Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Pack an!« flüsterte Gerassim dem Hausdiener zu.
Sie faßten Makar Alexejewitsch an den Armen und schleppten ihn zur Tür.
Das wirre Geräusch dieses Streites und die fast erstickenden Laute der trunkenen, heiseren Stimme des Irren erfüllten den Flur.
Plötzlich ertönte ein neuer, durchdringender Schrei von der Treppe her, der Schrei einer Frauenstimme, und die Köchin kam in den Korridor gelaufen.
»Sie sind da! All ihr Heiligen! … Großer Gott, sie sind da! Vier Mann zu Pferde!« schrie sie.
Gerassim und der Hausdiener ließen Makar Alexejewitsch los. Im Korridor wurde es plötzlich still, und deutlich hörte man das Pochen mehrerer Hände an der Eingangstür.
28
Pierre, der den Entschluß gefaßt hatte, vor Ausführung seiner Tat weder seinen Namen noch seine Kenntnis der französischen Sprache zu verraten, stand in der halbgeöffneten Korridortür in der Absicht, sich sogleich zurückzuziehen, sobald die Franzosen hereinkommen würden. Aber die Franzosen traten ein, und Pierre ging doch nicht von der Tür weg: eine unbezwingliche Neugier hielt ihn zurück.
Es waren ihrer zwei: der eine ein Offizier, ein großer, stattlicher, hübscher Mann, der andere offenbar ein Soldat oder Bursche, ein untersetzter, hagerer, sonnengebräunter Mensch mit eingefallenen Backen und stumpfsinnigem Gesichtsausdruck. Der Offizier lahmte etwas und ging, auf einen Stock gestützt, voran. Er kam ein paar Schritte näher, blieb dann, als wäre er zu der Überzeugung gekommen, daß dieses Quartier gut sei, wieder stehen, wandte sich nach dem an der Tür wartenden Soldaten um und schrie ihm mit lauter Befehlshaberstimme zu, er solle die Pferde in den Hof führen. Nachdem so das Dienstliche erledigt war, strich sich der Offizier mit heldenhafter Gebärde, den Ellbogen hoch aufhebend, über den Bart und legte die Hand an die Mütze.
»Guten Tag, Herrschaften«, sagte er heiter lächelnd und sah sich rings um.
Niemand antwortete.
»Sie sind der Hausherr?« wandte er sich an Gerassim.
Gerassim sah den Offizier erschrocken und fragend an.
»Quartier, quartier, logement«, sagte der Offizier und besah sich mit herablassendem, gutmütigem Lächeln den kleinen Mann von oben bis unten. »Die Franzosen sind gute Jungen. Que diable! Voyons! Wir werden schon miteinander auskommen, mon vieux«, sagte er, trat näher und klopfte dem erschrockenen, stummen Gerassim auf die Schulter.
»A ça! Dites donc, spricht denn niemand französisch in dieser Bude hier?« fuhr er dann fort, sah sich rings um und begegnete Pierres Blicken. Dieser trat von der Tür zurück.
Wieder wandte sich der Offizier an Gerassim. Er verlangte, dieser solle ihm die Zimmer im Hause zeigen.
»Der Herr nicht zu Hause … verstehe nicht … ich Ihr …« sagte Gerassim, in dem Bemühen, seine Worte dadurch verständlicher zu machen, daß er sie anders aussprach und verdrehte.
Der französische Offizier öffnete lächelnd die Hände vor Gerassims Nase zum Zeichen, daß auch er ihn nicht verstand, und schritt hinkend auf die Tür zu, in der Pierre stand. Pierre wollte weggehen, um sich vor ihm zu verbergen, erblickte aber im selben Augenblick Makar Alexejewitsch, der sich, die Pistole in der Hand, aus der halboffenen Küchentür bog. Mit der allen Irren eignen Durchtriebenheit betrachtete Makar Alexejewitsch den Franzosen, hob die Pistole hoch und zielte.
»Zum Angriff vor!« schrie der Betrunkene und fingerte nach dem Hahn der Pistole.
Der französische Offizier drehte sich bei diesem Aufschrei um. Gleichzeitig stürzte Pierre auf den Betrunkenen los, und im selben Augenblick, als es ihm noch gelang, die Pistole zu ergreifen und nach oben zu richten, hatte Makar Alexejewitschs Finger gerade den Hahn gefunden: ein betäubender, alles in Pulverdampf hüllender Schuß ertönte. Der Franzose erbleichte und stürzte zur Tür zurück.
Pierre entriß dem Irren die Pistole und warf sie beiseite, eilte auf den Offizier zu und wandte sich, uneingedenk des Vorsatzes, seine Kenntnis der französischen Sprache geheimzuhalten, auf französisch an ihn.
»Sie sind doch nicht verwundet?« sagte er zu ihm.
»Ich glaube nicht«, erwiderte der Offizier und befühlte sich. »Dieses Mal bin ich noch mit heiler Haut davongekommen«, fügte er hinzu und wies auf den abgesprungenen Bewurf der Wand. »Wer ist der Mann?« fragte er, Pierre streng anblickend.
»Ach, ich bin wirklich ganz verzweifelt über das, was geschehen ist«, sagte Pierre hastig und vergaß seine Rolle vollends.
