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Mord im Garten des Sokrates

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Mord im Garten des Sokrates
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«Du musst mir nicht vertrauen», sagte ich. «Ich will gar nicht wissen, wo du bist. Vertraue einfach nur Chilon. Und wenn ich ihm sage, dass du gefahrlos zurückkehren kannst, dann erkundige dich bei anderen über die Verhältnisse in Athen. Verschaffe dir selbst ein Bild. Aber dann kehre zu uns zurück!»

Er wandte sich zum Gehen. Ich reichte ihm meine Hand. Er betrachtete mich misstrauisch, dann nahm er sie zögernd, aber er nahm sie.

«Wir werden sehen», sagte er, und die Worte klangen wieder mehr wie an ihn selbst denn an mich gerichtet. «Grüße mir Chilon.»

Nachdem Hippokrates die Kajüte verlassen hatte, legte mir der persische Kapitän seinen Arm um die Schulter und brachte mich zum Steg. Ich sah, wie mich meine Bogenschützen vom Pier aus erstaunt beobachteten, denn der Kapitän zog seinen Arm auf dem ganzen Weg nicht zurück. Perserfreund, das Schandwort schien schon auf ihren Lippen zu liegen. Ich war gespannt, wie lange es dauern würde, bis Anaxos davon wusste. Mit einem Fuß hatte ich die Planke schon betreten, als der Kapitän mich zurückhielt.

«Du bist ein ehrenvoller Grieche», sagte er. «Ich dachte schon, es gäbe keine. Ich danke dir.»

«Ich wüsste nicht, wofür», entgegnete ich. Ich verstand nicht, was mir der Kapitän sagen wollte - wie sollte ich auch? Um die plötzlich eintretende Stille zu überspielen, wünschte ich ihm und seinem Schiff gute Fahrt und meinte beiläufig, dass wir uns vielleicht einmal wiedersehen würden.

«Das ist gut möglich», entgegnete er mit eigentümlichem Ernst und traurigen Augen. «Aber ich fürchte, ein Wiedersehen wird dir nicht viel Freude bringen.»

«Was meinst du damit?», fragte ich, denn mir war klar, dass mir der Perser nicht hatte drohen wollen. Er hatte etwas anderes gemeint.

«Nichts», entgegnete er verlegen, «ich habe schon zu viel gesagt. Passt auf euch auf, ihr Athener!», und schon hatte er sein Gesicht wieder hinter der undurchschaubaren Maske des Orientalen verborgen. Noch einmal fragte ich nach, was er gemeint habe, als er sagte, ein Wiedersehen würde mir keine Freude bringen, aber er blieb stumm und seine Züge unergründlich. Sie waren wie gefroren, sogar seine Augen blieben starr. Also verließ ich das Schiff ohne eine Antwort. Heute kenne ich sie, denn wir trafen uns wieder - beinahe am selben Ort. 

Σ

die sonne ging schon unter, als ich endlich wieder in der Kaserne ankam. Ich gab Ariadne in die Obhut des Stallknechts. Vor dem Eingang des Haupthauses saß ein junger Mann, der mir nicht fremd war. Er hatte den Chiton gewechselt und trug einen Lederbeutel um die Schulter, wie sein Lehrer dies auch tat. Er erhob sich und winkte mir zu. Chilon war noch ein wenig bleich, und beim Näherkommen sah ich, dass seine Augen glasig schimmerten. Ansonsten schien er den nachmittäglichen Rausch aber gut überstanden zu haben.

«Wo ist also der Patient?», fragte er eine Spur zu laut und zu forsch, als ich vor ihn trat.

«Leise», sagte ich, «die Wände haben Ohren.» Ich führte Chilon in das Haupthaus. In der Eingangshalle saßen drei To-xotai beim Würfelspiel. Ihre Waffen und Harnische abgelegt, vertrieben sie sich so die Zeit ihrer Abendwache. Sie blickten kurz auf und grüßten.

«Alles ruhig?», wollte ich wissen. Ja, es sei alles ruhig, bestätigten sie.

Die Schreibstube war leer. Mysons Tisch war fein säuberlich aufgeräumt. Das war ein Ritual, das er jeden Abend einhielt. Er rollte die Papyri zusammen und reihte sie nebeneinander auf, spitzte die Schreibhalme mit einem kleinen, scharfen Messerchen und legte auch diese Seite an Seite. Erst dann ging er nach Hause. Myson war also schon fort. Halb bedauerte ich es, halb war ich erleichtert.

