Mord im Garten des Sokrates
- Автор: Berst Sascha
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Mord im Garten des Sokrates». Краткое содержание книги:
Auf dem persischen Schiff war emsiges Treiben. Einige Matrosen kletterten schon auf die Masten, um die Segel zu setzen, die anderen standen an Bord und zerrten und zurrten an den Tauen. Dazwischen stand der Kapitän in seinem blauen Gewand. Ich sah und hörte ihn schon von Weitem, denn er brüllte die Kommandos aus vollem Halse, und wenn ich auch kein einziges Wort seiner barbarischen Zunge verstand, wusste ich doch, dass er jeden einzelnen seiner Männer einen Hundsfott nannte, weil er und die anderen das Schiff nicht schnell genug aus dem Hafen brachten. Schon waren die Leinen los und die gewaltigen Riemen zu Wasser gelassen.
«Halt, Kapitän!», rief ich in das allgemeine Treiben und sprang vom Pferd. «Einen Moment nur noch. Ich komme an Bord!»
So laut und wütend der Perser seine Mannschaft zur Eile getrieben hatte, so freundlich und entspannt nickte er mir zu. Ein markiges Wort von ihm, und es wurde ein Steg für mich heruntergelassen. Ich band Ariadne an einen Pfeiler und stieg hinauf. Der Kapitän lachte und begrüßte mich mit einer leichten Verbeugung und undurchdringlicher Freundlichkeit.
«Hauptmann der Toxotai, was führt dich auf mein bescheidenes Schiff?», fragte er mit theatralischer Höflichkeit. Ich sah mich kurz um. Einige meiner Männer standen brav am Pier und bewachten das Schiff, wie ich es ihnen befohlen hatte. Ich bat den Kapitän, mit mir in die Kajüte zu gehen.
«Was hast du auf dem Herzen?», fragte er, als wir in dem stickigen Raum standen.
«Ich möchte dir etwas zurückgeben», antwortete ich und fischte den Beutel aus meinem Waffengürtel. «Hier, das Geld gehört dir. Ich habe es für dich aufbewahrt.» Ich drückte ihm den Widderhoden in die Hand.
«Du scherzt, mein edler Freund», sagte der Kapitän und betrachtete ungläubig, was ich ihm gerade gegeben hatte.
«Nein, ich scherze nicht. Es war nicht richtig, das Geld anzunehmen. Jetzt gebe ich es dir zurück», entgegnete ich. «Und ich habe noch etwas auf dem Herzen. Ich war unfreundlich zu dir, obwohl ich dich nicht kannte. Das tut mir leid. Ich entschuldige mich.»
Das Gesicht des persischen Kapitäns bekam einen völlig anderen und neuen Ausdruck. War es zuvor mit diesem tausendfach erprobten, orientalischen Lächeln maskiert, mit der der Kapitän jedem Hafenmeister vom Hellespont bis Gibraltar begegnete, so bekam es nun und mit einem Male etwas Verletzliches, Ungeschütztes. Dann spannte sich seine Miene wieder. Er nickte und schwieg, und auch ich hatte nichts weiter zu sagen.
«Du hast einen Athener Arzt an Bord», begann ich nun mein zweites Anliegen vorzubringen, «Hippokrates. Ich muss ihn sprechen.»
«Ich nehme an, ungestört?», fragte der Kapitän. Ich bejahte.
«Dann werde ich ihn für dich rufen. Warte hier.»
Es dauerte nicht lange, bis Hippokrates' markante Gestalt in der Tür erschien. Er war in einen weiten Leinenmantel gehüllt und trug eine Ledertasche um die Schulter. In der Hand hielt er den Stab, um dessen Ende sich die beiden Schlangen wanden. Als er mich sah, blieb er abrupt stehen und ließ den Stock zornig zu Boden gleiten.
«Ach, du bist es», begrüßte er mich in unfreundlichem Ton. «Ich habe mich schon gewundert, welchen hohen Besuch ich im Moment meiner Abreise noch bekommen würde. Du willst dich wohl persönlich davon überzeugen, dass ich die Stadt verlasse? Keine Sorge, ich bin auf dem Weg!»
Kaum hatte er dies gesagt, machte Hippokrates auf dem Absatz kehrt und ließ mich stehen. Ich eilte ihm hinterher und hielt ihn an der Schulter fest.
«Halt, warte, Hippokrates, du musst mir glauben: Ich habe nichts mit deiner Verbannung zu tun, ich schwöre es!», beteuerte ich. Er zögerte und drehte sich zu mir. Er hatte die Kajüte verlassen, und das Licht fiel ihm nun ins Gesicht. Er war müde. Die Falten zwischen Nase und Wangen wirkten tiefer und dunkler als noch vor Tagen.
