Mord im Garten des Sokrates
- Автор: Berst Sascha
- Язык: немецкий
- Жанр: Исторические детективы
Электронная книга - «Mord im Garten des Sokrates». Краткое содержание книги:
«Schon gut», antwortete ich und brachte ihn zu einer Bank, die weit genug von dem Ölbaum entfernt war, so dass man das Erbrochene weder sah noch roch. Vor allem den Geruch konnte ich nur schwer ertragen. Nachdem er sich gesetzt und durchgeatmet hatte - zum Glück hatte Chilons Magen dem Wein nicht viel Zeit gegeben, in den Kopf zu steigen -, brachte ich das Gespräch wieder auf Hippokrates. Was Chilon langsam, angestrengt und immer wieder von Übelkeitsattacken unterbrochen berichtete, zeigte leider allzu deutlich Anaxos' Handschrift: Wie Chilon erzählte, war Hippokrates vor etwa einer Woche von zwei Soldaten aus dem Strategion abgeholt und zu einem Patienten gebracht worden. An sich habe Chilon ihn begleiten wollen, wie sich dies für den Schüler gehörte. Aber die Soldaten taten streng und geheimnisvoll und ließen das nicht zu. So etwas kam schon einmal vor, nicht oft, aber dann und wann, wenn irgendein reicher und mächtiger Bürger sich in eine ebenso missliche wie peinliche Situation gebracht hatte, in der er die Hilfe eines Arztes brauchte.
Die Soldaten brachten Hippokrates mit einem Zweispänner fort und später am Abend auch wieder zurück. Chilon hatte mit dem Essen auf seinen Meister gewartet. Er war gespannt zu hören, wer nach der Hilfe des Arztes gerufen hatte und warum. Normalerweise berichtete sein Lehrer ihm freimütig über jeden Patienten und jede Krankheit, aufgrund derer er konsultiert worden war. Gerade wenn es um Heimlichkeiten ging, gab es besonders viel zu lachen, denn welche Dummheiten die Menschen sich vor allem in ihrer Lust einfallen lassen, könne man sich gar nicht vorstellen. Da gab es alte Männer wiederzubeleben, die beim Liebesakt im Bordell die Besinnung verloren, Penisse zu verbinden, in die ein Tier gebissen hatte, ja, und so mancher Gegenstand, den ein feiner Herr im Spiel genutzt hatte, kam ohne die Hilfe eines Chirurgen und geschickten Arztes eben nicht mehr hinaus ... Bei solchen Gelegenheiten waren die Honorare des Arztes besonders hoch.
Diesmal aber hüllte sich der Meister in Schweigen und riet Chilon, nicht weiter zu fragen. Es sei das Beste, er wisse von der ganzen Sache nichts. Mit dieser Einschätzung lag Hippokrates auch ganz richtig, denn nur vier Tage später seien wieder zwei Soldaten erschienen, andere diesmal. Chilon war aus dem Zimmer gewiesen worden, um nicht zum Zeugen der Unterhaltung zu werden. Was zwischen den dreien gesprochen wurde, habe er sich aber auch so zusammenreimen können. Denn gleich nach dem Besuch habe Hippokrates ihm eröffnet, er müsse die Stadt verlassen. Vier Tage gab man seinem Lehrer, um seine Angelegenheiten zu regeln. Heute Morgen habe Hippokrates in aller Frühe ein Schiff bestiegen, das ihn nach Byzanz bringen wird.
Dort geht es einige Tage vor Anker. Hippokrates möchte einen berühmten Kollegen treffen, dann wird er weiterreisen bis nach Persien, wo er seine Künste mit denen der orientalischen Heiler zu vergleichen hofft.
«Wie sahen die Soldaten aus, kannst du sie beschreiben?», fragte ich Chilon, nachdem er mir dies alles geschildert hatte.
«Einer hat eine Narbe, die ihn völlig entstellt», antwortete er und beschrieb mit einer Bewegung seiner ausgestreckten Hand den Verlauf einer Verletzung, die von der Stirn bis zur Wange reicht und auf ihrem Weg durch das Gesicht die Nase spaltet. Ich wusste, von welchem Soldaten hier die Rede war, und es war nicht schwer, den Grund der Besuche zu erraten. Vor einer Woche war Hippokrates zu dem toten Periander gerufen worden; zusammen hatten wir seine Leiche untersucht. Kaum hatte ich Anaxos davon berichtet und erwähnt, was Hippokrates im Rachen des Toten gefunden hatte, musste Anaxos auch schon alles veranlasst haben, um diesen Zeugen aus der Stadt zu bekommen ... Ihm war es von Anfang an nicht darum gegangen, den Täter zu finden und die Hintergründe des Mordes ans Licht der hellenischen Sonne zu bringen. Er wollte nur irgendeinen armen Kerl, den er den Aristokraten Athens als Schuldigen vorführen konnte. Wer weiß, vielleicht wusste Anaxos längst, wer der Täter war, vielleicht steckte er selbst hinter dem Mord oder sein Herr, Alkibiades. Wer kannte schon die Pläne dieser Männer?
«Wann wird das Schiff auslaufen?», fragte ich Chilon.