»Es ist ein Wahnsinniger, ein Unglücklicher, der nicht weiß, was er tut.«
Der Offizier trat auf Makar Alexejewitsch zu und faßte ihn am Kragen.
Makar Alexejewitsch machte den Mund auf, als wollte er einschlafen, schwankte und lehnte sich an die Wand.
»Brigant, das sollst du mir büßen!« sagte der Franzose und zog die Hand zurück. »Wir Franzosen sind zwar nachsichtig nach dem Sieg, aber Verrätern verzeihen wir dennoch nicht«, fügte er mit finsterer Feierlichkeit im Gesicht und einer schönen, energischen Handbewegung hinzu.
Pierre fuhr fort, den Offizier auf französisch zu überreden, diesen betrunkenen, irren Menschen nicht zur Verantwortung zu ziehen. Der Franzose hörte schweigend zu, ohne seine finstere Miene zu verändern, plötzlich aber wandte er sich mit einem Lächeln an Pierre. Ein paar Augenblicke sah er ihn schweigend an. Sein hübsches Gesicht nahm einen tragisch zärtlichen Ausdruck an, und er streckte ihm seine Hand entgegen.
»Sie haben mir das Leben gerettet. Sie sind ein Franzose«, sagte er.
Für einen Franzosen unterlag diese Schlußfolgerung keinem Zweifel. Eine große Tat vollbringen konnte nur ein Franzose, und ihm, Monsieur Remballe, Capitaine du 13ième leger, das Leben zu retten, war zweifellos die allergrößte Tat.
Doch wie unerschütterlich auch dieser Schluß und die auf ihn gegründete Überzeugung des Offiziers sein mochte, so hielt es Pierre doch für nötig, ihm die Enttäuschung nicht vorzuenthalten.
»Ich bin Russe«, erwiderte Pierre schnell.
»Ach, ach, ach! Machen Sie das anderen weis«, sagte der Franzose lächelnd und fuhr mit dem Finger vor seiner Nase hin und her. »Jetzt gleich sollen Sie mir das erzählen«, fuhr er fort. »Ich bin entzückt, einen Landsmann zu treffen. Eh bien, was machen wir nun mit diesem Menschen da?« fuhr er fort und wandte sich an Pierre bereits wie an einen Bruder.
Gesichtsausdruck und Ton des französischen Offiziers besagten deutlich, daß Pierre diese höchste Bezeichnung auf der Welt, wenn er sie einmal erhalten habe, nicht zurückweisen könne, auch wenn er wirklich kein Franzose sei. Auf die letzte Frage erklärte ihm Pierre noch einmal, wer Makar Alexejewitsch war, und setzte ihm auseinander, daß gerade vor seiner Ankunft dieser betrunkene, wahnsinnige Mensch eine geladene Pistole fortgeschleppt habe, die ihm zu entreißen man noch nicht Zeit gefunden habe, und bat ihn, diesen Fehler ohne Strafe hingehen zu lassen.
Der Franzose warf sich in die Brust und machte eine königliche Handbewegung.
»Sie haben mir das Leben gerettet. Sie sind Franzose. Sie bitten für ihn um Gnade? Ich gewähre sie ihm. Man führe diesen Mann fort«, sagte er dann schnell und energisch, faßte Pierre, den er für seine Lebensrettung zum Franzosen befördert hatte, unter den Arm und ging mit ihm ins Zimmer.
Die Soldaten, die im Hof gewesen waren und den Schuß gehört hatten, kamen in den Hausflur gelaufen, fragten, was geschehen sei, und bekundeten ihre Bereitschaft, den Schuldigen zu bestrafen, aber der Offizier hielt sie streng zurück.
»Ich werde euch rufen lassen, wenn ich euch brauche«, sagte er.
Die Soldaten gingen hinaus. Da trat der Bursche, der inzwischen die Küche inspiziert hatte, auf seinen Offizier zu.
»Herr Hauptmann, es gibt Suppe und Hammelbraten in der Küche«, sagte er. »Soll ich davon hereinbringen?«
»Ja, und auch Wein«, erwiderte der Hauptmann.
29
Als der französische Offizier mit Pierre zusammen ins Zimmer gegangen war, hielt es Pierre für seine Pflicht, dem Hauptmann noch einmal zu versichern, daß er kein Franzose sei, und wollte sich zurückziehen, aber davon wollte der französische Offizier nichts wissen. Er war so höflich, liebenswürdig, gutmütig und aufrichtig dankbar für die Lebensrettung, daß Pierre es nicht übers Herz bringen konnte, es ihm abzuschlagen, und so nahm er mit ihm zusammen im ersten Zimmer, in das sie eingetreten waren, Platz. Auf Pierres Versicherung, daß er kein Franzose sei, zuckte der Hauptmann die Achseln und sagte, obwohl er offenbar nicht begriff, wie man von einer so schmeichelhaften Bezeichnung freiwillig zurücktreten könne, daß, wenn Pierre eben unbedingt für einen Russen gelten wolle, die Sache in Gottes Namen abgetan sein solle, er aber bleibe ihm trotz alledem durch das Gefühl der Dankbarkeit für die Lebensrettung auf ewig verbunden.