Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Als ihn Gerassim aus seiner Gedankenversunkenheit aufgeschreckt hatte, war Pierre der Gedanke gekommen, an der, wie er wußte, beabsichtigten Volksverteidigung Moskaus teilzunehmen. Zu diesem Zweck hatte er Gerassim gebeten, ihm einen Kaftan und eine Pistole zu verschaffen, und ihm erklärt, daß er im Hause Osip Alexejewitchs zu bleiben und seinen Namen geheimzuhalten beabsichtige. Im Lauf des ersten einsam und müßig verbrachten Tages – Pierre hatte mehrmals vergeblich versucht, seine Aufmerksamkeit auf die Freimaurerschriften zu lenken – war dann wiederholt der ihm schon früher gekommene Gedanke über die kabbalistische Bedeutung seines Namens in Verbindung mit dem Namen Bonapartes trübe vor seiner Seele aufgetaucht. Aber dieser Gedanke, daß er, l’Russe Besuhof, dazu vorausbestimmt sei, der Macht »des Tieres« eine Grenze zu setzen, erschien ihm jetzt nur wie eine jener Träumereien, die einem grundlos und spurlos über die Seele hinziehen.
Als sich Pierre den Kaftan gekauft hatte, um an der Volksverteidigung Moskaus teilzunehmen, als er den Rostows begegnet war und Natascha zu ihm gesagt hatte: »Sie bleiben in Moskau? Ach, wie schön das ist!«, war ihm der Gedanke durch den Kopf geschossen, daß es, auch wenn die Stadt genommen würde, tatsächlich schön wäre, hier zu bleiben und das zu vollbringen, wozu er sich bestimmt glaubte.
Am folgenden Tag ging er, nur von dem einen Gedanken beseelt, sich nicht zu schonen und nicht hinter »ihnen« zurückzubleiben, aus dem Drei-Berge-Tor hinaus. Aber als er dann mit der Überzeugung nach Hause zurückkehrte, daß Moskau nicht verteidigt werde, fühlte er plötzlich, daß alles, was ihm früher nur möglich schien, für ihn jetzt unvermeidlich und unumgänglich geworden war. Er mußte seinen Namen geheimhalten, mußte in Moskau bleiben, mußte mit Napoleon zusammentreffen und ihn töten, um entweder zugrunde zu gehen oder dem Unglück ganz Europas ein Ende zu machen, das seiner Ansicht nach allein in Napoleon seinen Ursprung hatte.
Pierre kannte alle Einzelheiten des Attentates, das ein deutscher Student im Jahre 1809[201] in Wien auf Napoleon ausgeführt hatte, und wußte auch, daß dieser Student erschossen worden war. Doch diese Gefahr, der er sein Leben bei Ausführung seiner Absicht aussetzte, trieb ihn nur noch mehr dazu an.
Zwei gleich starke Gefühle zogen Pierre unwiderruflich zu dieser seiner Absicht hin. Das erste war das Gefühl, im Bewußtsein des allgemeinen Unglücks unbedingt ein Opfer bringen und mitleiden zu müssen, was auch die Ursache gewesen war, warum er sich nach Moshaisk und bis in den Pulverdampf der Schlacht begeben hatte, aus seinem Haus geflohen war, statt der gewohnten Üppigkeit und Lebensbequemlichkeiten unausgekleidet auf einem harten Sofa schlief und dasselbe aß, was Gerassim für sich kochte. Das andere Gefühl war jene schwer zu bestimmende, ausschließlich russische Empfindung der Verachtung gegen alles Konventionelle und Künstliche, gegen das, was die meisten Menschen für das größte Erdenglück halten. Dieses sonderbare, bestrickende Gefühl hatte Pierre zum erstenmal im Slobodskijpalast empfunden, als ihm plötzlich die Erkenntnis gekommen war, daß Reichtum, Macht und Leben und alles, was die Menschen mit solcher Mühe aufbauen und festhalten, nur insofern Wert hat – wenn von einem solchen überhaupt zu reden ist –, als man es als Wonne empfindet, wenn man dies alles einmal von sich werfen kann.
Es ist dies das Gefühl, aus dem der freiwillige Rekrut seine letzte Kopeke vertrinkt, der Betrunkene ohne augenscheinliche Ursache Spiegel und Fensterscheiben einschlägt, obwohl er weiß, daß ihn dieser Spaß sein letztes Geld kosten wird, jenes Gefühl, aus dem ein Mensch Taten vollbringt, die gewöhnlich für sinnlos gelten, als wolle er seine persönliche Macht und Kraft versuchen und gleichzeitig vom Vorhandensein eines höheren, außerhalb aller menschlichen Lebensverhältnisse stehenden Gerichtes über Leben und Tod Zeugnis ablegen.
