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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Noch am selben Tag erließen die französischen Heerführer Befehl auf Befehl, um den Truppen streng zu verbieten, sich in der Stadt zu zerstreuen und den Einwohnern Gewalt anzutun oder zu marodieren, und noch am selben Abend sollte ein Generalappell stattfinden. Jedoch was für Maßnahmen auch getroffen wurden, die Leute, die ehemals ein Heer gebildet hatten, überfluteten dennoch die üppige, an Luxusgegenständen und Vorräten so reiche, verlassene Stadt. Wie eine hungrige Herde zusammengedrängt über ein kahles Feld zieht, aber unhaltbar auseinanderläuft, sobald sie auf eine fette Weide gerät, ebenso unhaltbar zerstreuten sich auch die Truppen über die reiche Stadt.

Einwohner gab es in Moskau nicht mehr, und die Soldaten ergossen sich vom Kreml aus, wohin sie zuerst kamen, wie unaufhaltsame Strahlen nach allen Seiten in die Stadt und verliefen sich dort wie Wasser im Sand. Kamen Kavalleristen in ein verlassenes Kaufmannshaus, wo alle Habe zurückgeblieben war, und fanden dort nicht nur Ställe für ihre Pferde, sondern auch alles übrige, so gingen sie trotzdem auch noch ins Nachbarhaus, das ihnen vielleicht noch besser schien, und nahmen auch das noch in Besitz. Viele eigneten sich mehrere Häuser an, schrieben mit Kreide daran, von wem es eingenommen worden war, und zankten und schlugen sich sogar darum mit anderen Truppenteilen. Soldaten, die noch kein Quartier gefunden hatten, liefen umher, sich die Stadt anzusehen, und als sie hörten, daß alles verlassen sei, strömten sie dorthin, wo man Kostbarkeiten umsonst ergattern konnte.

Die Offiziere gingen hin, um die Soldaten zurückzuhalten, wurden aber selber unwillkürlich mit in dieses Treiben hineingezogen. In den Wagenständen waren einige Equipagen zurückgeblieben, und dort drängten sich die Generäle zusammen, um sich Kutschen und Landauer auszusuchen. Zurückgebliebene Einwohner luden Offiziere zu sich ein in der Hoffnung, dadurch vor Raub geschützt zu sein. Reichtümer waren im Überfluß da. Es war kein Ende abzusehen. Rings um die Viertel herum, die von den Franzosen eingenommen waren, gab es noch undurchsuchte, unbesetzte Stadtteile, wo, wie die Franzosen glaubten, immer noch mehr Reichtümer zu holen waren. Und so sog Moskau die fremden Truppen immer weiter und weiter in sich ein. Wie Wasser und trockenes Land gleichzeitig verschwinden, wenn das eine das andere überflutet, so wurde in gleicher Weise dadurch, daß die hungrigen Truppen in die üppige, verlassene Stadt drangen, sowohl die Armee als auch die reiche Stadt vernichtet, und es entstand Schmutz, Feuersbrunst und Räuberei.

Die Franzosen schreiben den Brand Moskaus dem patriotisme féroce de Rastopchine zu, die Russen dem Fanatismus der Franzosen. In Wirklichkeit hat es Ursachen für den Brand Moskaus in dem Sinn, daß die Verantwortung dafür einer oder mehreren Personen zur Last zu legen sei, nicht gegeben und auch nicht geben können. Moskau brannte ab, weil es in Lebensbedingungen geraten war, bei denen jede hölzerne Stadt abbrennen muß, ganz gleich, ob hundertdreißig schlechte Feuerspritzen da sind oder nicht. Moskau mußte niederbrennen, weil seine Einwohner es verlassen hatten, mußte ebenso sicher niederbrennen wie ein Berg Holzspäne, auf den es mehrere Tage lang Feuerfunken regnet. Eine hölzerne Stadt, wo selbst bei Anwesenheit ihrer Bewohner und Hausbesitzer sowie der Polizei fast alle Tage Feuersbrünste entstehen, kann gar nicht anders als niederbrennen, wenn in ihr keine Bewohner, sondern Truppen hausen, die Pfeifen rauchen, auf dem Senatsplatz aus Senatsstühlen Lagerfeuer anzünden und zweimal am Tag Essen kochen. Schon wenn in Friedenszeiten in gewissen Gegenden Truppen in den Dörfern Quartiere beziehen, schwillt die Zahl der Feuersbrünste dort sogleich an. Um wieviel größer muß deshalb die Wahrscheinlichkeit für solche Feuersbrünste in einer verlassenen Holzstadt sein, in der sich fremde Truppen breitmachen. Le patriotisme féroce de Rastopchine und der Fanatismus der Franzosen sind beide nicht schuld daran. Moskau geriet in Brand durch die Tabakspfeifen, die Küchen, die Lagerfeuer und die Fahrlässigkeit der feindlichen Soldaten, die fremde Häuser bewohnten und nicht deren Besitzer waren. Wenn wirklich Brandstiftung stattgefunden hat, was äußerst zweifelhaft ist, weil für niemanden Grund dazu vorlag und es auf jeden Fall mühsam und gefährlich war, so darf man dennoch eine Brandstiftung nicht als Ursache gelten lassen, weil auch ohne sie dasselbe geschehen wäre.

