In Zeiten des abnehmenden Lichts
- Автор: Ruge Eugen
- Год: 2012
- Язык: немецкий
- Год: Rowohlt
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:
Es war ein herrliches, ein wunderbares Schlafzimmer. Im Grunde ganz schlicht: Nur das Bett stand darin, ein einfaches, ungeteiltes Doppelbett, das es so in der ganzen DDR nicht zu kaufen gab, dazu der alte Schrank, über den Kurt zuerst bloß gelacht hatte. Der Teppichboden war weiß, weiß auch die Wände, nur die Wand an der Stirnseite des Bettes war karminrot, und an dieser Wand hing, flankiert von zwei Leuchten, ein riesiger ovaler, von einem breiten, verschnörkelten Goldrahmen eingefasster Spiegel, dessen übermäßige Neigung keinen Zweifel über seinen Zweck zuließ.
— Was wohl die Handwerker gedacht haben, murmelte Kurt.
— Die haben schon das Richtige gedacht, sagte Irina und führte seine Hand unter ihren Rock, wo Kurt zwischen Slip und Strumpf ein Stück nackter, sich zu einem feinen Pölsterchen wölbender Haut erspürte …
— Verrückt, sagte Kurt, als sie später nebeneinander auf dem Bett lagen. Eben, im Sektrausch, als sie irgendwie übereinander und ineinander gewesen waren, hatte er für Augenblicke das Gefühl gehabt, er würde sich verdoppeln — nicht nur bildlich, sondern tatsächlich. Für Augenblicke, so erklärte er Irina, sei es ihm vorgekommen, als habe er mehr als nur zwei Arme und Beine gehabt und mehr als nur einen «Chui», sagte er — über Anstößiges sprachen sie russisch.
Und Irina, noch immer in Wallung, umschlang seinen Leib mit den Beinen und flüsterte ihm ins Ohr:
— Ich glaube, ich sollte meine Freundin Vera mal einladen …
Am nächsten Morgen stand Kurt spät auf: um acht. Es war Sonntag, und Kurt hatte sich — unter Aufbietung seiner ganzen Disziplin — mit den Jahren angewöhnt, am Sonntag nicht zu arbeiten, ja er hatte sogar gelernt, sich auf den arbeitsfreien Sonntag zu freuen.
In Schlafanzug und Bademantel betrat er die Küche und deklamierte stehend und mit Pathos den Vierzeiler, den er sonntags beim Rasieren zu dichten pflegte, um seine Familie zu erheitern. Der heutige lautete:
Aus Moskau komm ich angehoppelt
und fühle meine Kraft verdoppelt.
Mit Heiterkeit, schon beim Rasieren,
will ich euch alle infizieren.
Sascha verzog das Gesicht. Irina lächelte still, während sie Kurt Kamillentee eingoss. Sie bestand darauf, dass er vor dem Kaffee eine Tasse Tee trank, wegen des Magens, und Kurt tat ihr den Gefallen.
Beim Frühstück eröffnete ihm Irina, dass sie heute noch einmal losmüsse: Gojkovic komme, der jugoslawische Schauspieler, der in dem Indianerfilm, den die DEFA drehen wollte, die Hauptrolle spielte.
Kurt schluckte. Weißbrotkrümel kratzten in seinem Hals. Seit Irina — er wusste im Grunde gar nicht als was — bei der DEFA arbeitete, kam es öfter vor, dass sie ihn in dieser Weise enttäuschte. Angeblich war es eine Halbtagsstelle, aber in Wirklichkeit arbeitete sie oft bis in die Nacht oder am Wochenende, und alles für nichts, denn am Ende verpulverte sie bei alldem mehr Geld, als sie verdiente, dachte Kurt. Sagte aber nichts. Nahm einen Schluck Kaffee, spülte die Weißbrotkrümel runter. Ja, natürlich hatte auch Irina ein Recht zu arbeiten. Wenngleich es eine höchst seltsame Arbeit war, mit irgendwelchen Schauspielern im Gästehaus der DEFA zu sitzen und Wodka zu saufen. Oder mit diesem Indianer durch die Gegend zu fahren. Kurt hatte ein Foto gesehen: Muskelprotz. Ließ sich mit nacktem Oberkörper fotografieren, unglaublich.
— Das Mittagessen steht auf Herd, sagte Irina. Und um vier bin ich zu Hause.
Nachdem Irina gefahren war, ging Kurt, noch immer in Bademantel und Schlafanzug, in sein Zimmer. Er drehte die Heizung auf, setzte sich auf den Heizkörper. Betrachtete, während er die zunehmende Hitze am Hintern spürte (ja, auch die Gasheizung war eine gute Idee gewesen!), die schwedische Importbücherwand, die Irina ihm vermittels irgendwelcher undurchsichtigen (hoffentlich nicht kriminellen!) Transaktionen beschafft hatte. Fünf Jahre lang hatte er seine Bücher in Kisten von Zimmer zu Zimmer geschleppt. Jetzt standen sie da in vollkommener Ordnung, ein Anblick, der Kurt immer aufs Neue befriedigte — nur warum er den Krichatzki, das kleine, zerfledderte Lateinlehrbuch, das er zehn Jahre lang mit durchs Lager geschleppt hatte, bei seinen eigenen Werken eingeordnet hatte, war Kurt plötzlich unklar. Er nahm das Buch heraus, wusste aber nicht recht, wohin damit (kein Nachschlagewerk, keiner Periode zuzuordnen) — und stellte es wieder zurück.