«Was willst du?», fragte er.
Ich bat ihn in die Kajüte zurück. Hier waren wir allein.
«Also?», fragte er.
«Ich möchte», begann ich zögernd, «dass du mir noch einmal sagst, woran Periander gestorben ist. Sag mir, was du in Athen nicht offen aussprechen sollst.»
Hippokrates lachte auf.
«Aber das weißt du ebenso gut wie ich», antwortete er. «Du warst bei der Leichenschau dabei, wenn ich mich nicht täusche und du keinen Zwilling hast. Was fragst du also?»
«Ich muss es einfach noch einmal von dir hören», antwortete ich. «Ich möchte wissen, ob der Papyrus, den du aus Perianders Mund gezogen hast, vielleicht einfach nur ein Knebel gewesen sein könnte, an dem er unglücklich erstickt ist ...»
Hippokrates blieb einen Augenblick still, schloss die Augen und wiegte den Kopf.
«Ach, so wollen sie es also darstellen ... Und deswegen müssen sie mich loswerden», sagte er wie zu sich selbst - eine Art zu sprechen, wie sie mir schon bei unserer ersten Begegnung aufgefallen war.
«Hör zu, Toxotes» richtete er Wort und Blick wieder an mich und unterstrich alles, was er nun sagte, mit eindrucksvollen Gesten, «erinnerst du dich an das Instrument, das ich benutzt habe, um den Papyrus aus dem Rachen des Toten zu lösen? Das war meine große Pinzette, ein sehr wichtiges Gerät in meinem Beruf. Diese Pinzette misst zwei Handbreit.» Er zeigte mir die Länge mit seinen Zeigefingern. «Ich musste sie vollständig in den Rachen unserer Leiche einführen, um den Papyrus greifen zu können.» Er zeigte mit dem Finger in seinen Mund. «Das heißt, ich war um etwas mehr als zwei Handbreit in der Kehle der Leiche. Kannst du mir folgen? Gut. Der Papyrus steckte ganz tief im Rachen unseres armen Opfers, hinter dem Punkt, wo Luftröhre und Speiseröhre sich teilen.»
Er deutete auf seinen Kehlkopf, damit mir möglichst klar war, wovon er sprach. Ich nickte. Er fuhr fort.
«Es ist ausgeschlossen, dass er den Papyrus bis dorthin verschluckt haben könnte. Weißt du, warum?» Ich verneinte pflichtschuldig.
«Ganz einfach: Der Mensch kann mit der Luftröhre nicht schlucken! Man hat ihn also nicht nur geknebelt, mein Freund, sondern ihm ein fast faustgroßes», er zeigte die Faust, «zusammengeknülltes Blatt in den Mund gesteckt, es tief in seinen Hals gedrückt und ihn damit erstickt.» Er legte seine Fäuste übereinander und drehte sie in die jeweils entgegengesetzte Richtung: so wie man einem Huhn den Hals umdrehen würde. Hippokrates nickte und presste die Lippen trotzig aneinander.
«Und du bist ganz sicher?»
«Ganz sicher», entgegnete der Arzt, «und selbst wenn ich es nicht wäre! Überlege einfach nur, wieso ich Athen verlassen muss. Dann erschließt sich dir die Antwort ganz von selbst!»
Ich hörte ein Klopfen an der Kajütenwand. Der Kapitän stand in der Tür. Er räusperte sich.
«Entschuldige Hauptmann, wenn ich störe», sagte er, «es ist Zeit. Wir müssen ablegen. Sonst kommt die Flut und hält uns im Hafen. Wir wollen abstoßen.»
Ich nickte und sah Hippokrates in die Augen.
«Es tut mir leid, dass du gehen musst», sagte ich zum Abschied, «sehr leid. Aber ich habe heute deinen Schüler Chilon kennengelernt. Wenn du möchtest, dann lass ihn wissen, wo du zu finden und zu erreichen bist. Ich könnte dir eine Nachricht zukommen lassen, sobald du zurückkommen kannst. Wenn du möchtest.»
Der Arzt nickte, aber er blieb stumm. Ich wusste, was er dachte. Er hatte keinen Grund, mir zu trauen. Vielleicht war ich nur hier, um zu prüfen, ob er nicht vielleicht jetzt schon so klug war, einfach zu lügen, wenn man ihn nach Perianders Tod fragte. Wenn das so wäre, hätte er diese Prüfung alles andere als bestanden. Das brachte ihn in zusätzliche Gefahr, und er wusste das.