Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Sieh mal!« erwiderte Ignaz, der darüber staunte, wie sein Gesicht im Spiegel immer mehr und mehr zu lachen anfing.
»So eine freche Gesellschaft! Wahrhaftig!« ertönte hinter ihnen die Stimme Mawra Kusminitschnas, die leise eingetreten war. »Steht so ein dickfratziger Kerl da und fletscht die Zähne! Bei so was muß man euch also erwischen! Unten ist noch nichts weggeräumt, Wassiljewitsch kann kaum noch auf den Beinen stehen. Na, wartet nur!«
Ignaz zog den Gürtel herunter, hörte auf zu lächeln, senkte gehorsam die Augen und ging aus dem Zimmer.
»Tantchen, ich spiele nur ganz leise«, sagte der Bursche.
»Ich werde dir helfen mit ›nur ganz leise‹, du Taugenichts!« rief Mawra Kusminitschna und hob die Hand gegen ihn auf. »Geh und stelle für den Großvater den Samowar bereit.«
Mawra Kusminitschna wischte den Staub ab, machte das Klavier zu, ging tief aufseufzend aus dem Salon und schloß die Tür hinter sich ab.
Während sie über den Hof schritt, überlegte sie sich, wohin sie jetzt gehen sollte: sollte sie mit Wassiljewitsch im Flügel Tee trinken oder in der Vorratskammer das wegräumen, was dort noch herumstand?
Da hörte man auf der stillen Straße eilige Schritte hallen. Diese Schritte machten am Pförtchen halt, und die Klinke klappte unter einer Hand, die das Tor zu öffnen suchte.
Mawra Kusminitschna ging auf das Pförtchen zu.
»Zu wem möchten Sie?«
»Zum Grafen, zum Grafen Ilja Andrejewitsch Rostow.«
»Wer sind Sie?«
»Ich bin Offizier. Ich muß ihn unbedingt sehen«, erwiderte der Fremde mit der angenehmen Stimme eines vornehmen Russen.
Mawra Kusminitschna öffnete das Pförtchen. Auf den Hof trat ein etwa achtzehnjähriger Offizier mit rundem Gesicht, der mit dem Familientypus der Rostows eine gewisse Ähnlichkeit hatte.
»Sie sind abgereist, mein Herr. Gestern abend sind sie weggefahren«, sagte Mawra Kusminitschna freundlich.
Der junge Mann, der unschlüssig am Pförtchen stand und nicht wußte, ob er eintreten sollte oder nicht, schnalzte mit der Zunge.
»Ach, wie ärgerlich!« murmelte er. »Hätte ich nur gestern … Ach, wie schade!«
Inzwischen hatte Mawra Kusminitschna aufmerksam und teilnehmend die ihr bekannten Rostowschen Züge im Gesicht des jungen Mannes sowie seinen abgetragenen Mantel und die schiefgetretenen Stiefel, die er trug, gemustert.
»Warum möchten Sie denn den Grafen so gern sprechen?« fragte sie.
»Je nun … da ist eben nichts zu machen«, murmelte der Offizier und nahm die Klinke in die Hand, als wollte er wieder fortgehen.
Doch dann blieb er wieder unschlüssig stehen.
»Sehen Sie«, sagte er plötzlich, »ich bin ein Verwandter des Grafen, und er war immer sehr gut gegen mich. Nun sehen Sie mich einmal an« – er wies mit gutmütig heiterem Lächeln auf seinen Mantel und seine Stiefel –, »ich bin ganz abgerissen und habe kein Geld mehr. Drum wollte ich den Grafen bitten …«
Mawra Kusminitschna ließ ihn nicht aussprechen.
»Wenn Sie sich ein Augenblickchen gedulden wollten, lieber Herr. Nur ein einziges Augenblickchen«, sagte sie.
Und kaum hatte der Offizier die Klinke des Pförtchens wieder aus der Hand gelassen, als sich Mawra Kusminitschna umwandte und mit ihren kurzen, schnellen Schritten, wie alte Frauen zu laufen pflegen, in den hinteren Hof nach ihrem Flügel ging.
Während sie auf ihr Zimmer gelaufen war, ging der Offizier, mit gesenktem Kopf seine schiefgetretenen Stiefel betrachtend, mit leisem Lächeln im Hof auf und ab. Wie schade, daß ich den Onkel nicht angetroffen habe! Eine prächtige Alte! Wo ist sie nur hingelaufen? Wie könnte ich nur erfahren, durch welche Straßen ich am nächsten wieder zu meinem Regiment komme, das jetzt wohl schon bis zur Rogoschkaja vorgerückt sein wird? dachte unterdessen der junge Offizier.
Da kam Mawra Kusminitschna mit ängstlicher, aber entschlossener Miene um die Ecke; in der Hand trug sie ein zusammengeschlagenes, kariertes Tüchelchen. Schon ein paar Schritte bevor sie den Offizier erreicht hatte, schlug sie das Tüchelchen auseinander, zog eine weiße Fünfundzwanzigrubelnote daraus hervor und steckte sie hastig dem Offizier zu.