Dann holte er die Vorträge und Zeitschriften seiner Moskauer Kollegen heraus, die Zettel mit Telefonnummern und Adressen, der übliche Kram, den man von so einer Reise mitbrachte, das meiste war Mist, selbstverständlich, die meisten Telefonnummern würde er, nachdem er sie sorgfältig in sein Telefonbuch übertragen hatte, nie anrufen; die meisten Vortragsmanuskripte würden eine Weile in seinem Zimmer herumliegen, bis er sie, nach Wahrung einer Anstandsfrist, wegwarf. Kurt legte die Kopien, die er sich im Archiv hatte machen lassen, beiseite — und haute den Rest in den Papierkorb. Holte die Zettel mit Adressen und Telefonnummern wieder heraus, begann sie zu sortieren. Hielt auf einmal eine namenlose Nummer in der Hand, brauchte ein paar Sekunden, um zu begreifen, zu wem die Nummer gehörte … und war einen Augenblick versucht, sie aufzuheben, als Rache für Gojkovic — aber dann musste er an den gestrigen Abend denken, an den goldenen Spiegel, an seine wundersame Verdopplung und an das Versprechen, das Irina ihm ins Ohr gehaucht und das sich sofort mit einem Bild verbunden hatte, das jetzt wieder vor seinen Augen aufstieg — gerade in dem Moment, als es draußen klingelte.
Rasch steckte er den Zettel in die Bademanteltasche und marschierte zur Haustür, noch immer das Bild vor Augen, es war ein Bild aus dem vergangenen Sommer, Urlaub am Schwarzen Meer, wo sie zusammen mit Vera gewesen waren, zufällig übrigens, denn sie hatten Vera überraschend im Transitraum getroffen, Kurt hatte sie nur flüchtig gekannt, eine ehemalige Kollegin Irinas aus deren Zeit im Archiv der Neuendorfer Akademie, die, wie sich herausgestellt hatte, zu ihrer Reisegruppe gehörte und die, da sie, wie sich ebenfalls herausstellte, neuerdings geschieden war, allein nach Nessebar flog, und von dort — vom Strand in Nessebar — stammte auch das Bild, das Kurt, wie flüchtig auch immer, bei den zehn oder zwölf oder vierzehn Schritten vom Schreibtisch bis zur Haustür durch den Kopf ging. Alle drei waren nämlich das erste Mal an einem südlichen Meer gewesen, und alle drei waren beim Betreten des Strandes überrascht gewesen, wie heiß der Sand in Nessebar war, Kurt hatte unwillkürlich begonnen, von einem Fuß auf den anderen zu hüpfen, und dasselbe taten die Frauen, plötzlich hüpften sie alle drei, ein alberner kleiner Tanz, den sie aufführten, und was bei diesem Tanz mittanzte, waren Veras auf wundersame Weise oder vielleicht einfach durch einen sich lösenden Bademantelgürtel zum Vorschein kommende Dinger, dachte Kurt, denn er wusste kein anderes Wort dafür, es waren wirklich Dinger, schwere weiße, von winzigen blauen Äderchen durchzogene Dinger, die noch vor Kurts Nase tanzten, als er die Haustür öffnete und in ein rundes, schief lächelndes Gesicht blickte, das er einige Sekundenbruchteile später als das Gesicht seines Parteisekretärs Günther Habesatt identifizierte.
— Nanu, sagte Kurt.
— Entschuldige, sagte Günther und trat von einem Bein auf das andere, als müsste er dringend pinkeln.
Aber Günther musste nicht pinkeln. Eine Weile stand er, noch immer von einem Bein aufs andere tretend, in der Mitte von Kurts Zimmer herum, äußerte sich bewundernd über das Haus und das Zimmer und die schwedische Importbücherwand, lehnte Kaffee ab, bat aber um ein Glas Wasser und ließ sich dann in einem der schon etwas abgeschabten Schalensessel nieder, die aus Charlottes Haus stammten und in dem sich Günthers beträchtliche Körpermasse verteilte wie in einer Badewanne. Insgeheim verachtete Kurt dicke Menschen. Günther war im Großen und Ganzen ein netter Kerl, hilfsbereit, kein Intrigant, aber doch ein eher schwacher, ein anfälliger Mensch, das jedenfalls glaubte Kurt aus der Tatsache schließen zu können, dass Günther sich, wenngleich widerstrebend (oder jedenfalls den Anschein des Widerstrebens erweckend), hatte verpflichten lassen, Parteisekretär zu werden. Auch Kurt hatte man angesprochen, aber er hatte — selbstverständlich — abgelehnt.