Wie verlockend es auch für die Franzosen sein mag, Rastoptschin der Barbarei zu beschuldigen, oder für die Russen, den Bösewicht Bonaparte anzuklagen und dann die heroische Brandfackel in die Hand des eignen Volks zu drücken, so darf man doch nicht übersehen, daß der Brand eine solch unmittelbare Ursache gar nicht gehabt haben kann, denn Moskau mußte einfach niederbrennen, wie jedes Dorf, jede Fabrik, jedes Haus niederbrennen muß, wo die Bewohner fortgezogen sind und fremde Leute ihre Suppe kochen. Daß Moskau von seinen Bewohnern in Brand gesteckt worden ist, ist schon wahr, aber nicht von denen, die zurückgeblieben, sondern von denen, die fortgezogen waren. Das vom Feind besetzte Moskau blieb darum nicht heil wie Berlin, Wien und andere Städte, weil seine Bewohner den Franzosen nicht Brot und Salz und die Schlüssel entgegengebracht, sondern die Stadt verlassen hatten.

27

Die sich am 2. September strahlenförmig über Moskau verbreitenden Franzosen drangen erst am Abend bis zu dem Stadtviertel vor, in dem Besuchow jetzt wohnte.

Nach den beiden letzten einsam und ungewöhnlich verlebten Tagen befand sich Pierre in einem Zustand, der an Wahnsinn grenzte. Sein ganzes Sein wurde nur von einem Gedanken beherrscht, von dem er sich nicht wieder losmachen konnte. Er wußte selber nicht, wie und wann, aber dieser Gedanke hatte sich seiner jetzt dermaßen bemächtigt, daß er nichts von dem, was geschehen war und sich augenblicklich ereignete, verstand. Alles, was er hörte und sah, spielte sich vor ihm wie in einem Traum ab.

Pierre hatte sein Heim nur deshalb verlassen, um jenem wirren Knäuel von Lebensforderungen aus dem Weg zu gehen, die sich vor ihm aufgetürmt hatten, und die zu entwirren er in seiner jetzigen Verfassung nicht imstande war. Unter dem Vorwand, Bücher und Schriftstücke des verstorbenen Meisters auszuwählen, hatte er sich nur deshalb in Osip Alexejewitschs Wohnung begeben, um vor dem Getümmel des Lebens Ruhe zu finden. Die Erinnerung an Osip Alexejewitsch verknüpfte sich in seiner Seele mit einer ganzen Welt ewiger, ruhiger und feierlicher Gedanken, die jenem wilden Strudel, in den er sich jetzt hineingezogen fühlte, völlig zuwiderliefen. Er suchte einen stillen Hafen und hatte einen solchen im Arbeitszimmer Osip Alexejewitschs auch wirklich gefunden.

Als er sich in der Totenstille des Arbeitszimmers, den Kopf auf die Hände gestützt, an den verstaubten Schreibtisch des Verstorbenen gesetzt hatte, waren die Erinnerungen der letzten Tage ruhig und bedeutsam eine nach der anderen an seiner Seele vorübergezogen. Besonders gedachte er der Schlacht bei Borodino und jenes für ihn unüberwindbaren Bewußtseins eigner Nichtigkeit und Verlogenheit im Vergleich zu der Echtheit, Schlichtheit und Kraft jener Kategorie von Menschen, die sich unter der Bezeichnung »sie« so tief seiner Seele eingeprägt hatte.

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