»Wenn Seine Erlaucht zu Hause wären, selbstverständlich würden Sie dann als Verwandter … aber vielleicht … weil jetzt …«
Mawra Kusminitschna wurde verlegen und stockte. Doch der Offizier nahm ohne Zögern und ohne Hast die Note entgegen und bedankte sich bei ihr.
»Wenn der Graf zu Hause wäre …« wollte sich Mawra Kusminitschna immer wieder entschuldigen. »Christus sei mit Ihnen, lieber Herr. Gott schütze Sie«, sagte sie und geleitete ihn unter Verbeugungen hinaus.
Der Offizier lächelte und schüttelte den Kopf, als mache er sich über sich selber lustig, und eilte fast im Laufschritt durch die leeren Straßen, um sein Regiment an der Jausabrücke einzuholen.
Mawra Kusminitschna aber stand noch lange mit feuchten Augen an dem geschlossenen Pförtchen und wiegte nachdenklich den Kopf. Sie fühlte, wie plötzlich ein Gefühl mütterlicher Zärtlichkeit und Teilnahme für den ihr unbekannten kleinen Offizier ihr Herz überflutete.
23
Aus einem noch nicht ganz vollendeten Neubau in der Warwarskaja, in dem sich unten ein Ausschank befand, tönte das Schreien und Grölen Betrunkener. In der kleinen schmutzigen Stube saßen auf Bänken und an Tischen etwa ein Dutzend Fabrikarbeiter. Sie alle waren betrunken, schwitzten, hatten trübe Augen und sangen mit weit aufgerissenem Mund irgendein Lied. Mit großer Mühe und Anstrengung grölten alle durcheinander, nicht etwa aus Lust am Singen, sondern nur um zu zeigen, daß sie betrunken waren und ein flottes Leben führten.
Einer von ihnen, ein großer, blonder Bursche in sauberem, blauem Rock, stand, etwas höher als die anderen, neben ihnen. Sein Gesicht mit der feinen, geraden Nase wäre schön gewesen, wenn er nicht die schmalen, zusammengepreßten, ständig zuckenden Lippen und die finsteren, trüben, starren Augen gehabt hätte. Er stand zu Häupten derer, die sangen, und fuhr mit seinem Arm, den Ärmel bis zum Ellbogen aufgestreift und die schmutzigen Finger auf unnatürliche Weise auseinanderspreizend, feierlich und ungeschickt über ihren Köpfen hin und her, worunter er sich offenbar irgend etwas vorstellte. Sein Rockärmel fiel immer wieder herunter, aber der Bursche streifte ihn mit der linken Hand sorgsam stets wieder hoch, als sei dies von besonderer Wichtigkeit, daß dieser weiße, von Adern durchzogene, hin und her geschwenkte Arm unbedingt entblößt war. Mitten in ihrem Grölen hörte man vom Flur und von der Treppe her Geschrei, Geschimpfe und Schlägerei. Der lange Bursche winkte mit der Hand ab.
»Genug!« schrie er herrisch. »Auf zur Keilerei, Kinder!« Und immer wieder den Ärmel hochstreifend, lief er auf die Treppe hinaus.
Die Fabrikarbeiter stürzten ihm nach. Sie hatten dem Gastwirt Felle aus der Fabrik gebracht, und dafür hatte er ihnen umsonst Branntwein gegeben, und so hatten sie den ganzen Vormittag unter dem Vorsitz des langen Burschen gezecht. Nun wollten die Arbeiter aus der benachbarten Schmiede, die den Lärm in der Schenke gehört und angenommen hatten, daß die Kneipe gestürmt worden sei, mit Gewalt in das Haus eindringen. Auf der Treppe kam es zur Schlägerei.
In der Tür balgte sich der Wirt mit dem Schmied, und gerade als die Fabrikarbeiter heraustraten, rang sich der Schmied von dem Wirt los und fiel mit dem Gesicht aufs Pflaster.
Ein anderer Schmiedegeselle drängte sich in die Tür und stemmte sich mit der Brust gegen den Wirt.
Der Bursche mit dem aufgestreiften Rockärmel schlug im Vorbeigehen dem sich in die Tür drängenden Schmiedegesellen ins Gesicht und schrie wild: »Kinder, man schlägt auf die Unsrigen ein!«
In diesem Augenblick erhob sich der erste Schmied von der Erde, wischte sich mit der Hand das Blut von seinem zerschlagenen Gesicht und schrie mit weinerlicher Stimme: »Hilfe Mörder! Man schlägt einen Menschen tot. Brüder!«
»O je, o je, ihr Leute, sie haben ihn totgeschlagen! Einen Menschen haben sie totgeschlagen!« kreischte ein altes Weib, das aus dem Nachbartor getreten war.