Von dem Tag an, als Pierre im Slobodskijpalast zum erstenmal dieses Gefühl empfunden hatte, war er ununterbrochen unter dessen Einfluß gewesen, aber erst jetzt gewährte es ihm volle Befriedigung. Außerdem bestätigte ihn alles, was er auf diesem Weg nun schon unternommen hatte, in diesem Augenblick nur noch mehr in seiner Absicht und raubte ihm die Möglichkeit, wieder davon abzulassen. Sowohl seine Flucht aus dem Haus wie auch der Kaftan, die Pistole und seine Erklärung den Rostows gegenüber, daß er in Moskau bleiben werde – dies alles hätte nicht nur keinen Sinn gehabt, sondern wäre sogar töricht und lächerlich gewesen, wofür Pierre besonders empfindlich war, wenn er nach alledem nun noch ebenso wie die anderen aus Moskau weggefahren wäre.
Pierres körperlicher Zustand entsprach ganz seinem seelischen, wie das immer der Fall zu sein pflegt. Die ungewohnte, derbe Kost, der Branntwein, den er diese Tage über getrunken hatte, das Fehlen von Wein und Zigarren, die schmutzige Wäsche, die beiden ohne Bett, nur auf dem kurzen Sofa verbrachten, halb schlaflosen Nächte, dies alles erhielt Pierre in einem Zustand der Reizbarkeit, der an Wahnsinn grenzte.
Es war schon zwei Uhr nachmittags. Die Franzosen waren bereits in Moskau eingezogen. Pierre wußte es, aber statt zu handeln, dachte er nur an sein Vorhaben und überlegte sich die kleinsten Einzelheiten, die sich dabei ereignen könnten. Doch immer stellte er sich in seinen Träumereien nicht den eigentlichen Vorgang des Attentates oder den Tod Napoleons vor, sondern malte sich nur mit ungewöhnlicher Klarheit und schwermütiger Wollust seinen eignen Untergang und Heldenmut dabei aus.
Ja, ich allein für alle muß diese Tat vollbringen oder untergehen! dachte er. Ja, ich werde hingehen … und dann mit einem Schlag … mit der Pistole oder mit dem Dolch? überlegte er. Übrigens ist das ganz gleich. Nicht ich, sondern die Hand der Vorsehung richtet dich, werde ich sagen, legte sich Pierre die Worte zurecht, die er bei der Niederstreckung Napoleons sprechen wollte. Nun, und was weiter? Ergreift mich und führt mich auf die Richtstatt! fuhr er zu sich selber mit wehmütigem, aber fahlem Gesichtsausdruck fort und ließ den Kopf hängen.
In dem Augenblick, als Pierre, mitten im Zimmer stehend, dies alles im stillen überlegte, tat sich die Tür des Arbeitszimmers auf, und auf der Schwelle erschien die sonst immer schüchterne, jetzt aber ganz veränderte Gestalt Makar Alexejewitschs.
Sein Schlafrock war aufgerissen, sein Gesicht rot und entstellt. Er war offenbar betrunken. Als er Pierre erblickte, wurde er im ersten Augenblick verlegen, doch als er dann die Verwirrung auf Pierres Gesicht bemerkte, wurde er kühner und ging, auf seinen dünnen Beinen schwankend, bis in die Mitte des Zimmers.
»Sie haben keinen Mut mehr«, sagte er mit heiserer, vertraulicher Stimme. »Ich aber sage, ich werde mich nicht ergeben. Das sage ich … nicht wahr, mein Herr?«
Er dachte einen Augenblick nach, plötzlich aber, als er die Pistole auf dem Tisch sah, griff er jäh und hastig danach und lief auf den Korridor hinaus.
Gerassim und der Hausdiener, die hinter Makar Alexejewitsch herliefen, hielten ihn an der Treppe auf und suchten ihm die Pistole abzunehmen. Pierre trat ebenfalls auf den Korridor hinaus und betrachtete mit Widerwillen und Mitleid den halbwahnsinnigen Alten. Makar Alexejewitsch zog vor Anstrengung die Stirne kraus, hielt die Pistole fest und schrie, offenbar in dem Wahn eines feierlichen Augenblicks, mit heiserer Stimme: »Zu den Waffen! Zum Angriff vor! Du irrst, du wirst sie mir nicht nehmen!«
»Beruhigen Sie sich, bitte, beruhigen Sie sich! Seien Sie so gut, bitte, lassen Sie! Aber, gnädiger Herr, ich bitte Sie …« sagte Gerassim immer wieder und suchte vorsichtig Makar Alexejewitsch am Ellbogen nach der Tür zu ziehen.
»Wer bist du? Bonaparte?« schrie Makar Alexejewitsch.
»Das ist nicht gut, gnädiger Herr. Gehen Sie bitte ins Zimmer und ruhen Sie sich aus. Geben Sie mir doch die Pistole.«
»Hinweg, elender Sklave! Rühr mich nicht an! Siehst du nicht?« schrie Makar Alexejewitsch und schüttelte die Waffe. »Zum Angriff vor!«
201
des Attentates, das ein deutscher Student im Jahre 1809: am 12. Oktober 1809, als Napoleon in Wien eine Truppenparade abnahm, wollte sich der junge Friedrich Staps mit einer Bittschrift in der Hand an ihn herandrängen, wurde jedoch verhaftet und abgeführt. Mit dem Messer, das man bei ihm fand, hatte er Napoleon ermorden wollen, wie er aussagte. Er wurde wenige Tage später vor ein Kriegsgericht gestellt und erschossen.