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In Zeiten des abnehmenden Lichts

Электронная книга - «In Zeiten des abnehmenden Lichts». Краткое содержание книги:

Von den Jahren des Exils bis ins Wendejahr '89 und darüber hinaus reicht diese wechselvolle Geschichte einer deutschen Familie. Sie führt von Mexiko über Sibirien bis in die neu gegründete DDR, führt über die Gipfel und durch die Abgründe des 20. Jahrhunderts. So entsteht ein weites Panorama, ein großer Deutschlandroman, der, ungeheuer menschlich und komisch, Geschichte als Familiengeschichte erlebbar macht.
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Nun war er wieder in Moskau gewesen. Und obwohl ihm die Stadt noch nie so dreckig, so roh, so anstrengend erschienen war wie bei diesem Besuch — die langen Wege, die Betrunkenen, die allgegenwärtigen «Diensthabenden» mit ihren griesgrämigen Gesichtern, sogar die berühmte Metro, auf die er immer ein bisschen stolz gewesen war, weil er als junger Mann bei Subbotniks an ihrem Bau teilgenommen hatte, alles war ihm auf die Nerven gegangen: die Enge, der Lärm, das guillotineartige Zuschnappen der automatischen Türen (und wieso eigentlich lag diese verdammte Metro fast hundert Meter unter der Erde, und wieso, noch erstaunlicher, hatte er sich das damals nicht gefragt); auf dem Roten Platz war ihm der Fotoapparat aus der Hand gefallen, und auf dem Nowodewitschi-Friedhof, dem er aus Pflichtgefühl einen Besuch abstattete, weil er einmal mit Irina dort gewesen war, um sich vor den Gräbern Tschechows und Majakowskis zu verneigen, hatte ihn ein kalter Regen erwischt, ein Aprilregen, wie es ihn nur in Moskau gab, imstande, einen Menschen zu töten — obwohl das alles unangenehm und abstoßend gewesen war, konnte er nicht leugnen, Genugtuung empfunden zu haben über die Hochachtung, die man ihm nun, nach zehn Jahren, plötzlich in diesem Land entgegenbrachte: dem Exsträfling, dem «Auf ewig Verbannten».

Das letzte Mal hatte er sein Hotelzimmer noch mit einem rumänischen Kollegen teilen müssen. Dieses Mal hatte man ihn sogar vom Flughafen abgeholt, er hatte ein Doppelzimmer im Hotel Peking für sich allein bekommen, wenngleich, idiotischerweise, ohne Bad (typisch für die pompösen Hotels aus der Stalinzeit). Der berühmte Jerusalimski hatte sich begeistert gezeigt über sein neues Buch, hatte ihn überall als den Experten auf seinem Gebiet vorgestellt und am Ende sogar persönlich eine Stadtrundfahrt mit ihm unternommen, und Kurt hatte eine diebische Freude dabei empfunden, sich nicht anmerken zu lassen, wie gut er das alles kannte: die Manjeshnaja, das Hotel Metropol und ach, sieh mal an, die Lubjanka …

Nur auf das Techtelmechtel mit der Doktorandin hätte er lieber verzichten sollen, dachte Kurt, während sich der Trabbi mit einem melodischen Säuseln durch eine unscheinbare Ortschaft schlängelte (da Kurt gewöhnlich mit der Bahn fuhr, konnte er die Orte auf der Südumfahrung Berlins immer noch nicht voneinander unterscheiden). Das war dumm, dachte er, solche Dinge im Kreis der Kollegen. Obendrein war die Frau noch nicht einmal sonderlich attraktiv gewesen, sogar — im Vergleich zu Irina — beschämend unattraktiv, aber mit diesem bestimmten Blick, diesem Augenaufschlag, da war er erledigt; es ging einfach nicht anders. Kurt fragte sich nicht zum ersten Mal, ob seine Schwäche in Bezug auf Frauen eher — wozu er als Marxist neigte — aus den Verhältnissen zu erklären sei (nämlich aus der Tatsache, dass er den größten Teil seiner Jugend im Lager verbracht hatte) oder ob sie angeboren war, ob er sie tatsächlich von seinem Vater, den Charlotte als unglaublichen Schwerenöter darstellte, geerbt hatte.

— Nun erzähl mal, forderte Irina ihn auf. Wie war es?

— Anstrengend, sagte Kurt.

Und das entsprach ja der Wahrheit.

Und es entsprach auch der Wahrheit, dass er täglich im Archiv gewesen war. Und dass er auf dem Symposium einen unplanmäßigen Vortrag hatte halten müssen. Dass der Verlag ihm einen Vorschuss gezahlt und dass die Zeitschriftenredaktion ihn um einen Artikel gebeten hatte. Dass Jerusalimski ihn zum Essen eingeladen und mit ihm eine Stadtrundfahrt gemacht hatte — das alles entsprach der Wahrheit, und fast begann ihm, während er erzählte, selbst einzuleuchten, dass zwischen alledem für ein Techtelmechtel gar keine Zeit gewesen war.