Ich führte Chilon in den Gang hinter der Schreibstube und war erstaunt, vor unserer Arrestzelle keine Wache mehr zu sehen. Die Tür zur Zelle stand offen. Das Stroh, das zum Schlafen diente und sonst in der hinteren Ecke lag, war über den ganzen Boden verteilt. Die Zelle war leer.

«Komm mit, schnell!», befahl ich Chilon und lief zur Eingangshalle zurück. Die Soldaten schreckten auf, als wir angerannt kamen, und wollten schon nach den Waffen greifen.

«Wo ist der Gefangene?», schrie ich in heller Aufregung.

«Im Gefängnis!», schallte es wie aus einer Kehle zurück.

«Gott sei Dank!», stammelte ich und blieb atemlos stehen. Mir war, als hätte mein Herz aufgehört zu schlagen. Dafür hämmerte es jetzt wie eine Kriegstrommel.

«Wer hat das angeordnet?», fragte ich.

«Myson», antwortete der älteste und ranghöchste von ihnen verlegen, «er sagte, du hättest ...»

« ... es befohlen?», vervollständigte ich den Satz.

«Ja, Hauptmann», bestätigte er verlegen und entschuldigend.

Ich ließ die Männer in der Kaserne zurück und machte mich mit Chilon auf den Weg zum Gefängnis. Natürlich hätten sie gerne gewusst, was es mit dem Gefangenen auf sich hatte und wieso ich über seine Verlegung so erstaunt war. Es stand ihnen auf die Stirn geschrieben. Aber keiner wagte zu fragen, und ich sagte nichts weiter dazu.

Das Gefängnis war nicht weit von unserem Hauptquartier entfernt. Als wir auf die Straße traten, war es dunkel geworden. Vor uns erhob sich der Aresfelsen wie der Rücken eines schlafenden Riesen. In den Häusern waren die Lichter zur Nacht entzündet worden.

Die Verwaltung des Gefängnisses lag bei mir als dem Hauptmann der Bogenschützen. Es war also nicht schwer für mich, Lysippos aufzusuchen. Und doch war er in jenem Gebäude, das ich nur ab und zu betrat, weniger unter meiner Aufsicht als in der Kaserne, in der ich mich beinahe täglich aufhielt. Ich hatte nicht den geringsten Zweifel, dass genau darin der Grund dafür lag, dass man Lysippos dorthin gebracht hatte. Ich hatte auch keinen Zweifel daran, wer dies in Wirklichkeit befohlen hatte.

«Warum bist du vorhin so erschrocken?», fragte Chilon, als wir beinahe angekommen waren. «Du sahst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.»

«Das habe ich auch, Chilon», erwiderte ich. »Ich habe mich selbst als Gespenst gesehen, wenn du verstehst, was ich meine ... Ich hatte Angst, der Gefangene wäre geflohen. Das wäre mein Tod gewesen.»

Chilon nickte. Ich sah es aus dem Augenwinkel und blieb still, bis wir an die Pforte des Gefängnisses kamen.

Das Tor, das zum Innenhof des gedrungenen Kalksteinbaus führte, war geschlossen. Ich schlug mit dem Knauf meines Schwertes gegen das mächtige Eichenportal und wartete eine Weile, bis von drinnen eine schwache Stimme zu hören war, die fragte, wer wir seien und was wir wollten.

«Nikomachos, dein Hauptmann, zum Gefangenen Lysippos», rief ich. Der große Riegel wurde zur Seite geschoben und das schwerfällige Tor mit einem langgezogenen Knarren geöffnet. Ein kleiner Lichtstrahl leuchtete uns entgegen. Er kam aus einer Laterne, die der Wächter in Händen hielt. Chilon zuckte zusammen. Ich hatte vergessen, ihn auf diese Begegnung vorzubereiten, denn Bias bot keinen alltäglichen Anblick. Der Wächter glich mehr einem Waldgeist als einem Mann, ein kleines buckeliges Wesen mit gelben Augen und fratzenhaftem Gesicht. Er wohnte hier zusammen mit einer Frau, einer Zwergin, die ebenso hässlich war wie er, in einem kleinen Nebengebäude und verließ die Gefängnismauern weder bei Tag noch bei Nacht. Wie er mir einmal gestand, hatte er Angst, draußen würde man ihn mit Steinen bewerfen, wie dies wohl schon geschehen war. Bias war also als Wärter ebenso gefangen wie die anderen hier, allerdings konnte er weder auf einen Freispruch hoffen noch von einer Flucht aus diesen Mauern träumen. Trotzdem war er ein freundlicher kleiner Kerl und behandelte die Gefangenen mit Respekt.

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