartogeno war der Verzweiflung nahe. Er brüllte den Dorfvorsteher an, schickte einen Meldereiter nach Villavicencio und pflegte Peter mit den wenigen Medikamenten, die in der Hausapotheke der >Bar< vorhanden waren; sie war vor allem auf Schußverletzungen eingerichtet. Peter hatte das Bewußtsein für kurze Zeit auf der schnellen Fahrt den Rio Guaviare hinab wiedererlangt. Er sah Dr. Car-togeno groß und fragend an und bewegte mühsam die noch immer aufgesprungenen Lippen.
«Geht es zu Ende?«fragte er leise.
Der Kolumbianer schüttelte den Kopf.»Unsinn!«sagte er bewußt rauh.»So ein kleiner Spinnenbiß! Ich habe das Fleisch weggeschnitten und Ihnen zehn Kubik Ihres Gegengiftes injiziert.«
«Das war gut, Fernando. «Es war das erstemal, daß Perthes seinen Begleiter mit dem Vornamen anredete. Dr. Cartogeno begriff die Bedeutung dieses Wortes und drückte Peter stumm die Hand.
«Mehr konnte ich nicht tun«, sagte er nach einer Weile.»Wir haben kein Serum mehr.«
«In Zapuare sind noch sechzig Kubik«, sagte Peter mühsam.»Wir müssen nach Zapuare zurück.«
Dann fiel er von neuem in Bewußtlosigkeit. Fünf Tage wartete Dr. Cartogeno mit seinem Patienten auf das Serum. Als es endlich ein-traf, war es begleitet vom Distriktsgouverneur, einem Regierungsvertreter, einem Zug Polizei und drei Wissenschaftlern. Sie wollten Peter Perthes verhören, Protokolle aufnehmen, der Welt eine neue Sensation verschaffen: Dr. Perthes gerettet! Der grünen Hölle entronnen! Ein Weißer zum erstenmal ein Freund der grausamen Ta-rapas!
Dr. Cartogeno ließ keinen der Herren zu Perthes hinein. Er schloß die Türen des Hauses ab, nahm das Serum und dosierte es nach Peters Angaben, der blaß und schwach auf seinem Feldbett lag. In Abständen von fünf Stunden injizierte er das Serum.
Das Leben Peters wurde gerettet. Der Kopf arbeitete wieder, die von der Lähmung angegriffenen Lungenflügel dehnten sich wieder, die Hautflecken verschwanden. Am fünften Tag, drei Wochen nach dem Biß der >Schwarzen Witwe<, rann neue Lebenskraft durch den gemarterten Körper. Der Wille, die ersten Gehversuche zu machen, wuchs immer mehr.