Auch dass er Sehnsucht gehabt hatte, entsprach der Wahrheit. Und dass er einsam gewesen war zwischen all den wohlgesinnten Menschen, von denen er keinen so gut kannte, dass er es gewagt hätte, die Fragen, die ihn beunruhigten, auch nur anzutippen — zum Beispiel die Frage, inwieweit, nach Ansicht seiner Kollegen, eine Re-Stalinisierung der Sowjetunion drohte, nachdem der tölpelhafte, aber doch irgendwie sympathische Reformer Nikita Chruschtschow (ohne den er, Kurt, noch immer als «Ewig Verbannter» hinterm Ural säße) als Parteichef abgelöst worden war.

— Und ich war auf dem Nowodewitschi, sagte er.

Und Irina sagte:

— Machst du mir eine Zigarette an?

Genau genommen sagte sie: Maachst du mir Sigarjete? Und Kurt sagte:

— Ich maache dir Sigarjete.

Er zündete zwei Zigaretten an, eine für Irina, eine für sich. Sog den Rauch ein und spürte jetzt tatsächlich die Erschöpfung, die er in seiner Erzählung über das anstrengende Moskau beschworen hatte. Es fröstelte ihn sogar. Er betrachtete seine beschämend attraktive Frau und dachte, schon jetzt ein wenig erregt, an den Abend, der ihm bevorstand.

Sascha hatte es vorgezogen, zu Hause zu bleiben. Früher hätte er keine Gelegenheit ausgelassen, zum Flughafen mitzufahren, aber die Phase, wo er Flugzeugkonstrukteur werden wollte, war vorbei. Stattdessen nahm er jetzt mit dem Tonbandgerät neumodische Musik im RIAS auf und trieb sich bis in die Dämmerung mit zweifelhaften Freunden herum, darunter ein frühreifes Mädchen aus der Parallelklasse, das aus halb asozialen Verhältnissen stammte und jetzt schon, mit zwölf, einen ansehnlichen Busen unter dem schmuddelig blauen Pullover trug.

Entsprechend verhalten reagierte Sascha auf das kleine Geschenk, das Kurt ihm aus Moskau mitgebracht hatte — es war Juri Gagarins «Moja doroga w kosmos» — Mein Weg in den Kosmos.

— Danke schön, leierte er, ohne das Buch auch nur anzusehen.

Er würde sich mehr um den Jungen kümmern, beschloss Kurt. Sein Russisch wurde immer stockender. Auch seine Leistungen in der Schule ließen zu wünschen übrig. Kürzlich hatte er eine Drei mit nach Hause gebracht: eine Drei! Kurt erinnerte sich nicht, überhaupt je eine Drei bekommen zu haben. Eine Drei, fand Kurt, fiel schon in den Bereich des Unanständigen.

Nach einem Geschenk für Irina hatte er in Moskau vergeblich gesucht. Was konnte man ihr mitbringen? Gegen jede Art russischer Folklore war sie geradezu allergisch, und auch sonst, hatte Kurt festgestellt, gab es im Land der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution eigentlich nur Mist, und so hatte er im letzten Moment eine Flasche «Sowjetskoje Schampanskoje» gekauft, die er, als Sascha im Bett war, unter ausschweifenden Entschuldigungen auspackte. Dann nahm er ein heißes Bad, Irina entkorkte den Schampanskoje und offenbarte ihm, nachdem sie sich einen winzigen Rausch angetrunken hatten, die Überraschung: Das Schlafzimmer war fertig. Er hatte es schon geahnt, und doch staunte er, fühlte sich — ein weiteres Mal — vor Irina schuldig. Rätselhaft war das: Fünf Jahre lang war er überzeugt gewesen, dass Irina mit ihrem Umbau übertrieb; fünf Jahre lang hatte er versucht, den Umbau auf das Notwendige zu reduzieren, und wenn er ganz ehrlich war: Am liebsten hätte er einfach mal alles ordentlich angestrichen, und fertig. Ja, er hatte es eilig! Die Zeit verrann, sein spät in Gang gekommenes Leben. Er hatte nachts Panikattacken bekommen. Es hatte ihm Angst gemacht, wenn Irina einfach irgendwelche Wände einreißen ließ, wenn er die Rohre und Leitungen sah, die da heraushingen, dieses ganze Zeug, das ja irgendwie wieder in die Wände hineinmusste. Er hatte, auch das war vorgekommen, türenknallend das Haus verlassen, sooft er mitbekam, dass Irina Unsummen ausgab, weil es unbedingt diese Tür, dieses Holz, dieses Rot sein musste, aber am Ende, das musste er zugeben, hatte Irina doch irgendwie recht behalten, auch wenn sie, und das war das Rätselhafte, im Einzelnen immer unrecht gehabt hatte.

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