«Das weiß ich nicht genau», antwortete er und hielt sich die Stirn. Er bekam wohl Kopfschmerzen, wirkte aber allmählich wieder nüchterner. «Als ich Hippokrates heute Morgen an Bord brachte, wartete der Kapitän noch auf eine Gruppe von Passagieren. Er entschuldige sich bei uns und sagte, man habe ihm ausrichten lassen, die Herrschaften hätten noch wichtige Geschäfte zu erledigen. Sie wollten aber spätestens am Nachmittag an Bord kommen. Ich habe mich noch gefragt, was das wohl für Geschäfte sein können - eigentlich haben persische Kaufleute bei uns ja nichts zu suchen.»
«Persische Kaufleute?», wiederholte ich. «Was ist das für ein Schiff, auf dem Hippokrates reisen will?»
«Oh, habe ich das nicht gesagt?», gab Chilon erstaunt zurück. «Es ist dieser persische Frachter, der seit einer Woche im Kantharos liegt.»
Es gibt Augenblicke im Leben, da weiß man genau, was man nun tun soll und was nicht. Man fragt sich nicht, ob das, was man nun vorhat, vernünftig ist. Man steht auf und gehorcht einer inneren Stimme. So einen Moment erlebte ich. Ich wollte, ich musste Hippokrates sehen, und ich wollte, ich musste noch einmal mit dem persischen Kapitän sprechen, dessen Beutel voller Silber mich bei jedem Schritt, den ich ging, störte, und den ich bei mir trug, ohne ihn anzurühren. Ich ging zu Ariadne hinüber und band sie los. Sie schnaubte zu meiner Begrüßung. Schon saß ich auf ihrem kräftigen Rücken. Der Duft des Tieres stieg mir in die Nase. Ich sah nach Chilon. Er hatte sich aufgerafft und war mir ein paar Schritte gefolgt.
«Was wirst du jetzt tun, ohne Hippokrates? Suchst du dir einen anderen Lehrer?», fragte ich den Jungen von meinem Ross herab. Ariadne ging einige Schritte nach hinten und wandte sich von der Terrasse des Asklepieions dem freien Weg zu. Chilon schüttelte den Kopf.
«Nein, keinen anderen Lehrer. Hippokrates hat mich gestern freigesprochen. Ich bin Arzt. Ich werde mir Patienten suchen und hoffen, dass sie meine Behandlung überleben», antwortete er, von der eigenen Kunstfertigkeit offenbar noch nicht ganz überzeugt.
Der Einfall kam mir unmittelbar: «Den ersten Patienten hätte ich schon für dich. Komm heute bei Sonnenuntergang zur Kaserne der Toxotai und frage nach mir. Sage niemandem, wer oder was du bist. Du wirst jemanden zu verarzten haben.»
Chilon nickte dienstfertig und eingeschüchtert. «Und nach wem soll ich fragen? Ich meine, wie heißt du?», rief er mir nach.
«Nikomachos», antwortete ich. Dann trieb ich meine Fersen in Ariadne Flanken, und sie sprengte los wie ein von der Kette gelassener Jagdhund. Piräus, Kantharos, das war unser Ziel.
Ich verließ die Stadt durch das Henker-Tor. Um keine Zeit zu verlieren, wählte ich heute den Weg zwischen den Langen Mauern. Sobald wir das Tor hinter uns gelassen hatten, erschloss sich das gesamte Tal bis zum Saronischen Golf meinem Blick. Tiefblau leuchtete das Meer, still, ruhig und gewaltig ruhte es zwischen den Bergen. Von hier oben aus öffneten sich die Mauern und führten bis zu den Häfen herunter. Wenn Sparta das umliegende Land überfiel und zu verwüsten suchte, was während des nun schon Jahrzehnte dauernden Krieges beinahe jeden Frühling geschah, hatte ganz Attika in dieser Festung Platz und litt doch nicht Hunger. Denn was an Nahrung hier nicht wuchs, verschafften wir uns über die Häfen. Sie blieben unser Zugang zu Korn und Öl - für immer, wie wir glaubten.
Ich lockerte die Zügel und ließ Ariadne sich ihren Weg den Berg hinab selbst suchen. Kaktusfeigen, Krüppelkiefern und Steineichen säumten den felsigen Pfad. Ein paar Vögel pfiffen von den Bäumen. Eidechsen flohen aufgeschreckt vor uns und versteckten sich unter den Steinen. Der wilde Duft von Rosmarin und Thymian würzte die Luft. Kein Windhauch ließ die Blätter zittern. Unbarmherzig gleißend stand die Sonne am wolkenlosen Himmel Attikas. Mit der Sicherheit des Tieres setzte Ariadne Schritt um Schritt und Tritt um Tritt. Kein Kiesel sprang von ihren Hufen auf, keinen Augenblick geriet sie ins Rutschen. Dabei war der Weg steil und trocken genug. Aber sie wusste ihn zu gehen. Das war ihre Natur. Ich hielt mich an ihrer honigfarbenen Mähne fest und versuchte mein Gewicht so einzupendeln, dass sie die kleinste Last damit hatte. Als wir den Bergfuß erreichten und das Gelände wegsamer wurde, schnalzte ich mit der Zunge, und Ariadne schnellte davon. Im Galopp brachte sie mich nach Piräus, das geschäftig war und stank wie vor Tagen, und im Trab führte sie mich zum lärmenden Kantharos hin.